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Nervus occipitalis minor

Der Nervus occipitalis minor ist ein rein sensibler Hautast des Halsnervengeflechts. Er versorgt ein kleines Feld am seitlichen Hinterkopf hinter dem Ohr. Er hat keinen Muskel, keinen Reflex und kein eigenes Organgebiet. Sein auffälligstes Merkmal ist die Streubreite seines Verlaufs: Kaum ein anderer Nerv der Kopf-Hals-Region liegt so selten zweimal gleich.

Das Wichtigste in Kürze

  • Er gehört zu den vorderen Ästen. Der ähnlich klingende Nervus occipitalis major ist ein hinterer Ast. Gleicher Wortstamm, verschiedene Herkunft.
  • Er ist rein sensibel. Es gibt keinen Kennmuskel, keine Lähmung, keinen Reflexausfall.
  • Sein Hautgebiet ist nicht dasselbe wie ein Dermatom. Es ist ein Teil des Dermatoms von C2 und C3.
  • Er führt keine viszeralen Fasern. Head-Zonen und Mackenzie-Zonen lassen sich für ihn nicht bestimmen.
  • Sein Feld liegt zwischen Nachbarfeldern und überlappt mit ihnen. Kapitel 15 ordnet die Abgrenzung nach dem Leitbefund und stellt vier Kopfschmerzdiagnosen derselben Gegend nebeneinander.
  • Eine wirksame Blockade bestätigt die Beteiligung des Gebiets, nicht die Erkrankung des Nervs. Abschnitt 15.5 begründet das.
  • Seine Bauform schwankt stark – je nach Einteilung zwei oder drei Typen, zwei bis neun Äste, Seitenunterschiede beim selben Menschen.

Adressat dieser Seite

Dies ist ein Fachtext. Er stellt keine Diagnose, gibt keine Behandlungsempfehlung und ersetzt keine ärztliche Abklärung.

Wie Kennzeichen, Tabellen und Absätze zu lesen sind, steht am Seitenende unter Lesart dieser Seite.


1. Der Nerv: Name, Herkunft, Fasern

1.1 Was der Name sagt und was er verschweigt

Nervus occipitalis minor heißt übersetzt kleiner Hinterhauptsnerv. Er ist einer der vier Hautäste des Plexus cervicalis, des Halsnervengeflechts. [B]

Der Plexus cervicalis wird aus den vorderen Ästen der oberen Halsnerven gebildet. Der Nervus occipitalis minor gehört damit zur vorderen Astgruppe. [B]

Der gleichnamige Nervus occipitalis major ist dagegen ein hinterer Ast von C2 und gehört nicht zum Plexus cervicalis. Die Namen legen eine Verwandtschaft nahe, die es so nicht gibt: Die beiden Nerven teilen das Zielgebiet, nicht den Weg dorthin. [I]

Warum die Unterscheidung praktisch zählt

Wer den einen Nerv am Hinterkopf sucht, sucht ihn an der Mittellinie; wer den anderen sucht, sucht ihn seitlich hinter dem Ohr. Die Verwechslung verschiebt jeden Ansatzpunkt um mehrere Zentimeter.

1.2 Woher die Fasern stammen

Die anatomischen Standardwerke geben als Ursprung überwiegend den vorderen Ast von C2 an, gelegentlich zusätzlich C3. [B]

Ein Teil der Lehrbuchliteratur nennt regelmäßig beide Segmente, also C2 und C3. [B]

Eine Sezierstudie an 40 Halsseiten kommt zu einer abweichenden Verteilung: 67,5 Prozent aus dem vorderen Ast von C3, 25 Prozent aus der Ansa cervicalis von C2 – der Nervenschlinge zwischen den oberen Halsnerven – und 7,5 Prozent aus der Ansa cervicalis von C3. [B]

Von dieser Arbeit lag nur die englischsprachige Zusammenfassung vor, nicht der Volltext. Die Angabe wird deshalb genannt, aber mit dieser Einschränkung.

Ein Widerspruch, der nicht aufgelöst wird

Standardwerke sagen: überwiegend C2. Die genannte Sezierstudie sagt: überwiegend C3. Beide Angaben stehen nebeneinander, ohne dass eine ausgewählt wird.

Für die Praxis bedeutet der Widerspruch: Wer vom Hautgebiet auf ein Segment zurückschließt, landet bei C2 oder C3, nicht sicher bei einem von beiden. Ein Rückschluss auf genau ein Segment trägt nicht.

Als seltene Bauform beschreibt eine Untersuchung an 112 Halsseiten einen Ursprung unmittelbar aus dem Nervus accessorius auf zwei Seiten, also 1,8 Prozent; Verbindungen zwischen beiden Nerven fanden sich auf 5,4 Prozent der Seiten. [B]

Ein Einzelfallbericht beschreibt denselben Ursprung aus dem Nervus accessorius. [B]

Vermutet wird, dass in solchen Fällen C2-Fasern ein Stück weit im Nervus accessorius mitlaufen und ihn erst später verlassen. Der Nerv wäre dann nicht wirklich anders entsprungen, sondern anders gereist. [H]

1.3 Faserqualität

Der Nerv ist rein sensibel. Muskeläste sind für ihn nicht beschrieben. [B]

Daraus folgt dreierlei: kein Kennmuskel, keine prüfbare Lähmung, kein Reflexausfall. Eine isolierte Schädigung zeigt sich allein an der Haut. [I]

Herkunft Kapitel 1: anatomische Standardwerke, geprüft über die Angaben der Fachartikel (Standring/Gray’s und Schünke/Prometheus nicht eingesehen, siehe 18.2); Ursprungsverteilung nach der Sezierstudie von 2025 (nur Zusammenfassung); Varianten nach Tubbs et al. 2017 und Chabot et al. 2021.


2. Verlauf und Nachbarschaft

2.1 Der gemeinsame Austritt: Punctum nervosum

Alle vier Hautäste des Plexus cervicalis treten am Hinterrand des Musculus sternocleidomastoideus hervor, etwa am Übergang vom oberen zum mittleren Drittel. Diese Stelle heißt Punctum nervosum, zu Deutsch Nervenpunkt. [B]

Die vier Äste sind der Nervus occipitalis minor, der Nervus auricularis magnus, der Nervus transversus colli und die Nervi supraclaviculares. [B]

Punctum nervosum ist nicht dasselbe wie der Erb-Punkt

Beide Bezeichnungen werden in der Literatur häufig gleichgesetzt. Eine anatomische Übersichtsarbeit weist darauf hin, dass sie verschiedene Orte meinen und die Gleichsetzung in die Irre führt.

Der Erb-Punkt wurde als oberflächlicher Punkt zwei bis drei Zentimeter über dem Schlüsselbein beschrieben, in Höhe des Tuberculum caroticum und etwas außerhalb des Hinterrands des Musculus sternocleidomastoideus. Das Punctum nervosum liegt deutlich weiter oben.

2.2 Der Aufstieg

Der Nerv krümmt sich um den Nervus accessorius herum und zieht vor ihm vorbei. [B]

Danach steigt er am Hinterrand des Musculus sternocleidomastoideus zum Schädel auf. [B]

Nahe am Schädel durchbohrt er die tiefe Halsfaszie und zieht an der Kopfseite hinter der Ohrmuschel weiter nach oben. [B]

2.3 Verbindungen zu anderen Nerven

Der Nerv steht in Verbindung mit dem Nervus occipitalis major, dem Nervus auricularis magnus und dem Ramus auricularis posterior des Nervus facialis. [B]

Ein Ohrast versorgt einen Teil der Innenfläche der Ohrmuschel, nach den Standardwerken das obere Drittel der dortigen Haut. Dieser Ast kann auch aus dem Nervus occipitalis major stammen. [B]

Seltener ist eine Verbindung zum Nervus auriculotemporalis beschrieben, einem Ast des Nervus trigeminus. Eine ältere Untersuchung fand sie bei 2 von 19 Präparaten; ein Einzelfallbericht beschreibt ein Verbindungsästchen von 0,4 Millimetern Dicke, das über dem Ohr verläuft. [B]

Diese Verbindung ist anatomisch bemerkenswert: Sie verbindet Halsnervengeflecht und Nervus trigeminus bereits in der Peripherie, nicht erst über ihre gemeinsame Verschaltung im Zentralnervensystem. Abschnitt 13.4 kommt darauf zurück. [I]

Wo Verbindungen bestehen, gehört ein Hautfeld selten nur einem Nerv. Ein Ausfall zeigt sich dann kleiner, als die Lehrbuchkarte erwarten lässt. [I]

2.4 Der kritische Nachbar

Der Nervus accessorius verläuft im seitlichen Halsdreieck oberflächlich und liegt dem Nervus occipitalis minor unmittelbar benachbart. [B]

Der Abstand zum Nervus auricularis magnus betrug in einer Vermessung im Mittel 16,62 ± 10,59 Millimeter, mit einer Spanne von 0 bis 43,40 Millimeter. [B]

Eine Spanne, die bei null beginnt, heißt: Beide Nerven können gemeinsam austreten. Ein Abstand ist dann kein Unterscheidungsmerkmal mehr. [I]

Eine Arbeit hat alle drei Nerven gegen dieselben zwei Bezugslinien vermessen. Das macht die Zahlen untereinander vergleichbar. [B]

Nervseitlich der Mittellinieunterhalb der Querlinie
Nervus occipitalis minor7,5 ± 1,31 cm8,47 ± 1,11 cm
Nervus accessorius7,17 ± 1,15 cm7,77 ± 1,10 cm
Nervus auricularis magnus8,33 ± 1,31 cm9,4 ± 1,07 cm
Tabelle 1: Austrittspunkte dreier Nerven gegen dieselben Bezugslinien, nach Amirlak et al. 2020, sechs Hälse. Querlinie durch die vordersten oberen Punkte der äußeren Gehörgänge.

