Das Segment S1 ist das oberste des Kreuzbeins und der Übergang vom beweglichen zum starren Teil der Wirbelsäule. Die Leitbeschwerden der Wurzel S1 sind Schmerz vom Gesäß über die Rückseite des Oberschenkels und die Wade bis zur Ferse und zum Fußaußenrand, eine Schwäche beim Zehenspitzenstand und ein abgeschwächter oder erloschener Achillessehnenreflex. S1 ist damit die Gegenprobe zu L5: dieselbe Etage der Bandscheibe, aber ein anderer Muskel, ein anderer Reflex und ein anderes Hautgebiet.
Inhalt
Auf einen Blick
- Austritt: Der Spinalnerv S1 entsteht im Kreuzbeinkanal und teilt sich dort bereits. Sein vorderer Ast verlässt das Kreuzbein durch das erste vordere Kreuzbeinloch, sein hinterer Ast durch das erste hintere. Ein gemeinsames Zwischenwirbelloch wie an der Lendenwirbelsäule gibt es hier nicht. [B]
- Der häufigste Weg zur Wurzel: Ein hinten-seitlicher Bandscheibenvorfall der Etage L5/S1 trifft S1 als durchziehende Wurzel. Diese Etage ist zusammen mit L4/L5 die häufigste der gesamten Lendenwirbelsäule.
- Kennmuskeln: Wadenmuskel (M. triceps surae) für den Zehenspitzenstand, großer Gesäßmuskel (M. gluteus maximus), Kniebeuger (ischiocrurale Muskeln) und die Wadenbeinmuskeln (Mm. fibulares) für das Anheben des Fußaußenrandes.
- Reflex: Der Achillessehnenreflex gehört zu S1 (mit Anteil aus S2). Er ist der einzige gut prüfbare Eigenreflex der unteren Wurzeln — und damit der Befund, der S1 von L5 trennt, wo ein verwertbarer Reflex fehlt.
- Dermatom: Gesäß, Rückseite des Oberschenkels, Wade, Ferse, Fußaußenrand und Kleinzehe. Der in der Standardisierten Untersuchung nach ASIA festgelegte Prüfpunkt für S1 liegt an der Außenseite der Ferse. [B]
- Die entscheidende Prüfung ist eine Belastungsprüfung: Eine leichte Schwäche des Wadenmuskels entgeht der Kraftprüfung im Liegen fast immer. Sie zeigt sich erst im wiederholten einbeinigen Zehenspitzenstand.
- Kein zugeordnetes Organ: Der sakrale Parasympathikus entspringt den Rückenmarkssegmenten S2 bis S4, nicht S1. Der Spinalnerv S1 führt weder vorgeschaltete sympathische noch vorgeschaltete parasympathische Fasern und steuert kein Organ. [B]
- Blasen- und Mastdarmstörungen sind kein S1-Zeichen. Sie weisen auf eine Schädigung der Cauda equina hin — ein Notfall. Gerade an der Etage L5/S1 ist diese Gefahr am größten.
- Häufigste Verwechslung: Ein beidseits fehlender Achillessehnenreflex spricht nicht für zwei Wurzelschäden, sondern gegen eine Wurzelschädigung — und für eine Polyneuropathie oder für das Lebensalter.
Kapitel 01
Anatomie des Segments S1
1.1 Drei Bedeutungen von „S1“
Der Ausdruck „S1“ steht für drei verschiedene Dinge. Am Kreuzbein liegen sie weiter auseinander als irgendwo sonst an der Wirbelsäule, und der Bauplan des Austritts ist ein anderer als in den Etagen darüber.
- Der Wirbel S1 — der oberste der fünf Kreuzbeinwirbel. Er ist beim Erwachsenen mit den übrigen zum Kreuzbein verschmolzen und trägt mit seiner Deckplatte die Kreuzbeinbasis, deren vorderer Rand als Promontorium in das kleine Becken ragt.
