Der Nervus suboccipitalis ist der hintere Ast des ersten Halsnervs. Er ist praktisch rein motorisch und steuert die vier kurzen Kopfgelenkmuskeln. Diese Seite beschreibt den Nerv selbst. Das Gelenk, die Bandsicherung, die Untersuchung und die Warnzeichen der Region stehen auf der Seite Segment C1.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Nerv ist nicht dasselbe wie der Spinalnerv C1. Er ist einer von dessen beiden Teilungsästen.
- Er hat kein Hautgebiet. Ein C1-Dermatom gibt es nicht. Der Hinterkopf wird von C2 und C3 versorgt.
- Er gehört nicht zum Plexus cervicalis. Das Halsnervengeflecht wird aus den vorderen Ästen gebildet, er ist der hintere.
- Er führt keine sympathischen Fasern. Der sympathische Ursprung beginnt bei Th1.
- Er hat keinen Kennmuskel und keinen Reflex. Eine isolierte Störung dieses Nervs ist klinisch kaum fassbar.
- Er erklärt subokzipitalen Schmerz nicht. Wer ihn dort sucht, übersieht die tatsächlichen Quellen – Kapitel 12 ordnet sie nach dem Leitbefund und nach den Kriterien der Kopfschmerzklassifikation.
Adressat dieser Seite
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Wie Kennzeichen, Tabellen und Absätze zu lesen sind, steht am Seitenende unter Lesart dieser Seite.
Inhalt
1. Der Nerv: Name, Verlauf, Fasern
1.1 Ein Name, zwei Bedeutungen
Der Spinalnerv C1 verlässt den Wirbelkanal zwischen Hinterhauptsbein und Atlas. Er teilt sich sofort in einen hinteren und einen vorderen Ast. [B]
Der hintere Ast heißt Nervus suboccipitalis. Er ist kräftiger als der vordere – die Ausnahme, denn an allen übrigen Segmenten überwiegt der vordere. [B]
Der Name wird in der Literatur uneinheitlich gebraucht: teils für den ganzen Nerv, teils nur für den hinteren Ast. Jenkins und Mitarbeiter haben 2021 vorgeschlagen, den ganzen Nerv „Spinalnerv C1“ zu nennen und den Namen Nervus suboccipitalis dem hinteren Ast vorzubehalten. [B]
Diese Seite folgt dem Vorschlag. Er löst die meisten Widersprüche auf, die sich in der älteren Literatur zu diesem Nerv finden. [I]
Die Quelle vieler Fehlangaben
Wer „Nervus suboccipitalis“ sagt und den ganzen Spinalnerv C1 meint, überträgt anschließend Eigenschaften des einen auf den anderen. So entstehen die Behauptungen, der Nerv gehöre zum Plexus cervicalis (das gilt nur für den vorderen Ast) und er habe gar keine sensiblen Fasern (das gilt nur für den hinteren).
1.2 Verlauf
Der Nerv tritt oberhalb des hinteren Atlasbogens und unterhalb der Arteria vertebralis aus. [B]
Er zieht in das tiefe Nackendreieck und fächert dort in Muskeläste auf. [B]
Die Arterie liegt ihm unmittelbar auf. Wegen dieser Nachbarschaft sind beide bei Eingriffen an dieser Stelle gemeinsam gefährdet. [I]
Die hinteren Äste von C1 bis C3 können sich zu einem Geflecht verbinden, das die Terminologia Anatomica als Plexus cervicalis posterior führt, ältere Literatur als Cruveilhier-Plexus. [B]
Das erklärt, warum Angaben zum Versorgungsgebiet auseinandergehen. Über ein solches Geflecht können Fasern aus C1 Muskeln erreichen, die sonst C2 zugerechnet werden. [I]
Korrektur zur Vorfassung: Austrittsweg
Die Vorfassung schrieb, der Nerv trete „durch das Foramen vertebrale des Atlas“. Das Foramen vertebrale ist die Öffnung des Wirbelkanals, kein Austrittsweg für einen peripheren Nerv.
1.3 Faserqualität – genauer als „rein motorisch“
Der hintere Ast versorgt Muskeln. Ein Hautgebiet hat er nicht. [B]
Die klassische Beschreibung nennt jedoch einen gelegentlichen Hautast, der mit der Arteria occipitalis zur Kopfhaut zieht und mit dem Nervus occipitalis major und minor in Verbindung tritt. [B]
Auf Wurzelebene ist die Lage noch anders. Tubbs und Mitarbeiter fanden 2007 an 30 Leichen bei 46,6 % der Seiten hintere Wurzelfäden; nur 28,5 % davon hatten ein Spinalganglion. Bei der Hälfte der Seiten schlossen sich die Wurzelfäden dem Nervus accessorius an – in diesen Fällen fehlte das Ganglion. [B]
Eine größere Untersuchung derselben Arbeitsgruppe von 2009 fand an 80 Seiten in über 60 % eine hintere Wurzel, davon 44 % mit Anschluss an den Nervus accessorius. [B]
Ouaknine und Nathan hatten das schon 1973 beschrieben: Für die sensiblen Fasern von C1 ist der Weg über die Wurzelfäden des elften Hirnnervs häufig der einzige zum Rückenmark. [B]
Zusammengefasst: Der hintere Ast ist praktisch rein motorisch. Der Spinalnerv C1 führt bei etwa der Hälfte der Menschen sensible Fasern, die aber meist kein eigenes Ganglion und kein Dermatom bilden. [I]
Korrektur zur Vorfassung: sensible Fasern
Die Vorfassung schrieb, der Nerv besitze „keine eigenen sensiblen Fasern“. Das ist für den hinteren Ast im Kern richtig, für den Spinalnerv C1 falsch.
Praktisch wichtiger ist die Folgerung, die davon unberührt bleibt: Ein abgrenzbares Hautgebiet gibt es nicht. Taubheit am Hinterkopf spricht deshalb nicht für C1, sondern für C2 oder C3.
Herkunft Kapitel 1: Jenkins et al. 2021; Tubbs et al. 2007 und 2009; Ouaknine & Nathan 1973; Plexus cervicalis posterior nach Terminologia Anatomica (TA2); Verlauf und Hautast nach anatomischen Standardwerken (nicht eingesehen, siehe 15.2).
2. Der andere Ast von C1
Dieser Abschnitt fehlte in der Vorfassung. Ohne ihn bleibt unklar, warum die Zuordnung zum Plexus cervicalis so hartnäckig falsch weitergegeben wird.