Die drei Austrittspunkte liegen innerhalb eines Bereichs von etwa einem Zentimeter beieinander, und die Streuung jedes einzelnen ist größer als der Abstand zwischen ihnen. Wer einen der drei sucht, findet im selben Feld auch die beiden anderen. [I]

Herkunft Kapitel 2: anatomische Standardwerke; Punctum nervosum nach Tubbs et al. 2007; Abgrenzung zum Erb-Punkt nach der anatomischen Übersichtsliteratur zum seitlichen Halsdreieck; Abstandsmaße nach Saglam et al. 2024 und Amirlak et al. 2020; Verbindung zum Nervus auriculotemporalis nach Becser et al. 1998 und Gebara et al. 2022.


3. Bauformen und Äste

Der Nervus occipitalis minor gilt als der veränderlichste der drei Hinterhauptsnerven. [B]

3.1 Die Einteilungen

TypVerlaufAnteil (48 Seiten)
Typ 1Tritt am Hinterrand des Musculus sternocleidomastoideus hervor, zieht über den Muskel und teilt sich dort auf; einzelne Äste laufen nach vorn über den Muskel.30 Seiten (62,5 %)
Typ 2Tritt am Hinterrand hervor, zieht über Musculus splenius capitis und Musculus levator scapulae und erreicht die Kopfhaut zwischen Trapezius und Sternocleidomastoideus.12 Seiten (25 %)
Typ 3Teilt sich bereits vor dem Austritt in zwei Hauptäste, die den Hinterrand des Muskels getrennt umrunden.6 Seiten (12,5 %)
Tabelle 2: Typeneinteilung nach Saglam et al. 2024, 24 Leichname, 48 Halsseiten. Die Typen sind Bauformen, keine Befunde.

Eine frühere Einteilung an zehn Leichnamen unterschied nur zwei Typen: einen nahe am Hinterrand des Muskels verlaufenden mit 60 Prozent und einen zum Hinterhaupt abbiegenden mit 40 Prozent. [B]

Eine dritte Arbeit teilt nach einem ganz anderen Merkmal ein: einästig bei 17,5 Prozent, mehrästig bei 82,5 Prozent, unter den mehrästigen überwiegend dreiästig. [B]

Die Typenzahl hängt also vom Raster ab, nicht nur vom Bau. Wer zwei Typen zählt, wer drei zählt und wer nach der Zahl der Äste einteilt, beschreibt dieselben Nerven auf drei Arten. Die Einteilungen lassen sich nicht ineinander übersetzen. [I]

3.2 Astzahl und Abweichungen vom Regelweg

In der Vermessung an 48 Seiten fanden sich zwei bis neun Äste. Der mittlere Wert der Rangreihe, der Median, lag bei drei. [B]

Eine ältere Arbeit an 19 Kopfhälften zählte dreizehnmal zwei Äste, dreimal drei, zweimal vier und einmal fünf; zwei Nerven lagen doppelt an. [B]

Ein Einzelfallbericht beschreibt eine dreifache Anlage. [B]

Eine Arbeit an 30 Nerven fand bei vier von ihnen – 13,3 Prozent – einen Durchtritt durch den Musculus sternocleidomastoideus statt eines Verlaufs an dessen Hinterrand. [B]

Eine weitere Arbeitsgruppe hält fest, dass der Nerv den Muskel weiter oben kreuzt als vielfach angenommen und dass er dem Nervus occipitalis major näher kommt, als die Literatur nahelegt. [B]

Für jeden Eingriff heißt das: Die Zahl der Äste ist nicht vorhersagbar. Wer einen Ast darstellt, hat den Nerv noch nicht vollständig dargestellt. [I]

Hat dieser Nerv überhaupt einen Hauptstamm?

Ein Teil der Literatur spricht vom Hauptstamm des Nervs und misst dessen Lage. Eine Sezierstudie kommt zum gegenteiligen Schluss: Der Nerv sei überwiegend strauchartig gebaut und habe gar keinen Hauptstamm.

Der Widerspruch bleibt offen. Er hat eine praktische Seite: Wo es keinen Hauptstamm gibt, trifft eine Maßangabe für den Hauptstamm auch nichts.

3.3 Beschriebene Engstellen

  • Faszienzüge im Verlauf
  • die Nackenlinie, wo der Nerv die Faszie kreuzt
  • Kreuzungsstellen mit Ästen der Arteria occipitalis
  • ein sehnig begrenzter Tunnel am oberen Teil des Musculus sternocleidomastoideus, auf einer von 48 Seiten gefunden

Eine Enge ist eine Bauform, kein Befund

Alle genannten Engstellen stammen aus Untersuchungen an Verstorbenen. Die Autoren der größten dieser Arbeiten halten als Einschränkung ausdrücklich fest, dass zu ihren Präparaten keine Angaben zum Beschwerdebild vorlagen.

Damit ist offen, ob die beschriebenen Engstellen bei Lebenden mit Schmerzen häufiger vorkommen als bei Lebenden ohne Schmerzen. Wer eine Enge findet, hat eine Bauform gefunden.

Herkunft Kapitel 3: Saglam et al. 2024; Tubbs et al. 2016; Dash et al. 2005; Ducic et al. 2009; Pantaloni & Sullivan 2000; Madhavi & Holla 2004; Peled et al. 2016; Lee et al. 2013.


4. Maße und Landmarken

Mehrere Arbeitsgruppen haben den Austrittspunkt des Nervs vermessen, jede gegen andere Bezugslinien. [B]

Die Zahlen stehen deshalb nebeneinander und werden nicht zusammengefasst.

Häufigster Bezugspunkt ist die Protuberantia occipitalis externa, der tastbare Höcker in der Mitte des Hinterhaupts. [B]

Eine systematische Übersichtsarbeit von 2025 hat 13 Arbeiten mit zusammen 526 Nerven zusammengetragen und die Verzerrungsgefahr jeder Einzelarbeit geprüft. Ihr Ergebnis zur Methodik: Die eingeschlossenen Arbeiten sind von unterschiedlicher Qualität und in ihrem Vorgehen uneinheitlich; weitere Untersuchungen seien nötig. [B]

ArbeitBezugspunktMesswert
Dash et al. 2005 (30 Nerven)hintere Mittellinie; Querlinie durch die tiefsten Punkte der äußeren Gehörgänge65,4 ± 11,6 mm; 53,3 ± 15,6 mm
Tubbs et al. 2007 (12 Leichname)Protuberantia occipitalis externa; Spitze des Warzenfortsatzesrund 7 cm seitlich; rund 3 cm medial
Ducic et al. 2009 (112 Patienten, 13 Leichname)Protuberantia occipitalis externabei 85 % rund 3 cm unterhalb, am Hinterrand des Muskels
Lee et al. 2013 (10 Leichname)hintere Mittellinie; Querlinie durch die vordersten oberen Punkte der äußeren Gehörgänge6,4 ± 1,4 cm; 0,5 ± 0,9 cm
Peled et al. 2016 (15 Nerven)hintere Mittellinie und Querlinie durch die Protuberantia, Zone 1 (Austritt)6,3 ± 1,37 cm; 7,8 ± 1,84 cm
Tubbs et al. 2016 (20 Seiten)Protuberantia occipitalis externa6,8 cm seitlich
Khavanin et al. 2018 (14 Nerven)Warzenfortsatz45,2 mm
Shin et al. 2018 (70 Seiten)Linie Protuberantia occipitalis externa – unterster Punkt des Warzenfortsatzeskreuzt das seitliche Drittel, im Mittel 33,9 mm
Amirlak et al. 2020 (6 Hälse)hintere Mittellinie; Querlinie durch die äußeren Gehörgänge7,5 ± 1,31 cm; 8,47 ± 1,11 cm
Saglam et al. 2024 (48 Seiten)Senkrechte und Waagerechte durch die Protuberantia occipitalis externa63,69 ± 11,28 mm; 78,83 ± 17,21 mm
Tabelle 3: Vermessungen des Austrittspunkts, geordnet nach Erscheinungsjahr. Einheit wie angegeben, Streuung als Standardabweichung.

