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Nervi splanchnici pelvici

Die Nervi splanchnici pelvici (Beckeneingeweidenerven, auch Nn. erigentes) führen die parasympathischen Fasern aus S2, S3 und S4 zu den Beckenorganen. [B] Sie zweigen im Becken von den vorderen Ästen dieser Kreuzbeinnerven ab und ziehen zum Beckengeflecht (Plexus hypogastricus inferior) neben Mastdarm, Blase und inneren Genitalorganen. [B]

Sie steuern die Entleerung von Blase und Mastdarm und die Füllung der Schwellkörper. [B] Anders als alle übrigen Nerven dieser Reihe versorgen sie weder Haut noch Skelettmuskeln. [B] Klinisch bedeutsam werden sie vor allem bei Operationen im kleinen Becken, nach denen Blasen-, Darm- und Sexualstörungen auftreten können. [B]

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Nerven sind die einzigen Träger der parasympathischen Fasern für Blase, Mastdarm und Schwellkörper; der N. pudendus führt diese Fasern nicht. [B]
  • Ihr Ausfall schwächt vor allem die Blasenentleerung und die Erektion. [B]
  • Nach Mastdarmkrebs-Operationen erlebt mehr als die Hälfte der Patienten eine Verschlechterung der Sexualfunktion; Schäden an den vegetativen Beckennerven sind dafür eine Hauptursache. [B]
  • Nervenschonende Operationstechniken verbesserten in einer Metaanalyse die Erholung der Blasenfunktion nach Gebärmutterhalskrebs-Operation. [B]
  • Ein plötzlicher Harnverhalt ohne vorausgegangene Operation ist zuerst ein Warnhinweis auf ein Kaudasyndrom. [B]

Schwerpunkt dieser Seite ist die Differenzialdiagnostik in den Kapiteln 8 bis 13. Die Kennzeichen [B], [I] und [H] erklärt der Abschnitt Lesart dieser Seite.

Teil A · Überblick

1. Kurzbild

MerkmalAngabeKennzeichen
Fasern ausS2, S3 und S4; Zellkörper im Seitenhorn des Kreuzmarks[B]
Abgangvordere Äste von S2 bis S4 im Becken; Zug zum Beckengeflecht[B]
Faserartvorgeschaltet parasympathisch, dazu empfindende Fasern aus den Organen[B]
ZielgebietBlasenmuskel, Mastdarm und unterer Dickdarm, Schwellkörper, innere Genitalorgane[B]
Leitzeichen einer SchädigungBlasenentleerungsstörung mit Restharn, Erektionsstörung, Störung der Darmentleerung; meist nach Beckenoperation[B]
Wichtigste AbgrenzungenKaudasyndrom, N. pudendus, sympathische Beckennerven, Blasenausgangshindernis (Kapitel 9 bis 13)[I]
Tabelle 1: Kerndaten der Nervi splanchnici pelvici. Reihenfolge: von der Herkunft zum klinischen Bild.

Die zugehörigen Segmentseiten sind Segment S2, Segment S3 und Segment S4.

Herkunft: Standring, Gray’s Anatomy; Bähr und Frotscher, Duus; Lange und van de Velde 2011 zu den Leitzeichen.

2. Verlauf in Kürze

  1. Im Rückenmark: Die vorgeschalteten Nervenzellen liegen im Seitenhorn der Segmente S2 bis S4. [B]
  2. An den vorderen Kreuzbeinlöchern: Die Fasern verlassen die vorderen Äste von S2 bis S4 kurz nach deren Austritt. [B]
  3. An der Beckenwand: Sie ziehen seitlich am Mastdarm vorbei zum Beckengeflecht, das beim Mann neben Blase und Prostata, bei der Frau neben Gebärmutterhals und Scheide liegt. [B]
  4. An den Organen: Die Umschaltung auf die nachgeschalteten Nervenzellen erfolgt im Geflecht oder in der Organwand. [B]

Ihr Weg führt dicht an den Schichten vorbei, in denen Mastdarm und Gebärmutter mit Umgebungsgewebe entfernt werden. [B] Das erklärt, warum sie bei diesen Operationen gefährdet sind (Kapitel 4). [I]

Herkunft: Standring, Gray’s Anatomy; Lange und van de Velde 2011; Daniels et al. 2006.