Der vordere Ast von C1 zieht um die seitliche Gelenkmasse des Atlas nach vorn. [B]
Er versorgt den Musculus rectus capitis anterior, den Musculus rectus capitis lateralis und – gemeinsam mit C2 und C3 – den Musculus longus capitis. [B]
Er beteiligt sich am Plexus cervicalis, der aus den vorderen Ästen von C1 bis C4 gebildet wird, und stellt mit C2 die obere Wurzel der Ansa cervicalis. [B]
Ein Teil seiner Fasern lagert sich dem Nervus hypoglossus an und erreicht über ihn den Musculus thyrohyoideus und den Musculus geniohyoideus. Fasern werden dabei nicht ausgetauscht; der Hirnnerv dient als Leitschiene. [B]
Korrektur zur Vorfassung: Plexuszugehörigkeit
Die Vorfassung schrieb, der Nervus suboccipitalis sei „Teil des Plexus cervicalis“. Das trifft nicht zu. Der Plexus wird ausschließlich aus den vorderen Ästen gebildet; der Nervus suboccipitalis ist der hintere Ast.
Richtig ist: Der vordere Ast von C1 gehört zum Plexus cervicalis, der hintere nicht. Beide entspringen demselben Spinalnerv – das erklärt die Verwechslung, hebt sie aber nicht auf.
Herkunft Kapitel 2: anatomische Standardwerke (nicht eingesehen).
3. Versorgte Muskeln
| Muskel | Verlauf | Wirkung |
|---|---|---|
| M. rectus capitis posterior major | Dornfortsatz Axis → Linea nuchalis inferior, seitlich | Streckung des Kopfes, Drehung zur gleichen Seite |
| M. rectus capitis posterior minor | Tuberculum posterius Atlas → Linea nuchalis inferior, mittig | Streckung, Feinjustierung; Ansatz der myoduralen Brücke |
| M. obliquus capitis superior | Querfortsatz Atlas → Os occipitale | Streckung und Seitneigung zur gleichen Seite |
| M. obliquus capitis inferior | Dornfortsatz Axis → Querfortsatz Atlas | Drehung des Atlas gegen den Axis; setzt als einziger nicht am Schädel an |
| M. semispinalis capitis (Anteile) | Quer- und Gelenkfortsätze der unteren Hals- und oberen Brustwirbel → Os occipitale | stärkster Nackenstrecker; Hauptversorgung aus C2 bis C5 |
Korrektur zur Vorfassung: Wirkung des M. obliquus capitis superior
Die Vorfassung nannte „Flexion und Seitenneigung des Kopfes“. Der Muskel zieht vom Querfortsatz des Atlas nach hinten-oben zum Hinterhauptsbein. Er kann den Kopf dadurch nur strecken und zur gleichen Seite neigen, nicht beugen.
3.1 Ein Punkt bleibt strittig
Ob auch der Musculus longissimus capitis einen Ast erhält, ist offen. Der Widerspruch lässt sich bis zu seiner Quelle zurückverfolgen, aber nicht entscheiden.
| Linie | Aussage | Herkunft |
|---|---|---|
| deutschsprachig | Der Nerv gibt Äste an M. semispinalis capitis und M. longissimus capitis ab | geht auf Schiebler, Anatomie (Springer) zurück; von den deutschen Nachschlagewerken übernommen |
| englischsprachig | Der M. longissimus capitis wird vom Seitenast des hinteren Astes von C2 versorgt | anatomische Standardwerke |
Beim M. semispinalis capitis stimmen beide Linien überein. Nur der M. longissimus capitis trennt sie. [B]
Ein Geflecht der hinteren Äste aus Abschnitt 1.2 macht beide Angaben gleichzeitig möglich: Wo C1, C2 und C3 sich verflechten, ist die Zuordnung eines Muskels zu einer einzelnen Wurzel eine Frage der Zerlegung, nicht der Natur. [I]
3.2 Zur Frage des Kennmuskels
Ein Kennmuskel ist ein Muskel, dessen Schwäche eine bestimmte Nervenwurzel anzeigt. Für C1 gibt es keinen. [B]
Die versorgten Muskeln sind klein, liegen tief und lassen sich weder einzeln tasten noch gegen Widerstand prüfen. An jeder ihrer Bewegungen wirken größere, anders innervierte Muskeln mit. [I]
Zusammen mit dem fehlenden Dermatom und dem fehlenden Reflex folgt: Der Nerv ist klinisch nicht isoliert prüfbar. Das ist keine Lücke der Untersuchungstechnik, sondern eine Eigenschaft des Nervs. [I]
Korrektur zur Vorfassung: „Kennmuskel“
Die Vorfassung führte den Musculus rectus capitis posterior major als Kennmuskel. Der Muskel wird von diesem Nerv versorgt, taugt aber nicht als Kennmuskel, weil seine Kraft nicht isoliert prüfbar ist. Die Überschrift lautet deshalb jetzt „versorgte Muskeln“.
3.3 Die myodurale Brücke
Zwischen dem Musculus rectus capitis posterior minor und der harten Hirnhaut besteht eine bindegewebige Verbindung. Hack und Mitarbeiter beschrieben sie 1995. [B]
Spätere Arbeiten fanden entsprechende Faserzüge auch vom Musculus rectus capitis posterior major, vom Musculus obliquus capitis inferior und vom Nackenband. [B]
Damit greift Muskelspannung in dieser Region unmittelbar an einer schmerzempfindlichen Struktur an. Abgeleitet aus der belegten anatomischen Verbindung und der belegten Schmerzempfindlichkeit der Dura. [I]
Die funktionelle Bedeutung ist nicht geklärt. Diskutiert werden ein Schutz der Dura vor Einfaltung bei Kopfbewegung und ein Beitrag zur Liquorbewegung. Beide Deutungen tragen gleich gut; es wird keine ausgewählt. [I]
Herkunft Kapitel 3: anatomische Standardwerke (nicht eingesehen); Schiebler für die deutsche Linie (nicht eingesehen, über Nachschlagewerke erfasst); myodurale Brücke nach Hack et al. 1995, Kahkeshani & Ward 2012, Palomeque-del-Cerro et al. 2017.
4. Ganglien
4.1 Das eigene Ganglion des Nervs
Ein Spinalganglion ist bei C1 nicht regelhaft ausgebildet. Nach Tubbs und Mitarbeitern 2007 fand es sich nur bei einem kleinen Teil der untersuchten Seiten (siehe Abschnitt 1.3). [B]
Wo das Ganglion fehlt, kann der Nerv keine eigenständige sensible Versorgung aufbauen. Das ist der anatomische Grund für das fehlende Dermatom. [I]
4.2 Das Ganglion cervicale superius – Nachbarschaft, nicht Zuständigkeit
Das obere Halsganglion liegt vor den Querfortsätzen etwa in Höhe C1 bis C3. [B]
Es gehört zum Grenzstrang. Seine zuführenden Fasern steigen aus den oberen Brustsegmenten auf. [B]
Die Nähe zum Segment C1 ist topographisch, nicht segmental. Der Nervus suboccipitalis erhält von ihm keine vorgeschalteten Fasern. [I]
Korrektur zur Vorfassung: Ganglion cervicale superius
Die Vorfassung leitete Nackenschmerz, Übelkeit und Schwindel aus einer „Dysfunktion“ dieses Ganglions ab und ordnete es dem Nerv zu. Die Höhenangabe stimmt, die Zuordnung nicht.