Warum diese Zahlen nicht verrechnet werden dürfen

Die Arbeitsgruppen verwenden verschiedene Bezugslinien. Die Autoren der Vermessung von 2024 halten ausdrücklich fest, dass es zu den Messgrößen keinen Konsens gibt.

Der Abstand zur Senkrechten durch die Protuberantia stimmt zwischen den Arbeiten weitgehend überein. Der Abstand zur Waagerechten stimmt nicht überein; als mögliche Gründe nennen die Autoren unterschiedliche Stichproben und Bevölkerungen.

Ein Mittelwert über alle Zeilen dieser Tabelle wäre eine Zahl ohne Gegenstand.

4.1 Zwei belastbare Befunde aus der Streuung

Der Austrittspunkt liegt bei Männern signifikant weiter von der Mittellinie entfernt als bei Frauen (p = 0,027). [B]

Bis zur ersten Aufzweigung legt der Nerv im Mittel 31,24 ± 15,95 Millimeter zurück. [B]

Beide Werte tragen dieselbe Aussage: Eine einzige Zahl beschreibt diesen Nerv nicht. Wer nach ihm sucht, sucht in einem Feld, nicht an einem Punkt. [I]

Herkunft Kapitel 4: die in der Tabelle genannten Arbeiten, zusammengetragen in den Übersichten von Saglam et al. 2024 und Duchniewicz et al. 2025.


5. Kennmuskel und weitere Muskeln

Der Nerv hat keinen Kennmuskel, weil er keinen Muskel versorgt. [B]

Ein Kennmuskel ist ein Muskel, an dem sich die Funktion eines bestimmten Nervs oder Segments gezielt prüfen lässt. Ein rein sensibler Nerv kann keinen haben. [I]

Damit entfällt jede motorische Prüfung. Kraft, Bewegungsumfang und Muskelspannung sagen nichts über den Zustand dieses Nervs aus. [I]

Korrektur zur Vorfassung: Muskelfolgen

Die Vorfassung stellte richtig fest, dass es keinen Kennmuskel gibt. Sie fügte dann aber an, eine Reizung könne „indirekt zu Spannungen im Bereich des Nackens“ führen und Nackenmuskeln könnten „durch ständigen Schmerzreiz verspannen“.

Für diese Kette wird keine Quelle genannt, und sie ist auch nicht belegt. Sie füllt einen Abschnitt, den die Seitenvorlage verlangt. Der Abschnitt bleibt hier leer, weil er leer ist.

Herkunft Kapitel 5: anatomische Standardwerke.


6. Ganglien

6.1 Das Spinalganglion

Jede sensible Faser hat ihren Zellkörper in einem Spinalganglion, dem Nervenknoten an der hinteren Wurzel. [B]

Für den Nervus occipitalis minor sind das die Spinalganglien von C2, je nach Faserzusammensetzung zusätzlich das von C3. [I]

Korrektur zur Vorfassung: Ganglien

Die Vorfassung schrieb, der Nerv verlaufe „ohne direkte Verbindung zu spezifischen Ganglien, da er nur sensorische Funktionen besitzt“.

Die Begründung dreht die Sache um. Gerade weil der Nerv sensibel ist, hat er zwingend ein Spinalganglion. Ohne Spinalganglion gäbe es keine sensible Faser.

6.2 Vegetative Ganglien

Ein eigenes vegetatives Ganglion hat der Nerv nicht. [B]

Präganglionäre sympathische Fasern führt er ebenfalls nicht. Der sympathische Ursprung beginnt bei Th1; die Halssegmente haben daran keinen Anteil. [B]

Postganglionäre sympathische Fasern für Hautgefäße, Schweißdrüsen und Haarbalgmuskeln laufen wie in jedem Hautnerv mit. Sie stammen aus dem Grenzstrang, für den Kopf aus dem Ganglion cervicale superius, und schließen sich dem Nerv erst peripher an. [B]

Der Nerv ist also nicht vegetativ „stumm“, aber er ist auch kein vegetativer Nerv. Was an vegetativen Fasern mitläuft, gehört einem anderen System an. [I]

Herkunft Kapitel 6: neuroanatomische Standardwerke.


7. Sklerotome

Ein Sklerotom ist das tiefe Gewebe eines Segments: Knochen, Bänder, Gelenkkapseln, Knochenhaut. [B]

Ein Sklerotom gehört damit zu einem Segment, nicht zu einem einzelnen peripheren Nerv. Die Frage „Welches Sklerotom hat der Nervus occipitalis minor?“ ist falsch gestellt. [I]

Der Nerv selbst versorgt Haut. Knochen oder Gelenke versorgt er nicht. [B]

Die sachlich richtige Frage lautet: Welche tiefen Gewebe gehören zu C2 und C3? Diese Frage wird auf den Segmentseiten beantwortet. [I]

Korrektur zur Vorfassung: Verwechslung von Nerv und Segment

Die Vorfassung schrieb, für den Nerv sei „keine spezifische Innervation der Knochen dokumentiert, da seine Funktion auf die Haut beschränkt ist“.

Im Ergebnis stimmt das, in der Begründung nicht. Sie behandelt das Sklerotom als eine Eigenschaft des Nervs. Es ist eine Eigenschaft des Segments.

Herkunft Kapitel 7: entwicklungsgeschichtliche und neuroanatomische Standardwerke.


8. Enterotome und Viszerotome

Der Nervus occipitalis minor führt keine viszeralen Afferenzen, also keine Fasern aus inneren Organen. [B]

Ohne viszerale Fasern gibt es keine Organzuordnung. Ein Enterotom oder Viszerotom lässt sich für diesen Nerv nicht bestimmen – nicht, weil es noch niemand untersucht hätte, sondern weil die Voraussetzung fehlt. [I]

Diese Lücke ist eine Aussage

Ein leerer Abschnitt ist hier kein Mangel der Recherche. Er hält fest, dass die Voraussetzung für die Frage nicht gegeben ist.

Die drei folgenden Abschnitte – Bindegewebszonen, Head-Zonen, Mackenzie-Zonen – hängen alle an dieser Stelle. Zwei von ihnen setzen viszerale Afferenzen ausdrücklich voraus.

Herkunft Kapitel 8: neuroanatomische Standardwerke.


9. Hautgebiet und Dermatom

9.1 Was der Nerv versorgt

Der Nerv versorgt die Haut der Hinterohrgegend, also des seitlichen Hinterkopfs hinter dem Ohr. [B]

Eine Sezierstudie ergänzt: die Haut über dem oberen Teil des Musculus sternocleidomastoideus und über dem oberen Teil des seitlichen Halsdreiecks. [B]

Dazu kommt der Ohrast für einen Teil der Innenfläche der Ohrmuschel, nach den Standardwerken das obere Drittel. [B]

Wie viel des Ohrs dieser Nerv versorgt, schwankt beträchtlich. Den größeren Teil der Ohrsensibilität trägt in der Regel der Nervus auricularis magnus; in 5 von 19 Präparaten einer Untersuchung entfielen jedoch zwei Drittel oder mehr auf den Nervus occipitalis minor. [B]

Für die Abgrenzung heißt das: Ein betroffenes Ohr spricht nicht zuverlässig gegen diesen Nerv. [I]

9.2 Hautgebiet ist nicht Dermatom

Das Hautgebiet eines peripheren Nervs und das Dermatom einer Wurzel sind zwei verschiedene Karten. Das Dermatom ist das Hautgebiet einer Wurzel, das Nervengebiet das Versorgungsfeld eines Nervs. [B]

Das Feld des Nervus occipitalis minor ist ein Ausschnitt aus dem Dermatom von C2, je nach Faserherkunft auch aus dem von C3. Ein eigenes Dermatom hat er nicht. [I]

Korrektur zur Vorfassung: Überschrift und Sache

Die Vorfassung führt den Abschnitt als „Dermatome“ und beschreibt darunter das Nervengebiet. Das ist die häufigste Verwechslung auf Nervenseiten überhaupt.

Hier trägt der Abschnitt darum beide Begriffe im Titel und trennt sie im Text.

9.3 Die Nachbarfelder

NervHerkunftHautgebiet
Nervus occipitalis majorhinterer Ast C2Hinterhaupt von der Mittellinie bis zum Scheitel, größtes Feld
Nervus occipitalis minorvorderer Ast C2, teils C3 (Plexus cervicalis)seitlicher Hinterkopf hinter dem Ohr, oberer Teil der Ohrmuschelinnenfläche
Nervus auricularis magnusvordere Äste C2 und C3 (Plexus cervicalis)Ohrmuschel einschließlich Läppchen und Haut über dem Kieferwinkel, unterhalb des Feldes des Nervus occipitalis minor
Nervus occipitalis tertiushinterer Ast C3schmaler Streifen nahe der Mittellinie, unterhalb des Nervus occipitalis major
Tabelle 4: Nachbarfelder am Hinterkopf. Geordnet nach Höhe des Nervenaustritts, bei gleicher Höhe nach Nervenname.

