Das Segment L2 liegt im oberen Drittel der Lendenwirbelsäule. Es ist anatomisch ein Grenzbereich: In dieser Höhe endet bei den meisten Menschen das Rückenmark, und ab hier zieht nur noch die Cauda equina im Wirbelkanal abwärts — das Bündel der Nervenwurzeln. Die Wurzel L2 versorgt die Haut über Leiste und vorderem Oberschenkel und trägt zur Hüftbeugung bei. Wurzelbeschwerden aus L2 sind selten; die große Mehrzahl der lumbalen Wurzelsyndrome betrifft L5 und S1. Gerade deshalb lohnt sich hier die genaue Zuordnung, denn Beschwerden an Leiste und vorderem Oberschenkel haben häufiger eine andere Ursache als die Nervenwurzel.
Inhalt
Auf einen Blick
- Zählregel der Lendenwirbelsäule: Die Wurzel L2 verlässt den Wirbelkanal unterhalb des zweiten Lendenwirbels, durch das Zwischenwirbelloch L2/L3. In der Halswirbelsäule gilt die umgekehrte Regel — das ist die häufigste Verwechslung beim Lesen von Befunden.
- Rückenmark und Wirbel: Das Rückenmarkssegment L2 liegt weit höher als der gleichnamige Wirbel, etwa hinter den Brustwirbelkörpern Th11 und Th12. Das Rückenmark endet bei den meisten Erwachsenen in Höhe L1/L2.
- Kennmuskel: Einen eigenen, sauber trennenden Kennmuskel hat L2 nicht. Geprüft wird die Hüftbeugung über den M. iliopsoas, der aus L1 bis L3 gespeist wird — der Befund allein legt die Etage nicht fest.
- Reflex: Kein eigener Reflex. Der Kniesehnenreflex gehört zu L3 und L4, nicht zu L2. Ein seitengleicher Kniesehnenreflex schließt eine Störung der Wurzel L2 nicht aus.
- Dermatom: Ein schräges Band unterhalb des Leistenbandes über die Vorderseite des Oberschenkels, nach innen und unten ziehend. Die Grenzen sind unscharf und überlappen mit L1 und L3.
- Häufigkeit: Bandscheibenvorfälle der oberen Lendenwirbelsäule machen weniger als fünf Prozent aller lumbalen Bandscheibenvorfälle aus. Der Anteil steigt mit dem Lebensalter: Bei jungen Erwachsenen sind fast ausschließlich die beiden untersten Etagen betroffen.
- Sympathikus: L2 ist — anders als jedes Halssegment — tatsächlich ein Ursprungssegment des Sympathikus. Es ist zugleich das unterste. Was daraus folgt und was nicht, steht in Kapitel 04.
Kapitel 01
Anatomie des Segments L2
1.1 Drei Dinge heißen L2
Der Buchstabe mit der Zahl bezeichnet in Befunden drei verschiedene Strukturen, die an unterschiedlichen Orten liegen. Wer sie gleichsetzt, ordnet Beschwerden der falschen Etage zu.
- Der Wirbel L2 — der zweite Lendenwirbel, ein Knochen. Er lässt sich am Rücken abzählen und ist die Bezugsgröße der Bildgebung.
- Das Rückenmarkssegment L2 — der Abschnitt des Rückenmarks, aus dem die Wurzelfäden der zweiten Lendennerven hervorgehen. Er liegt nicht in Höhe des Wirbels L2, sondern deutlich höher, etwa hinter den Brustwirbelkörpern Th11 und Th12. Das Rückenmark ist kürzer als der Wirbelkanal; die Verschiebung nimmt nach unten hin zu.
- Der Spinalnerv L2 — er entsteht im Zwischenwirbelloch zwischen L2 und L3 und ist die klinisch entscheidende Größe. Alles, was über „L2-Beschwerden“ gesagt wird, betrifft ihn.
Zwischen Rückenmarkssegment und Austritt legt die Wurzel L2 eine Strecke von mehreren Wirbelhöhen im Wirbelkanal zurück. Auf diesem Weg kann sie an mehreren Stellen bedrängt werden. Der Ort der Schädigung und der Ort des Austritts sind deshalb zwei verschiedene Angaben.
1.2 Wo das Rückenmark endet
Bei den meisten Erwachsenen endet das Rückenmark mit dem Conus medullaris in Höhe des Wirbelkörpers L1. Kernspinreihen fanden dieses Ende bei etwa 45 bis 50 Prozent der Untersuchten dort, mit einer Streubreite von Th12 bis L2. [B] Unterhalb davon liegen im Wirbelkanal nur noch die abwärts ziehenden Nervenwurzeln — die Cauda equina.
Warum das für dieses Segment wichtig ist. In Höhe L1/L2 und L2/L3 liegen Rückenmarksende und Wurzelbündel dicht beieinander, und der Wirbelkanal ist hier enger als in den unteren Etagen. Eine Raumforderung an dieser Stelle kann deshalb mehrere Wurzeln zugleich oder das Rückenmarksende selbst treffen. Das erklärt, warum Befunde der oberen Lendenwirbelsäule häufiger untypisch ausfallen als solche der Etagen L4/L5 und L5/S1: gemischte Ausfälle, Gangunsicherheit, gesteigerte statt abgeschwächte Reflexe, Blasenstörungen. Ein solches Muster ist kein Befund für die manuelle Behandlung, sondern ein Grund für rasche ärztliche Abklärung (siehe Kapitel 09).
1.3 Die Zählregel der Lendenwirbelsäule
In der Lendenwirbelsäule verlässt jede Wurzel den Wirbelkanal unterhalb des gleichnamigen Wirbels. Die Wurzel L2 tritt also durch das Zwischenwirbelloch zwischen L2 und L3 aus. Sie läuft dabei am oberen Rand dieses Lochs, dicht unter der Bogenwurzel des Wirbels L2 — und damit oberhalb der Bandscheibe L2/L3, nicht hinter ihr.
Der häufigste Lesefehler. In der Halswirbelsäule tritt die Wurzel oberhalb ihres gleichnamigen Wirbels aus, in der Lendenwirbelsäule unterhalb. Wer die Halsregel auf die Lendenregion überträgt, verschiebt die Zuordnung um eine ganze Etage. Die Umkehr geschieht am Übergang zur Brustwirbelsäule: Die Wurzel C8 tritt zwischen C7 und Th1 aus, ab Th1 gilt dann durchgehend die untere Regel.
Aus dieser Lage folgt eine zweite Unterscheidung, die im Befund selten ausgeschrieben wird: Eine Bandscheibe kann zwei verschiedene Wurzeln treffen — je nachdem, wohin das Material austritt.
| Ort des Vorfalls | Betroffene Wurzel | Erläuterung |
|---|---|---|
| L1/L2, mittig oder seitlich im Kanal | L2 — die durchziehende Wurzel | Die Wurzel L2 zieht in dieser Höhe noch im Wirbelkanal abwärts und wird von vorn bedrängt, bevor sie ihr Zwischenwirbelloch erreicht. |
| L2/L3, im Zwischenwirbelloch oder außerhalb davon | L2 — die austretende Wurzel | Hier liegt die Wurzel L2 bereits im Loch. Ein seitlicher Vorfall trifft sie unmittelbar. Diese Lage ist typisch für die obere Lendenwirbelsäule. |
| L2/L3, mittig im Kanal | L3 und tiefer gelegene Wurzeln | Die Wurzel L2 hat den Kanal an dieser Stelle bereits verlassen und wird von einem mittigen Vorfall nicht mehr erreicht. |
1.4 Bau und Beweglichkeit des Bewegungssegments
Zum Bewegungssegment gehören zwei benachbarte Wirbelkörper, die Bandscheibe zwischen ihnen, das Paar der kleinen Wirbelgelenke, die Bänder und die kurzen Muskeln. Die Bandscheibe besteht aus einem Faserring (Anulus fibrosus) und einem wasserreichen Kern (Nucleus pulposus). Zu den Bändern zählen das Ligamentum longitudinale anterius und posterius sowie das Ligamentum flavum, das den Wirbelkanal nach hinten begrenzt.
Die kleinen Wirbelgelenke der oberen Lendenwirbelsäule stehen annähernd in der Längsebene des Körpers. Diese Stellung lässt Beugung und Streckung gut zu und hemmt die Drehung stark. Die Fachliteratur gibt für die Etagen L1/L2 und L2/L3 zusammengenommen etwa 12 bis 15 Grad Beugung und Streckung an; die Drehung um die Längsachse beträgt nur wenige Grad je Etage. Nach unten hin stellen sich die Gelenkflächen zunehmend quer, weshalb Seitneigung und Drehung dort etwas zunehmen.
Berichtigung zur Vorfassung. Die frühere Fassung dieser Seite nannte für die Wirbelgelenke einen Winkel von etwa 45 Grad zur Querebene und führte die Drehung als eine der Hauptbewegungen des Segments auf. Beides trifft nicht zu. Die Gelenkflächen der oberen Lendenwirbelsäule stehen weitgehend senkrecht und in Längsrichtung — gerade dadurch ist die Drehung hier gering.
Für die Begriffe Hypermobilität und Hypomobilität gilt eine Einschränkung, die in vielen Darstellungen fehlt: Die Beweglichkeit eines einzelnen Bewegungssegments lässt sich von außen nicht zuverlässig messen. Die Übereinstimmung verschiedener Untersucher bei der segmentalen Bewegungsprüfung ist in Untersuchungen gering ausgefallen. Beide Begriffe beschreiben deshalb einen Eindruck, keinen Messwert. [I]
Kapitel 02
Nervenversorgung des Segments L2
2.1 Von der Wurzel zum Geflecht
Aus dem Rückenmarkssegment treten eine vordere und eine hintere Wurzel aus. Die vordere führt Bewegungsfasern und vegetative Fasern, die hintere führt Gefühlsfasern und trägt das Spinalganglion. Beide vereinigen sich im Zwischenwirbelloch zum Spinalnerv L2, der sich unmittelbar danach teilt.