Vegetative Begleitzeichen bei Nackenbeschwerden werden über die Konvergenz im Trigeminuskern erklärt (siehe Kapitel 11), nicht über eine Ganglienstörung. Lage und Aufgaben des Ganglions stehen ausführlich auf der Seite Segment C1.
Herkunft Kapitel 4: Tubbs et al. 2007; anatomische Standardwerke (nicht eingesehen).
5. Sklerotome
Das Sklerotom umfasst die tiefen Gewebe eines Segments: Knochen, Bänder, Gelenkkapseln und Knochenhaut. [B]
Nerv und Segment sind hier zu trennen
Ein Sklerotom gehört zu einem Segment, nicht zu einem einzelnen Nerv. Der Nervus suboccipitalis versorgt Muskeln, keine Knochen.
Die Frage lautet daher richtig: Welche tiefen Gewebe gehören zum Segment C1? Nicht: Welche versorgt dieser Nerv?
Die Gelenkkapseln der Kopfgelenke werden aus den Segmenten C1 bis C3 versorgt. [B]
Sklerotomschmerz ist tief, dumpf und schlecht zu lokalisieren. Er erlaubt dem Betroffenen keine genaue Zeigestelle. Abgeleitet aus der Versorgung tiefer Gewebe ohne Hautanteil. [I]
Eine eigenständige, allgemein anerkannte C1-Sklerotomkarte gibt es nicht. Die Vorfassung nannte „Atlas und angrenzenden Teil des Hinterhauptes“ ohne Quelle. Diese Angabe wird nicht übernommen und nicht ersetzt.
Herkunft Kapitel 5: anatomische Standardwerke (nicht eingesehen); die Zuordnung einzelner Sklerotomfelder ist in der Literatur uneinheitlich.
6. Enterotome und Viszerotome
Die präganglionären sympathischen Nervenzellen liegen im Seitenhorn des Rückenmarks von Th1 bis etwa L2. Oberhalb von Th1 gibt es keine. [B]
Daraus folgt unmittelbar: Der Nervus suboccipitalis führt keine präganglionären sympathischen Fasern. [I]
Für C1 ist kein Enterotom und kein Viszerotom definiert. [B]
Korrektur zur Vorfassung: Wirkung auf innere Organe
Die Vorfassung schrieb, C1 beeinflusse „indirekt den oberen Gastrointestinaltrakt durch seine Rolle im zervikalen Sympathikus“. Diese Aussage hält nicht. Der sympathische Ursprung beginnt bei Th1; C1 hat daran keinen Anteil.
Die Lücke wird als Lücke stehen gelassen und nicht durch eine Ersatzannahme gefüllt.
Herkunft Kapitel 6: neuroanatomische Standardwerke (nicht eingesehen).
7. Dermatome
Der Nerv hat kein Hautgebiet. Auf den gängigen Dermatomkarten ist C1 nicht eingezeichnet. [B]
Die Haut des Hinterhaupts wird von drei anderen Nerven versorgt:
- Nervus occipitalis major – hinterer Ast C2, größtes Gebiet, bis zum Scheitel
- Nervus occipitalis minor – Plexus cervicalis aus C2 und C3, seitlicher Hinterkopf hinter dem Ohr
- Nervus occipitalis tertius – hinterer Ast C3, schmaler Streifen nahe der Mittellinie
Kribbeln, Taubheit oder Überempfindlichkeit am Hinterkopf stammen daher aus C2 oder C3. Für den Ansatzpunkt einer Behandlung ist das entscheidend. [I]
Der gelegentliche Hautast aus Abschnitt 1.3 ändert daran nichts. Er ist unbeständig, klein und bildet kein abgrenzbares Feld. [I]
Herkunft Kapitel 7: neurologische Standardwerke (nicht eingesehen).
8. Bindegewebszonen
Das Modell der Bindegewebszonen geht auf Elisabeth Dicke zurück. Es ordnet Veränderungen der Unterhaut bestimmten Organen und Segmenten zu. [H]
Für die Nackenregion beschreibt es Spannungs- und Einziehungszonen an der Schädelbasis. [H]
Kontrollierte Untersuchungen, die eine segmentale Zuordnung dieser Zonen zu C1 stützen, liegen nicht vor. Die Übereinstimmung verschiedener Untersucher ist gering. [I]
Herkunft Kapitel 8: historisches Befundmodell, als solches gekennzeichnet.
9. Head-Zonen
Head-Zonen sind Hautfelder, in denen Schmerz eines inneren Organs wahrgenommen wird. Henry Head beschrieb sie ab 1893. [H]
Das Modell setzt zweierlei voraus: viszerale Afferenzen im betreffenden Segment und ein zugehöriges Hautfeld. [B]
Beides fehlt bei C1. Eine Head-Zone für C1 ist deshalb nicht definierbar und in der Literatur auch nicht definiert. [I]
Korrektur zur Vorfassung: Head-Zone
Die Vorfassung beschrieb eine „Head-Zone im Hinterhaupt- und Nackenbereich“, die durch Reizung des Nervs reflektiert werde. Das verwechselt die Übertragung von Muskel- und Gelenkschmerz, die es gibt, mit einer Head-Zone, die ein Hautfeld und eine viszerale Afferenz voraussetzt.
Herkunft Kapitel 9: historisches Modell; Voraussetzungen nach neuroanatomischen Standardwerken.
10. Mackenzie-Zonen
James Mackenzie beschrieb 1909 Muskelzonen, in denen sich Erkrankungen innerer Organe als Tonuserhöhung zeigen sollen. [H]
Wie bei den Head-Zonen fehlt für C1 die viszerale Afferenz. Eine Mackenzie-Zone für C1 ist nicht definiert. [I]
Drei Namen, die regelmäßig verwechselt werden
James Mackenzie (1853–1925), britischer Internist: Reflexzonenmodell, veröffentlicht 1909. Darum geht es hier.
Robin McKenzie (1931–2013), neuseeländischer Physiotherapeut: Bewegungskonzept aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das mit Richtungspräferenz arbeitet, nicht mit Zonen.
McKenzie-Ast: ein Verbindungsästchen zwischen Nervus accessorius und dem vorderen Ast von C1, benannt nach dem Neurochirurgen Kenneth McKenzie. Ein anatomischer Begriff ohne Bezug zu den beiden anderen.
Korrektur zur Vorfassung: Schreibweise und Sache
Die Vorfassung schrieb „MacKenzie-Zonen“ mit großem K und ließ offen, welches Modell gemeint ist. Gemeint sein kann nur das Reflexzonenmodell von James Mackenzie. Für C1 ist es nicht definiert.
Herkunft Kapitel 10: historisches Modell nach Mackenzie, Symptoms and their Interpretation, 1909; McKenzie-Ast nach der anatomischen Literatur zum kraniozervikalen Übergang.
