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Nervi clunium medii

Die Nervi clunium medii (mittlere Gesäßnerven) sind Hautnerven aus den hinteren Ästen der Kreuzbeinnerven S1 bis S3. [B] Sie treten aus den hinteren Kreuzbeinlöchern, ziehen etwa waagerecht unterhalb des hinteren oberen Darmbeinstachels nach außen und versorgen die Haut über dem Kreuzbein und dem inneren Gesäß. [B]

Klinisch bedeutsam sind sie, weil ihre Äste unter dem langen hinteren Kreuz-Darmbein-Band eingeklemmt werden können. [B] Der Schmerz sitzt dann neben dem Kreuzbein und ähnelt dem Schmerz des Kreuz-Darmbein-Gelenks; diese Abgrenzung ist der Schwerpunkt der Seite. [B]

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Nerven führen nur Empfindung; sie versorgen keinen Muskel und tragen keinen Reflex. [B]
  • In einer Sezierreihe liefen 16 % der Äste unter dem langen hinteren Kreuz-Darmbein-Band hindurch; in 13 % der Präparate war ein Ast dort sichtbar eingeschnürt. [B]
  • Die Einklemmung ahmt den Schmerz des Kreuz-Darmbein-Gelenks nach; bei Patienten, deren Gelenkbehandlung versagte, half in einer Reihe die Behandlung dieser Nerven. [B]
  • Die gezielte Betäubung am Druckpunkt ist das wichtigste diagnostische Mittel. [B]
  • Wichtigste Abgrenzungen: Kreuz-Darmbein-Gelenk, obere Nn. clunium, Wurzel S1 und Bandscheibenvorfall, N. perforans cutaneus. [I]

Schwerpunkt dieser Seite ist die Differenzialdiagnostik in den Kapiteln 8 bis 13. Die Kennzeichen [B], [I] und [H] erklärt der Abschnitt Lesart dieser Seite.

Teil A · Überblick

1. Kurzbild

MerkmalAngabeKennzeichen
Fasern aushintere Äste von S1 bis S3; in einer Sezierreihe Äste aus S1 bis S4, am häufigsten aus S2[B]
Abgangseitliche Äste der hinteren Kreuzbeinäste, die hinter dem Kreuzbein Schlingen bilden[B]
Faserartrein empfindend; kein Muskel, kein Reflex[B]
ZielgebietHaut über dem Kreuzbein und dem hinteren inneren Gesäß; feine Äste zum Kreuz-Darmbein-Gelenk[B]
Leitzeichen einer SchädigungSchmerz neben dem Kreuzbein unterhalb des hinteren oberen Darmbeinstachels, oft im Sitzen, mit Druckschmerz am langen hinteren Kreuz-Darmbein-Band[B]
Wichtigste AbgrenzungenKreuz-Darmbein-Gelenk, obere Nn. clunium, Wurzel S1, N. perforans cutaneus (Kapitel 9 bis 13)[I]
Tabelle 1: Kerndaten der Nervi clunium medii. Reihenfolge: von der Herkunft zum klinischen Bild. Maße stehen in Kapitel 19.

Die zugehörigen Segmentseiten sind Segment S1, Segment S2 und Segment S3.

Herkunft: Standring, Gray’s Anatomy; Konno et al. 2017; Matsumoto et al. 2019. Die Abgrenzungen sind aus den Kapiteln 9 bis 13 abgeleitet.

2. Verlauf in Kürze

Die hinteren Äste der Kreuzbeinnerven treten durch die hinteren Kreuzbeinlöcher aus und teilen sich in innere und seitliche Äste. [B] Die seitlichen Äste verbinden sich hinter dem Kreuzbein zu Schlingen; aus ihnen gehen die mittleren Gesäßnerven hervor. [B]

  1. Hinter dem Kreuzbein: Die seitlichen Äste von L5 bis S4 bilden Schlingen, in denen jeder Ast Fasern benachbarter Segmente führt. [B]
  2. Am langen hinteren Kreuz-Darmbein-Band: Die Äste ziehen meist über das Band hinweg, ein Teil unter ihm hindurch. [B]
  3. Zur Haut: Sie ziehen etwa waagerecht unterhalb des hinteren oberen Darmbeinstachels nach außen und durchbrechen die Faszie des M. gluteus maximus. [B]

Herkunft: Standring, Gray’s Anatomy; Konno et al. 2017.