- Ramus dorsalis — der hintere Ast. Er bleibt in der Nähe der Wirbelsäule, versorgt die tiefe Rückenmuskulatur, die Gelenkkapseln der kleinen Wirbelgelenke und einen schmalen Hautstreifen neben der Mittellinie. Jedes Wirbelgelenk erhält Äste aus zwei benachbarten Segmenten; das Gelenk L2/L3 wird also nicht allein von L2 versorgt.
- Ramus ventralis — der vordere Ast. Er tritt in den Plexus lumbalis ein, das Lendengeflecht. Dieses wird aus den vorderen Ästen von L1 bis L4 gebildet, meist mit einem Beitrag aus Th12. Es liegt im M. psoas major eingebettet.
Was ein Geflecht bedeutet. Im Geflecht werden die Fasern neu sortiert. Kein peripherer Nerv des Beins entspricht deshalb einer einzelnen Wurzel, und keine Wurzel entspricht einem einzelnen Nerv. Deshalb sehen eine Wurzelschädigung und eine Schädigung des zugehörigen peripheren Nervs verschieden aus — dieser Unterschied trägt die gesamte Untersuchung in Kapitel 07.
2.2 Nerven mit Anteilen aus L2
| Nerv | Wurzelanteile | Was er versorgt |
|---|---|---|
| N. genitofemoralis | L1–L2 | Haut unterhalb des Leistenbandes und über dem äußeren Genitale; beim Mann der M. cremaster. Trägt den Kremasterreflex. |
| N. cutaneus femoris lateralis | L2–L3 | Ausschließlich Gefühl: Haut an der Außenseite des Oberschenkels. Kein Muskelast. |
| N. femoralis | L2–L4 | M. iliacus, M. sartorius, M. pectineus, M. quadriceps femoris; Gefühl an Vorderseite des Oberschenkels und — über den N. saphenus — an der Innenseite von Unterschenkel und Fuß. |
| N. obturatorius | L2–L4 | Adduktorengruppe an der Innenseite des Oberschenkels; ein kleines Hautgebiet ebenda. |
| Direkte Äste des Plexus lumbalis | L1–L3 | M. psoas major und M. quadratus lumborum, teilweise unmittelbar aus den Wurzeln, ohne Umweg über einen benannten Nerv. |
Nicht zu L2 gehören der N. iliohypogastricus und der N. ilioinguinalis. Beide stammen aus Th12 und L1. Die frühere Fassung dieser Seite führte sie als Nerven aus dem Segment L2 auf; das ist nicht belegt und ist entfallen.
2.3 Engstellen
Eine Faser kann an zwei grundsätzlich verschiedenen Orten bedrängt werden: an der Wurzel, nahe der Wirbelsäule, oder weiter außen am peripheren Nerv. Die Unterscheidung entscheidet über das gesamte weitere Vorgehen.
| Ort | Ursache | Muster der Beschwerden |
|---|---|---|
| Wirbelkanal in Höhe L1/L2 | Vorfall, knöcherne Enge, Verdickung des Ligamentum flavum | Kann mehrere Wurzeln zugleich treffen; in dieser Höhe auch das Rückenmarksende. Muster oft untypisch. |
| Recessus lateralis und Zwischenwirbelloch L2/L3 | Seitlicher Vorfall, Höhenminderung der Bandscheibe, Randzacken | Umschriebener Schmerz in Leiste und vorderem Oberschenkel, oft im Stehen und bei Streckung stärker. |
| M. psoas major | Blutung in den Muskel (etwa unter gerinnungshemmender Behandlung), Abszess, Tumor | Schmerz in Leiste und Hüfte, Schonhaltung in Beugung, Schwäche der Hüftbeugung und der Kniestreckung. Betrifft das Geflecht, nicht eine einzelne Wurzel. |
| Unter dem Leistenband, außen | Einengung des N. cutaneus femoris lateralis | Brennen und Taubheit an der Außenseite des Oberschenkels, ohne Kraftverlust und ohne Reflexänderung. |
Berichtigung zur Vorfassung. Dort war die Meralgia paraesthetica als Folge einer Einengung des N. femoralis beschrieben. Das ist falsch. Betroffen ist der N. cutaneus femoris lateralis, ein reiner Hautnerv. Die Unterscheidung ist praktisch bedeutsam: Beim N. femoralis stehen Kraftverlust der Kniestreckung und ein abgeschwächter Kniesehnenreflex im Vordergrund, bei der Meralgia paraesthetica bleiben Kraft und Reflexe unauffällig.
Kapitel 03
Muskeln mit Anteilen aus L2
3.1 Warum L2 keinen sauberen Kennmuskel hat
Ein Kennmuskel ist ein Muskel, dessen Kraftverlust auf eine bestimmte Wurzel hinweist. Das setzt voraus, dass die Wurzel den Hauptanteil seiner Fasern stellt. Für L2 trifft das auf keinen Muskel zu. Alle Muskeln mit L2-Anteil erhalten Fasern aus mindestens zwei weiteren Wurzeln, meist mit deutlichem Übergewicht bei L3 oder L4.
Geprüft wird deshalb die Hüftbeugung über den M. iliopsoas. Er wird aus L1 bis L3 gespeist. Eine Schwäche der Hüftbeugung engt den Bereich auf die obere Lendenwirbelsäule ein, legt aber die Etage nicht fest. Erst zusammen mit Gefühlsstörung, Reflexbefund und Schmerzverlauf ergibt sich ein Bild.
Merksatz
Bei L5 und S1 trägt der Kraftbefund die Zuordnung. Bei L2 trägt sie der Verlauf der Gefühlsstörung — und selbst dieser nur mit Vorbehalt.
3.2 Muskeln mit L2-Anteil im Einzelnen
| Muskel | Nerv | Wurzeln | Aufgabe | Anteil aus L2 |
|---|---|---|---|---|
| M. psoas major | direkte Äste des Plexus lumbalis | L1–L3 | Beugung im Hüftgelenk, Aufrichtung des Rumpfes aus dem Liegen | erheblich |
| M. iliacus | N. femoralis | L2–L4 | Beugung im Hüftgelenk, gemeinsam mit dem M. psoas als M. iliopsoas | erheblich |
| M. sartorius | N. femoralis | L2–L3 | Beugung und Außendrehung im Hüftgelenk, Beugung im Kniegelenk | erheblich |
| M. pectineus | N. femoralis, teils N. obturatorius | L2–L3 | Heranführen und Beugung im Hüftgelenk | erheblich |
| M. quadriceps femoris | N. femoralis | L2–L4 | Streckung im Kniegelenk; der M. rectus femoris zusätzlich Hüftbeugung | gering — Schwerpunkt L3 und L4 |
| Adduktorengruppe | N. obturatorius | L2–L4 | Heranführen des Beins | gering — Schwerpunkt L3 |
| M. quadratus lumborum | direkte Äste des Plexus lumbalis | Th12–L3 | Seitneigung des Rumpfes, Absenken der Rippe bei der Ausatmung | mittel |
Berichtigung zur Vorfassung. Dort waren der M. gluteus medius und der M. gluteus minimus als vom Segment L2 versorgte Muskeln mit „extensorischem Anteil“ aufgeführt. Beides trifft nicht zu. Diese Muskeln werden vom N. gluteus superior aus L4 bis S1 versorgt und arbeiten nicht als Strecker, sondern führen das Bein zur Seite und sichern das Becken beim Einbeinstand. Auch das dort genannte Trendelenburg-Zeichen gehört damit nicht zu L2, sondern in den Bereich von L5.
3.3 Die tiefe Rückenmuskulatur
Die autochthone Rückenmuskulatur — Mm. multifidi, M. longissimus, M. iliocostalis — wird streng segmental über die hinteren Äste versorgt. Auf Höhe L2 stabilisiert sie das Bewegungssegment gegen Scherkräfte und richtet den Rumpf auf.
Der M. multifidus ist der am dichtesten segmental innervierte Muskel dieser Gruppe: Jedes Bündel wird vom hinteren Ast eines einzigen Segments versorgt. Diese Zuordnung ist anatomisch gut belegt [B]. Ob sich daraus eine segmentale Aussage aus dem Tastbefund gewinnen lässt, ist dagegen offen: Für die Tastprüfung einzelner Segmente ist die Übereinstimmung verschiedener Untersucher in Studien gering ausgefallen. [I]
3.4 Triggerpunkte und Ausstrahlungskarten
Für den M. iliopsoas und den M. quadratus lumborum sind Ausstrahlungsmuster beschrieben worden: beim M. iliopsoas ein senkrechter Streifen längs der Lendenwirbelsäule und ein Bereich an Leiste und vorderem Oberschenkel, beim M. quadratus lumborum ein Gebiet über Beckenkamm und Gesäß.
— Einordnung. Diese Karten stammen aus dem Triggerpunkt-Modell nach Travell und Simons. Sie sind aus klinischer Beobachtung gewonnen, nicht aus einer Reizung unter kontrollierten Bedingungen. Untersuchungen zur Übereinstimmung verschiedener Untersucher beim Auffinden von Triggerpunkten haben schwache Werte ergeben. Die Karten können einen Verdacht ordnen; sie belegen keine segmentale Zuordnung und ersetzen keinen neurologischen Befund. Ein Ausstrahlungsmuster aus einem Muskel ist kein Beweis für eine Störung der Wurzel L2. [H]
Kapitel 04
Vegetative Bezüge
Bei den Halssegmenten ist dieses Kapitel kurz, weil das Halsmark keine sympathischen Ursprungszellen besitzt. Bei L2 liegt der Fall anders. Umso genauer muss unterschieden werden, was daraus folgt und was nicht.
4.1 L2 als unterstes Ursprungssegment des Sympathikus
Die Zellkörper der ersten sympathischen Neurone liegen im Seitenhorn des Rückenmarks, im Nucleus intermediolateralis. Diese Zellsäule reicht von Th1 bis L2, bei einem Teil der Menschen bis L3. Das Segment L2 bildet also ihr unteres Ende.