11. Beschwerdebilder
11.1 Was eine isolierte Schädigung dieses Nervs macht
Sie bleibt klinisch weitgehend stumm. Kein Reflexausfall, kein Sensibilitätsdefizit, keine prüfbare Parese. Abgeleitet aus dem fehlenden Dermatom, dem fehlenden Reflex und dem fehlenden Kennmuskel. [I]
Der praktisch bedeutsamste Schädigungsweg ist der Eingriff: Operationen am kraniozervikalen Übergang und im Hinterhauptbereich können den Nerv verletzen. [B]
11.2 Trigeminozervikale Konvergenz
Afferenzen aus C1 bis C3 enden im selben Kerngebiet wie die Afferenzen des Nervus trigeminus. [B]
Diese Konvergenz ist die anerkannte Grundlage des zervikogenen Kopfschmerzes. [B]
Die Afferenzen aus C1 stammen nicht aus der Haut – die gibt es hier nicht – sondern aus Muskeln und Gelenkkapseln. Die Konvergenz ist damit ein Weg für Tiefenschmerz, nicht für Hautschmerz. [I]
Umgekehrt gilt der Schluss nicht: Aus Stirnschmerz folgt keine C1-Störung. Die Richtung der Ableitung ist einseitig. [I]
11.3 Der Begriff „subokzipitale Neuralgie“
Die Internationale Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen (ICHD-3, dritte Auflage 2018) kennt den Begriff nicht. Sie führt die Okzipitalneuralgie unter 13.4, gebunden an den Nervus occipitalis major, minor oder tertius – alle drei sensible Nerven aus C2 und C3. [B]
In der chirurgischen Literatur kommt der Begriff dagegen vor, als Bezeichnung für Schmerz nach Verschraubung des Atlas mit Verletzung des Atlantookzipitalgelenks. [B]
Ein rein motorischer Ast kann keine Neuralgie in einem Hautgebiet erzeugen, weil ihm das Hautgebiet fehlt. Der Begriff bezeichnet daher entweder einen Gelenkschmerz nach Eingriff oder – im alltäglichen Gebrauch – einen übertragenen Schmerz aus Kopfgelenken und Muskulatur. [I]
Korrektur zur Vorfassung: „subokzipitale Neuralgie“
Die Vorfassung führte starke Hinterhauptschmerzen auf eine Kompression des Nervs zurück und nannte das Bild „subokzipitale Neuralgie“. Als Kopfschmerzdiagnose existiert das nicht. Was vorliegen kann, ist übertragener Schmerz aus Kopfgelenken und Muskulatur.
11.4 Muskuläre Störungen
Erhöhter Tonus der subokzipitalen Muskulatur ist bei Kopfschmerz häufig zu finden. [B]
Ob der Tonus Ursache oder Folge ist, lässt sich am Einzelbefund nicht entscheiden. Beide Lesarten sind in sich stimmig und werden nebeneinander geführt. [I]
Untersuchung, Behandlungsansätze und Warnzeichen
Diese drei Themen betreffen die Region, nicht den Nerv, und stehen deshalb gesammelt auf der Seite Segment C1 – einschließlich des Flexions-Rotations-Tests, der Vorsichtsregeln bei Bandinsuffizienz und der Warnzeichen einer Gefäßverletzung.
Herkunft Kapitel 11: ICHD-3 2018; Bogduk 2001 und Alix & Bates 1999 zur Konvergenz; Yang et al. 2019 zum chirurgischen Wortgebrauch.
12. Differenzialdiagnostik
Dieser Nerv erklärt subokzipitalen Schmerz nicht. Er hat kein Hautgebiet, keinen prüfbaren Muskel und keinen Reflex; eine isolierte Schädigung bleibt klinisch weitgehend stumm (Abschnitt 11.1). [I]
Die Abgrenzung ordnet sich deshalb nicht nach dem Nerv, sondern nach dem Leitbefund. [I]
Dieses Kapitel gibt wieder, was die Fachliteratur zur Abgrenzung beschreibt. Es stellt keine Diagnose, gibt keine Behandlungsempfehlung und ersetzt keine ärztliche Abklärung.
12.1 Übersicht: der Leitbefund entscheidet
| Leitbefund | Führt zu | Erste Abklärung |
|---|---|---|
| Erstmaliger, plötzlicher, heftiger einseitiger Nacken- oder Hinterhauptschmerz | Abschnitt 12.5 | sofortige Darstellung der hirnversorgenden Arterien [B] |
| Kurzer Hinterkopfschmerz, ausgelöst durch Husten, Niesen oder Pressen | Abschnitt 12.6 | Prüfung gegen die Kriterien des Kopfschmerzes bei Chiari-Malformation Typ I, die den Nachweis der Fehlbildung verlangen [B] |
| Einschießender, blitzartiger Schmerz im Hautgebiet eines Hinterhauptnervs, Kopfhaut berührungsempfindlich | Abschnitt 12.2 | Prüfung gegen die Merkmale der Okzipitalneuralgie [B] |
| Stechender Schmerz im oberen Nacken bei plötzlicher Kopfdrehung, dazu Missempfindung der Zunge derselben Seite | Abschnitt 12.6 | Prüfung gegen die Kriterien des Nacken-Zungen-Syndroms [B] |
| Dumpfer einseitiger Hinterhauptschmerz, von Kopfhaltung und Nackenbewegung abhängig | Abschnitte 12.3 und 12.6 | Untersuchung der Kopfgelenke, Prüfung gegen die Kriterien des zervikogenen Kopfschmerzes [B] |
| Örtlicher Druckschmerz über einem Kopfgelenk, eingeschränkte Kopfdrehung | Abschnitt 12.3 | gezielte Gelenkuntersuchung, Bildgebung [B] |
| Neuer Schmerz nach Eingriff am kraniozervikalen Übergang | Abschnitt 12.2 | Kontrolle von Zugang und Implantatlage [B] |
| Beidseitiger, drückender Kopfschmerz leichter bis mittlerer Stärke, durch Alltagsbewegung nicht verstärkt | Abschnitt 12.6 | Prüfung gegen die Kriterien des Kopfschmerzes vom Spannungstyp [B] |
| Hartspann und Druckschmerz der kurzen Nackenmuskeln ohne Gelenk- oder Nervenzeichen | Abschnitt 12.4 | Tastbefund [I] |
Ein Befund fehlt in dieser Tabelle mit Absicht: Taubheit am Hinterkopf. Sie spricht nicht für C1, weil es kein C1-Dermatom gibt (Kapitel 7). Sie führt zu C2 und C3. [I]
Abweichung von der Gruppenfolge dieser Reihe
Die sonst mitgeführte Gruppe „fortgeleiteter Schmerz aus Organen“ entfällt hier. Für C1 ist kein Viszerotom definiert (Kapitel 6). An ihre Stelle treten die Gefäße in Abschnitt 12.5 und die eigenständigen Kopfschmerzdiagnosen in Abschnitt 12.6.