Die Felder überlappen. Wo zwei Nerven miteinander verbunden sind – wie hier mit dem Nervus occipitalis major und dem Nervus auricularis magnus – fällt bei Ausfall eines Nervs weniger aus, als die Karte vermuten lässt. [I]

9.4 Was eine Störung zeigt

  • Taubheit oder vermindertes Empfinden im Feld hinter dem Ohr
  • Kribbeln oder Missempfindungen im selben Feld
  • Berührungsschmerz bei sonst harmloser Berührung von Haut oder Haaren
  • Druckschmerz über dem Nervenverlauf am Hinterrand des Kopfwendermuskels

Die ersten drei Punkte folgen unmittelbar aus dem sensiblen Charakter des Nervs; der vierte ist Bestandteil der Kriterien für die Okzipitalneuralgie, siehe Kapitel 13. [I]

Herkunft Kapitel 9: anatomische Standardwerke; Versorgungsgebiet ergänzend nach der zitierten Sezierstudie; Kriterien nach ICHD-3.


10. Bindegewebszonen

Das Modell der Bindegewebszonen geht auf Elisabeth Dicke zurück. Es ordnet Veränderungen der Unterhaut bestimmten Organen und Segmenten zu. [H]

Für die Nackenregion beschreibt das Modell Spannungs- und Einziehungszonen an der Schädelbasis. [H]

Kontrollierte Untersuchungen, die eine Zuordnung solcher Zonen zum Nervus occipitalis minor oder zu einem der beteiligten Segmente stützen, liegen nicht vor. Die Übereinstimmung verschiedener Untersucher bei der Befunderhebung ist gering. [I]

Korrektur zur Vorfassung: Bindegewebszonen

Die Vorfassung beschrieb Bindegewebszonen „im Bereich von Übergangsgeweben zwischen Muskeln und Haut“ entlang des Nervenverlaufs.

Das ist keine Beschreibung des Modells, sondern eine allgemeine Aussage über Gewebeschichten, die für jeden Hautnerv gälte. Das Modell selbst arbeitet mit Organbezügen, nicht mit Nervenverläufen.

Herkunft Kapitel 10: historisches Befundmodell, als solches gekennzeichnet.


11. Head-Zonen

Head-Zonen sind Hautfelder, in denen der Schmerz eines inneren Organs wahrgenommen wird. Henry Head beschrieb sie um 1893. [H]

Das Modell setzt zweierlei voraus: viszerale Afferenzen im betreffenden Segment und ein zugehöriges Hautfeld. [B]

Das Hautfeld ist beim Nervus occipitalis minor vorhanden, die viszerale Afferenz nicht. Damit ist eine Head-Zone für diesen Nerv nicht bestimmbar und in der Literatur auch nicht bestimmt. [I]

Korrektur zur Vorfassung: der Schmerz kreist

Die Vorfassung schrieb, der Bereich des Nervs könne „auch in Head-Zonen reflektieren“, und beschrieb dann Schmerzen, die sich „über das Hinterhaupt bis in den oberen Nacken“ ausbreiten.

Das ist ein Kreis: Der Schmerz wird vom Hinterhaupt ins Hinterhaupt übertragen. Eine Head-Zone verlangt ein Organ am Anfang der Kette. Hier fehlt es.

Was tatsächlich vorkommt, ist etwas anderes: übertragener Schmerz aus Muskeln und Kopfgelenken. Er hat einen eigenen Namen und gehört nicht in diesen Abschnitt.

Herkunft Kapitel 11: historisches Modell; Voraussetzungen nach neuroanatomischen Standardwerken.


12. Mackenzie-Zonen

James Mackenzie beschrieb 1909 Muskelzonen, in denen sich Erkrankungen innerer Organe als erhöhte Muskelspannung zeigen sollen. [H]

Wie bei den Head-Zonen fehlt die viszerale Afferenz. Eine Mackenzie-Zone für den Nervus occipitalis minor ist nicht bestimmt. [I]

Drei Namen, die regelmäßig verwechselt werden

James Mackenzie (1853–1925), britischer Internist: Reflexzonenmodell, veröffentlicht 1909. Darum geht es hier.

Robin McKenzie (1931–2013), neuseeländischer Physiotherapeut: Bewegungskonzept aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das mit Richtungspräferenz arbeitet, nicht mit Zonen.

McKenzie-Ast: ein Verbindungsästchen zwischen Nervus accessorius und dem vorderen Ast von C1, benannt nach dem Neurochirurgen Kenneth McKenzie. Ein anatomischer Begriff ohne Bezug zu den beiden anderen.

Korrektur zur Vorfassung: Schreibweise und Sache

Die Vorfassung schrieb „MacKenzie-Zonen“ mit großem K und ordnete ihnen Hautbereiche zu. Das Modell von James Mackenzie beschreibt Muskelzonen, nicht Hautzonen – die Hautzonen sind das Modell von Head.

Beide Modelle brauchen ein Organ. Für diesen Nerv ist keines vorhanden.

Herkunft Kapitel 12: historisches Modell nach Mackenzie, Symptoms and their Interpretation, 1909; McKenzie-Ast nach der anatomischen Literatur zum kraniozervikalen Übergang.


13. Beschwerdebilder

13.1 Okzipitalneuralgie

Die Internationale Kopfschmerzklassifikation führt die Okzipitalneuralgie unter Abschnitt 13.4. Sie ist an das Versorgungsgebiet des Nervus occipitalis major, des Nervus occipitalis minor und des Nervus occipitalis tertius gebunden – einzeln oder in Kombination. [B]

Die Kriterien verlangen der Reihe nach: [B]

  1. Schmerz einseitig oder beidseitig im Gebiet eines oder mehrerer der drei Nerven.
  2. Mindestens zwei von drei Merkmalen: anfallsweise über Sekunden bis Minuten; starke Intensität; schießender, stechender oder scharfer Charakter.
  3. Beides zugleich: Missempfindung oder Schmerz bei harmloser Berührung von Kopfhaut oder Haaren und entweder Druckschmerz über den betroffenen Ästen oder Druckpunkte am Nervenaustritt beziehungsweise im Gebiet von C2.
  4. Vorübergehende Linderung durch eine Blockade des betroffenen Nervs mit einem Lokalanästhetikum.
  5. Keine andere Diagnose der Klassifikation, die den Schmerz besser erklärt.

Das dritte Kriterium wird oft zu eng wiedergegeben

Für den zweiten Teil genügt eines von zwei Merkmalen: Druckschmerz über den Ästen oder Druckpunkte am Nervenaustritt. Wer nur das erste prüft, verwirft Fälle, die die Kriterien erfüllen.

13.2 Wie oft dieser Nerv beteiligt ist

In der Literatur kursiert eine Aufteilung, nach der etwa 90 Prozent der Okzipitalneuralgien auf den Nervus occipitalis major entfallen, etwa 10 Prozent auf den Nervus occipitalis minor und ein kleiner Rest auf den Nervus occipitalis tertius. Dieser Satz trägt bewusst kein Kennzeichen.

Diese Zahlen bleiben hier ohne Beleg

Die Aufteilung ließ sich auf keine Primärstudie zurückführen. Sie stammt aus Übersichtstexten, die sie ohne eigene Datengrundlage weitergeben.

Bevölkerungsbezogene Untersuchungen zur Häufigkeit der Okzipitalneuralgie liegen nach übereinstimmender Angabe der Übersichtsliteratur nicht vor.

Sie ist damit keine der drei Aussagearten: nicht belegt, nicht abgeleitet, kein historisches Modell. Deshalb steht sie ohne Kennzeichen.

Wer sie verwendet, verwendet eine Schätzung.

13.3 Schädigung durch Eingriffe

Der praktisch bedeutsamste Schädigungsweg ist der Eingriff in der Umgebung des Nervs. Die Literatur nennt vier Zusammenhänge. [B]

EingriffZusammenhang
Straffung des Gesichts und der HalsregionDer Nerv liegt im Gebiet der Ablösung hinter dem Ohr und kann dort durchtrennt werden.
Mikrovaskuläre Dekompression bei Spasmus hemifacialisDer Erhalt des Nervs verhinderte in einer Langzeituntersuchung die okzipitale Gefühlsstörung nach dem Eingriff.
Retrosigmoidaler Zugang zur hinteren SchädelgrubeBeschriebener Nervenschaden mit anschließender Rekonstruktion; für die Schnittführung wurde eigens eine Abwandlung vorgeschlagen, die Nerv und Arteria occipitalis meidet.
Eingriffe im seitlichen HalsdreieckDer Nerv liegt dort oberflächlich, unmittelbar neben dem Nervus accessorius und dem Nervus auricularis magnus.
Tabelle 5: Eingriffe mit beschriebenem Bezug zum Nervus occipitalis minor.