3. Versorgungsgebiet

  • Haut: über dem Kreuzbein und dem hinteren inneren Gesäß. [B]
  • Kreuz-Darmbein-Gelenk: Von einigen Ästen, die unter dem Band hindurchlaufen, zieht ein feiner Faden in das Gelenk. [B]
  • Verbindungen: Unter der Haut bestehen Verbindungen zu den oberen Nn. clunium, außerdem Verbindungsäste zum N. gluteus superior. [B]

Nicht zu diesen Nerven gehören der Beckenkamm und das obere Gesäß (obere Nn. clunium aus den Lendennerven), das untere Gesäß (untere Nn. clunium) und das innere untere Gesäß nahe der Gesäßfalte (N. perforans cutaneus). [B] Die feinen Äste zum Gelenk erklären, warum Nerv und Gelenk als Schmerzursache schwer zu trennen sind (Kapitel 9). [I]

Herkunft: Standring, Gray’s Anatomy; Konno et al. 2017.

Teil B · Klinik

4. Schädigungsorte und Anlässe

OrtAnlassKennzeichen
Unter dem langen hinteren Kreuz-Darmbein-BandEinklemmung zwischen Band und Knochen[B]
Hinterer BeckenkammKnochenentnahme für Transplantate; die Lage der Nerven ist dafür vermessen[B]
Hinteres BeckenSchwangerschaft und Zeit nach der Geburt; frühere Anatomen vermuteten die Einklemmung als Ursache dieser Beckenschmerzen[B]
Tabelle 2: Orte und Anlässe einer Schädigung. Reihenfolge nach dem Umfang der Belege.

4.1 Häufigkeiten

ReiheUmfangBefund
Konno et al. 201730 Beckenhälften, 64 Äste10 Äste (16 %) liefen unter dem Band hindurch; bei 4 davon war der Nerv eingeschnürt, also in 4 von 30 Präparaten (13 %)
Matsumoto et al. 201940 Patienten mit unspezifischem Kreuzschmerz18 (45 %) erfüllten die Punktwertung für einen Kreuz-Darmbein-Schmerz; bei 4 von ihnen versagte die Gelenkbehandlung, und die Behandlung dieser Nerven half
Tabelle 3: Anatomische und klinische Häufigkeiten in zwei Arbeiten. Reihenfolge nach dem Jahr. Alle Angaben belegt [B].

Die Autoren der Sezierreihe folgern aus 13 %, dass die Einklemmung kein seltenes Krankheitsbild ist. [B] Eine Häufigkeit in der Bevölkerung lässt sich aus Präparaten sehr alter Menschen aber nicht ableiten. [I]

Herkunft: Aota 2016 zum Erstbericht der Einklemmung; Konno et al. 2017; Matsumoto et al. 2019; Tubbs et al. 2010 zur Knochenentnahme.

5. Beschwerdebild

ZeichenBeschreibungKennzeichen
Kreuz- und Gesäßschmerzneben dem Kreuzbein unterhalb des hinteren oberen Darmbeinstachels[B]
Schmerz im Sitzenbei 3 von 4 Patienten der Reihe von Matsumoto[B]
Druckschmerz am Bandbei allen 4 Patienten der Reihe von Matsumoto[B]
Ausstrahlung ins Beinin der Erstbeschreibung bei 5 von 30 Patienten in das Gebiet von S1 oder S2[B]
Keine Schwäche, kein ReflexausfallDie Nerven versorgen keinen Muskel.[B]
Tabelle 4: Zeichen einer Einklemmung der Nervi clunium medii. Reihenfolge: erst der Schmerz, dann Auslöser und Ausstrahlung, zuletzt der fehlende Befund.

Herkunft: Matsumoto et al. 2019; Strong und Davila 1957, zitiert nach Konno et al. 2017; Standring, Gray’s Anatomy.

6. Untersuchung

  • Druckpunkt suchen: In der Reihe von Matsumoto lag er etwa 35 mm unterhalb des hinteren oberen Darmbeinstachels, leicht nach außen am Rand des Beckenkamms. [B]
  • Einfingertest: Der Patient zeigt mit einem Finger auf den Schmerzort; er war bei 3 von 4 Patienten der Reihe positiv. [B]
  • Diagnostische Betäubung am Druckpunkt: Sie ist das wichtigste Mittel, um den Nerv als Ursache zu belegen. [B]
  • Neurologische Prüfung der Beine: Kraft, Reflexe und Gefühl müssen regelrecht sein; ein Befund weist auf Wurzeln oder andere Nerven. [I]

Lücke: Keine Gütezahlen

Für keine dieser Prüfungen liegt eine Trefferquote bei Einklemmung dieser Nerven vor. Der Einfingertest wurde ursprünglich für den Kreuz-Darmbein-Schmerz beschrieben und trennt beide Ursachen nicht.

Herkunft: Matsumoto et al. 2019; Isu et al. 2018.