3. Versorgungsgebiet

OrganWirkung dieser NervenSympathische GegenspielerWillkürlicher Anteil über den N. pudendus
BlaseAnspannung des Blasenmuskels, Entspannung des inneren Schließmuskels: EntleerungEntspannung des Blasenmuskels, Schluss des inneren Schließmuskels: Speicherungäußerer Harnröhrenschließmuskel
Mastdarm und unterer DickdarmAnregung der Darmbewegung, Entspannung des inneren Afterschließmuskels: EntleerungHemmung der Darmbewegungäußerer Afterschließmuskel
SchwellkörperGefäßerweiterung: ErektionSamenausstoßEmpfindung von Penis oder Klitoris, Dammmuskeln
Tabelle 2: Aufgabenteilung an den Beckenorganen. Reihenfolge: Harn, Stuhl, Sexualfunktion. Alle Angaben belegt [B].

Die empfindenden Fasern in diesen Nerven melden die Füllung von Blase und Mastdarm. [B] Fallen sie aus, kann der Harndrang schwach werden oder fehlen. [I]

Herkunft: Standring, Gray’s Anatomy; Bähr und Frotscher, Duus; Kim et al. 2015 zur Wirkung auf Blasenmuskel und Harnröhre.

Teil B · Klinik

4. Schädigungsorte und Anlässe

OrtAnlassKennzeichen
Beckenseitenwand und BeckengeflechtOperation bei Mastdarmkrebs[B]
Halteapparat der Gebärmutterradikale Gebärmutterentfernung bei Gebärmutterhalskrebs[B]
Beckengeflechtweitere große Beckenoperationen, etwa bei tiefer Endometriose oder Senkungsoperationen[B]
Kreuzbein und BeckenBruch, Tumor[I]
Tabelle 3: Orte und Anlässe einer Schädigung. Reihenfolge nach dem Umfang der Belege.

4.1 Häufigkeiten

ArbeitUmfangBefund
Pocard et al. 200220 Patienten, Mastdarmoperation mit Nervenschonung, kleine Tumoren, keine Vorbestrahlungkeine Beeinträchtigung von Harn- und Sexualfunktion
Daniels et al. 2006Frauen nach Mastdarmoperation; Übersicht über ältere Arbeitenohne Rücksicht auf die Beckennerven Sexualstörungen bis 94 % und Blasenstörungen bis 73 %
Lange und van de Velde 2011Übersichtsarbeitmehr als die Hälfte der Patienten mit Verschlechterung der Sexualfunktion nach Behandlung eines Mastdarmkrebses
Long et al. 2014Metaanalyse, 17 Studiennervenschonende radikale Gebärmutterentfernung mit besserer Erholung der Blasenfunktion und weniger Blasenstörungen, bei gleichem Überleben
Tabelle 4: Häufigkeiten in vier Arbeiten. Reihenfolge nach dem Jahr. Alle Angaben belegt [B].

Widerspruch: Wie häufig sind die Störungen?

Die Zahlen reichen von keiner Beeinträchtigung bis zu 94 %. [B] Die kleine Reihe ohne Beeinträchtigung schloss nur Patienten mit kleinen Tumoren und ohne Bestrahlung ein; die hohen Zahlen stammen aus Operationen ohne Nervenschonung. [B] Die Häufigkeit hängt also von Technik, Tumorgröße und Bestrahlung ab. [I] Die Autoren der Metaanalyse nennen ihre Ergebnisse vorläufig, weil die meisten Studien nicht randomisiert waren. [B]

Herkunft: Pocard et al. 2002; Daniels et al. 2006; Lange und van de Velde 2011; Long et al. 2014; Übersicht zu Blasenstörungen nach Beckenoperationen, 2025.

5. Beschwerdebild

BereichZeichenKennzeichen
Blaseschwacher Harnstrahl, Pressen beim Wasserlassen, Restharn, schwacher Harndrang, im Extremfall Harnverhalt[B]
DarmStörung der Stuhlentleerung[B]
SexualfunktionErektionsstörung beim Mann; bei der Frau Veränderungen der Sexualfunktion[B]
Haut und Beinekeine Gefühlsstörung, keine Schwäche[B]
Tabelle 5: Zeichen einer Schädigung der Nervi splanchnici pelvici. Reihenfolge: Harn, Stuhl, Sexualfunktion, zuletzt der fehlende Befund.

Weil diese Nerven weder Haut noch Skelettmuskeln versorgen, fehlen Taubheit und Lähmung. [B] Ein Gefühlsausfall im Reithosengebiet oder eine Schwäche der Beine weist deshalb auf eine andere Ursache, vor allem auf die Kauda. [I]

Herkunft: Lange und van de Velde 2011; Daniels et al. 2006; Standring, Gray’s Anatomy.