12.2 Nachbarnerven und eingriffsbedingte Schädigung
| Abzugrenzen | Spricht dafür | Spricht dagegen | Womit prüfbar |
|---|---|---|---|
| Okzipitalneuralgie, Nervus occipitalis major | Attacken von Sekunden bis Minuten, einschießend oder stechend, medialer Hinterkopf; Missempfindung der Kopfhaut [B] | gleichbleibender dumpfer Schmerz ohne Beteiligung der Kopfhaut [B] | Druckschmerz über dem Nervenast; vorübergehende Linderung durch Leitungsanästhesie [B] |
| Okzipitalneuralgie, Nervus occipitalis minor | dieselben Merkmale, jedoch seitlicher Hinterkopf hinter dem Ohr [B] | Schmerzfeld mittig am Hinterhaupt [I] | Leitungsanästhesie des seitlichen Astes [B] |
| Nervus occipitalis tertius | Schmerzfeld dicht am Hinterhauptrand, meist gemeinsam mit Beschwerden des Gelenks C2/C3 [B] | fehlender Druckschmerz über dem Gelenk C2/C3 [I] | kontrollierte Blockade des Nervs [B] |
| Schädigung nach Eingriff am kraniozervikalen Übergang | neuer Schmerz im zeitlichen Zusammenhang mit dem Eingriff, etwa nach Verschraubung des Atlas [B] | Beschwerden bestanden vor dem Eingriff unverändert [I] | Zugangsweg und Implantatlage [B] |
Die Internationale Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen bindet die Okzipitalneuralgie an den Nervus occipitalis major, minor oder tertius. Sie verlangt vier Merkmale und den Ausschluss einer besser passenden Diagnose: Lage im Gebiet dieser Nerven, attackenartiger und stechender Schmerz, Missempfindung oder Berührungsschmerz der Kopfhaut samt Druckschmerz über dem Nerv, und vorübergehende Linderung durch Leitungsanästhesie. [B]
Der Nervus suboccipitalis kommt als Träger einer solchen Neuralgie nicht in Betracht. Ein Nerv ohne Hautgebiet kann keinen Hautschmerz führen, und die geforderte Missempfindung der Kopfhaut setzt ein Hautgebiet voraus. [I]
Dieselbe Klassifikation verlangt ausdrücklich, die Okzipitalneuralgie vom fortgeleiteten Schmerz aus dem Atlantoaxialgelenk, aus den oberen Wirbelgelenken und aus druckschmerzhaften Punkten der Nackenmuskeln zu trennen. [B]
Das ist der häufigste Fehlschluss der Region: Aus der Lage des Schmerzes folgt nicht der Ort seiner Quelle. Beide Gruppen erzeugen Schmerz im selben Feld. [I]
12.3 Gelenke des Kopf-Hals-Übergangs
| Abzugrenzen | Spricht dafür | Spricht dagegen | Womit prüfbar |
|---|---|---|---|
| Atlantookzipitalgelenk (C0/C1) | tiefer, schlecht zeigbarer Schmerz im oberen Nacken, bis zum Hinterhaupt; bei beschwerdefreien Freiwilligen schwankte das ausgelöste Schmerzfeld stark [B] | scharf umschriebener, oberflächlicher Schmerz [I] | gezielte Gelenkblockade unter Bildkontrolle [B] |
| Seitliches Atlantoaxialgelenk (C1/C2) | Schmerz am Hinterhaupt, Druckschmerz über dem Querfortsatz des Atlas, eingeschränkte Kopfdrehung; bei Freiwilligen gleichbleibendes Schmerzmuster [B] | freie und schmerzfreie Kopfdrehung [I] | gezielte Gelenkblockade unter Bildkontrolle [B] |
| Wirbelgelenk C2/C3 | Druckschmerz über dem Gelenk, häufig nach Beschleunigungsverletzung der Halswirbelsäule [B] | kein Druckschmerz über dem Gelenk [B] | kontrollierte Blockade des Nervus occipitalis tertius [B] |
Zahlen zum Gelenk C2/C3: In einer Reihe von 100 Personen mit anhaltendem Nackenschmerz nach Beschleunigungsverletzung lag der Anteil, bei dem doppelblinde Blockaden des Nervus occipitalis tertius den Schmerz vollständig aufhoben, bei 27 Prozent (Vertrauensbereich 18 bis 36). Unter den 40 Personen mit Kopfschmerz als führender Beschwerde waren es 53 Prozent (Vertrauensbereich 37 bis 68). [B]
Dieselbe Arbeit fand kein Merkmal aus Vorgeschichte oder Untersuchung, das die Zuordnung vorab erlaubt hätte. Nur der Druckschmerz über dem Gelenk C2/C3 war bei den Betroffenen signifikant häufiger. [B]
Zahlen zum Gelenk C1/C2: Von 34 Personen mit Hinterhauptschmerz, die wegen passender klinischer Merkmale untersucht wurden, wurden 21 nach gezielter Gelenkblockade vollständig schmerzfrei. Der positive Vorhersagewert der zuvor erhobenen Merkmale betrug nur 60 Prozent. Eine Kontrollgruppe hatte die Reihe nicht. [B]
Aus beiden Zahlenreihen folgt dasselbe: Die Gelenke des Kopf-Hals-Übergangs sind eine häufige Quelle des Hinterhauptschmerzes, und die körperliche Untersuchung allein entscheidet die Zuordnung nicht. [I]
Beide Zahlen stammen aus ausgewählten Gruppen – Beschleunigungsverletzung in der einen, vorausgewählte Schmerzsprechstunde in der anderen. Auf alle Menschen mit Hinterhauptschmerz lassen sie sich nicht übertragen. [I]
12.4 Muskeln und Bindegewebe
Erhöhter Tonus der subokzipitalen Muskulatur findet sich bei Kopfschmerz häufig (Abschnitt 11.4). [B]
Ob der Tonus Ursache oder Folge ist, lässt sich am Einzelbefund nicht entscheiden. Beide Lesarten tragen gleich gut und stehen nebeneinander. [I]
Die Deutung eines Tastbefundes als „Triggerpunkt“ mit festem Übertragungsmuster geht auf ein älteres Modell zurück. Es ist fachgeschichtlich bedeutsam, seine Befunderhebung ist zwischen Untersuchern schlecht reproduzierbar. [H]
Für die Abgrenzung zählt weniger die Deutung als die Rangfolge: Ein Tastbefund an der Muskulatur schließt weder eine Gelenkquelle noch eine Gefäßursache aus. Er wird zuletzt betrachtet, nicht zuerst. [I]
12.5 Gefäße
| Abzugrenzen | Spricht dafür | Spricht dagegen | Womit prüfbar |
|---|---|---|---|
| Dissektion der Arteria vertebralis | erstmaliger, plötzlicher, heftiger Schmerz, einseitig und auf der Seite des betroffenen Gefäßes [B] | seit Jahren gleichbleibende, bewegungsabhängige Beschwerden [I] | Bildgebung der Halsgefäße [B] |
| Dissektion der Arteria carotis interna | derselbe plötzliche Beginn, Schmerz jedoch eher seitlich am Hals und an der Schläfe [B] | Schmerz ausschließlich am Hinterhaupt [I] | Bildgebung der Halsgefäße [B] |
Nach der Internationalen Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen ist Kopf- oder Halsschmerz bei einer Dissektion der Halsschlagader oder der Wirbelarterie das häufigste Zeichen überhaupt: Es tritt in 55 bis 100 Prozent der Fälle auf und ist in 33 bis 86 Prozent das erste Zeichen. [B]
Der Schmerz liegt meist auf der Seite des betroffenen Gefäßes, ist heftig und hält im Mittel vier Tage an. Er kann das einzige Zeichen bleiben oder einem Schlaganfall vorausgehen. [B]
Der Nervus suboccipitalis liegt der Arteria vertebralis unmittelbar an (Abschnitt 1.2). Diese Nachbarschaft erklärt, warum der Schmerz im selben Feld erscheint. Sie macht den Nerv nicht zu seiner Ursache. [I]
Vorrang vor jeder anderen Zuordnung
Ein erstmaliger, plötzlicher und heftiger Nacken- oder Hinterhauptschmerz wird abgeklärt, bevor eine Gelenk-, Nerven- oder Muskelursache angenommen wird. Die vollständige Liste der Warnzeichen steht auf der Seite Segment C1.