Der Weg der Fasern verläuft in drei Schritten: Sie verlassen das Rückenmark über die vordere Wurzel, treten über den Ramus communicans albus in den Grenzstrang ein und werden dort oder in einem vorgelagerten Ganglion auf das zweite Neuron umgeschaltet. Weil die Zellsäule bei L2 endet, müssen die Fasern für Becken und Beine im Grenzstrang abwärts ziehen, bevor sie umgeschaltet werden.
Segment ist nicht Wirbel — auch hier. Die sympathischen Ursprungszellen des Rückenmarkssegments L2 liegen hinter dem Brustwirbelkörper Th12, nicht hinter dem Lendenwirbel L2. Wer die Höhenangabe „bis L2“ auf die tastbaren Lendenwirbel bezieht, verlegt den Ursprung um mehrere Etagen nach unten.
4.2 Die Nn. splanchnici lumbales
Anders als bei den Halssegmenten ist dieser Begriff hier fachlich richtig. Die Nn. splanchnici lumbales sind Äste des lumbalen Grenzstrangs. Sie ziehen nach vorn zum Ganglion mesentericum inferius und zum Plexus hypogastricus superior und erreichen von dort die Organe des kleinen Beckens und den absteigenden Dickdarm.
| Was gesichert ist | Was daraus nicht folgt |
|---|---|
| Sympathische Fasern aus dem Bereich Th12 bis L2 erreichen über den Plexus hypogastricus superior Blase, Enddarm und Geschlechtsorgane. [B] | Dass die Wurzel L2 diese Organe „steuert“. Die Bahnen sind beidseitig angelegt, überlappen stark und verschalten in Geflechten. Eine Zuordnung einzelner Organe zu einer einzelnen Wurzel gibt es nicht. |
| Der Sympathikus hemmt die Bewegung des Dickdarms und schließt den inneren Blasenschließmuskel; beim Mann trägt er den ersten Abschnitt des Samenergusses. [B] | Dass eine Reizung des Segments L2 Verstopfung, Blasenschwäche oder Zyklusbeschwerden erklärt. Für eine solche Wirkungskette gibt es keinen Beleg. |
| Der lumbale Grenzstrang liegt seitlich vorn an den Wirbelkörpern L1 bis L4, außerhalb des Wirbelkanals. [B] | Dass er durch eine Bewegungseinschränkung oder eine Blockierung des Bewegungssegments erreichbar wäre. Er liegt vor der Wirbelsäule, getrennt vom Zwischenwirbelloch. |
4.3 Der eine belegbare Bezug zur Wurzel
Ein Punkt bleibt bestehen, und er unterscheidet L2 von jedem Halssegment: Die vordere Wurzel L2 führt tatsächlich sympathische Fasern. Ein Schaden an dieser Wurzel könnte deshalb grundsätzlich auch vegetative Fasern betreffen.
— mit Vorbehalt. In der Praxis lässt sich das kaum nachweisen. Die vegetative Versorgung eines Hautgebietes überlappt noch stärker als die Gefühlsversorgung; der Ausfall einer einzelnen Wurzel wird von den Nachbarsegmenten aufgefangen. Eine Störung der Schweißbildung oder der Hauttemperatur am Bein ist deshalb kein Zeichen für eine Wurzelstörung L2. Findet sich ein solches Muster, spricht es eher für eine Schädigung weiter außen oder für ein anderes Krankheitsbild. [I]
4.4 Was nicht belegt ist
Die frühere Fassung dieser Seite ordnete dem Segment L2 die Versorgung von Nieren und Nebennieren, der Gebärmutter, der Prostata sowie Wirkungen auf Augen und Ohren zu. Diese Zuordnungen finden in der anatomischen Fachliteratur keine Stütze und sind entfallen.
- Nieren und Nebennieren erhalten ihre sympathischen Fasern überwiegend über den N. splanchnicus minor und den N. splanchnicus imus aus den unteren Brustsegmenten, nicht aus L2.
- Blasenentleerung und Darmbewegung werden im entleerenden Sinn vom Parasympathikus aus den Kreuzbeinsegmenten S2 bis S4 gesteuert. Der Sympathikus wirkt hier zurückhaltend, nicht führend.
- Augen und Ohren haben keinen Bezug zu einem Lendensegment. Die sympathische Versorgung des Kopfes stammt aus den oberen Brustsegmenten und wird im Halsgrenzstrang umgeschaltet. Ein Zusammenhang zwischen einer L2-Reizung und Sehstörungen oder Ohrgeräuschen ist nicht belegt.
- Das komplexe regionale Schmerzsyndrom wurde in der Vorfassung als Folge einer Schädigung nachgeschalteter sympathischer Fasern aus L2 dargestellt. Diese Herleitung ist überholt. Das Krankheitsbild entsteht typischerweise nach einer Verletzung oder Operation an der Gliedmaße; eine Wurzelschädigung L2 gilt nicht als Ursache.
4.5 Zuflüsse zum Seitenhorn und was daraus folgt
Die sympathischen Ursprungszellen im Nucleus intermediolateralis sind die letzte Umschaltstelle im Rückenmark, bevor ein sympathischer Befehl den Körper erreicht. Sie arbeiten nicht selbstständig. Was sie weitergeben, hängt von drei Zuflüssen ab.
Zufluss aus dem Gehirn. Fünf Zellgruppen versorgen die gesamte sympathische Ausfuhr: der Nucleus paraventricularis des Hypothalamus, die A5-Zellgruppe, die hintere Raphe sowie die vordere seitliche und die vordere mittige verlängerte Medulla. Sie gelten als der beherrschende Zufluss. [B]
Zufluss aus dem eigenen Segment. Schaltzellen in der Nähe der Ursprungszellen leiten Meldungen aus Organen, Haut und Muskeln weiter. Eingeweidefasern erreichen die Ursprungszellen in der Regel nicht unmittelbar, sondern über solche Zwischenzellen. Das ist der Weg, den Kapitel 05 für die Zonen beschreibt. [B]
Zufluss aus anderen Rückenmarkshöhen. Im Tierversuch stammen 8 bis 20 von 100 erregenden Kontakten an den Brust-Ursprungszellen von Schaltzellen des Lendenmarks, die zum Gehprogramm gehören. Der Zufluss ist nach Höhen geordnet. [B]
Was hinausgeht. Die Ursprungszellen des Segments L2 geben ihre Erregung über die vordere Wurzel und den weißen Verbindungsast an den Grenzstrang ab. Sympathische Wirkungen sind unter anderem: Engstellung der Gefäße, Schweißbildung, Aufrichten der Haare, Wirkungen an inneren Organen und Ausschüttung aus dem Nebennierenmark. Welche davon auf L2 entfallen, steht oben in diesem Kapitel. [B]
Aus der Verrechnung dieser Zuflüsse folgt zweierlei. Ein Reiz aus einem Organ ist nur ein Eingang unter mehreren und wird mit der Steuerung aus dem Gehirn verrechnet. Und aus einem Befund an der Körperoberfläche lässt sich nicht auf eine einzelne Etage zurückschließen. [I]
Wie stark der Zufluss aus dem Gehirn wiegt, zeigt sich nach einer Querschnittlähmung. Unterhalb der Verletzung gehen die Bahnen aus dem Gehirn zu den Ursprungszellen weitgehend verloren. Blutdruckregelung, Blasen- und Darmsteuerung sind danach gestört, während die Ursprungszellen selbst weiterarbeiten. [B]
Quellen zu diesem Abschnitt
- Strack AM, Sawyer WB, Hughes JH, Platt KB, Loewy AD: A general pattern of CNS innervation of the sympathetic outflow demonstrated by transneuronal pseudorabies viral infections. Brain Res 1989;491:156–162. — Grundlage der fünf Zellgruppen in Hypothalamus und Hirnstamm.
- Llewellyn-Smith IJ: Anatomy of synaptic circuits controlling the activity of sympathetic preganglionic neurons. J Chem Neuroanat 2009;38:231–239. — Grundlage der Zuflüsse aus Gehirn und Rückenmark.
- Chacon C, Nwachukwu CV, Shahsavani N, Cowley KC, Chopek JW: Lumbar V3 interneurons provide direct excitatory synaptic input onto thoracic sympathetic preganglionic neurons. Front Neural Circuits 2023;17:1235181. — Grundlage des Zuflusses aus anderen Rückenmarkshöhen.
- Llewellyn-Smith IJ: Effects of spinal cord injury on synaptic inputs to sympathetic preganglionic neurons. Prog Brain Res 2006;152:11–26. — Grundlage der Aussage zum Verlust der Bahnen aus dem Gehirn nach Querschnittlähmung.
- Wehrwein EA, Orer HS, Barman SM: Overview of the anatomy, physiology, and pharmacology of the autonomic nervous system. Compr Physiol 2016;6:1239–1278. — Grundlage der Aufzählung der sympathischen Wirkungen.
Offene Lücken
- Die Befunde zu den Zuflüssen stammen aus Tierversuchen an Ratten und Mäusen. Zahlen zum Anteil der einzelnen Zuflüsse beim Menschen liegen nicht vor.
- Von den fünf Arbeiten dieses Abschnitts wurden nur die Zusammenfassungen eingesehen. Der Abgleich mit den Volltexten steht vor Veröffentlichung aus.
Kapitel 05
Dermatom, Sklerotom und Reflexzonen
Dieser Abschnitt wird in Segmentdarstellungen besonders häufig unsauber geführt. Deshalb ist jede Aussage nach ihrer Belegdichte gekennzeichnet.