6. Untersuchung

  • Befragung mit standardisierten Fragebögen: zu Blasen-, Darm- und Sexualfunktion, möglichst vor und nach einer Operation. [B]
  • Restharnmessung: Die Urinmenge, die nach dem Wasserlassen in der Blase bleibt, zeigt eine Entleerungsstörung. [B]
  • Gefühl im Reithosengebiet, Analreflex und Bulbokavernosusreflex: Sie prüfen N. pudendus und Kauda; bei einem reinen Schaden dieser Nerven bleiben sie regelrecht. [I]
  • Neurologische Prüfung der Beine: Sie muss regelrecht sein; ein Befund weist auf Wurzeln oder Kauda. [I]

Herkunft: Pocard et al. 2002 zu Fragebögen und Blasendruckmessung; die übrigen Punkte sind aus der Faserzuordnung abgeleitet.

7. Apparative Diagnostik

Die Blasendruckmessung (Urodynamik) zeigt, ob der Blasenmuskel sich beim Wasserlassen ausreichend anspannt; sie wurde vor und drei Monate nach der Operation eingesetzt. [B] Bei nervenschonenden Operationen kann die elektrische Reizung der Nervenwurzeln während des Eingriffs die Funktion prüfen: In einer Reihe stieg der Blasendruck bei 13 von 17 Patientinnen, und das Ergebnis passte zur Blasenfunktion drei Monate später. [B]

Ohne vorausgegangene Operation klärt die Kernspintomographie von Lendenwirbelsäule, Kreuzbein und Becken, ob Kauda, Wurzeln oder eine Raumforderung die Ursache sind. [I]

Herkunft: Pocard et al. 2002; Katahira et al. 2005.

Teil C · Differenzialdiagnostik

8. Differenzialdiagnostik: Überblick und Vorgehen

Achtung: Zuerst das Kaudasyndrom ausschließen

Ein plötzlicher Harnverhalt oder Verlust der Stuhlkontrolle ohne vorausgegangene Beckenoperation, dazu Taubheit im Reithosengebiet oder Schwäche beider Beine, ist ein Warnhinweis auf ein Kaudasyndrom und gehört ohne Aufschub ärztlich abgeklärt. [B]

Die Leitfrage ist, ob eine Beckenoperation vorausging. [I] Nach einer Operation sind diese Nerven eine naheliegende Ursache; ohne Operation stehen Kauda, Wurzeln und Allgemeinerkrankungen im Vordergrund. [I]

  1. Ist die Blasenentleerung gestört? Das führt zu Kapitel 9. [I]
  2. Ist die Sexualfunktion gestört? Das führt zu Kapitel 10. [I]
  3. Ist die Darmentleerung nach Mastdarmoperation gestört? Das führt zu Kapitel 11. [I]
  4. Bestehen die Störungen ohne Operation? Das führt zu Kapitel 12. [I]

Diese Kapitel beschreiben allgemein, wie sich Krankheitsbilder voneinander abgrenzen. Sie stellen keine Diagnose für eine einzelne Person und ersetzen keine ärztliche Untersuchung.

Herkunft: NVL Nicht-spezifischer Kreuzschmerz 2017. Die Leitfragen sind aus den Kapiteln 3 bis 7 abgeleitet.

9. Differenzialdiagnostik: Störung der Blasenentleerung

UrsacheBildUnterscheidendes MerkmalKennzeichen
Nn. splanchnici pelvicischwacher Blasenmuskel, Restharn, schwacher Harndrangnach Beckenoperation; Reithosengebiet und Beine regelrecht[B]
KaudasyndromHarnverhalt oder InkontinenzTaubheit im Reithosengebiet, oft Schwäche der Beine; Notfall[B]
N. pudendusSchwäche des äußeren Schließmuskels, eher Inkontinenz als HarnverhaltGefühlsminderung im Pudendusgebiet[B]
Hindernis am Blasenausgangschwacher Strahl, Restharnhoher Blasendruck beim Wasserlassen statt schwachem Blasenmuskel[I]
Allgemeinerkrankung der vegetativen Nerven, etwa bei Zuckerkrankheitlangsam zunehmende Entleerungsstörungbeidseitige, schleichende Zeichen, oft an weiteren Organen[I]
Tabelle 6: Ursachen einer Störung der Blasenentleerung. Reihenfolge: erst diese Nerven, dann die dringlichste Ursache, dann nach dem Ort.

Die Blasendruckmessung trennt die wichtigste Verwechslung: Ein schwacher Blasenmuskel spricht für einen Nervenschaden, ein hoher Druck bei schwachem Strahl für ein Hindernis. [I]

Herkunft: Lange und van de Velde 2011; NVL Nicht-spezifischer Kreuzschmerz 2017; Standring, Gray’s Anatomy. Die Zeilen zu Hindernis und Allgemeinerkrankung sind aus der Physiologie abgeleitet.