12.6 Kopfschmerzdiagnosen mit eigenen Kriterien
Mehrere Diagnosen der Kopfschmerzklassifikation betreffen den Hinterkopf und den oberen Nacken. Sie werden hier in derselben Gliederung nebeneinandergestellt. [B]
| Diagnose (ICHD-3) | Schmerzbild | Auslöser | Was die Diagnose bestätigt |
|---|---|---|---|
| Kopfschmerz vom Spannungstyp (2.1 bis 2.3) | beidseitig, drückend oder beengend, leicht bis mittelstark, 30 Minuten bis 7 Tage [B] | keine Verstärkung durch Gehen oder Treppensteigen [B] | klinische Kriterien; keine Übelkeit oder Erbrechen, höchstens Licht- oder Lärmempfindlichkeit [B] |
| Kopfschmerz bei Chiari-Malformation Typ I (7.7) | meist hinterhauptsnah oder darunter, kurz, unter fünf Minuten [B] | Husten oder andere Pressmanöver [B] | Nachweis der Fehlbildung; die Kriterien sind laut Klassifikation noch nicht validiert [B] |
| Zervikogener Kopfschmerz (11.2.1) | häufig seitenfest, vom Nacken nach vorn ziehend; diese Merkmale sind nach der Klassifikation nicht beweisend [B] | Kopfbewegung, Druck auf Nackenmuskeln; eingeschränkte Halsbeweglichkeit [B] | Nachweis einer Störung der Halswirbelsäule und mindestens zwei von vier Belegen des Zusammenhangs, darunter die Aufhebung durch diagnostische Blockade [B] |
| Okzipitalneuralgie (13.4) | anfallsweise, Sekunden bis Minuten, schießend oder stechend, im Gebiet eines Hinterhauptsnervs [B] | harmlose Berührung von Kopfhaut oder Haaren [B] | vorübergehende Linderung durch Blockade des betroffenen Nervs [B] |
| Nacken-Zungen-Syndrom (13.5) | einseitig, scharf oder stechend, oberer Nacken oder Hinterhaupt, Sekunden bis wenige Minuten, mit Missempfindung oder Fehlhaltung der Zunge derselben Seite [B] | plötzliche Drehung des Halses [B] | mindestens zwei Episoden; keine andere Diagnose erklärt die Beschwerden besser [B] |
Trennend wirken die Auslöser, die nur in einer Zeile stehen: Pressen, plötzliche Kopfdrehung mit Zungenbeteiligung, harmlose Berührung der Kopfhaut. Die Wirkung einer Blockade steht dagegen in zwei Zeilen und trennt Okzipitalneuralgie und zervikogenen Kopfschmerz nicht. Regel der Ableitung: Ein Merkmal, das zwei Kriteriensätze teilen, trennt sie nicht. [I]
Keine dieser Diagnosen nennt den Nervus suboccipitalis als Träger. [B] Die Seite Nervus occipitalis minor erläutert dieselbe Tabelle für die Hautnerven des Hinterkopfs.
12.7 Benannte Lücken dieses Kapitels
- Wie häufig die einzelnen Ursachen bei subokzipitalem Schmerz sind, ist nicht bevölkerungsbezogen untersucht. Die genannten Anteile gelten je nur für die untersuchte Gruppe.
- Wie oft der Schmerz bei einer Dissektion der Wirbelarterie genau am Hinterhaupt liegt, ist nur aus Fallsammlungen bekannt. Eine belastbare Zahl liegt dieser Fassung nicht vor.
- Eine deutschsprachige Leitlinie speziell zum Kopfschmerz am Kopf-Hals-Übergang wurde nicht gefunden. Für die Abgrenzung zum Kopfschmerz vom Spannungstyp gilt die Leitlinie AWMF 030-077.
Herkunft Kapitel 12: ICHD-3 2018, Abschnitte 2.1 bis 2.3, 6.5.1.1, 7.7, 11.2.1, 13.4 und 13.5; Leitlinie AWMF 030-077 (2023); Lord et al. 1994 und Bogduk & Marsland 1986 zum Gelenk C2/C3; Aprill et al. 2002 zum seitlichen Atlantoaxialgelenk; Dreyfuss et al. 1994 zu den Schmerzmustern der Kopfgelenke; Yang et al. 2019 zur Schädigung nach Verschraubung des Atlas.
13. Häufige Fragen
Ist der Nervus suboccipitalis dasselbe wie der Spinalnerv C1?
Nein. Der Spinalnerv C1 teilt sich in einen vorderen und einen hinteren Ast. Der hintere Ast ist der Nervus suboccipitalis. Ältere Texte gebrauchen den Namen für beides, was die meisten Fehlangaben zu diesem Nerv erklärt.
Warum gibt es kein C1-Dermatom?
Weil der hintere Ast keine Hautfasern führt und weil ein Spinalganglion bei C1 meist fehlt. Ohne Ganglion gibt es keine sensiblen Zellkörper und damit keine eigenständige Hautversorgung. Der Hinterkopf wird von C2 und C3 versorgt.
Gehört der Nerv zum Plexus cervicalis?
Nein. Der Plexus cervicalis besteht aus den vorderen Ästen von C1 bis C4. Der Nervus suboccipitalis ist der hintere Ast von C1. Der vordere Ast desselben Spinalnervs gehört sehr wohl dazu – daher die häufige Verwechslung.
Ist die „subokzipitale Neuralgie“ eine anerkannte Diagnose?
Als Kopfschmerzdiagnose nicht. Die Internationale Kopfschmerzklassifikation kennt die Okzipitalneuralgie im Gebiet des Nervus occipitalis major, minor oder tertius; diese Nerven stammen aus C2 und C3. In der chirurgischen Literatur bezeichnet der Begriff Schmerz nach Eingriffen am Atlas.