Das gemeinsame Merkmal aller vier Punkte: Der Nerv liegt oberflächlich und ist klein. Beides zusammen macht ihn leicht übersehbar. [I]

13.4 Warum der Schmerz nach vorn wandern kann

Die Afferenzen aus C1 bis C3 enden im selben Kerngebiet wie die Afferenzen des Nervus trigeminus. Diese Verschaltung heißt trigeminozervikale Konvergenz. [B]

Die Kopfschmerzklassifikation hält deshalb ausdrücklich fest, dass der Schmerz einer Okzipitalneuralgie über diese Verbindungen die Stirn-Augen-Region erreichen kann. [B]

Ein Schmerz vorn am Kopf schließt einen Ursprung hinten am Kopf also nicht aus. [I]

Neben dieser Verschaltung im Hirnstamm und obersten Rückenmark gibt es einen zweiten, unmittelbaren Weg: die in Abschnitt 2.3 genannte Verbindung zum Nervus auriculotemporalis, einem Ast des Nervus trigeminus. Sie ist selten beschrieben und ihre Bedeutung ist ungeklärt. [B]

Beide Wege führen zum selben Befund: Die Grenze zwischen Hinterkopf und Gesicht ist im Nervensystem keine scharfe Grenze. [I]

13.5 Was eine Schädigung dieses Nervs nicht macht

  • keine Lähmung und keine Muskelschwäche
  • keinen Reflexausfall
  • keinen Schwindel, keine Seh- oder Hörstörung
  • keine Beschwerden an inneren Organen

Alle vier Punkte folgen aus dem rein sensiblen Charakter und dem fehlenden viszeralen Anteil. [I]

Was abzugrenzen ist

Die Kopfschmerzklassifikation verlangt ausdrücklich, die Okzipitalneuralgie von zwei anderen Quellen zu unterscheiden: übertragenem Schmerz aus dem Atlantoaxialgelenk oder den oberen Wirbelgelenken, und Schmerz aus druckschmerzhaften Punkten in Nackenmuskeln oder deren Ansätzen.

Beide erzeugen Schmerz am Hinterkopf, ohne dass der Nerv selbst erkrankt wäre. Der Unterschied entscheidet über den Ansatzpunkt. Kapitel 15 führt die Abgrenzung aus.

Herkunft Kapitel 13: ICHD-3, Abschnitt 13.4; Hirata et al. 2020; Andrews et al. 2020; Tubbs et al. 2016; Pantaloni & Sullivan 2000.


14. Eingriffe am Nerv

Was dieses Kapitel ist und was nicht

Es berichtet, was die Fachliteratur zu Eingriffen an diesem Nerv beschreibt.

Es gibt keine Behandlungsempfehlung, keine Indikationsstellung und keine Anleitung.

14.1 Die Blockade als Teil der Diagnose

Die vorübergehende Linderung durch eine Blockade mit einem Lokalanästhetikum ist eines der Kriterien der Okzipitalneuralgie. Die Blockade gehört damit zur Diagnosestellung, nicht nur zur Behandlung. [B]

Ein Kriterium, das einen Eingriff verlangt, hat eine Folge: Ohne Blockade bleibt die Diagnose unvollständig belegt. [I]

14.2 Was die Leitlinie zur Blockade sagt

Die Leitlinie zur Therapie der Migräneattacke und zur Prophylaxe der Migräne (AWMF-Register 030-057, S1, DGN und DMKG; Version 7.1, vollständig überarbeitet am 8. August 2025, gültig bis 7. August 2028) hält fest: Die okzipitale Nervenblockade zeigte in wenigen Studien moderate Effekte in der Kurzzeitbehandlung unter drei Monaten bei chronischer Migräne. Wegen der geringen Nebenwirkungen könne die Anwendung im Einzelfall erwogen werden. Ob Lokalanästhetikum, Steroid oder beides am besten wirkt, ist unklar. Akute Effekte auf einzelne Attacken sind nicht ausreichend untersucht. [B]

Für die invasive Stimulation nennt dieselbe Leitlinie nur die beidseitige Stimulation des Nervus occipitalis major. Sie könne bei therapierefraktärer chronischer Migräne nach Abklärung in einem Kopfschmerzzentrum im Einzelfall erwogen werden. Den Nervus occipitalis minor nennt die Leitlinie in diesem Zusammenhang nicht. [B]

Zwei Einschränkungen zu dieser Fundstelle

Erstens gilt die Aussage der chronischen Migräne, nicht der Okzipitalneuralgie. Für die Okzipitalneuralgie selbst wurde keine gültige deutschsprachige Leitlinie gefunden.

Zweitens spricht die Leitlinie von der okzipitalen Nervenblockade allgemein. Untersucht wurde meist der Nervus occipitalis major; ein eigener Wirksamkeitsnachweis für den Nervus occipitalis minor geht aus der Fundstelle nicht hervor.

14.3 Warum die Bauform für jeden Eingriff zählt

Die Autoren der anatomischen Arbeiten begründen ihre Vermessungen durchweg damit, dass Blockade und Dekompression bei einem Teil der Behandelten ohne Wirkung bleiben, und ziehen daraus den Schluss, die Anatomie des Nervs sei noch nicht vollständig geklärt. [B]

Eine Arbeitsgruppe empfiehlt ausdrücklich, den Nerv bis in seine Endäste darzustellen, weil jeder übersehene Ast eine mögliche Engstelle bleibt. [B]

Eine andere Arbeitsgruppe leitet aus ihrem Befund, der Nerv sei strauchartig und liege oberflächlich, einen anderen Schluss ab: Der Ansatzpunkt einer Blockade gehöre auf die Mitte des Hinterrands des Kopfwendermuskels und dürfe nicht zu tief liegen. [B]

Zwischen diesen Sätzen liegt eine offene Frage: Ob ausbleibende Wirkung an der Bauform liegt oder daran, dass der Nerv gar nicht die Schmerzquelle war, ist damit nicht entschieden. Abschnitt 15.5 greift sie auf. [I]

Herkunft Kapitel 14: ICHD-3; Leitlinie AWMF 030-057, Version 7.1 (2025); Saglam et al. 2024; Peled et al. 2016.


15. Differenzialdiagnostik

Das Hautgebiet dieses Nervs grenzt an drei andere Felder und überlappt mit ihnen. Dieselbe Gegend erhält außerdem übertragenen Schmerz aus Kopfgelenken und Muskeln. [B]

Dieses Kapitel gibt wieder, was die Fachliteratur zur Abgrenzung beschreibt. Es stellt keine Diagnose und gibt keine Behandlungsempfehlung.

15.1 Übersicht: der Leitbefund entscheidet

LeitbefundFührt zuErste Abklärung
Erstmaliger, plötzlicher, heftiger einseitiger Nacken- oder HinterhauptschmerzAbschnitt 15.3sofortige Darstellung der hirnversorgenden Arterien [B]
Bläschen oder Rötung im SchmerzfeldAbschnitt 15.3Betrachtung der Haut [B]
Kurzer Hinterkopfschmerz, ausgelöst durch Husten, Niesen oder PressenAbschnitt 15.4Prüfung gegen die Kriterien des Kopfschmerzes bei Chiari-Malformation Typ I, die den Nachweis der Fehlbildung verlangen [B]
Abgegrenztes Gefühlsdefizit hinter dem OhrAbschnitt 15.2Seitenvergleich der Berührungsempfindung [I]
Anfallsweiser, schießender Schmerz mit Berührungsschmerz der KopfhautAbschnitte 15.4 und 15.5Prüfung gegen die Kriterien der Okzipitalneuralgie [B]
Stechender Schmerz bei plötzlicher Kopfdrehung, dazu Missempfindung der Zunge derselben SeiteAbschnitt 15.4Prüfung gegen die Kriterien des Nacken-Zungen-Syndroms [B]
Tiefer, dumpfer, seitenfester Schmerz ohne Zeigestelle, von Kopfbewegung oder Druck auf Nackenmuskeln abhängigAbschnitte 15.2 und 15.4Untersuchung der Kopfgelenke, Prüfung gegen die Kriterien des zervikogenen Kopfschmerzes [B]
Schmerz im Ohr, der beim Kauen oder Schlucken zunimmtAbschnitt 15.3Untersuchung von Ohr, Kiefergelenk und Rachen [B]
Tabelle 6: Leitbefunde und wohin sie führen. Reihenfolge nach der Dringlichkeit der Abklärung, nicht nach der Häufigkeit.