10. Differenzialdiagnostik: Erektions- und Ejakulationsstörung

StörungZuständige NervenKennzeichen
ErektionsstörungNn. splanchnici pelvici (parasympathisch)[B]
Störung des Samenausstoßessympathische Beckennerven[B]
Verminderte Empfindung an Penis oder KlitorisN. pudendus[B]
Tabelle 7: Zuordnung der Sexualfunktionen zu den Nerven. Reihenfolge: Erektion, Samenausstoß, Empfindung.

Nach Mastdarmoperationen werden sowohl Erektions- als auch Ejakulationsstörungen berichtet. [B] Welche Störung überwiegt, weist auf den Ort des Schadens: Erektion auf diese Nerven, Samenausstoß auf die sympathischen Nerven weiter oben. [I] Gefäßursachen und Arzneimittel sind unabhängig davon zu bedenken. [I]

Herkunft: Lange und van de Velde 2011; Standring, Gray’s Anatomy.

11. Differenzialdiagnostik: Störung der Darmentleerung nach Mastdarmoperation

Nach einer Mastdarmoperation können Stuhlgang und Kontinenz auch ohne Nervenschaden verändert sein, weil ein Teil des Mastdarms als Speicher fehlt. [I] Ein Schaden dieser Nerven kommt hinzu, wenn zugleich Blasen- oder Erektionsstörungen bestehen. [I]

Lücke: Keine trennenden Befunde

Eine Arbeit, die Darmstörungen nach Mastdarmoperation sicher dem Nervenschaden oder der fehlenden Speicherfunktion zuordnet, liegt dieser Fassung nicht vor.

12. Differenzialdiagnostik: Störungen ohne vorausgegangene Operation

UrsacheHinweisKennzeichen
Kaudasyndromplötzlicher Beginn, Reithosengebiet, Beine[B]
Symptomatische Tarlov-ZysteZyste an einer Kreuzbeinwurzel mit Störungen von Blase, Darm oder Sexualfunktion; Zysten finden sich bei 4,18 % der Menschen, nur ein kleiner Teil verursacht Beschwerden[B]
Allgemeinerkrankung der vegetativen Nervenschleichender Beginn, weitere vegetative Zeichen[I]
Erkrankung des Rückenmarkszusätzliche Zeichen an Beinen oder Rumpf, gesteigerte Reflexe[I]
Tabelle 8: Ursachen ohne vorausgegangene Operation. Reihenfolge nach der Dringlichkeit.

Herkunft: NVL Nicht-spezifischer Kreuzschmerz 2017; Klepinowski et al. 2021. Die übrigen Zeilen sind aus der Anatomie abgeleitet.

13. Differenzialdiagnostik: Was gegen diese Nerven spricht

  • Taubheit im Reithosengebiet oder Schwäche der Beine: spricht für Kauda oder Wurzeln. [B]
  • Ausgefallener Analreflex oder Bulbokavernosusreflex: spricht für N. pudendus, Kauda oder Wurzeln. [I]
  • Hoher Blasendruck bei schwachem Strahl: spricht für ein Hindernis am Blasenausgang. [I]
  • Nur der Samenausstoß gestört, die Erektion erhalten: spricht für die sympathischen Nerven. [B]
  • Schleichender, beidseitiger Beginn ohne Operation: spricht für eine Allgemeinerkrankung. [I]

Herkunft: die in den Kapiteln 9 bis 12 genannten Quellen.

Teil D · Verlauf und Behandlung

14. Verlauf und Aussichten

Bei erhaltener Reizantwort während der Operation spannten 9 von 13 Patientinnen den Blasenmuskel drei Monate später deutlich an und konnten ohne Bauchpresse Wasser lassen, mit einer Ausnahme. [B] Von 4 Patientinnen ohne Reizantwort entleerten 3 die Blase mit der Bauchpresse, eine brauchte die Selbstkatheterisierung. [B] Nach nervenschonender Operation erholte sich die Blasenfunktion in der Metaanalyse besser als nach herkömmlicher. [B]

Herkunft: Katahira et al. 2005; Long et al. 2014.

15. Beschriebene Behandlungswege

Dieser Abschnitt gibt wieder, was im Schrifttum berichtet wird. Er ist keine Empfehlung und keine Behandlungsanweisung. Arzneimittel werden nicht genannt; ihre Auswahl gehört in die ärztliche Behandlung.