Welche Kopfschmerzdiagnosen kommen am Hinterkopf infrage?
Die Klassifikation führt dort unter anderem den Kopfschmerz vom Spannungstyp, den Kopfschmerz bei Chiari-Malformation, den zervikogenen Kopfschmerz, die Okzipitalneuralgie und das Nacken-Zungen-Syndrom. Abschnitt 12.6 stellt ihre Kriterien nebeneinander.
Was ist die myodurale Brücke?
Eine bindegewebige Verbindung zwischen der tiefen Nackenmuskulatur und der harten Hirnhaut, 1995 erstbeschrieben. Sie ist anatomisch gesichert. Ihre funktionelle Bedeutung und ihre Rolle bei Kopfschmerz sind Gegenstand der Forschung, nicht gesichertes Wissen.
Warum tut die Stirn weh, wenn das Problem im Nacken sitzt?
Weil Afferenzen aus C1 bis C3 im selben Kerngebiet enden wie die des Drillingsnervs, des Nervus trigeminus. Das Gehirn kann die zusammenlaufenden Bahnen nicht nach Herkunft trennen und verlegt die Empfindung nach vorn.
14. Korrekturen gegenüber der Vorfassung
| Nr. | Vorfassung | Diese Fassung | Art |
|---|---|---|---|
| 1 | Nervus suboccipitalis ist Teil des Plexus cervicalis | Plexus cervicalis besteht aus den vorderen Ästen C1–C4; der Nerv ist der hintere Ast und gehört nicht dazu | Sachfehler |
| 2 | Austritt durch das Foramen vertebrale des Atlas | Austritt oberhalb des hinteren Atlasbogens, unterhalb der Arteria vertebralis | Sachfehler |
| 3 | Nervus suboccipitalis, auch als erster Spinalnerv C1 bekannt | Der Nerv ist der hintere Ast des Spinalnervs C1, nicht der Nerv selbst | Sachfehler |
| 4 | keine eigenen sensiblen Fasern | kein Hautgebiet; auf Wurzelebene bei etwa der Hälfte der Menschen sensible Fasern, meist ohne eigenes Ganglion | Präzisierung |
| 5 | „subokzipitale Neuralgie“ als Folge einer Kompression | als Kopfschmerzdiagnose nicht existent; in der Chirurgie Begriff für Schmerz nach Eingriff am Atlas | Sachfehler |
| 6 | M. rectus capitis posterior major als Kennmuskel | kein Kennmuskel für C1; Kapitel zu „versorgte Muskeln“ geändert | Sachfehler |
| 7 | M. obliquus capitis superior: Flexion | Extension und Seitneigung zur gleichen Seite | Sachfehler |
| 8 | Muskelliste ohne M. semispinalis capitis | Anteile des M. semispinalis capitis ergänzt; M. longissimus capitis als strittig ausgewiesen | Lücke |
| 9 | Ganglion cervicale superius als Struktur dieses Nervs | Höhenangabe richtig, Zuordnung falsch; Ganglion gehört zum Grenzstrang | Sachfehler |
| 10 | C1 beeinflusst den oberen Gastrointestinaltrakt über den zervikalen Sympathikus | sympathischer Ursprung ab Th1; kein Enterotom und kein Viszerotom für C1 | Sachfehler |
| 11 | Head-Zone für C1 beschrieben | nicht definierbar, weil viszerale Afferenz und Hautfeld fehlen | Sachfehler |
| 12 | „MacKenzie-Zonen“ projizieren Schmerz des Nervs | für C1 nicht definiert; Abgrenzung James Mackenzie / Robin McKenzie / McKenzie-Ast ergänzt | Sachfehler |
| 13 | Sklerotom C1: Atlas und Hinterhaupt, ohne Quelle | Gelenkkapseln der Kopfgelenke aus C1–C3; eigenständige C1-Sklerotomkarte nicht gesichert | Lücke |
| 14 | – | Kapitel 2: der vordere Ast von C1 | Ergänzung |
| 15 | – | Abschnitt 3.3: myodurale Brücke | Ergänzung |
| 16 | – | Abschnitt 11.2: trigeminozervikale Konvergenz | Ergänzung |
| 17 | – | Kapitel 12: Differenzialdiagnostik mit Verweisen auf Segment C1 für Gelenk, Untersuchung, Behandlung und Warnzeichen | Ergänzung |
15. Grundlage, Lücken und Quellen
15.1 Offene Punkte
- Erhält der Musculus longissimus capitis einen Ast? Die deutsche Linie (Schiebler) und die englische Linie ordnen ihn unterschiedlich zu. Ein Geflecht der hinteren Äste macht beide Angaben möglich; entscheidbar ist die Frage damit nicht mehr, nur noch beschreibbar.
- Eine C1-Sklerotomkarte ist nicht gesichert.
- Für C1 ist kein Enterotom und kein Viszerotom definiert.
- Die Häufigkeitsangaben zur hinteren Wurzel schwanken zwischen den beiden Arbeiten von Tubbs und Mitarbeitern (46,6 % gegenüber über 60 %). Die Größe des Anteils ist damit belegt, der genaue Wert nicht.
- Wie häufig ein Geflecht der hinteren Äste von C1 bis C3 ausgebildet ist, lag dieser Fassung nicht aus einer Primärquelle vor.
15.2 Belegstand dieser Fassung
Die Aussagen aus ICHD-3, aus der Leitlinie und aus der namentlich zitierten Fachartikelliteratur sind geprüft.
Die allgemeinen anatomischen Grundaussagen – Verlauf, Muskelansätze, Plexusbildung, Dermatome, sympathischer Ursprung – sind Lehrbuchstoff. Gray’s Anatomy, Prometheus und Duus’ Neurologisch-topische Diagnostik lagen für diese Fassung nicht vor. Das Kennzeichen [B] ist an diesen Stellen vorläufig.