15.2 Merkmale der Nachbarfelder

Nerv oder QuelleWofür es sprichtWogegen es spricht
Nervus occipitalis majorSchmerz oder Gefühlsstörung nahe der Mittellinie, bis zum Scheitel reichend; Druckpunkt zwischen Mittellinie und WarzenfortsatzEin Feld, das ganz hinter dem Ohr bleibt und die Mittellinie nicht erreicht
Nervus occipitalis minorFeld hinter dem Ohr und über dem oberen Kopfwendermuskel; Druckpunkt am Hinterrand dieses Muskels; oberer Teil der Ohrmuschelinnenfläche mitbetroffenBeteiligung der Mittellinie oder des Scheitels. Das Ohr taugt nicht zur Abgrenzung: sein Anteil daran schwankt stark (Abschnitt 9.1)
Nervus auricularis magnusOhrmuschel einschließlich Läppchen und Haut über dem KieferwinkelEin Feld, das oberhalb der Ohrmuschel zum Hinterkopf zieht
Nervus occipitalis tertiusSchmaler Streifen nahe der Mittellinie, unterhalb des Feldes des Nervus occipitalis majorSeitliche Lage hinter dem Ohr
Obere KopfgelenkeBewegungsabhängigkeit, tiefer und dumpfer Schmerz ohne genaue Zeigestelle, kein HautbefundAnfallsweiser, schießender Schmerz mit Berührungsschmerz der Kopfhaut
Nackenmuskeln und ihre AnsätzeDruckschmerzhafte Punkte im Muskel, die den bekannten Schmerz auslösen; kein neurologischer AusfallAbgegrenztes Gefühlsdefizit im Feld eines einzelnen Nervs
Tabelle 7: Abgrenzungsmerkmale. Geordnet nach Höhe des Nervenaustritts, danach die nicht-nervalen Quellen. Kein Merkmal entscheidet allein.

Die Tabelle ordnet, sie diagnostiziert nicht. Die Felder überlappen, und Verbindungsästchen zwischen den Nerven verwischen die Grenzen zusätzlich. [I]

15.3 Ursachen außerhalb der Nachbarnerven

AbzugrenzenSpricht dafürSpricht dagegenWomit prüfbar
Dissektion einer hirnversorgenden Arterieerstmaliger, plötzlicher, heftiger Schmerz auf einer Seite [B]seit langem gleichbleibende Beschwerden [I]Bildgebung der Halsgefäße [B]
Gürtelrose im Gebiet C2 oder C3brennender Dauerschmerz, Bläschen in einem Hautstreifen [B]kein Hautbefund [I]Betrachtung der Haut [B]
Fortgeleiteter OhrschmerzSchmerz tief im Ohr, Zunahme beim Kauen oder Schlucken [B]Feld bleibt auf die Haut hinter dem Ohr begrenzt [I]Untersuchung von Ohr, Kiefergelenk, Zähnen und Rachen [B]
Erkrankung der Ohrspeicheldrüse oder der Lymphknotentastbare Schwellung unter der Haut des Feldes [I]keine Schwellung, reiner Hautschmerz [I]Tasten, Ultraschall [I]
Tabelle 8: Ursachen, die dieselbe Gegend betreffen und von keinem der Hautnerven ausgehen.

Die erste Zeile entscheidet die Dringlichkeit

Ein erstmaliger, plötzlicher und heftiger einseitiger Schmerz im Nacken oder am Hinterkopf gehört zu den Leitzeichen einer Dissektion. Er verlangt eine sofortige Abklärung der Halsgefäße. [B]

Die übrigen Zeilen entscheiden die Zuordnung. Ein Druckpunkt am Hinterrand des Kopfwendermuskels trennt keine dieser Ursachen ab. [I]

15.4 Vier Kopfschmerzdiagnosen derselben Gegend im Vergleich

Vier Diagnosen der Kopfschmerzklassifikation betreffen den Hinterkopf und den oberen Nacken. Jede hat eigene Kriterien. Die Tabelle stellt sie in derselben Gliederung nebeneinander. [B]

Diagnose (ICHD-3)SchmerzbildAuslöserWas die Diagnose bestätigt
Kopfschmerz bei Chiari-Malformation Typ I (7.7)nach der Beschreibung meist hinterhauptsnah oder darunter, kurz, unter fünf Minuten [B]Husten oder andere Pressmanöver [B]Nachweis der Fehlbildung und ein zeitlicher oder ursächlicher Zusammenhang; die Klassifikation nennt die Kriterien selbst noch nicht validiert [B]
Zervikogener Kopfschmerz (11.2.1)häufig seitenfest, vom Nacken nach vorn ziehend; diese Merkmale sind nach der Klassifikation nicht beweisend [B]Kopfbewegung, Druck auf Nackenmuskeln; eingeschränkte Halsbeweglichkeit [B]Nachweis einer Störung der Halswirbelsäule oder der Halsweichteile und mindestens zwei von vier Belegen des Zusammenhangs, darunter die Aufhebung durch diagnostische Blockade einer Halsstruktur oder ihrer Nervenversorgung [B]
Okzipitalneuralgie (13.4)anfallsweise, Sekunden bis Minuten, schießend oder stechend, im Gebiet eines Hinterhauptsnervs [B]harmlose Berührung von Kopfhaut oder Haaren; Druck über den Ästen [B]vorübergehende Linderung durch Blockade des betroffenen Nervs [B]
Nacken-Zungen-Syndrom (13.5)einseitig, scharf oder stechend, oberer Nacken oder Hinterhaupt, Sekunden bis wenige Minuten; zugleich Missempfindung oder Fehlhaltung der Zunge derselben Seite [B]plötzliche Drehung des Halses [B]mindestens zwei Episoden; keine andere Diagnose erklärt die Beschwerden besser [B]
Tabelle 9: Kriterien nach ICHD-3, geordnet nach Abschnittsnummer der Klassifikation. Die Spalten geben die Kriterien verkürzt wieder; maßgeblich ist der Wortlaut der Klassifikation.

Zwei Merkmale tauchen in mehr als einer Zeile auf: der Druckschmerz und die Wirkung einer Blockade. Beide trennen deshalb nicht zwischen Okzipitalneuralgie und zervikogenem Kopfschmerz. [I]

Die Klassifikation hält fest, dass auch der zervikogene Kopfschmerz migräneartige Begleitzeichen wie Übelkeit, Licht- oder Lärmempfindlichkeit zeigen kann, in der Regel schwächer als bei Migräne. [B]

Trennend wirken dagegen Auslöser, die nur in einer Zeile stehen: Pressen bei der Chiari-Malformation, plötzliche Kopfdrehung mit Zungenbeteiligung beim Nacken-Zungen-Syndrom, harmlose Berührung der Kopfhaut bei der Okzipitalneuralgie. [I]

15.5 Was eine Blockade beweist und was nicht

Die Kriterien der Okzipitalneuralgie verlangen die Linderung durch Blockade des betroffenen Nervs. Die Kriterien des zervikogenen Kopfschmerzes lassen die Aufhebung durch Blockade einer Halsstruktur oder ihrer Nervenversorgung als einen von vier Belegen gelten. [B]

Eine wirksame Blockade bestätigt also, dass das Gebiet am Schmerz beteiligt ist. Sie zeigt nicht, ob der Nerv selbst erkrankt ist oder ob er Schmerz aus einer tieferen Halsstruktur weiterleitet. Regel der Ableitung: Ein Befund, der in zwei Kriteriensätzen vorkommt, trennt diese beiden nicht. [I]

Am Austritt liegen Nervus occipitalis minor, Nervus accessorius und Nervus auricularis magnus innerhalb von etwa einem Zentimeter (Tabelle 1). Ob ein dort gesetztes Mittel nur einen dieser Nerven erreicht, lässt sich aus den Lagedaten nicht ableiten. [I]

Eine Untersuchung, die die Trennschärfe einer gezielten Blockade dieses Nervs prüft, wurde nicht gefunden. Abschnitt 18.3 führt die Lücke.

Herkunft Kapitel 15: anatomische Standardwerke; ICHD-3, Abschnitte 6.5.1.1 (Dissektion), 7.7 (Chiari-Malformation Typ I), 11.2.1 (zervikogener Kopfschmerz), 13.4 (Okzipitalneuralgie) und 13.5 (Nacken-Zungen-Syndrom); fortgeleiteter Ohrschmerz nach Norris und Koontz 2020 (American Journal of Neuroradiology); Lagedaten nach Amirlak et al. 2020.


16. Häufige Fragen

Ist der Nervus occipitalis minor dasselbe wie der Nervus occipitalis major, nur kleiner?

Nein. Die beiden teilen den Namensbestandteil und die Zielregion, sonst nichts. Der major ist ein hinterer Ast von C2 und läuft an der Mittellinie zum Scheitel. Der minor ist ein vorderer Ast, gehört zum Halsnervengeflecht und läuft seitlich hinter dem Ohr.

Sie verbinden sich am Hinterkopf mit Ästchen miteinander. Das macht sie nicht zu Teilen eines Nervs.

Kann eine Störung dieses Nervs Kopfschmerzen erklären?

Die Kopfschmerzklassifikation führt ihn als einen der drei Nerven, an deren Gebiet die Okzipitalneuralgie gebunden ist. Für diese Diagnose müssen aber mehrere Kriterien gleichzeitig erfüllt sein, darunter der anfallsweise, schießende Charakter und die Linderung durch eine Blockade.