- — anatomisch gesichert, in den Standardwerken übereinstimmend dargestellt. [B]
- — klinisch nachvollziehbare Deutung, aber nicht durch eigene Untersuchungen belegt. [I]
- — Modellvorstellung oder historisch bedeutsames Konzept mit begrenzter Nachprüfbarkeit. [H]
5.1 Das Dermatom L2
Das Hautgebiet der Wurzel L2 zieht als schräges Band unterhalb des Leistenbandes über die Vorderseite des Oberschenkels, von außen oben nach innen unten, und endet etwa in der Mitte des Oberschenkels. Nach oben grenzt es an L1 in der Leiste, nach unten an L3 oberhalb des Knies. [B]
Die Grenzen sind unscharf. Benachbarte Dermatome überlappen erheblich; der Ausfall einer einzelnen Wurzel erzeugt deshalb in der Regel kein scharf begrenztes taubes Feld, sondern eine abgeschwächte Empfindung in einem unscharfen Streifen. Die verbreiteten Dermatomkarten gehen auf verschiedene Untersuchungsverfahren zurück und weichen untereinander ab — für die untere Extremität teils erheblich. [B]
Praktische Folge. Ein Gefühlsbefund im Bereich des vorderen Oberschenkels erlaubt keine sichere Festlegung auf L2. Er trennt die obere von der unteren Lendenwirbelsäule — mehr nicht. Die Unterscheidung zwischen L1, L2 und L3 gelingt über die Hautprüfung allein nicht zuverlässig.
5.2 Sklerotom und Arthrotom
Zum Sklerotom gehören Knochenhaut, Bänder und Gelenkkapseln, deren Fasern über dasselbe Segment laufen. Für L2 sind das vor allem die Wirbelkörper und Bandscheiben der oberen Lendenwirbelsäule, die Kapseln der kleinen Wirbelgelenke L1/L2 und L2/L3 sowie die tiefe Faszie dieser Region. Sklerotomschmerz wird als tief, dumpf und schlecht zu lokalisieren beschrieben — im Unterschied zum Wurzelschmerz, der als einschießend und streifenförmig erlebt wird. [B]
Für die kleinen Wirbelgelenke der Lendenwirbelsäule liegen Karten aus Reizversuchen an Freiwilligen vor. Sie zeigen: Der Schmerz aus einem oberen Lendenwirbelgelenk wird in die Flanke, den seitlichen Beckenkamm und den oberen Gesäßbereich verlegt und kann in den Oberschenkel ausstrahlen. Die Muster benachbarter Etagen überschneiden sich stark; aus dem Schmerzbild allein lässt sich die Etage nicht bestimmen. [B]
Berichtigung zur Vorfassung. Dort wurde das Sklerotom L2 unter anderem dem Trochanter major zugeordnet und das Hüftgelenk als L2-versorgtes Gelenk geführt. Die Gelenkkapsel der Hüfte erhält Äste aus dem N. femoralis, dem N. obturatorius und dem N. gluteus superior und damit Anteile aus L2 bis S1 — eine Zuordnung zu einer einzelnen Wurzel trägt nicht. Der Hinweis bleibt in umgekehrter Richtung wichtig: Hüftbeschwerden können Schmerzen in Leiste und vorderem Oberschenkel erzeugen und einer L2-Reizung ähneln (siehe Abschnitt 6.4).
5.3 Historische Zonenmodelle
Drei Modelle tauchen in Segmentdarstellungen regelmäßig auf. Alle drei sind historisch bedeutsam, methodisch aber begrenzt nachprüfbar. Sie werden hier genannt und eingeordnet, nicht als Grundlage von Aussagen verwendet.
| Modell | Was es beschreibt | Einordnung |
|---|---|---|
| Head-Zonen | Hautfelder, in denen bei Erkrankung eines inneren Organs eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit auftreten soll. | Um 1900 aus Krankenbeobachtungen abgeleitet. Für einige Organe — Herz, Gallenblase — sind übertragene Schmerzgebiete gut belegt. Für die Segmente der oberen Lendenwirbelsäule liegt keine belastbare Organzuordnung vor. [H] |
| Bindegewebszonen nach Dicke | Tastbare Verquellungen und Einziehungen der Unterhaut, die auf Organstörungen hinweisen sollen. | Aus der Behandlungspraxis der 1930er Jahre. Untersuchungen zur Übereinstimmung verschiedener Untersucher liegen kaum vor. Aus einem Tastbefund lässt sich keine Organaussage ableiten. [H] |
| Projektionszonen nach James Mackenzie | Zonen erhöhter Muskelspannung als Ausdruck einer Organreizung. | Ebenfalls aus klinischer Beobachtung um 1900. Das Grundphänomen — übertragener Schmerz — ist gesichert; die feine segmentale Zuordnung ist es nicht. [H] |
Zwei Namen, die verwechselt werden. James Mackenzie war ein britischer Internist, von dem die eben genannten Projektionszonen stammen. Robin McKenzie war ein neuseeländischer Physiotherapeut, der ein Untersuchungs- und Übungsverfahren für Rückenbeschwerden entwickelt hat, die Mechanische Diagnose und Therapie. Dieses Verfahren arbeitet mit wiederholten Bewegungen und beobachtet, ob der Schmerz zur Mitte wandert. Es kennt keine „Zonen“ und hat mit Organbezügen nichts zu tun.
Die Vorfassung dieser Seite führte einen Abschnitt „McKenzie-Zonen des Segments L2“ mit viszeralen Projektionen auf Harnblase und Dickdarm. Dieser Abschnitt vermengt beide Namen zu einem Begriff, den keines der beiden Modelle kennt. Er ist ersatzlos entfallen.
5.4 Erklärungswege über das Rückenmark
Dieser Abschnitt ordnet ein, auf welchem Weg ein Organreiz Haut, Unterhaut und Muskeln verändern kann. Belegt ist nur ein Teil davon.
Reize aus einem Organ erreichen das Rückenmark über Eingeweidefasern. Diese enden im Hinterhorn, dem Eingangsbereich des Rückenmarks für Empfindungen. Im selben Segment können sie die sympathischen Ursprungszellen im Nucleus intermediolateralis erregen. Diese Zellsäule im Seitenhorn reicht von Th1 bis etwa L2; das Segment L2 gehört dazu. Über den Grenzstrang steuern diese Zellen unter anderem Hautgefäße und Schweißdrüsen. [B]
Dass sich Unterhaut und Muskeln im Übertragungsgebiet eines Organs messbar verändern, ist beim Menschen gezeigt. Bei Gallensteinen mit Koliken war die Unterhaut im Übertragungsgebiet dicker und der Muskel dünner als auf der Gegenseite. Ohne Koliken fanden sich diese Unterschiede nicht. [B]
Die Autoren dieser Untersuchung vermuten, dass Überempfindlichkeit und Gewebeveränderung auf verschiedenen Wegen entstehen. [I]
Auf welchem Weg die Veränderungen entstehen, ist beim Menschen nicht geklärt. Tierversuche nennen drei Kandidaten: gegabelte Empfindungsfasern, Verschaltungen zwischen Empfindungsfasern im Rückenmark und den sympathischen Reflex über das Seitenhorn. [B]
Gegabelte Empfindungsfaser. Bei Ratten sind Schmerzfasern nachgewiesen, die sich teilen und mit einem Ast die Haut, mit dem anderen ein Organ versorgen. Bei Entzündungen von Dickdarm, Blase oder Magen trat in der Haut Flüssigkeit aus. Im Dickdarmmodell reagierten diese Fasern verstärkt auf Hautreize. [B]
Hinterwurzelreflex. Hier läuft eine Erregung vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser. An deren Ende setzt sie Botenstoffe frei, die eine vom Nerv ausgelöste Schwellung und Rötung hervorrufen, eine neurogene Entzündung. Im Tierversuch erklärt dieser Reflex einen erheblichen Teil der Gelenkschwellung bei Arthritis und der Hautrötung nach Einspritzen von Capsaicin. [B]
Dass einer dieser beiden Wege die Zonen bei Organleiden erzeugt, ist nicht gezeigt. Beide setzen kein Seitenhorn voraus und kämen deshalb in allen Segmenten in Frage. [I]
Konvergenz im Hinterhorn. Fast alle Schaltzellen der zweiten Stufe im Hinterhorn erhalten Eingänge aus den Eingeweiden und zugleich aus Haut und Muskeln. Dieses Zusammenlaufen gilt seit Langem als Grundlage dafür, dass Organschmerz an der Körperoberfläche gespürt wird. [B]
Die Konvergenz erklärt die Überempfindlichkeit einer Zone, für sich allein aber keine tastbare Gewebeveränderung. Welcher der genannten Wege beim Menschen überwiegt, ist offen. [I]
Die Bindegewebsmassage erklärt ihre Zonen mit einer Reflexwirkung über das vegetative Nervensystem, also mit dem Weg über das Seitenhorn. Nachgewiesen ist diese Erklärung nicht, und ob die Tastbefunde nach Dicke den gemessenen Veränderungen entsprechen, ist offen. [I]
Skelettmuskeln werden ausschließlich über die motorischen Vorderhornzellen erregt. Das vegetative Nervensystem, zu dem das Seitenhorn gehört, steuert Eingeweide, Gefäße und Drüsen, aber nicht die Skelettmuskeln. [B]
Ein zweites Modell führt Verspannungen der Körperwand bei Organreiz auf Reflexe über diese Vorderhornzellen zurück. Die Körperwand umfasst Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ. Tierversuche stützen das Modell; beim Menschen ist es nicht gesichert. [I]
Ob der Sympathikus die Muskelspannung beim Menschen unmittelbar verändert, ist ungeklärt. Im Tierversuch veränderte ein Sympathikusreiz die Empfindlichkeit der Muskelspindeln, der Längenfühler im Muskel. Beim Menschen blieb die Spindelentladung in einer Untersuchung unverändert; in einer anderen war der Dehnungsreflex verstärkt. Die Befunde widersprechen sich. [I]
Alle genannten Wege beschreiben die Richtung vom Organ zur Körperwand. Dass eine Behandlung von Haut oder Muskeln über diese Wege ein Organ beeinflusst, ist damit nicht belegt. [H]
Kapitel 06
Beschwerdebilder mit Bezug zu L2
6.1 Die Radikulopathie L2
Das Wurzelsyndrom L2 äußert sich als Schmerz in der Leiste und an der Vorderseite des Oberschenkels, oft ohne Ausstrahlung unter das Knie. Hinzukommen können eine abgeschwächte Empfindung im zugehörigen Hautstreifen und eine leichte Schwäche der Hüftbeugung. Der Kniesehnenreflex bleibt bei einer reinen L2-Schädigung meist erhalten.