  • Vorbeugung durch nervenschonende Operation: Sie ist für Mastdarm- und Gebärmutterhalskrebs beschrieben. [B]
  • Blasenentleerung sichern: Bei fehlender Blasenfunktion wird die Selbstkatheterisierung beschrieben. [B]
  • Nervenstimulation: Sie wird bei anhaltender Entleerungsstörung in ausgewählten Fällen als Ergänzung beschrieben. [B]

Herkunft: Long et al. 2014; Katahira et al. 2005; Übersicht zu Blasenstörungen nach Beckenoperationen, 2025.

16. Warnzeichen

Achtung: Diese Befunde gehören ärztlich abgeklärt

  • Plötzlicher Harnverhalt oder Verlust der Stuhlkontrolle, Taubheit im Reithosengebiet oder Schwäche beider Beine: Warnhinweis auf ein Kaudasyndrom. [B]
  • Volle, schmerzhafte Blase, die sich nicht entleeren lässt. [I]
  • Fieber und Brennen beim Wasserlassen bei bekanntem Restharn. [I]
  • Blut in Harn oder Stuhl. [I]

Diese Seite stellt keine Diagnose, gibt keine Therapieempfehlung und ersetzt keine ärztliche Untersuchung.

Herkunft: NVL Nicht-spezifischer Kreuzschmerz 2017; die übrigen Punkte sind aus den Kapiteln 3 und 9 abgeleitet.

17. Häufige Fragen

Kann ein Schaden am N. pudendus einen Harnverhalt auslösen?

Nein. Die Anspannung des Blasenmuskels hängt an diesen Beckeneingeweidenerven; der N. pudendus steuert nur den willkürlichen äußeren Schließmuskel. [B]

Warum habe ich nach der Mastdarmoperation Probleme mit dem Wasserlassen?

Eine häufige Ursache ist ein Schaden an den vegetativen Beckennerven, die bei dieser Operation dicht am Operationsfeld liegen. [B] Andere Ursachen wie ein Hindernis am Blasenausgang sind zu bedenken. [I]

Kann man die Nerven bei der Operation schonen?

Ja, nervenschonende Techniken sind beschrieben; beim Gebärmutterhalskrebs verbesserten sie in einer Metaanalyse die Erholung der Blasenfunktion. [B]

Herkunft: die in den Kapiteln 3 bis 15 genannten Quellen.

Teil E · Anatomische Einzelheiten

18. Ursprung und Stellung

NervHerkunftArt
Nn. splanchnici pelvicivordere Äste von S2 bis S4parasympathisch, vorgeschaltet
Nn. splanchnici sacralesKreuzbeinabschnitt des Grenzstrangssympathisch
N. hypogastricusoberes Beckengeflecht, Zufluss aus den Lenden- und unteren Brustsegmentensympathisch
Tabelle 9: Zuflüsse zum Beckengeflecht. Reihenfolge: parasympathisch, dann sympathisch von unten nach oben. Alle Angaben belegt [B].

Die Namen werden leicht verwechselt: Die sakralen Splanchnikusnerven sind sympathisch, die pelvinen parasympathisch. [B] Im Beckengeflecht treffen alle drei Zuflüsse zusammen. [B]

Herkunft: Standring, Gray’s Anatomy; Bähr und Frotscher, Duus.

19. Das Beckengeflecht als Schaltstelle

Das Beckengeflecht liegt als Nervenplatte seitlich an Mastdarm, Blase und Prostata oder an Gebärmutterhals und Scheide. [B] Von ihm ziehen Äste zu Blase, Mastdarm und Schwellkörpern. [B] Nervenschonende Operationsverfahren zielen darauf, diese Nerven und die Äste des Geflechts zur Blase zu erhalten. [I]

Herkunft: Standring, Gray’s Anatomy; Long et al. 2014.

20. Abweichungen vom Regelbau

Der Anteil von S2, S3 und S4 an diesen Nerven wechselt von Mensch zu Mensch. [B] Sezierreihen mit Fallzahlen dazu liegen dieser Fassung nicht vor. [I]

Herkunft: Standring, Gray’s Anatomy.

21. Was diese Nerven nicht führen

  • Keine Hautäste und keine Fasern zu Skelettmuskeln. Äußere Schließmuskeln und Dammmuskeln gehören zum N. pudendus, der Beckenboden zu direkten Ästen aus S3 bis S5, mit umstrittenem Beitrag des N. pudendus (Seite Nervus levator ani). [B]
  • Keine sympathischen Fasern. Diese erreichen das Beckengeflecht über N. hypogastricus und sakrale Splanchnikusnerven. [B]
  • Kein Dermatom und kein Sklerotom. [I]

Herkunft: Standring, Gray’s Anatomy; Bähr und Frotscher, Duus.