Ein dumpfer Dauerschmerz am Hinterkopf erfüllt diese Kriterien nicht. Er hat meist eine andere Quelle.

Wie unterscheiden sich Okzipitalneuralgie und zervikogener Kopfschmerz?

Die Okzipitalneuralgie kommt anfallsweise, schießt ein und wird durch harmlose Berührung der Kopfhaut ausgelöst. Der zervikogene Kopfschmerz ist meist seitenfest, hängt von Kopfbewegung oder Druck auf Nackenmuskeln ab und verlangt den Nachweis einer Störung an der Halswirbelsäule.

Eine wirksame Blockade spricht für beide. Sie trennt die beiden deshalb nicht. Abschnitt 15.4 stellt die Kriterien nebeneinander.

Zu welchem Segment gehört der Nerv?

Die Standardwerke sagen: überwiegend C2, gelegentlich zusätzlich C3. Eine Sezierstudie kommt zu einer anderen Verteilung mit Übergewicht bei C3.

Der Widerspruch bleibt offen. Für die Praxis heißt das: C2 oder C3, nicht sicher eines von beiden.

Warum steht auf dieser Seite kein Kennmuskel?

Weil der Nerv keinen Muskel versorgt. Ein Kennmuskel ist ein Muskel, an dem sich eine Nerven- oder Segmentfunktion prüfen lässt. Bei einem rein sensiblen Nerv gibt es nichts zu prüfen.

Die Vorfassung dieser Seite führte den Abschnitt trotzdem, weil die Seitenvorlage ihn verlangte. Hier bleibt er leer und die Leere wird begründet.

Warum fehlen Head-Zonen und Mackenzie-Zonen?

Beide Modelle setzen voraus, dass ein inneres Organ Schmerz an die Körperwand überträgt. Dazu braucht es Nervenfasern aus dem Organ. Dieser Nerv führt keine.

Ohne diese Voraussetzung lässt sich keine Zone bestimmen. Das ist keine Lücke der Recherche, sondern eine Eigenschaft des Nervs.

Warum schwanken die Zahlenangaben zum Verlauf so stark?

Weil die Arbeitsgruppen gegen verschiedene Bezugslinien messen – mal gegen die Mittellinie, mal gegen den Warzenfortsatz, mal gegen eine Linie durch die Gehörgänge. Einen Konsens über die Messgrößen gibt es nicht.

Dazu kommt die tatsächliche Streuung des Nervs selbst. Beides zusammen ergibt ein Feld, keinen Punkt.


17. Korrekturen gegenüber der Vorfassung

Die Vorfassung folgte der Seitenvorlage der alten Nervenreihe. Neun Fehlermuster dieser Vorlage waren bekannt; sieben davon fanden sich auf dieser Seite.

Nr.VorfassungDiese Fassung
1„Er verläuft dabei durch den Trapezius- und Sternocleidomastoideus-Muskel.“Der Regelfall ist der Aufstieg am Hinterrand des Kopfwendermuskels mit Durchtritt durch die tiefe Faszie. Ein Weg zwischen Trapezius und Kopfwendermuskel ist eine der Bauformen (Typ 2, 25 Prozent); ein Durchtritt durch den Kopfwendermuskel selbst wurde bei 13,3 Prozent gefunden. Beides ist die Ausnahme, nicht die Regel.
2„Der Nervus occipitalis minor entstammt dem Spinalnervenplexus des zweiten Halssegments (C2).“C2, gelegentlich zusätzlich C3. Eine Sezierstudie findet ein Übergewicht bei C3. Der Widerspruch wird ausgewiesen.
3Ganglien: „ohne direkte Verbindung zu spezifischen Ganglien, da er nur sensorische Funktionen besitzt“.Umgekehrt: Gerade weil er sensibel ist, hat er ein Spinalganglion – das von C2, gegebenenfalls zusätzlich C3.
4Sklerotome: keine Knocheninnervation, „da seine Funktion auf die Haut beschränkt ist“.Im Ergebnis richtig, in der Begründung falsch. Das Sklerotom ist eine Eigenschaft des Segments, nicht des Nervs.
5Abschnitt „Dermatome“ beschreibt das Nervengebiet.Hautgebiet und Dermatom werden getrennt. Das Feld dieses Nervs ist ein Ausschnitt aus dem Dermatom C2, teils C3.
6Head-Zonen mit Schmerz, der „über das Hinterhaupt bis in den oberen Nacken“ ausstrahlt.Entfällt. Eine Head-Zone verlangt eine viszerale Afferenz. Der Nerv hat keine. Die Vorfassung beschrieb einen Kreis vom Hinterhaupt ins Hinterhaupt.
7„MacKenzie-Zonen“ mit großem K, als Hautbereiche beschrieben.Schreibweise Mackenzie. Das Modell beschreibt Muskelzonen und verlangt ebenfalls eine viszerale Afferenz. Für diesen Nerv nicht bestimmbar.
8Kennmuskel-Abschnitt mit indirekten Muskelfolgen gefüllt.Der Abschnitt bleibt leer und die Leere wird begründet. Die behauptete Kette vom Schmerzreiz zur Muskelverspannung ist unbelegt.
9Kein Quellenverzeichnis, keine Kennzeichnung der Aussageart.Jede Aussage trägt am Satzende ein Kennzeichen; Kapitel 18 nennt die Quellen und die Lücken.
Tabelle 10: Korrekturen gegenüber der Seite nach der alten Vorlage.

18. Grundlage, Lücken und Quellen

18.1 Wie die Quellen ausgewählt wurden

Zugelassen war belegte hochwertige Fachliteratur: anatomische und neurologische Standardwerke, begutachtete Fachzeitschriften, die Internationale Kopfschmerzklassifikation und gültige Leitlinien mit Registernummer und Gültigkeitsdatum. Webportale, Populärliteratur und ungeprüfte Sekundärquellen waren ausgeschlossen.

Widersprüche zwischen Quellen wurden ausgewiesen, nicht geglättet. Das betrifft drei Stellen: die Segmentherkunft (Kapitel 1), die Frage nach einem Hauptstamm (Kapitel 3) und die Vergleichbarkeit der Maßangaben (Kapitel 4).

18.2 Vorläufig belegte Aussagen

Ein Teil der Grundaussagen trägt ein vorläufiges [B]. Geprüft wurden sie über die Angaben der Fachartikel, die sich ihrerseits auf die Standardwerke berufen – nicht durch Aufschlagen der Werke selbst. Gray’s Anatomy und Prometheus wurden für diese Seite nicht eingesehen.

Betroffen sind die Lehrbuchaussagen zu Ursprung, Verlauf, Faserqualität und Versorgungsgebiet sowie die Merkmale der Gürtelrose in Tabelle 8. Nicht betroffen sind die Angaben aus ICHD-3, aus der Leitlinie und aus den namentlich genannten Untersuchungen – diese wurden unmittelbar geprüft.

18.3 Benannte Lücken

  • Die Häufigkeitsangabe zur Beteiligung dieses Nervs an der Okzipitalneuralgie (rund 10 Prozent) ließ sich auf keine Primärstudie zurückführen.
  • Bevölkerungsbezogene Daten zur Häufigkeit der Okzipitalneuralgie liegen nicht vor.
  • Eine gültige deutschsprachige Leitlinie zur Okzipitalneuralgie wurde nicht gefunden.
  • Ob die beschriebenen Engstellen bei Menschen mit Beschwerden häufiger vorkommen als bei Menschen ohne Beschwerden, ist nicht untersucht.
  • Von der Sezierstudie mit der abweichenden Segmentverteilung lag nur die englischsprachige Zusammenfassung vor, nicht der Volltext.
  • Ob dieser Nerv einen Hauptstamm hat, ist zwischen den Arbeiten strittig (Abschnitt 3.2).
  • Der Anteil dieses Nervs an der Sensibilität der Ohrmuschel ist nur an kleinen Stichproben untersucht.
  • Die Bedeutung der Verbindung zum Nervus auriculotemporalis ist ungeklärt.
  • Eine Untersuchung zur Trennschärfe der Abgrenzungsmerkmale in Tabelle 7 und Tabelle 9 wurde nicht gefunden; ebenso keine zur Trennschärfe einer gezielten Blockade dieses Nervs.
  • Die Kriterien des Kopfschmerzes bei Chiari-Malformation Typ I sind nach Angabe der Klassifikation selbst noch nicht validiert.