7. Apparative Diagnostik

Eine Messung der Nervenleitung ist für diese dünnen Äste nicht üblich. [I] Die Bildgebung dient dem Ausschluss anderer Ursachen, vor allem von Bandscheibenvorfall und Einengung des Wirbelkanals; einen Befund, der die Einklemmung zeigt, liefert sie nicht. [I] Entscheidend bleibt die Betäubung am Druckpunkt. [B]

Herkunft: Isu et al. 2018; Matsumoto et al. 2019.

Teil C · Differenzialdiagnostik

8. Differenzialdiagnostik: Überblick und Vorgehen

Die Einklemmung dieser Nerven ist eine Ursache des sogenannten unspezifischen Kreuzschmerzes. [B] Sie wird erst erwogen, wenn Warnzeichen fehlen und Bandscheibe, Wirbelkanal und Kreuz-Darmbein-Gelenk bedacht sind. [I]

  1. Sitzt der Schmerz neben dem Kreuzbein? Das führt zu Kapitel 9. [I]
  2. Sitzt er höher am Beckenkamm? Das führt zu Kapitel 10. [I]
  3. Strahlt er ins Bein aus? Das führt zu Kapitel 11. [I]
  4. Begann er in Schwangerschaft oder nach der Geburt? Das führt zu Kapitel 12. [I]

Diese Kapitel beschreiben allgemein, wie sich Krankheitsbilder voneinander abgrenzen. Sie stellen keine Diagnose für eine einzelne Person und ersetzen keine ärztliche Untersuchung.

Herkunft: Matsumoto et al. 2019; NVL Nicht-spezifischer Kreuzschmerz 2017. Die Leitfragen sind aus den Kapiteln 3 bis 7 abgeleitet.

9. Differenzialdiagnostik: Schmerz neben dem Kreuzbein

BefundKreuz-Darmbein-GelenkEinklemmung der Nn. clunium medii
Schmerzortneben dem Kreuzbein, nahe dem hinteren oberen Darmbeinstachelneben dem Kreuzbein, etwas tiefer und weiter außen
Einfingertestpositivoft ebenfalls positiv
Punktwertung für Kreuz-Darmbein-Schmerzpositivkann positiv sein
Betäubung in das Gelenkbessertbessert nicht
Betäubung am Druckpunkt über dem Bandkann bessernbessert
Tabelle 5: Kreuz-Darmbein-Gelenk und Einklemmung der Nervi clunium medii. Reihenfolge: von der Befragung über die Untersuchung zur Betäubung.

Die Überschneidung ist groß: In der Reihe von Matsumoto erfüllten 18 von 40 Patienten mit unspezifischem Kreuzschmerz die Punktwertung für einen Kreuz-Darmbein-Schmerz; bei 4 von ihnen versagte die Gelenkbehandlung, und die Behandlung dieser Nerven half. [B] Alle 4 hatten einen Druckschmerz am Band. [B]

Widerspruch: Band oder Nerv?

Bei Kriterien eines Kreuz-Darmbein-Schmerzes wirkte eine Betäubung um das lange hintere Band bei allen 25 Patienten einer Studie, eine Betäubung im Gelenk nur bei 9 (36 %). [B] Frühere Autoren sehen darin das Band als Schmerzquelle; die Autoren der Sezierreihe halten es für wahrscheinlich, dass solche Betäubungen die Nervenäste unter und über dem Band mit erfassen. [B] Welche Deutung zutrifft, ist nicht entschieden. [I]

Die Tabelle beruht auf der Regel, dass eine Betäubung nur den Ort bessert, den sie erreicht. [I] Die Werte in den Zeilen „Betäubung“ sind deshalb abgeleitet, nicht in einer Vergleichsstudie gemessen. [I]

Herkunft: Matsumoto et al. 2019; Murakami et al. 2007, zitiert nach Konno et al. 2017; Konno et al. 2017.

10. Differenzialdiagnostik: Mittlere oder obere Nn. clunium?

MerkmalObere Nn. cluniumMittlere Nn. cluniumKennzeichen
Herkunfthintere Äste der Lendennervenhintere Äste von S1 bis S3[B]
EngstelleDurchtritt durch die Faszie am Beckenkammunter dem langen hinteren Kreuz-Darmbein-Band[B]
Schmerzortüber dem Beckenkamm, oberes Gesäßneben dem Kreuzbein, inneres Gesäß[B]
Knochenentnahme am hinteren Beckenkammgefährdetgefährdet[B]
Tabelle 6: Obere und mittlere Nervi clunium im Vergleich. Reihenfolge: von der Herkunft zum Anlass.

Beide Gruppen sind unter der Haut verbunden. [B] Ein Schmerz an der Grenze beider Gebiete lässt sich deshalb nicht immer einer Gruppe zuordnen; die gezielte Betäubung an der jeweiligen Engstelle trennt sie. [I]

Herkunft: Tubbs et al. 2010; Isu et al. 2018; Konno et al. 2017.