22. Reflexzonenmodelle

Die drei folgenden Modelle wurden zwischen 1893 und 1953 veröffentlicht. Sie ordnen Haut- oder Gewebezonen inneren Organen über gemeinsame Rückenmarkssegmente zu. [H] Ein kontrollierter Nachweis ihrer Zonengrenzen liegt nicht vor. [H] Sie stehen hier zur Einordnung, nicht als Grundlage der Differenzialdiagnostik.

ModellGrundgedanke und VoraussetzungBezug zu diesem NervKennzeichen
Head-Zonenüberempfindliche Hautzonen bei Erkrankung eines inneren Organs; setzt viszerale Afferenzen voraus, die auf Hautsegmente überleitenkeine Zone; der Nerv führt keine viszeralen Afferenzen [I][H]
Mackenzie-Zonentastbare Veränderungen in Muskulatur und Unterhaut bei Organerkrankung; setzt viszerale Afferenzen mit Projektion in die Muskulatur vorauskeine Zone; dieselbe Voraussetzung fehlt [I][H]
Bindegewebszonen nach Dickeveränderte Verschieblichkeit des Unterhautgewebes, Grundlage der Bindegewebsmassage; setzt einen Organbezug vorausnicht begründbar, weil der Organbezug fehlt [I][H]
Tabelle 10: Geschichtliche Reflexzonenmodelle und ihr Bezug zu diesem Nerv. Reihenfolge nach Erstbeschreibung.

Für diese Nerven gibt es keine Vorfassung; die Einordnung folgt den übrigen Seiten der Reihe. Das entfällt: Der Nerv führt empfindende Fasern aus Haut, Muskeln und Gelenken, aber keine aus inneren Organen. [B] Damit fehlt die Voraussetzung der Modelle. [I]

22.1 Die parasympathische Zellsäule des Kreuzmarks

Auf den übrigen Seiten der Reihe steht hier der Nucleus intermediolateralis von Th1 bis etwa L2, die Zellsäule der vorgeschalteten sympathischen Nervenzellen. [B] Für diese Nerven gilt ihr parasympathisches Gegenstück: eine Zellsäule im Seitenhorn des Kreuzmarks von S2 bis S4. [B] Ihre Fasern bilden die Beckeneingeweidenerven. [B]

Bei den Head-Zonen, die Organe bestimmten Hautfeldern zuordnen, werden Blase und Mastdarm oft den Segmenten S2 bis S4 zugewiesen. [H] Das beruht auf dem geschichtlichen Modell und nicht auf den Hautästen dieser Nerven, die es nicht gibt. [I]

Achtung: Zwei ähnliche Namen

James Mackenzie beschrieb 1909 ein Reflexzonenmodell. [H] Robin McKenzie entwickelte in den 1970er Jahren ein Bewegungsverfahren für die Wirbelsäule. [B] Die beiden Modelle haben nichts miteinander zu tun. [I]

Herkunft: Head, Mackenzie und Dicke als geschichtliche Quellen; Bähr und Frotscher, Duus’ Neurologisch-topische Diagnostik; Standring, Gray’s Anatomy.

Teil F · Anhang

23. Fachbegriffe

BegriffBedeutung
Beckengeflecht (Plexus hypogastricus inferior)vegetatives Nervengeflecht seitlich der Beckenorgane
Blasendruckmessung (Urodynamik)Messung von Druck und Fluss beim Füllen und Entleeren der Blase
Blasenmuskel (M. detrusor vesicae)glatte Muskulatur der Blasenwand, die beim Wasserlassen anspannt
KaudasyndromDruck auf die Nervenwurzeln unterhalb des Rückenmarks mit Störung von Blase, Darm und Beinen
Nervenschonende OperationOperationstechnik, bei der die vegetativen Beckennerven gezielt erhalten werden
ParasympathikusTeil des vegetativen Nervensystems, der unter anderem Entleerung und Erektion fördert
ReithosengebietHaut an Damm, Gesäßinnenseite und Oberschenkel-Innenseite
RestharnUrinmenge, die nach dem Wasserlassen in der Blase bleibt
SelbstkatheterisierungEntleerung der Blase mit einem Katheter durch die Betroffenen selbst
SympathikusTeil des vegetativen Nervensystems, der unter anderem Speicherung und Samenausstoß fördert
Tarlov-Zysteflüssigkeitsgefüllte Aussackung an einer Nervenwurzel des Kreuzbeins
Tabelle 11: Fachbegriffe dieser Seite, alphabetisch geordnet. Kürzel erklärt die Seite Medizinische Abkürzungen.