Zur Häufigkeit: Bandscheibenvorfälle der oberen Lendenwirbelsäule sind selten. Übersichtsarbeiten geben für die Etagen L1/L2 und L2/L3 zusammen weniger als fünf Prozent aller lumbalen Bandscheibenvorfälle an, mit einer erheblichen Spannbreite zwischen den Untersuchungen — je nachdem, ob die Etage L3/L4 mitgezählt wird.
Der Anteil hängt stark vom Lebensalter ab. Bei jungen Erwachsenen betreffen weit über neunzig Prozent der Vorfälle die beiden untersten Etagen L4/L5 und L5/S1. Jenseits des 65. Lebensjahres verschiebt sich das Bild deutlich nach oben; das mittlere Alter bei einem Vorfall L2/L3 liegt in Auswertungen rund fünfzehn Jahre höher als bei einem Vorfall L5/S1.
Was aus der Seltenheit folgt. Wenn Schmerzen an Leiste und vorderem Oberschenkel auftreten, ist die Wurzel L2 nicht die wahrscheinlichste Erklärung, sondern eine der selteneren. Die Abschnitte 6.2 bis 6.5 nennen die Bilder, die häufiger vorkommen und ähnlich aussehen. Diese Reihenfolge ist keine Nebensache: Wer bei vorderem Oberschenkelschmerz zuerst an die Wurzel denkt, übersieht Häufigeres.
6.2 Schädigung des N. femoralis und des Lendengeflechts
Wird der N. femoralis selbst geschädigt, entsteht ein anderes Bild als bei einer Wurzelstörung: deutliche Schwäche der Kniestreckung mit Einknicken beim Gehen, abgeschwächter oder erloschener Kniesehnenreflex und eine Gefühlsstörung, die über den N. saphenus bis an die Innenseite des Unterschenkels reicht. Ursachen sind Druck im Beckenbereich, Lagerung bei Operationen, Blutungen in den M. psoas major oder ein Tumor.
Eine eigene Rolle spielt die diabetische Radikuloplexusneuropathie der Lendenregion. Sie beginnt mit heftigen einseitigen Schmerzen in Hüfte und Oberschenkel, führt innerhalb von Wochen zu Schwäche und Muskelschwund der Oberschenkelvorderseite und geht oft mit Gewichtsverlust einher. Sie betrifft das Geflecht, nicht eine Wurzel, und wird regelmäßig zunächst für einen Bandscheibenvorfall gehalten.
6.3 Meralgia paraesthetica
Brennen, Kribbeln und Taubheit an der Außenseite des Oberschenkels, in einem handtellergroßen bis handbreiten Feld, ohne Kraftverlust und ohne Reflexänderung. Ursache ist eine Einengung des N. cutaneus femoris lateralis im Bereich des Leistenbandes. Begünstigend wirken enge Kleidung, ein Gürtel oder Werkzeuggurt, Gewichtszunahme und Schwangerschaft. Die Beschwerden nehmen im Stehen und Gehen zu und lassen im Sitzen mit gebeugter Hüfte nach.
Abgrenzung in einem Satz. Außenseite des Oberschenkels, nur Gefühl, Kraft und Reflexe unauffällig — das spricht für den peripheren Hautnerv. Vorderseite bis zur Innenseite, dazu Schwäche oder ein Reflexunterschied — das spricht für Wurzel oder Geflecht.
6.4 Was ähnlich aussieht und häufiger ist
| Krankheitsbild | Typisches Merkmal | Was dagegen spricht, dass es L2 ist |
|---|---|---|
| Arthrose des Hüftgelenks | Leistenschmerz, Ausstrahlung an die Vorderseite bis zum Knie, Anlaufschmerz, eingeschränkte Innendrehung | Der Schmerz folgt der Bewegung des Hüftgelenks, nicht der Belastung der Wirbelsäule; die Gefühlsprüfung bleibt unauffällig. |
| Reizung der kleinen Wirbelgelenke | Tiefer, dumpfer Schmerz im Rücken, verstärkt bei Streckung und Drehung, Ausstrahlung nicht unter das Knie | Kein streifenförmiger Verlauf, keine Gefühlsstörung, keine Schwäche. |
| Beschwerden des Iliosakralgelenks | Schmerz über dem Kreuz-Darmbein-Gelenk mit Ausstrahlung ins Gesäß und in den hinteren Oberschenkel | Das Gebiet liegt hinten, nicht vorn; die Gefühlsprüfung bleibt unauffällig. |
| Leistenbruch, Sehnenansatzreizung der Adduktoren | Umschriebener Schmerz in der Leiste, verstärkt bei Anspannung | Örtlich auslösbar und tastbar; kein Bezug zur Wirbelsäulenbewegung. |
| Nierenkolik, Harnwegsinfekt | Flankenschmerz mit Ausstrahlung in Leiste und Hoden, wellenförmig, Unruhe, oft Übelkeit | Der Schmerz ist bewegungsunabhängig; die Person findet keine entlastende Haltung. |
6.5 Enge des Wirbelkanals
Bei einer Enge des Wirbelkanals im Lendenbereich treten Beschwerden auf, die beim Gehen und Stehen zunehmen und sich beim Vorbeugen und Sitzen bessern — eine Streckhaltung verringert den Raum im Kanal, eine Beugehaltung vergrößert ihn. In den oberen Etagen ist der Kanal von vornherein enger. Eine Enge in Höhe L1/L2 kann deshalb mehrere Wurzeln oder das Rückenmarksende betreffen und ein gemischtes Bild erzeugen.
Kapitel 07
Untersuchung
Kein einzelner Test weist eine Störung der Wurzel L2 nach. Der Wert der Untersuchung liegt in der Zusammenschau: Verlauf, Kraft, Gefühl, Reflexe und die Prüfung der Nachbargelenke ergeben zusammen ein Muster.
7.1 Was die Vorgeschichte klärt
- Wo genau? Vorderseite, Innenseite oder Außenseite des Oberschenkels — diese Unterscheidung trennt Wurzel, Geflecht und Hautnerv besser als jeder einzelne Test.
- Wie weit hinunter? Schmerz, der unter das Knie zieht, spricht eher für die unteren Wurzeln. L2 endet in der Regel am Oberschenkel.
- Wobei besser, wobei schlechter? Besserung im Sitzen mit gebeugter Hüfte spricht für eine Enge des Kanals oder für den seitlichen Hautnerv; Verschlechterung bei Hüftbewegung spricht für das Gelenk.
- Seit wann und wie begonnen? Ein Beginn mit heftigem nächtlichem Schmerz und rascher Schwäche über Wochen passt nicht zum Bandscheibenvorfall (siehe Abschnitt 6.2).
- Blase, Enddarm, Gefühl im Reithosenbereich? Diese Frage gehört bei jedem Beschwerdebild der Lendenwirbelsäule an den Anfang, nicht ans Ende (siehe Kapitel 09).
7.2 Kraftprüfung
| Bewegung | Muskel | Wurzeln | Aussagewert für L2 |
|---|---|---|---|
| Hüfte beugen gegen Widerstand, im Sitzen | M. iliopsoas | L1–L3 | Der beste verfügbare Zugang. Grenzt die obere von der unteren Lendenwirbelsäule ab, legt die Etage aber nicht fest. |
| Knie strecken gegen Widerstand | M. quadriceps femoris | L2–L4 | Bei reiner L2-Schädigung meist normal. Eine deutliche Schwäche spricht für L3, L4 oder den N. femoralis. |
| Bein heranführen gegen Widerstand | Adduktoren | L2–L4 | Bei reiner L2-Schädigung meist normal. Eine Schwäche zusammen mit Kniestreckerschwäche spricht für L3. |
| Aus der Hocke aufstehen, Treppe steigen | zusammengesetzt | L2–L4 | Alltagsnahe Prüfung. Ergänzt die Einzelprüfung, ersetzt sie nicht. |
7.3 Reflexe
L2 hat keinen eigenen, verwertbaren Eigenreflex. Geprüft werden die Reflexe der Nachbarsegmente — nicht um L2 nachzuweisen, sondern um es abzugrenzen.
- Kniesehnenreflex — Wurzeln L3 und L4, Schwerpunkt L4. Bei einer reinen L2-Schädigung bleibt er seitengleich. Ein abgeschwächter Reflex verschiebt den Verdacht nach unten oder auf den N. femoralis.
- Adduktorenreflex — Wurzeln L2 bis L4, Schwerpunkt L3. Er ist auch bei Gesunden unterschiedlich auslösbar und nur im Seitenvergleich brauchbar.
- Kremasterreflex — Wurzeln L1 und L2, nur beim Mann prüfbar. Er ist der einzige Reflex mit unmittelbarem L2-Bezug, wird aber im Alter häufig schwächer und ist deshalb allein nicht aussagekräftig.
- Reflexe der Nachbarschaft — gesteigerte Reflexe am Bein, ein Babinski-Zeichen oder ein unsicherer Gang sprechen gegen eine Wurzelstörung und für eine Beteiligung des Rückenmarks oder seines Endes. Dieser Befund gehört zeitnah abgeklärt.
7.4 Nervendehnung
Für die oberen Lendenwurzeln wird der umgekehrte Lasègue-Test verwendet, auch Femoralis-Dehnungstest genannt: In Bauchlage wird das gestreckte Bein angehoben oder das Knie gebeugt. Wird dabei der bekannte Schmerz an der Vorderseite des Oberschenkels ausgelöst, spricht das für eine Reizung der Wurzeln L2 bis L4.
— Grenzen des Tests. Der Test spricht auf die gesamte obere Lendenregion an, nicht auf eine Etage. Er kann auch bei einer Verkürzung des M. iliopsoas, bei Hüftbeschwerden und bei einer Reizung der kleinen Wirbelgelenke Schmerzen auslösen. Der übliche Lasègue-Test in Rückenlage prüft dagegen die unteren Wurzeln L5 und S1 und bleibt bei einer L2-Störung in der Regel unauffällig. [I]
7.5 Gefühlsprüfung
Geprüft wird im Seitenvergleich, von unauffälliger zu auffälliger Haut hin, mit leichter Berührung und mit einem spitzen Reiz. Gesucht wird nicht ein scharf begrenztes taubes Feld — das gibt es bei Wurzelstörungen selten —, sondern ein Streifen abgeschwächter Empfindung, der in seinem Verlauf zum Schmerz passt. Die Grenze zwischen L1, L2 und L3 lässt sich dabei nicht zuverlässig ziehen.