11. Differenzialdiagnostik: Ausstrahlung ins Bein

UrsacheAusstrahlungUnterscheidendes MerkmalKennzeichen
Einklemmung der Nn. clunium mediiin das Gebiet von S1 oder S2 möglichkeine Schwäche, kein Reflexausfall; Betäubung am Druckpunkt bessert auch die Ausstrahlung[B]
Wurzel S1bis Fußaußenrand und FerseAchillessehnenreflex abgeschwächt, Fußsenkung schwach[B]
Kreuz-Darmbein-Gelenkin Gesäß und OberschenkelBetäubung im Gelenk bessert[I]
Tabelle 7: Ausstrahlung ins Bein. Reihenfolge: erst diese Nerven, dann Wurzel und Gelenk.

Eine Ausstrahlung ohne Schwäche und Reflexausfall kann von einem Hautnerv kommen und muss keine Wurzelreizung sein. [B] Umgekehrt schließt ein Druckpunkt am Band eine Wurzelursache nicht aus; beide können zusammen bestehen. [I]

Herkunft: Strong und Davila 1957, zitiert nach Konno et al. 2017; Suri et al. 2011 zur Wurzel S1.

12. Differenzialdiagnostik: Hinterer Beckenschmerz in und nach der Schwangerschaft

Frühere Anatomen, die den Verlauf der hinteren Kreuzbeinäste unter dem Band beschrieben, haben die Einklemmung als eine Ursache des Beckenschmerzes rund um die Geburt vorgeschlagen. [B] Eine Studie, die diese Vermutung an Schwangeren prüft, liegt dieser Fassung nicht vor. [I]

Lücke: Nur eine Vermutung

Für den Beckenschmerz in der Schwangerschaft ist diese Ursache nicht belegt. Kapitel 12 benennt sie als Möglichkeit, nicht als Befund.

Herkunft: Konno et al. 2017.

13. Differenzialdiagnostik: Was gegen diese Nerven spricht

  • Schwäche, Reflexausfall oder Gefühlsausfall am Fuß: spricht für eine Wurzel. [B]
  • Besserung durch eine Betäubung in das Kreuz-Darmbein-Gelenk: spricht für das Gelenk. [I]
  • Schmerz über dem Beckenkamm statt neben dem Kreuzbein: spricht für die oberen Nn. clunium. [B]
  • Schmerz an der Gesäßfalte oder am Damm: spricht für N. perforans cutaneus, untere Nn. clunium oder N. pudendus. [I]
  • Plötzliche Störung von Blase oder Darm, Taubheit im Reithosengebiet: spricht für ein Kaudasyndrom. [B]
  • Schmerz in der Nacht, Fieber oder ungewollter Gewichtsverlust: spricht für eine andere, ernste Ursache. [B]

Achtung: Was nicht dagegen spricht

Eine positive Punktwertung für einen Kreuz-Darmbein-Schmerz spricht nicht gegen diese Nerven; in der Reihe von Matsumoto hatten alle Patienten mit Nerveneinklemmung eine solche Wertung. [B] Auch eine Ausstrahlung ins Bein spricht nicht dagegen. [B]

Herkunft: die in den Kapiteln 9 bis 12 genannten Quellen; NVL Nicht-spezifischer Kreuzschmerz 2017.

Teil D · Verlauf und Behandlung

14. Verlauf und Aussichten

Nach einer Übersicht der Arbeitsgruppe aus Japan war die Operation bei 80 % von 39 Patienten mit Einklemmung der oberen oder mittleren Nn. clunium erfolgreich. [B] Die Zahl trennt nicht zwischen beiden Nervengruppen und stammt aus einer Arbeitsgruppe ohne Vergleichsgruppe. [I]

Lücke: Langzeitverlauf

Eine Arbeit zum Langzeitverlauf nach Operation dieser Nerven ist veröffentlicht, für diese Fassung aber nicht eingesehen. Zum Verlauf ohne Operation liegt keine Reihe vor.

Herkunft: Isu et al. 2018.

15. Beschriebene Behandlungswege

Dieser Abschnitt gibt wieder, was im Schrifttum berichtet wird. Er ist keine Empfehlung und keine Behandlungsanweisung.

  • Betäubung am Druckpunkt: Sie dient der Diagnose und wird wiederholt als Behandlung beschrieben. [B]
  • Operative Lösung oder Durchtrennung: Der Nerv wird unter dem Band freigelegt und entlastet oder, bei Versagen, durchtrennt. [B]
  • Allgemeine Versorgung von Nervenverletzungen: Sie regelt die S3-Leitlinie AWMF 005-010, Stand 30.09.2023, gültig bis 29.09.2028. [B]

Herkunft: Isu et al. 2018; Matsumoto et al. 2019; Konno et al. 2017; AWMF-Register 005-010.