24. Lesart dieser Seite

Diese Seite ist ein Fachtext: mit Kürzeln, mit Messwerten und mit benannter Quelle je Aussage. Jede Aussage trägt am Ende ein Kennzeichen. [B] steht für belegt, [I] für eine aus belegten Angaben abgeleitete Interpretation, [H] für ein geschichtliches Modell ohne kontrollierten Nachweis.

In den Tabellen mit Quellenspalte sind alle Zahlen belegt [B]; wo eine Zeile davon abweicht, steht das Kennzeichen in der Zeile selbst. Rohwert und Deutung stehen getrennt: Messwerte in den Tabellen, die Einordnung im Fließtext darunter. Ein Absatz ohne Kennzeichen ist ein Hinweis zur Darstellung, keine Sachaussage.

Herkunftszeilen, die nur Standardwerke nennen, geben den Lehrbuchstand wieder. Die Fundstellen in diesen Werken sind noch nicht mit Seitenzahl geprüft; das steht unter „Offene Punkte“ in Kapitel 25.4.

Die Seite ist in sechs Teile gegliedert. Vorn stehen Überblick, Klinik und Differenzialdiagnostik. Anatomische Einzelheiten wie Maße, Abweichungen vom Regelbau und Ganglien stehen in Teil E.

Eine Quelle mit dem Vermerk „Grenzfall“ erfüllt den Quellenmaßstab nicht vollständig, etwa wegen der Art der Veröffentlichung. Sie bleibt verwendet, weil sie eine Angabe trägt, für die keine gleichwertige Quelle vorliegt. Aussagen aus ihr sind mit Vorsicht zu lesen.

25. Grundlage und Quellen

25.1 Quellenmaßstab

Verwendet wird nur belegte, hochwertige Fachliteratur: Leitlinien und Klassifikationen, systematische Übersichten und Metaanalysen, begutachtete Originalarbeiten mit genannter Fallzahl sowie anatomische und neurologische Standardwerke. Einzelfallberichte sind als solche gekennzeichnet und tragen keine Häufigkeitsaussage. Webseiten, Populärliteratur und Angaben ohne auffindbare Originalquelle sind ausgeschlossen. Geschichtliche Quellen tragen ausschließlich die mit [H] gekennzeichneten Abschnitte.

25.2 Quellenverzeichnis

Nr.QuelleArt und UmfangVermerk
1Pocard M, Zinzindohoue F, Haab F, Caplin S, Parc R, Tiret E. A prospective study of sexual and urinary function before and after total mesorectal excision with autonomic nerve preservation for rectal cancer. Surgery 2002;131(4):368–372vorausschauende Reihe, 20 Patientenausgewählte Patienten
2Katahira A, Niikura H, Kaiho Y, Nakagawa H, Kurokawa K, Arai Y, Yaegashi N. Intraoperative electrical stimulation of the pelvic splanchnic nerves during nerve-sparing radical hysterectomy. Gynecol Oncol 2005;98(3):462–466Reihe, 17 Patientinnen
3Daniels IR, Woodward S, Taylor FG, Raja A, Toomey P. Female urogenital dysfunction following total mesorectal excision for rectal cancer. World J Surg Oncol 2006;4:6Reihe, 18 Frauen, mit LiteraturübersichtHäufigkeiten ohne Nervenschonung aus älteren Arbeiten
4Lange MM, van de Velde CJH. Urinary and sexual dysfunction after rectal cancer treatment. Nat Rev Urol 2011;8(1):51–57ÜbersichtsarbeitLeitquelle Klinik
5Long Y, Yao DS, Pan XW, Ou TY. Clinical efficacy and safety of nerve-sparing radical hysterectomy for cervical cancer: a systematic review and meta-analysis. PLoS One 2014;9(4):e94116Metaanalyse, 17 Studienüberwiegend nicht randomisierte Studien
6Kim HS, Kim K, Ryoo SB, Seo JH, Kim SY, Park JW, Kim MA, Hong KS, Jeong CW, Song YS. Conventional versus nerve-sparing radical surgery for cervical cancer: a meta-analysis. J Gynecol Oncol 2015;26(2):100–110Metaanalysenur für die Wirkung auf Blasenmuskel und Harnröhre
7Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF. Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz, 2. Auflage, Version 1, 2017. AWMF nvl-007Leitlinielaut Register abgelaufen; nur für die Warnhinweise
8Klepinowski T, Orbik W, Sagan L. Global incidence of spinal perineural Tarlov’s cysts and their morphological characteristics: a meta-analysis of 13,266 subjects. Surg Radiol Anat 2021;43(6):855–863Metaanalyse
9Übersicht: Bladder dysfunction after advanced pelvic surgeries: neuropelveological strategies for prevention and management. 2025ÜbersichtsarbeitFundstelle unvollständig: Autoren und Zeitschrift nicht eingesehen
10Standring S (Hrsg.). Gray’s Anatomy. The Anatomical Basis of Clinical Practice. Elsevieranatomisches StandardwerkFundstelle unvollständig: Auflage und Jahr fehlen; Lehrbuchstand, nicht mit Seitenzahl geprüft
11Bähr M, Frotscher M. Duus’ Neurologisch-topische Diagnostik. Thiemeneurologisches StandardwerkFundstelle unvollständig: Auflage und Jahr fehlen; Lehrbuchstand, nicht mit Seitenzahl geprüft
12Head H. On disturbances of sensation with especial reference to the pain of visceral disease. Brain 1893;16:1–133; Teil II Brain 1894;17:339–480; Teil III Brain 1896;19:153–276geschichtliches Modellnur für Aussagen mit [H]
13Mackenzie J. Symptoms and their interpretation. London: Shaw and Sons; 1909geschichtliches Modellnur für Aussagen mit [H]
14Dicke E. Meine Bindegewebsmassage. Stuttgart: Hippokrates; 1953geschichtliches Modellnur für Aussagen mit [H]
Tabelle 12: Verwendete Quellen, geordnet nach dem Jahr der Veröffentlichung; Standardwerke danach; geschichtliche Quellen am Ende.