7.6 Bildgebung
Ein Bildbefund allein erklärt keine Beschwerden. In Untersuchungen an Menschen ohne Rückenschmerzen finden sich Bandscheibenvorwölbungen und Höhenminderungen häufig, und ihr Anteil steigt mit dem Lebensalter deutlich an. Ein Befund wird erst dann zur Erklärung, wenn Höhe, Seite und Ausbreitung zum Beschwerdebild passen.
Bei der oberen Lendenwirbelsäule gilt das doppelt. Weil die Beschwerdebilder hier untypischer ausfallen und die Etagen im Bild leicht zu verzählen sind, ist die Übereinstimmung von Bild und Befund besonders sorgfältig zu prüfen. Ein Befund „Bandscheibenvorfall L1/L2“ kann die Wurzel L2 betreffen — muss es aber nicht (siehe Tabelle in Abschnitt 1.3).
Kapitel 08
Behandlungsansätze
Dieses Kapitel gibt wieder, welche Vorgehensweisen in Leitlinien und Fachliteratur beschrieben sind. Es ist keine Behandlungsempfehlung für den Einzelfall und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Untersuchung.
8.1 Der beschriebene Grundverlauf
Die Leitlinie zur lumbalen Radikulopathie beschreibt für die Mehrzahl der Fälle ein zunächst nicht operatives Vorgehen. Genannt werden frühe Mobilisierung, eine leichte bis mäßige Belastung statt Schonung und eine ausreichende Schmerzbehandlung, um Bewegung überhaupt zu ermöglichen. Bettruhe wird nicht empfohlen. Ein operatives Vorgehen wird beschrieben bei funktionell beeinträchtigenden oder rasch zunehmenden Lähmungen und bei den Zeichen eines Cauda-equina-Syndroms.
Für den nicht spezifischen Kreuzschmerz — also Beschwerden ohne nachweisbare Wurzelbeteiligung — beschreibt die Nationale VersorgungsLeitlinie einen ähnlichen Grundgedanken: Aktivität erhalten, Bildgebung nur bei begründetem Verdacht, körperliche Bewegung als tragendes Element.
8.2 Bewegung und Übung
Beschrieben werden Übungen zur Kräftigung der rumpfnahen Muskulatur, zur Dehnung verkürzter Hüftbeuger und zur Verbesserung der Bewegungskontrolle. Für die obere Lendenwirbelsäule spielt die Beweglichkeit des Hüftgelenks eine eigene Rolle: Eine eingeschränkte Hüftstreckung verlagert Bewegung in die Lendenwirbelsäule. [I]
Verfahren, die auf wiederholten Bewegungen und der Beobachtung der Schmerzwanderung beruhen — darunter das Verfahren nach Robin McKenzie —, sind für die Lendenwirbelsäule beschrieben und untersucht. Sie ordnen Beschwerden nach der Richtung, die den Schmerz zur Mitte hin verlagert; ein Organbezug gehört ausdrücklich nicht dazu.
8.3 Manuelle Verfahren und ihre Grenzen
- Manuelle und physiotherapeutische Verfahren werden bei Beschwerden der Lendenwirbelsäule eingesetzt. Der beschriebene Nutzen liegt überwiegend im Bereich der Schmerzlinderung und der Wiederaufnahme von Bewegung.
- Eine bestehende Nervenwurzelschädigung wird durch manuelle Verfahren nicht behoben. Bei zunehmender Lähmung sind sie nicht angezeigt.
- Die Zuordnung eines Tastbefundes zu einer einzelnen Etage ist unsicher (siehe Abschnitt 3.3). Behandlungsentscheidungen, die allein darauf beruhen, stehen auf schwachem Grund. [I]
- Vor jeder manuellen Behandlung im Lendenbereich steht der Ausschluss der Warnzeichen aus Kapitel 09.
8.4 Was nicht belegt ist
Verfahren, die über eine Behandlung des Segments L2 auf innere Organe wirken sollen — auf Verdauung, Blase, Gebärmutter oder Prostata —, finden in der Fachliteratur keine Stütze. Die anatomische Begründung dafür trägt nicht (siehe Kapitel 04). Das gilt ebenso für Angaben, eine Behandlung dieses Segments beeinflusse Blutdruck, Hormonbildung oder Sehkraft.
Kapitel 09
Warnzeichen — wann Behandlung unterbleibt
Die Lendenwirbelsäule oberhalb von L3 verdient besondere Aufmerksamkeit, weil hier das Rückenmarksende liegt. Die folgenden Zeichen sprechen gegen eine einfache Segmentbeschwerde und für eine Ursache, die zuerst geklärt werden muss.
| Zeichen | Was dahinterstehen kann | Dringlichkeit |
|---|---|---|
| Neu aufgetretene Störung von Blase oder Enddarm; Taubheit im Reithosenbereich; beidseitige Beinschwäche | Cauda-equina-Syndrom, Schädigung des Rückenmarksendes | Sofort — Notfall, unmittelbare Vorstellung in einer Klinik |
| Rasch zunehmende Lähmung eines Beins über Stunden oder Tage | Fortschreitende Wurzel- oder Rückenmarksschädigung | Sofort |
| Gesteigerte Reflexe am Bein, Babinski-Zeichen, unsicherer Gang | Beteiligung des Rückenmarks oder des Conus medullaris | Zeitnah — keine manuelle Behandlung |
| Fieber, Nachtschweiß, ungewollter Gewichtsverlust, bekannte Tumorerkrankung | Entzündung der Wirbelsäule, Absiedlung eines Tumors | Zeitnah |
| Ruhe- und Nachtschmerz, der sich durch keine Lagerung bessert | Nicht mechanische Ursache | Zeitnah |
| Pulsierender Bauch- oder Rückenschmerz, plötzlich einsetzend, oft bei älteren Menschen mit Gefäßerkrankung | Erweiterung der Bauchschlagader | Sofort |
| Neuer starker Rückenschmerz nach geringem Anlass bei bekannter Osteoporose oder unter Kortisonbehandlung | Wirbelkörperbruch | Zeitnah |
| Wellenförmiger Flankenschmerz mit Ausstrahlung in Leiste oder Hoden, Unruhe, Übelkeit | Harnleiterstein, Nierenbeckenentzündung | Zeitnah |
Die Reihenfolge ist entscheidend. Schmerz an Leiste und vorderem Oberschenkel wird zuerst auf innere Ursachen und auf das Hüftgelenk geprüft. Erst danach kommt die Wirbelsäule als Erklärung in Betracht. Wer umgekehrt vorgeht, behandelt möglicherweise ein Segment, während die Ursache anderswo liegt.
Kapitel 10
Häufige Fragen
Im Befund steht „Bandscheibenvorfall L2/L3“. Welche Wurzel ist betroffen?
Das hängt von der Lage ab, nicht nur von der Etage. Liegt der Vorfall seitlich, im Zwischenwirbelloch oder außerhalb davon, trifft er die austretende Wurzel L2. Liegt er mittig im Kanal, betrifft er die weiter abwärts ziehenden Wurzeln ab L3. Ein Vorfall L1/L2 kann umgekehrt die Wurzel L2 treffen, weil diese dort noch im Kanal verläuft. Die Etagenangabe allein legt die Wurzel also nicht fest.
Warum tritt die Wurzel L2 unterhalb des Wirbels L2 aus, die Wurzel C2 aber oberhalb des Wirbels C2?
Weil die Zählung im Halsbereich mit einem Nerv beginnt, der zwischen Schädel und erstem Halswirbel austritt. Dadurch liegt dort jeder Nerv oberhalb seines gleichnamigen Wirbels. Für den achten Halsnerv gibt es keinen achten Halswirbel mehr; er tritt zwischen C7 und Th1 aus. Ab Th1 gilt dann durchgehend die andere Regel — jeder Nerv unterhalb seines gleichnamigen Wirbels. In der Lendenwirbelsäule ist das der Normalfall.
Mein Kniesehnenreflex ist normal. Kann es trotzdem die Wurzel L2 sein?
Ja. Der Kniesehnenreflex wird von den Wurzeln L3 und L4 getragen, mit Schwerpunkt auf L4. Bei einer reinen Schädigung der Wurzel L2 bleibt er in der Regel seitengleich. Ein normaler Reflex schließt eine L2-Störung deshalb nicht aus. Umgekehrt gilt: Ein abgeschwächter Kniesehnenreflex spricht eher für L3, L4 oder für eine Schädigung des N. femoralis.
Ist die Meralgia paraesthetica ein L2-Syndrom?
Nein. Betroffen ist der N. cutaneus femoris lateralis unter dem Leistenband — ein reiner Hautnerv, der Fasern aus L2 und L3 führt. Der Unterschied zeigt sich in drei Punkten: Das Gebiet liegt an der Außenseite des Oberschenkels, die Kraft bleibt erhalten, und die Reflexe ändern sich nicht. Bei einer Wurzelstörung liegt das Gebiet weiter vorn und innen, und es können Schwäche oder Reflexunterschiede hinzukommen.
Kann eine Störung im Segment L2 Verdauung, Blase oder Zyklus beeinflussen?
Eine Steuerung einzelner Organe durch eine einzelne Wurzel gibt es nicht. Richtig ist, dass L2 das unterste Ursprungssegment des Sympathikus ist und dass sympathische Fasern aus diesem Bereich über Geflechte die Organe des kleinen Beckens erreichen. Diese Bahnen sind aber beidseitig angelegt, überlappen stark und verschalten mehrfach. Für die Entleerung von Blase und Darm ist zudem der Parasympathikus aus den Kreuzbeinsegmenten S2 bis S4 führend. Aus einer L2-Reizung lässt sich weder Verstopfung noch Blasenschwäche noch eine Zyklusstörung ableiten. Wichtig ist die Gegenrichtung: Eine neu aufgetretene Blasen- oder Darmstörung zusammen mit Rückenschmerz ist ein Warnzeichen und gehört sofort abgeklärt.