16. Warnzeichen

Achtung: Diese Befunde gehören ärztlich abgeklärt

  • Plötzliche Störung von Blase oder Darm, Taubheit im Reithosengebiet oder Schwäche beider Beine: Warnhinweis auf ein Kaudasyndrom. [B]
  • Kreuzschmerz mit Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust, Schmerz in der Nacht, bekannter Tumorerkrankung oder nach einem Unfall. [B]
  • Zunehmende Schwäche eines Beins. [B]

Diese Seite stellt keine Diagnose, gibt keine Therapieempfehlung und ersetzt keine ärztliche Untersuchung.

Herkunft: NVL Nicht-spezifischer Kreuzschmerz 2017.

17. Häufige Fragen

Mein Arzt vermutet ein Kreuz-Darmbein-Gelenk. Kann es auch ein Nerv sein?

Ja. Die Einklemmung dieser Nerven ahmt den Gelenkschmerz nach; in einer Reihe half bei 4 Patienten, deren Gelenkbehandlung versagt hatte, die Behandlung der Nerven. [B] Näheres in Kapitel 9.

Mein Schmerz strahlt ins Bein. Ist das ein Bandscheibenvorfall?

Nicht zwingend. Auch diese Hautnerven können eine Ausstrahlung erzeugen; fehlen Schwäche und Reflexausfall, ist das möglich. [B] Näheres in Kapitel 11.

Wie wird die Diagnose gesichert?

Vor allem durch eine gezielte Betäubung am Druckpunkt unterhalb des hinteren oberen Darmbeinstachels. [B] Ein Bildbefund, der die Einklemmung zeigt, existiert nicht. [I]

Herkunft: die in den Kapiteln 3 bis 15 genannten Quellen.

Teil E · Anatomische Einzelheiten

18. Ursprung und Stellung

Die mittleren Nn. clunium stammen aus den hinteren Ästen der Kreuzbeinnerven; sie gehören damit nicht zum Kreuzgeflecht, das aus den vorderen Ästen entsteht. [B] Die seitlichen hinteren Äste von L5 bis S4 bilden hinter dem Kreuzbein Schlingen, sodass ein einzelner Ast Fasern mehrerer Segmente führt. [B]

NervengruppeHerkunftHautgebiet
Nn. clunium superioreshintere Äste der Lendennervenoberes Gesäß über dem Beckenkamm
Nn. clunium mediihintere Äste von S1 bis S3über dem Kreuzbein und dem inneren Gesäß
Nn. clunium inferioresN. cutaneus femoris posterior, vordere Äste von S1 bis S3unteres Gesäß und Gesäßfalte
Tabelle 8: Die drei Gruppen der Gesäßnerven. Reihenfolge: von oben nach unten. Alle Angaben belegt [B].

Herkunft: Standring, Gray’s Anatomy; Konno et al. 2017.

19. Das lange hintere Kreuz-Darmbein-Band als Engstelle

MessgrößeWertKennzeichen
Äste je Beckenhälfte64 in 30[B]
Äste unter dem Band10 (16 %)[B]
Eingeschnürte Äste unter dem Band4 von 10[B]
Abstand des Durchtritts unter dem hinteren oberen Darmbeinstachel, Mittel23,2 mm[B]
Abstand des Durchtritts von der Mittellinie, Mittel34,5 mm[B]
Breite des Astes am Durchtritt, Mittel1,6 mm[B]
Tabelle 9: Maße der Äste am langen hinteren Kreuz-Darmbein-Band nach einer Sezierreihe an 30 Beckenhälften. Reihenfolge: von der Zahl der Äste zu Lage und Breite.

Widerspruch: Können diese Nerven eingeklemmt werden?

Eine frühere Sezierreihe an 20 Körperseiten hielt eine Einklemmung für unwahrscheinlich, weil die Nerven oberflächlich über dem Band verlaufen. [B] Die spätere Reihe fand 16 % der Äste unter dem Band und bei 4 von ihnen eine Einschnürung. [B] Beide Befunde passen zusammen, wenn die meisten Äste über das Band ziehen und nur ein Teil darunter. [I]

Herkunft: Konno et al. 2017; Tubbs et al. 2010.

20. Abweichungen vom Regelbau

  • Ursprung: Die Äste stammten in der Sezierreihe aus S1 bis S4, die unter dem Band verlaufenden am häufigsten aus S2. [B]
  • Zahl der Äste: etwa zwei je Beckenhälfte, mit wechselnder Zahl. [B]
  • Verbindungen: zu den oberen Nn. clunium unter der Haut und zum N. gluteus superior. [B]

Herkunft: Konno et al. 2017.