15.3 Herangezogene Literatur
| Werk | Verwendet für | Stufe |
|---|---|---|
| Ouaknine G., Nathan H.: Anastomotic connections between the eleventh nerve and the posterior root of the first cervical nerve in humans. Journal of Neurosurgery 1973;38(2):189–197 | Weg der sensiblen C1-Fasern über den Nervus accessorius | Originalarbeit |
| Bogduk N., Marsland A.: On the concept of third occipital headache. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry 1986;49(7):775–780 | Begriffsbildung des Kopfschmerzes aus dem Gelenk C2/C3 | Originalarbeit |
| Dreyfuss P., Michaelsen M., Fletcher D.: Atlanto-occipital and lateral atlanto-axial joint pain patterns. Spine 1994;19(10):1125–1131 | Schmerzmuster der Kopfgelenke bei fünf Beschwerdefreien | Originalarbeit |
| Lord S.M., Barnsley L., Wallis B.J., Bogduk N.: Third occipital nerve headache: a prevalence study. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry 1994;57(10):1187–1190 | Anteil des Gelenks C2/C3 am Kopfschmerz nach Beschleunigungsverletzung | Originalarbeit |
| Hack G.D. et al.: Anatomic relation between the rectus capitis posterior minor muscle and the dura mater. Spine 1995;20(23):2484–2486 | Erstbeschreibung der myoduralen Brücke | Originalarbeit |
| Alix M.E., Bates D.K.: A proposed etiology of cervicogenic headache. Journal of Manipulative and Physiological Therapeutics 1999;22:534–539 | Konvergenzmodell, myodurale Brücke | Übersichtsarbeit |
| Bogduk N.: Cervicogenic headache – anatomic basis and pathophysiologic mechanisms. Current Pain and Headache Reports 2001;5:382–386 | trigeminozervikale Konvergenz | Übersichtsarbeit |
| Aprill C., Axinn M.J., Bogduk N.: Occipital headaches stemming from the lateral atlanto-axial (C1–2) joint. Cephalalgia 2002;22(1):15–22 | Okzipitalschmerz aus dem seitlichen Atlantoaxialgelenk, Vorhersagewert der klinischen Merkmale | Originalarbeit |
| Tubbs R.S., Loukas M., Slappey J.B., Shoja M.M., Oakes W.J., Salter E.G.: Clinical anatomy of the C1 dorsal root, ganglion, and ramus. Clinical Anatomy 2007;20(6):624–627 | Häufigkeit von Hinterwurzel und Spinalganglion | Originalarbeit |
| Tubbs R.S., Loukas M., Yalçin B., Shoja M.M., Cohen-Gadol A.A.: Classification and clinical anatomy of the first spinal nerve. Journal of Neurosurgery: Spine 2009;10(4):390–394 | größere Fallzahl, Einteilung der Varianten | Originalarbeit |
| Kahkeshani K., Ward P.J.: Connection between the spinal dura mater and suboccipital musculature. Clinical Anatomy 2012;25(4):415–422 | Ausdehnung der myoduralen Verbindungen | Übersichtsarbeit |
| Palomeque-del-Cerro L. et al.: A systematic review of the soft-tissue connections between neck muscles and dura mater. Spine 2017 | systematische Auswertung zur myoduralen Brücke | systematische Übersicht |
| Yang J.S. et al.: Suboccipital neuralgia after C1 pedicle screw insertion. BMC Surgery 2019;19(1):96 | chirurgischer Wortgebrauch „subokzipitale Neuralgie“ | Fallbericht mit Literaturübersicht |
| Jenkins S., Iwanaga J., Dumont A.S., Loukas M., Tubbs R.S.: What is the suboccipital nerve? Tracking this confusing historical nomenclature. Morphologie 2021;105(348):10–14 | Nomenklatur: Spinalnerv C1 gegenüber hinterem Ast | Übersichtsarbeit |
| Headache Classification Committee of the IHS: ICHD-3. Cephalalgia 2018;38(1):1–211 | Kopfschmerz vom Spannungstyp (2.1–2.3), Dissektion (6.5.1.1), Chiari-Malformation (7.7), zervikogener Kopfschmerz (11.2.1), Okzipitalneuralgie (13.4), Nacken-Zungen-Syndrom (13.5) | Klassifikation |
| Neeb L. et al.: Diagnostik und Therapie des Kopfschmerzes vom Spannungstyp. S1-Leitlinie, DGN und DMKG, AWMF-Register 030-077, Version 6.0, gültig bis 18. Dezember 2028 | Abgrenzung zum Kopfschmerz vom Spannungstyp | Leitlinie |
| Terminologia Anatomica, 2. Auflage (TA2) | Plexus cervicalis posterior | Nomenklatur |
| Schiebler T.H. (Hrsg.): Anatomie. Springer | deutschsprachige Zuordnung des M. longissimus capitis (Tabelle 2) | Standardwerk; nicht eingesehen, über Nachschlagewerke erfasst |
| Standring S. (Hrsg.): Gray’s Anatomy. Elsevier; Schünke, Schulte, Schumacher: Prometheus. Thieme; Bähr M., Frotscher M.: Duus’ Neurologisch-topische Diagnostik. Thieme | Verlauf, Muskelversorgung, Dermatome, sympathischer Ursprung | Standardwerke; nicht eingesehen, Aussagen daraus vorläufig |
| Head H. (ab 1893); Mackenzie J., Symptoms and their Interpretation (1909); Dicke E. | nur für Aussagen mit [H] | geschichtliche Quellen |
16. Fachbegriffe
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Afferenz | zum Zentralnervensystem hinführende Nervenfaser |
| Ansa cervicalis | Halsnervenschlinge aus den vorderen Ästen C1 bis C3 |
| Atlantoaxialgelenk | Gelenk zwischen erstem und zweitem Halswirbel |
| Atlantookzipitalgelenk | Gelenk zwischen Hinterhauptsbein und Atlas |
| Chiari-Malformation Typ I | Fehlbildung, bei der die unteren Kleinhirnanteile durch das Hinterhauptsloch in den Wirbelkanal reichen |
| Dermatom | Hautgebiet, das von einer einzelnen Nervenwurzel versorgt wird |
| Dissektion | Einriss der inneren Wandschicht einer Arterie |
| Dura mater | harte Hirn- und Rückenmarkshaut |
| Enterotom / Viszerotom | Organgebiet, das einem Rückenmarkssegment zugeordnet wird |
| ICHD-3 | Internationale Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen, dritte Auflage |
| Kennmuskel | Muskel, dessen Schwäche eine bestimmte Nervenwurzel anzeigt |
| Kopfschmerz vom Spannungstyp | häufigster primärer Kopfschmerz, meist beidseitig und drückend |
| Myodurale Brücke | bindegewebige Verbindung zwischen Nackenmuskulatur und Dura mater |
| Nacken-Zungen-Syndrom | kurze Schmerzattacken im oberen Nacken mit Missempfindung der Zunge derselben Seite, ausgelöst durch plötzliche Kopfdrehung |
| Plexus cervicalis | Halsnervengeflecht aus den vorderen Ästen C1 bis C4 |
| Plexus cervicalis posterior | Geflecht der hinteren Äste C1 bis C3, ältere Bezeichnung Cruveilhier-Plexus |
| Präganglionär | vor der Umschaltung im vegetativen Ganglion gelegen |
| Ramus anterior / posterior | vorderer beziehungsweise hinterer Teilungsast eines Spinalnervs |
| Sklerotom | Knochen- und Bindegewebsgebiet eines Rückenmarkssegments |
| Spinalganglion | Nervenknoten der hinteren Wurzel, Sitz der sensiblen Zellkörper |
| Trigonum suboccipitale | tiefes Nackendreieck zwischen den kurzen Nackenmuskeln |
| Truncus sympathicus | Grenzstrang, Kette vegetativer Ganglien neben der Wirbelsäule |
| Zervikogener Kopfschmerz | Kopfschmerz, der von einer Störung der Halswirbelsäule ausgeht |
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