Was sind „McKenzie-Zonen“?
Diesen Begriff gibt es nicht. Er entsteht durch die Verwechslung zweier Personen. James Mackenzie war ein britischer Internist, von dem Projektionszonen erhöhter Muskelspannung bei Organerkrankungen beschrieben wurden. Robin McKenzie war ein neuseeländischer Physiotherapeut, dessen Untersuchungs- und Übungsverfahren mit wiederholten Bewegungen arbeitet und keinerlei Organbezug kennt. Was in Segmenttabellen als „McKenzie-Zone“ erscheint, vermengt beide zu etwas, das in keinem der beiden Modelle vorkommt.
Warum ist bei L2 alles so unscharf, während bei S1 vieles eindeutig scheint?
Weil die Wurzel L2 in jedem der von ihr mitversorgten Muskeln nur einen Nebenanteil stellt und keinen eigenen Reflex trägt. Bei S1 gibt es dagegen einen gut prüfbaren Reflex, einen klaren Kraftbefund und ein wiedererkennbares Hautgebiet. Diese Unschärfe ist keine Lücke der Darstellung, sondern eine Eigenschaft des Segments — und sie ist der Grund, warum die Zuordnung hier vorsichtiger ausfallen muss.
Mein Oberschenkel wird dünner und schwächer, dazu hatte ich starke nächtliche Schmerzen. Passt das zu L2?
Schlecht. Ein solcher Verlauf — heftiger einseitiger Schmerz, danach über Wochen zunehmende Schwäche und Muskelschwund an der Oberschenkelvorderseite, häufig mit Gewichtsverlust — ist für eine Erkrankung des Lendengeflechts beschrieben, die bei Diabetes auftreten kann. Sie wird regelmäßig zunächst für einen Bandscheibenvorfall gehalten. Das ist hier keine Diagnose, sondern der Hinweis, dass dieses Muster nicht zum Segment passt und neurologisch untersucht gehört.
Was ist der Unterschied zwischen Dermatom, Myotom und Sklerotom?
Drei Zugänge zum selben Segment. Das Dermatom umfasst die Haut, das Myotom die Muskeln, das Sklerotom Knochenhaut, Bänder und Gelenkkapseln. Ihre Gebiete decken sich nicht: Bei L2 liegt das Hautgebiet am vorderen Oberschenkel, der Muskelanteil steckt vor allem im Hüftbeuger, und der Sklerotomschmerz sitzt tief im Rücken und in der Flanke. Wer nur eines davon prüft, sieht einen Teil des Segments.
Kapitel 11
Grundlage und Quellen
Verwendet wurden ausschließlich belegte Fachquellen: Standardwerke der Anatomie und der klinischen Neurologie, Originalarbeiten aus begutachteten Fachzeitschriften und Leitlinien der Fachgesellschaften. Populäre Darstellungen, Webportale, Anbieterseiten und unbelegte Sekundärquellen sind nicht herangezogen worden. Aussagen, die in den verwendeten Werken keine Deckung finden, sind im Text als Interpretation [I] oder als Hypothese [H] gekennzeichnet. Wo eine Angabe fehlt, ist die Lücke benannt und nicht durch eine plausible Vermutung ersetzt worden — das betrifft hier vor allem die segmentale Trennschärfe zwischen L1, L2 und L3 sowie die Schmerzkarten der oberen Lendenwirbelgelenke.
11.1 Anatomie und Biomechanik
- Schünke M, Schulte E, Schumacher U: Prometheus. LernAtlas der Anatomie — Bände „Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem“ sowie „Innere Organe“. Thieme. — Grundlage der Angaben zu Plexus lumbalis, peripheren Nerven und Muskelversorgung in den Kapiteln 02 und 03.
- Standring S (Hrsg.): Gray’s Anatomy. The Anatomical Basis of Clinical Practice. Elsevier. — Grundlage der Angaben zum Grenzstrang, zu den Nn. splanchnici lumbales und zum Verlauf der Wurzel in Kapitel 04.
- Bogduk N: Clinical Anatomy of the Lumbar Spine and Sacrum. Elsevier. — Grundlage der Angaben zum Bewegungssegment, zur Stellung der kleinen Wirbelgelenke und zur Versorgung durch den Ramus dorsalis in den Abschnitten 1.4, 2.1 und 5.2.
- Pearcy MJ, Tibrewal SB: Axial rotation and lateral bending in the normal lumbar spine measured by three-dimensional radiography. Spine, 1984. — Grundlage der Bewegungsumfänge in Abschnitt 1.4.
- Saifuddin A, Burnett SJ, White J: The variation of position of the conus medullaris in an adult population. A magnetic resonance imaging study. Spine, 1998. — Grundlage der Angabe zur Lage des Conus medullaris in Kapitel 01.
- Demiryürek D et al.: MR imaging determination of the normal level of conus medullaris. Clinical Imaging, 2002. — zweite, unabhängige Serie zur Häufigkeitsverteilung.
11.2 Klinik, Untersuchung, Leitlinien
- Mumenthaler M, Stöhr M, Müller-Vahl H: Läsionen peripherer Nerven und radikuläre Syndrome. Thieme. — Grundlage der Wurzel- und Kennmuskelzuordnungen sowie der Abgrenzung der Wurzelsyndrome.
- Bähr M, Frotscher M: Duus‘ Neurologisch-topische Diagnostik. Thieme. — Grundlage der Angaben zu Conus medullaris, Cauda equina und Segment-Wirbel-Verschiebung in Kapitel 01.
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Leitlinie Lumbale Radikulopathie, AWMF-Registernummer 030/058, Entwicklungsstufe S2k, Stand 11. Januar 2018. Die Gültigkeit ist am 10. Januar 2023 abgelaufen; maßgeblich ist die jeweils gültige Fassung. Grundlage der Angaben in den Kapiteln 06, 08 und 09.
- Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF: Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz, AWMF-Registernummer nvl-007, 2. Auflage 2017. Gültigkeit abgelaufen, die Leitlinie befindet sich in Überarbeitung. Grundlage der Angaben zu Aktivität und Bildgebung in Kapitel 08.
- Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, Deutsche Wirbelsäulengesellschaft: S2k-Leitlinie Konservative, operative und rehabilitative Versorgung bei Bandscheibenvorfällen mit radikulärer Symptomatik, AWMF-Registernummer 033-048. Gültigkeit im September 2025 abgelaufen.
- Dyck PJB, Windebank AJ: Diabetic and nondiabetic lumbosacral radiculoplexus neuropathies: new insights into pathophysiology and treatment. Muscle & Nerve, 2002. — Grundlage der Beschreibung in Abschnitt 6.2.
11.3 Dermatomkarten, Schmerzkarten, Bildgebung
- Lee MWL, McPhee RW, Stringer MD: An evidence-based approach to human dermatomes. Clinical Anatomy, 2008. — Grundlage der Aussage zur Unschärfe und zur Abweichung der gebräuchlichen Dermatomkarten in Abschnitt 5.1.
- Fukui S et al.: Distribution of referred pain from the lumbar zygapophyseal joints and dorsal rami. The Clinical Journal of Pain, 1997. — Grundlage der Schmerzkarten der kleinen Wirbelgelenke in Abschnitt 5.2.
- Mooney V, Robertson J: The facet syndrome. Clinical Orthopaedics and Related Research, 1976. — frühe Reizversuche an den lumbalen Wirbelgelenken.
- Brinjikji W et al.: Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations. American Journal of Neuroradiology, 2015. — Grundlage der Aussage zu Bildbefunden ohne Beschwerden in Abschnitt 7.6.
11.4 Obere Lendenwirbelsäule und Häufigkeit
- Upper lumbar disc herniations. Journal of Spinal Disorders, 1993. — frühe Sammelauswertung zur Seltenheit und zur Vieldeutigkeit der Befunde in den oberen Etagen.
- Clinical Features and Treatments of Upper Lumbar Disc Herniations. Journal of Korean Neurosurgical Society, 2010. — Grundlage der Angaben zur Häufigkeit unter fünf Prozent und zur Nähe von Conus medullaris und Cauda equina in Abschnitt 1.2.
- The Essence of Clinical Practice Guidelines for Lumbar Disc Herniation, 2021: 1. Epidemiology and Natural Course. Spine Surgery and Related Research. — Grundlage der Altersabhängigkeit der betroffenen Etage in Abschnitt 6.1.
11.5 Eingeschränkt und nicht verwendete Quellen
- Eingeschränkt: Simons DG, Travell JG, Simons LS: Myofascial Pain and Dysfunction. The Trigger Point Manual. — ausschließlich als Herkunft der Ausstrahlungskarten in Abschnitt 3.4 genannt, mit dem Vermerk zur begrenzten Untersucherübereinstimmung.
- Eingeschränkt: Historische Zonenmodelle nach Head, Mackenzie und Dicke — ausschließlich als [H] gekennzeichnet und ohne Ableitung von Aussagen (Abschnitt 5.3).
- Nicht verwendet: Segmenttabellen ohne Belegangabe, Organzuordnungskarten aus dem populären Schrifttum, Anbieter- und Forenseiten. Die Angaben der Vorfassung zu Organwirkungen, Enterotomen, Viszerotomen und „McKenzie-Zonen“ des Segments L2 stammen aus dieser Gruppe und sind entfallen.