21. Was diese Nerven nicht führen

  • Keine bewegenden Fasern und keinen Reflex. [B]
  • Keine eigenen Ganglien. Die Zellkörper liegen in den Spinalganglien S1 bis S3. [B]
  • Keine Fasern für Blase, Mastdarm oder Sexualfunktion. Diese laufen über die vorderen Äste als Beckeneingeweidenerven. [B]
  • Kein eigenes Dermatom. Ihr Hautgebiet ist ein Nervengebiet; wegen der Schlingen hinter dem Kreuzbein mischen sich darin mehrere Segmente. [I]

Herkunft: Standring, Gray’s Anatomy; Bähr und Frotscher, Duus; Konno et al. 2017.

22. Reflexzonenmodelle

Die drei folgenden Modelle wurden zwischen 1893 und 1953 veröffentlicht. Sie ordnen Haut- oder Gewebezonen inneren Organen über gemeinsame Rückenmarkssegmente zu. [H] Ein kontrollierter Nachweis ihrer Zonengrenzen liegt nicht vor. [H] Sie stehen hier zur Einordnung, nicht als Grundlage der Differenzialdiagnostik.

ModellGrundgedanke und VoraussetzungBezug zu diesem NervKennzeichen
Head-Zonenüberempfindliche Hautzonen bei Erkrankung eines inneren Organs; setzt viszerale Afferenzen voraus, die auf Hautsegmente überleitenkeine Zone; der Nerv führt keine viszeralen Afferenzen [I][H]
Mackenzie-Zonentastbare Veränderungen in Muskulatur und Unterhaut bei Organerkrankung; setzt viszerale Afferenzen mit Projektion in die Muskulatur vorauskeine Zone; dieselbe Voraussetzung fehlt [I][H]
Bindegewebszonen nach Dickeveränderte Verschieblichkeit des Unterhautgewebes, Grundlage der Bindegewebsmassage; setzt einen Organbezug vorausnicht begründbar, weil der Organbezug fehlt [I][H]
Tabelle 10: Geschichtliche Reflexzonenmodelle und ihr Bezug zu diesem Nerv. Reihenfolge nach Erstbeschreibung.

Für diese Nerven gibt es keine Vorfassung; die Einordnung folgt den übrigen Seiten der Reihe. Das entfällt: Der Nerv führt empfindende Fasern aus Haut, Muskeln und Gelenken, aber keine aus inneren Organen. [B] Damit fehlt die Voraussetzung der Modelle. [I]

22.1 Der Nucleus intermediolateralis und die vegetativen Fasern

Die vorgeschalteten sympathischen Nervenzellen liegen im Nucleus intermediolateralis von Th1 bis etwa L2; S1 bis S3 gehören nicht dazu. [B] Die hinteren Äste führen nur nachgeschaltete sympathische Fasern zur Haut, die über die grauen Verbindungsäste aus dem Grenzstrang in die Spinalnerven gelangen. [B] Die parasympathischen Fasern der Kreuzbeinsegmente verlassen den Spinalnerv über die vorderen Äste und erreichen die hinteren Äste nicht. [B]

Achtung: Zwei ähnliche Namen

James Mackenzie beschrieb 1909 ein Reflexzonenmodell. [H] Robin McKenzie entwickelte in den 1970er Jahren ein Bewegungsverfahren für die Wirbelsäule. [B] Die beiden Modelle haben nichts miteinander zu tun. [I]

Herkunft: Head, Mackenzie und Dicke als geschichtliche Quellen; Bähr und Frotscher, Duus’ Neurologisch-topische Diagnostik; Standring, Gray’s Anatomy.

Teil F · Anhang

23. Fachbegriffe

BegriffBedeutung
AWMFArbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, Herausgeberin der deutschen Leitlinien
EinfingertestDer Patient zeigt mit einem Finger auf den Schmerzort; beschrieben für den Kreuz-Darmbein-Schmerz
Hintere Äste (Rami posteriores)Äste der Spinalnerven zu Rückenmuskeln und Haut des Rückens
Hinterer oberer Darmbeinstacheltastbarer Knochenpunkt am hinteren Beckenkamm
KaudasyndromDruck auf die Nervenwurzeln unterhalb des Rückenmarks mit Störung von Blase, Darm und Beinen
Kreuz-Darmbein-Gelenk (Iliosakralgelenk)Gelenk zwischen Kreuzbein und Darmbein
Langes hinteres Kreuz-Darmbein-BandBand vom hinteren oberen Darmbeinstachel zum Kreuzbein
Nucleus intermediolateralisZellsäule im Seitenhorn des Rückenmarks von Th1 bis etwa L2
Punktwertung für Kreuz-Darmbein-SchmerzSumme klinischer Zeichen, die einen Schmerz aus dem Kreuz-Darmbein-Gelenk wahrscheinlich machen soll
ReithosengebietHaut an Damm, Gesäßinnenseite und Oberschenkel-Innenseite
Unspezifischer KreuzschmerzKreuzschmerz ohne erkennbare bestimmte Ursache
Tabelle 11: Fachbegriffe dieser Seite, alphabetisch geordnet. Kürzel erklärt die Seite Medizinische Abkürzungen.