18.4 Verwendete Quellen

  • Standardwerke (nicht eingesehen, siehe 18.2): Standring, Gray’s Anatomy, 42. Auflage 2021; Schünke et al., Prometheus; neuroanatomische Standardwerke für die Abschnitte zu Ganglien und Sklerotom.
  • Klassifikation: Headache Classification Committee of the International Headache Society. The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition (ICHD-3). Cephalalgia 2018;38(1):1–211 – Abschnitte 6.5.1.1, 7.7, 11.2.1, 13.4 und 13.5.
  • Leitlinie: Diener HC, Förderreuther S, Kropp P, Reuter U et al. Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. S1-Leitlinie, DGN und DMKG, AWMF-Register 030-057, Version 7.1, vollständig überarbeitet am 8. August 2025, gültig bis 7. August 2028.
  • Übersichtsarbeit: Duchniewicz et al., Folia Morphologica, vorab veröffentlicht im August 2025 (Bandausgabe 2026) – systematische Übersicht mit Metaanalyse zum Nervus occipitalis minor, 13 Arbeiten, 526 Nerven.
  • Anatomie und Vermessung: De Araújo Lucas et al., Clin Anat 1994; Pantaloni & Sullivan, Plast Reconstr Surg 2000; Madhavi & Holla, Clin Anat 2004; Dash et al., Plast Reconstr Surg 2005; Tubbs et al., Clin Anat 2007; Ducic et al., Plast Reconstr Surg 2009; Lee et al., Plast Reconstr Surg 2013; Peled et al., Plast Reconstr Surg Glob Open 2016; Tubbs et al., J Clin Neurosci 2016; Tubbs et al., Br J Neurosurg 2017; Khavanin et al., J Reconstr Microsurg 2018; Shin et al., Clin Anat 2018; Amirlak et al., Plast Reconstr Surg 2020; Chabot et al., Cureus 2021; Saglam et al., Sci Rep 2024; Anatomical and Morphological Structure of the Lesser Occipital Nerve, 2025 (PubMed-Kennung 42660834, nur Zusammenfassung eingesehen).
  • Nervenverbindungen: Becser et al., Spine 1998; Gebara et al., Cureus 2022; Jenkins & Tubbs, Surgical Anatomy of the Cervical Plexus and its Branches, 2022.
  • Eingriffe: Hirata et al., World Neurosurg 2020; Andrews et al., Interdiscip Neurosurg 2020.
  • Fortgeleiteter Ohrschmerz: Norris CD, Koontz NA. Secondary otalgia: referred pain pathways and pathologies. AJNR Am J Neuroradiol 2020;41(12):2188–2198; Korrektur 2021;42(2):E6.
  • Historische Modelle: Head (um 1893); Mackenzie, Symptoms and their Interpretation (1909); Dicke – durchgehend mit [H] gekennzeichnet.

19. Fachbegriffe

BegriffBedeutung
AfferenzNervenfaser, die zum Rückenmark oder Gehirn hinführt
Ansa cervicalisNervenschlinge des Halsnervengeflechts
Chiari-Malformation Typ IFehlbildung, bei der die unteren Kleinhirnanteile durch das Hinterhauptsloch in den Wirbelkanal reichen
DermatomHautgebiet einer Nervenwurzel
DissektionEinriss der inneren Wandschicht einer Arterie
EnterotomZuordnung eines Darmabschnitts zu einem Segment
Fasziebindegewebige Hülle um Muskeln und Organe
Ganglion cervicale superiusoberster Nervenknoten des Grenzstrangs am Hals
GrenzstrangKette sympathischer Nervenknoten neben der Wirbelsäule
LeitbefundBefund, der die Richtung der weiteren Abklärung vorgibt
LokalanästhetikumMittel zur örtlichen Betäubung
Medianmittlerer Wert einer der Größe nach geordneten Reihe
Musculus levator scapulaeSchulterblattheber
Musculus splenius capitisRiemenmuskel des Kopfes
Musculus sternocleidomastoideusKopfwendermuskel
Musculus trapeziusKapuzenmuskel
Nacken-Zungen-Syndromkurze Schmerzattacken im oberen Nacken mit Missempfindung der Zunge derselben Seite, ausgelöst durch plötzliche Kopfdrehung
Nervus auriculotemporalisAst des Nervus trigeminus für Schläfe und Ohrgegend
Okzipitalneuralgieanfallsweiser Nervenschmerz im Gebiet der Hinterhauptsnerven
Plexus cervicalisHalsnervengeflecht aus den vorderen Ästen der oberen Halsnerven
PressmanöverDruckerhöhung im Brust- und Bauchraum, etwa beim Husten, Niesen oder Pressen (Valsalva-Manöver)
Protuberantia occipitalis externatastbarer Höcker in der Mitte des Hinterhaupts
Punctum nervosumgemeinsamer Austrittspunkt der Hautäste des Halsnervengeflechts
RamusAst eines Nervs
Sklerotomtiefes Gewebe eines Segments: Knochen, Bänder, Kapseln, Knochenhaut
SpinalganglionNervenknoten an der hinteren Wurzel mit den Zellkörpern der sensiblen Fasern
Trigeminozervikale Konvergenzgemeinsames Kerngebiet für Fasern aus Gesicht und oberem Hals
ViszerotomZuordnung eines inneren Organs zu einem Segment
WarzenfortsatzKnochenvorsprung hinter dem Ohr, lateinisch Processus mastoideus
Zervikogener KopfschmerzKopfschmerz, der von einer Störung der Halswirbelsäule oder der Halsweichteile ausgeht
Tabelle 11: Fachbegriffe dieser Seite, alphabetisch.

Lesart dieser Seite

Diese Seite ist ein Fachtext: mit Kürzeln, mit Messwerten und mit benannter Quelle je Aussage. Jede Aussage trägt am Ende ein Kennzeichen. [B] steht für belegt, [I] für eine aus belegten Angaben abgeleitete Interpretation, [H] für ein geschichtliches Modell ohne kontrollierten Nachweis.

In den Messtabellen mit Quellenspalte sind alle Zahlen belegt [B]; wo eine Zeile davon abweicht, steht das Kennzeichen in der Zeile selbst. In Tabellen mit eigener Kennzeichenspalte gilt das Kennzeichen für die ganze Zeile. Rohwert und Deutung stehen getrennt: Messwerte in den Tabellen, die Einordnung im Fließtext darunter. Ein Absatz ohne Kennzeichen ist ein Hinweis zur Darstellung oder zum Vorgehen, keine Sachaussage.

Ausgenommen sind die Kurzfassung am Seitenanfang und die Häufigen Fragen. Sie fassen Aussagen des Textes zusammen und tragen deshalb kein eigenes Kennzeichen; die Belege stehen an der jeweiligen Stelle im Text.

V 1.2

  • geändert: Lesart der Kennzeichen als einheitlicher Abschnitt „Lesart dieser Seite“ ans Seitenende gesetzt; am Seitenanfang steht nur noch ein Verweis darauf.
  • warum: reihenweite Vorgabe vom 5. Oktober 2026; dieselbe Lesart steht auf jeder Seite an derselben Stelle.
  • ersetzt: V 1.1.

V 1.1

  • geändert: Differenzialdiagnostik um den Kriterienvergleich von vier Kopfschmerzdiagnosen (Abschnitt 15.4, Tabelle 9) und um die Aussagekraft der Blockade (Abschnitt 15.5) erweitert; Leitbefundtabelle um zwei Zeilen ergänzt; Quelle des fortgeleiteten Ohrschmerzes berichtigt (Norris und Koontz 2020 statt Adams et al. 2020); Leitlinie AWMF 030-057 auf Version 7.1 mit Gültigkeit bis 7. August 2028 gestellt; Mackenzie auf 1909 und Robin McKenzie auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts berichtigt; Seite zum Nervus occipitalis tertius in Tabelle 4 und 7 verlinkt; Standardwerke als nicht eingesehen ausgewiesen; doppelte Hauptüberschrift, interne Arbeitsvermerke und der Tippfehler „Rotätung“ entfernt.
  • warum: Korrekturliste vom 3. Oktober 2026; die Differenzialdiagnostik ist Schwerpunkt der Reihe und verglich bisher keine Kriterien.
  • ersetzt: V 1.0.

V 1.0

  • geändert: Kapitel 15 heißt jetzt Differenzialdiagnostik und beginnt mit der Leitbefundtabelle; die bisherige Abgrenzungstabelle steht als Abschnitt 15.2, neu hinzu kommt Abschnitt 15.3 mit den Ursachen außerhalb der Hautnerven.
  • warum: Das Kapitel verglich bisher nur die Nachbarnerven und ließ die dringlichen Ursachen derselben Gegend aus.
  • ersetzt: V 0.2 vom 13. September 2026.

V 0.2

  • geändert: Vier neue Belege aufgenommen, zwei Widersprüche neu ausgewiesen, vier eigene Fehler der V 0.1 berichtigt.
  • warum: Die V 0.1 hatte die Abgrenzung über das Ohr zu sicher dargestellt, den Median als Mittelwert bezeichnet, den Durchtritt durch den Kopfwendermuskel unterschlagen und die Grenze der chinesischsprachigen Quelle nicht benannt.
  • ersetzt: V 0.1 vom selben Tag.