25.3 Nicht verwendet

Nicht herangezogen wurden Webportale, Lernplattformen, Nachschlagewerke ohne benannte Fachautorenschaft und frei bearbeitbare Wissenssammlungen. Einzelstudien mit Zahlen zur Katheterdauer nach nervenschonender Gebärmutterentfernung sind durch die Metaanalyse abgedeckt und werden nicht einzeln wiedergegeben. Die Arzneimittelbehandlung von Blasen- und Sexualstörungen ist nicht Gegenstand dieser Seite.

25.4 Offene Punkte

  • Die Aussagen, die auf den Standardwerken beruhen, sind noch nicht mit Auflage und Seitenzahl geprüft. Betroffen sind vor allem die Kapitel 1 bis 3, 18 bis 21 und 22.1.
  • Eine Fundstelle ist unvollständig (Nr. 9).
  • Die Seite enthält keine Abbildung.

Grenzen der Literatur (Stand der Recherche: 21. September 2026). Die Metaanalyse beruht überwiegend auf nicht randomisierten Studien. Arbeiten, die Darmstörungen nach Mastdarmoperation sicher dem Nervenschaden zuordnen, fehlen. Sezierreihen zur Segmentbeteiligung mit Fallzahl wurden nicht eingesehen.

25.5 Neue Seite

Diese Seite ist neu angelegt; eine Vorfassung gibt es nicht. Sie ist die einzige Seite der Reihe zu rein vegetativen Nerven.

25.6 Änderungsvermerk

Geändert: Seite neu geschrieben nach den gemeinsamen Bausteinen der Nervenseiten. Warum: Erweiterung der Reihe um die sakralen Nerven. Ersetzt: keine Fassung.

V 1.1 – geändert: Leiste vereinheitlicht; Fundstelle Katahira 2005 vervollständigt. Warum: Optimierung der Reihe „Nervi sacrales“. Ersetzt: V 1.0.

V 1.2 – geändert: Versorgung des Beckenbodens angeglichen an die Seite Nervus levator ani. Warum: Widerspruch zwischen den Sezierreihen. Ersetzt: V 1.1.

V 1.3 – geändert: Leiste auf alle 18 Seiten des Lenden- und Kreuzgeflechts erweitert. Warum: Abschluss der Reihen „Lumbale Nerven“ und „Nervi sacrales“. Ersetzt: V 1.2.

V 1.4 – geändert: Leiste um die Übersicht der Brustnerven ergänzt. Warum: Verbindung zur Reihe „Nervi thoracici“. Ersetzt: V 1.3.

V 1.5 – geändert: Leiste um N. iliohypogastricus, N. ilioinguinalis, N. genitofemoralis und N. cutaneus femoris lateralis ergänzt. Warum: Ergänzung des Lendengeflechts. Ersetzt: V 1.4.

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V 1.5 · Stand: 21. September 2026 · Quellen geprüft am 21. September 2026