24. Lesart dieser Seite

Diese Seite ist ein Fachtext: mit Kürzeln, mit Messwerten und mit benannter Quelle je Aussage. Jede Aussage trägt am Ende ein Kennzeichen. [B] steht für belegt, [I] für eine aus belegten Angaben abgeleitete Interpretation, [H] für ein geschichtliches Modell ohne kontrollierten Nachweis.

In den Tabellen mit Quellenspalte sind alle Zahlen belegt [B]; wo eine Zeile davon abweicht, steht das Kennzeichen in der Zeile selbst. Rohwert und Deutung stehen getrennt: Messwerte in den Tabellen, die Einordnung im Fließtext darunter. Ein Absatz ohne Kennzeichen ist ein Hinweis zur Darstellung, keine Sachaussage.

Herkunftszeilen, die nur Standardwerke nennen, geben den Lehrbuchstand wieder. Die Fundstellen in diesen Werken sind noch nicht mit Seitenzahl geprüft; das steht unter „Offene Punkte“ in Kapitel 25.4.

Die Seite ist in sechs Teile gegliedert. Vorn stehen Überblick, Klinik und Differenzialdiagnostik. Anatomische Einzelheiten wie Maße, Abweichungen vom Regelbau und Ganglien stehen in Teil E.

Eine Quelle mit dem Vermerk „Grenzfall“ erfüllt den Quellenmaßstab nicht vollständig, etwa wegen der Art der Veröffentlichung. Sie bleibt verwendet, weil sie eine Angabe trägt, für die keine gleichwertige Quelle vorliegt. Aussagen aus ihr sind mit Vorsicht zu lesen.

25. Grundlage und Quellen

25.1 Quellenmaßstab

Verwendet wird nur belegte, hochwertige Fachliteratur: Leitlinien und Klassifikationen, systematische Übersichten und Metaanalysen, begutachtete Originalarbeiten mit genannter Fallzahl sowie anatomische und neurologische Standardwerke. Einzelfallberichte sind als solche gekennzeichnet und tragen keine Häufigkeitsaussage. Webseiten, Populärliteratur und Angaben ohne auffindbare Originalquelle sind ausgeschlossen. Geschichtliche Quellen tragen ausschließlich die mit [H] gekennzeichneten Abschnitte.