11.6 Was gegenüber der Vorfassung geändert wurde
| Angabe der Vorfassung | Berichtigung |
|---|---|
| Die Zählregel und die Zuordnung von Bandscheibe zu Wurzel fehlten | Ergänzt: Die Wurzel L2 tritt unterhalb des Wirbels L2 aus; ein Vorfall L1/L2 kann sie ebenso treffen wie ein seitlicher Vorfall L2/L3 (Abschnitte 1.3 und 1.4) |
| Lage des Rückenmarksendes fehlte | Ergänzt: Das Rückenmark endet meist in Höhe L1/L2. Daraus folgen die besonderen Warnzeichen dieser Etage (Abschnitt 1.2 und Kapitel 09) |
| Facettengelenke stünden etwa 45 Grad zur Transversalebene; Rotation als Hauptbewegung | Die Gelenkflächen der oberen Lendenwirbelsäule stehen annähernd in der Längsebene; die Drehung ist dadurch gering (Abschnitt 1.4) |
| N. ilioinguinalis und N. iliohypogastricus entsprängen aus L2 | Beide stammen aus Th12 und L1 (Abschnitt 2.2) |
| Meralgia paraesthetica durch Einengung des N. femoralis | Betroffen ist der N. cutaneus femoris lateralis, ein reiner Hautnerv (Abschnitte 2.3 und 6.3) |
| M. gluteus medius und minimus als von L2 versorgte Strecker; Trendelenburg-Zeichen bei L2-Schwäche | Versorgung über den N. gluteus superior aus L4 bis S1; die Muskeln führen das Bein zur Seite und sichern das Becken (Abschnitt 3.2) |
| Ein abgeschwächter Kniesehnenreflex weise auf eine Störung von L2 hin | Der Kniesehnenreflex gehört zu L3 und L4. Bei reiner L2-Schädigung bleibt er seitengleich (Abschnitt 7.3) |
| L2 innerviere Nieren, Nebennieren, Harnblase, Gebärmutter, Prostata und Dickdarm | Eine Zuordnung einzelner Organe zu einer einzelnen Wurzel gibt es nicht. Nieren und Nebennieren werden aus den unteren Brustsegmenten versorgt (Kapitel 04) |
| Störungen in L2 könnten trockene Augen, Sehstörungen und Tinnitus verursachen | Kein Bezug eines Lendensegments zu Auge oder Ohr. Ersatzlos entfallen (Abschnitt 4.4) |
| Komplexes regionales Schmerzsyndrom als Folge geschädigter postganglionärer Fasern aus L2 | Diese Herleitung ist überholt; eine Wurzelschädigung L2 gilt nicht als Ursache (Abschnitt 4.4) |
| Reizdarmsyndrom, Pollakisurie und überaktive Blase als Folge einer L2-Dysregulation | Nicht belegt. Für die Entleerung sind die Kreuzbeinsegmente S2 bis S4 führend (Kapitel 04) |
| Abschnitt „McKenzie-Zonen des Segments L2“ mit Projektionen von Harnblase und Dickdarm auf die Muskulatur | Verwechslung von James Mackenzie und Robin McKenzie. Der Begriff kommt in keinem der beiden Modelle vor; der Abschnitt ist entfallen (Abschnitt 5.3) |
| Head-Zonen, Enterotome und Viszerotome mit Organzuordnung für L2 | Als [H] gekennzeichnet und ohne Organzuordnung wiedergegeben (Abschnitt 5.3) |
| Sklerotom L2 umfasse Trochanter major; Hüftgelenk als L2-Gelenk | Die Hüftgelenkskapsel erhält Äste aus L2 bis S1. Umgekehrt gilt: Hüftbeschwerden ähneln einer L2-Reizung (Abschnitte 5.2 und 6.4) |
| Verweis auf „biokybernetische Modelle“ der Schmerzverarbeitung | Ohne Quellenangabe und ohne Anschluss an die Fachliteratur; entfallen |
11.7 Quellen und Änderungsvermerk zu den neuen Abschnitten
Quellen zu diesem Abschnitt
- Jänig W: Spinal cord integration of visceral sensory systems and sympathetic nervous system reflexes. Prog Brain Res 1986;67:255–277. — Grundlage des Reflexwegs von den Eingeweidefasern zu den sympathischen Ursprungszellen.
- Wehrwein EA, Orer HS, Barman SM: Overview of the anatomy, physiology, and pharmacology of the autonomic nervous system. Compr Physiol 2016;6:1239–1278. — Grundlage der Aussage, dass das vegetative Nervensystem alle Körperteile außer der Skelettmuskulatur steuert.
- Stifani N: Motor neurons and the generation of spinal motor neuron diversity. Front Cell Neurosci 2014;8:293. — Grundlage der Aufgabenteilung zwischen motorischen Vorderhornzellen (Skelettmuskel) und vegetativen Ursprungszellen (glatte Muskulatur, Drüsen).
- Giamberardino MA, Affaitati G, Lerza R, Lapenna D, Costantini R, Vecchiet L: Relationship between pain symptoms and referred sensory and trophic changes in patients with gallbladder pathology. Pain 2005;114:239–249. — Messung von Unterhaut- und Muskeldicke im Übertragungsgebiet beim Menschen.
- Wesselmann U, Lai J: Mechanisms of referred visceral pain: uterine inflammation in the adult virgin rat results in neurogenic plasma extravasation in the skin. Pain 1997;73:309–317. — Tierbefund zu Hautveränderungen im Übertragungsgebiet und den drei möglichen Entstehungswegen.
- Fang Y, Han S, Li X, Xie Y, Zhu B, Gao X, Ma C: Cutaneous hypersensitivity as an indicator of visceral inflammation via C-nociceptor axon bifurcation. Neurosci Bull 2021;37:45–54. — Tierbefund zu gegabelten Schmerzfasern zwischen Organ und Haut sowie zur Konvergenz im Hinterhorn.
- Willis WD Jr: Dorsal root potentials and dorsal root reflexes: a double-edged sword. Exp Brain Res 1999;124:395–421. — Übersicht zum Hinterwurzelreflex und zur neurogenen Entzündung.
- Holey LA, Dixon J: Connective tissue manipulation: a review of theory and clinical evidence. J Bodyw Mov Ther 2014;18(1):112–118. — Grundlage der Einordnung der Bindegewebsmassage als Erklärungsmodell.
- Giamberardino MA: Referred muscle pain/hyperalgesia and central sensitisation. J Rehabil Med 2003;Suppl 41:85–88. — Grundlage des Modells der Reflexe zur Muskulatur.
- Roatta S, Windhorst U, Ljubisavljevic M, Johansson H, Passatore M: Sympathetic modulation of muscle spindle afferent sensitivity to stretch in rabbit jaw closing muscles. J Physiol 2002;540:237–248. — Tierbefund zur Muskelspindel.
- Macefield VG, Sverrisdottir YB, Wallin BG: Resting discharge of human muscle spindles is not modulated by increases in sympathetic drive. J Physiol 2003;551:1005–1011. — Befund am Menschen ohne Spindelveränderung.
- Hjortskov N, Skotte J, Hye-Knudsen C, Fallentin N: Sympathetic outflow enhances the stretch reflex response in the relaxed soleus muscle in humans. J Appl Physiol 2005;98:1366–1370. — Befund am Menschen mit verstärktem Dehnungsreflex.
Offene Lücken
- Welche Ursprungssegmente die Haut von Arm und Bein sympathisch versorgen, geben Fachwerke unterschiedlich an. Die Seite nennt deshalb keinen Zahlenbereich. Gray’s Anatomy stand für diese Bearbeitung nicht zur Verfügung. Die Seite bleibt deshalb bei der zahlenfreien Angabe, bis das Werk eingesehen ist.
- Von Fang et al. 2021 und Willis 1999 wurden nur die Zusammenfassungen eingesehen. Der Abgleich mit den Volltexten steht vor Veröffentlichung aus.
- Eine Untersuchung, die beim Menschen den Entstehungsweg der Veränderungen im Übertragungsgebiet klärt, wurde nicht gefunden. Ebenso wurde keine Untersuchung gefunden, die Tastbefunde nach Dicke mit gemessenen Gewebedicken vergleicht.
Fachbegriffe
- Hinterhorn — Eingangsbereich des Rückenmarks für Empfindungen.
- Nucleus intermediolateralis — Zellsäule im Seitenhorn mit den sympathischen Ursprungszellen, Th1 bis etwa L2.
- Gegabelte Empfindungsfaser — Nervenfaser, die mit zwei Ästen Organ und Haut zugleich versorgt.
- Hinterwurzelreflex — Erregung, die vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser zur Haut läuft.
- Neurogene Entzündung — Schwellung und Rötung durch Botenstoffe aus Nervenenden.
- Konvergenz — Zusammenlaufen von Fasern aus Organ und Körperoberfläche auf dieselbe Schaltzelle.
- Vorderhornzellen — Nervenzellen im Vorderhorn, die die Skelettmuskeln erregen.
- Körperwand — Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ.
- Muskelspindel — Fühler im Muskel, der die Muskellänge misst.
- Dehnungsreflex — Muskelzuckung auf plötzliche Dehnung, etwa beim Sehnenklopfen.
Änderungsvermerk
- Fassung V 0.5: Abschnitt 5.4 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu.
- Fassung V 0.5: Abschnitt 4.5 „Zuflüsse zum Seitenhorn und was daraus folgt“ neu.
- Warum: Die Zonen- und Muskelbefunde des Segments sind jetzt nach Entstehungsweg getrennt und belegt; alternative Wege ohne Seitenhorn stehen gleichrangig daneben.
- Ersetzt: V 0.4.
Verwandte Segmente
Segment L1 · Segment L3 · Segment L4 · Segment L5
Hinweis. Dieser Beitrag dient der fachlichen Information. Er ersetzt keine Untersuchung, Diagnose oder Behandlung durch qualifizierte Fachpersonen. Bei neu aufgetretenen Störungen von Blase oder Enddarm, Taubheit im Reithosenbereich, rasch zunehmender Beinschwäche oder starkem Ruheschmerz ohne entlastende Haltung ist unverzügliche ärztliche Abklärung erforderlich.
Segment L2 · V 0.5 · Stand: September 2026. Geändert: Abschnitt 5.4 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu; Abschnitt 4.5 „Zuflüsse zum Seitenhorn und was daraus folgt“ neu; Quellen, Lücken und Fachbegriffe in Kapitel 11 ergänzt. Warum: Die Entstehung der Zonen- und Muskelbefunde ist jetzt nach Weg getrennt, belegt und um die Wege ohne Seitenhorn ergänzt. Ersetzt: V 0.4 derselben Seite.