25.2 Quellenverzeichnis

Nr.QuelleArt und UmfangVermerk
1Strong EK, Davila JC. The cluneal nerve syndrome; a distinct type of low back pain. Ind Med Surg 1957;26(9):417–429Fallreihe, 30 PatientenErstbeschreibung; Inhalt nach Konno et al. 2017
2Murakami E, Tanaka Y, Aizawa T, Ishizuka M, Kokubun S. Effect of periarticular and intraarticular lidocaine injections for sacroiliac joint pain: prospective comparative study. J Orthop Sci 2007;12(3):274–280vergleichende Studie, 25 PatientenInhalt nach Konno et al. 2017
3Tubbs RS, Levin MR, Loukas M, Potts EA, Cohen-Gadol AA. Anatomy and landmarks for the superior and middle cluneal nerves: application to posterior iliac crest harvest and entrapment syndromes. J Neurosurg Spine 2010;13(3):356–359Sezierreihe, 20 KörperseitenGegenposition zur Einklemmung
4Suri P, Rainville J, Katz JN, et al. The accuracy of the physical examination for the diagnosis of midlumbar and low lumbar nerve root impingement. Spine 2011;36(1):63–73Querschnittsstudie
5Aota Y. Entrapment of middle cluneal nerves as an unknown cause of low back pain. World J Orthop 2016;7(3):167–170Einzelberichtträgt keine Häufigkeitsaussage
6Konno T, Aota Y, Saito T, Qu N, Hayashi S, Kawata S, Itoh M. Anatomical study of middle cluneal nerve entrapment. J Pain Res 2017;10:1431–1435Sezierreihe, 30 BeckenhälftenLeitquelle Anatomie; Volltext eingesehen
7Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF. Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz, 2. Auflage, Version 1, 2017. AWMF nvl-007Leitlinielaut Register abgelaufen; für Warnhinweise und Einordnung
8Isu T, Kim K, Morimoto D, Iwamoto N. Superior and middle cluneal nerve entrapment as a cause of low back pain. Neurospine 2018;15(1):25–32Übersichtsarbeit einer ArbeitsgruppeErfolgszahl ohne Vergleichsgruppe
9Matsumoto J, Isu T, Kim K, Miki K, Fujihara F, Isobe M. Middle cluneal nerve entrapment mimics sacroiliac joint pain. Acta Neurochir 2019;161(4):657–661Reihe, 40 Patienten, davon 4 mit NerveneinklemmungLeitquelle Klinik
10AWMF. S3-Leitlinie 005-010: Versorgung peripherer Nervenverletzungen. Stand 30.09.2023, gültig bis 29.09.2028Leitlinieam Register geprüft am 21.09.2026
11Standring S (Hrsg.). Gray’s Anatomy. The Anatomical Basis of Clinical Practice. Elsevieranatomisches StandardwerkFundstelle unvollständig: Auflage und Jahr fehlen; Lehrbuchstand, nicht mit Seitenzahl geprüft
12Bähr M, Frotscher M. Duus’ Neurologisch-topische Diagnostik. Thiemeneurologisches StandardwerkFundstelle unvollständig: Auflage und Jahr fehlen; Lehrbuchstand, nicht mit Seitenzahl geprüft
13Head H. On disturbances of sensation with especial reference to the pain of visceral disease. Brain 1893;16:1–133; Teil II Brain 1894;17:339–480; Teil III Brain 1896;19:153–276geschichtliches Modellnur für Aussagen mit [H]
14Mackenzie J. Symptoms and their interpretation. London: Shaw and Sons; 1909geschichtliches Modellnur für Aussagen mit [H]
15Dicke E. Meine Bindegewebsmassage. Stuttgart: Hippokrates; 1953geschichtliches Modellnur für Aussagen mit [H]
Tabelle 12: Verwendete Quellen, geordnet nach dem Jahr der Veröffentlichung; Standardwerke danach; geschichtliche Quellen am Ende.

25.3 Nicht verwendet

Nicht herangezogen wurden Webportale, Lernplattformen, Nachschlagewerke ohne benannte Fachautorenschaft und frei bearbeitbare Wissenssammlungen. Weitere Arbeiten derselben japanischen Arbeitsgruppe zu Langzeitverlauf, Wärmeverödung und Operationstechnik sind veröffentlicht, für diese Fassung aber nicht eingesehen.

25.4 Offene Punkte

  • Die Aussagen, die auf den Standardwerken beruhen, sind noch nicht mit Auflage und Seitenzahl geprüft. Betroffen sind vor allem die Kapitel 1 bis 3, 18, 21 und 22.1.
  • Zwei Quellen sind nur über ihre Wiedergabe bei Konno et al. 2017 erfasst (Strong und Davila 1957; Murakami et al. 2007).
  • Die Seite enthält keine Abbildung.

Grenzen der Literatur (Stand der Recherche: 21. September 2026). Die klinischen Arbeiten stammen überwiegend aus einer Arbeitsgruppe und haben keine Vergleichsgruppe. Für die Prüfungen fehlen Trefferquoten. Ein Bildbefund, der die Einklemmung zeigt, existiert nicht.

25.5 Neue Seite

Diese Seite ist neu angelegt; eine Vorfassung gibt es nicht. Gegenüber der Arbeitsvorlage der Reihe ist ergänzt, dass die Äste in einer Sezierreihe auch aus S4 stammten.

25.6 Änderungsvermerk

Geändert: Seite neu geschrieben nach den gemeinsamen Bausteinen der Nervenseiten. Warum: Erweiterung der Reihe um die sakralen Nerven. Ersetzt: keine Fassung.

V 1.1 – geändert: Leiste vereinheitlicht. Warum: Optimierung der Reihe „Nervi sacrales“. Ersetzt: V 1.0.

V 1.2 – geändert: Leiste auf alle 18 Seiten des Lenden- und Kreuzgeflechts erweitert. Warum: Abschluss der Reihen „Lumbale Nerven“ und „Nervi sacrales“. Ersetzt: V 1.1.

V 1.3 – geändert: Leiste um die Übersicht der Brustnerven ergänzt. Warum: Verbindung zur Reihe „Nervi thoracici“. Ersetzt: V 1.2.

V 1.4 – geändert: Leiste um N. iliohypogastricus, N. ilioinguinalis, N. genitofemoralis und N. cutaneus femoris lateralis ergänzt. Warum: Ergänzung des Lendengeflechts. Ersetzt: V 1.3.

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V 1.4 · Stand: 21. September 2026 · Quellen geprüft am 21. September 2026