- Das Rückenmarkssegment S1 — der Abschnitt des Rückenmarks, aus dem die Wurzelfäden des ersten Kreuzbeinnervs hervorgehen. Es liegt nicht im Kreuzbein, sondern im Conus medullaris hinter den Wirbelkörpern Th12 und L1 — rund sechs Wirbelhöhen weiter oben. [B]
- Der Spinalnerv S1 — er entsteht im Kreuzbeinkanal und ist die klinisch entscheidende Größe. Alles, was über „S1-Beschwerden“ gesagt wird, betrifft ihn.
Der weiteste Weg im ganzen Rückenmark. Die Wurzelfäden von S1 entspringen in Höhe Th12/L1 und ziehen als Teil der Cauda equina rund sechs Wirbelhöhen weit nach unten, bevor sie das Kreuzbein erreichen. Auf diesem Weg liegen sie hinter den Bandscheiben L2/L3 bis L5/S1. Ein Befund weit oberhalb des Kreuzbeins kann deshalb ein Beschwerdebild erzeugen, das erst an der Ferse sichtbar wird. Umgekehrt gilt: Hinter dem Kreuzbein gibt es kein Rückenmark. Eine Raumforderung dort trifft nie das Rückenmark, sondern immer mehrere Wurzeln gleichzeitig.
1.2 Der Austritt am Kreuzbein — hier gilt ein anderer Bauplan
An der Lenden- und Brustwirbelsäule verlässt der Spinalnerv den Wirbelkanal als ein Strang durch ein Zwischenwirbelloch und teilt sich erst danach in seinen vorderen und seinen hinteren Ast. Am Kreuzbein geschieht die Teilung früher: Der Spinalnerv S1 entsteht im Kreuzbeinkanal, teilt sich dort und verlässt den Knochen durch zwei getrennte Öffnungen. [B]
| Anteil | Austritt | Versorgt |
|---|---|---|
| Vorderer Ast (Ramus anterior) | Erstes vorderes Kreuzbeinloch (Foramen sacrale anterius I), in das kleine Becken | Anteil am Plexus sacralis und damit an N. ischiadicus, N. gluteus inferior und N. gluteus superior |
| Hinterer Ast (Ramus posterior) | Erstes hinteres Kreuzbeinloch (Foramen sacrale posterius I), auf die Rückseite des Kreuzbeins | Tiefe Rückenmuskulatur der Etage, Bänder und Haut über dem Kreuzbein-Darmbein-Gelenk |
Zwei Lochreihen, ein Nerv. Die vorderen Kreuzbeinlöcher sind größer und münden in das kleine Becken, die hinteren sind kleiner und liegen unter der Gesäßmuskulatur. Wer beide Reihen für zwei verschiedene Nervenpaare hält, verdoppelt das Segment. Es ist derselbe Nerv, an zwei Stellen ausgetreten.
1.3 Die Zählregel — und warum die Etage L5/S1 zu S1 führt
Die Zählregel der Lendenwirbelsäule setzt sich am Kreuzbein fort: Der Spinalnerv verlässt den Wirbelkanal unterhalb des gleichnamigen Wirbels. Der Nerv S1 verlässt ihn also unterhalb des Wirbelkörpers S1, durch das erste Kreuzbeinloch. Nur an der Halswirbelsäule liegt es umgekehrt, dort tritt der Nerv oberhalb seines gleichnamigen Wirbels aus. [B]
Entscheidend für die Praxis ist, was daraus für die Bandscheibe L5/S1 folgt. In jeder Etage laufen zwei Wurzeln nebeneinander: die austretende, die dieses Zwischenwirbelloch gleich verlässt, und die durchziehende, die noch eine Etage weiter nach unten zieht.
| Lage des Vorfalls in der Etage L5/S1 | Getroffene Wurzel | Häufigkeit |
|---|---|---|
| Hinten-seitlich (mediolateral, im Recessus lateralis) | S1 als durchziehende Wurzel | Der weitaus häufigste Fall [B] |
| Im Zwischenwirbelloch (foraminal) | L5 als austretende Wurzel | Seltener |
| Außerhalb des Zwischenwirbellochs (extraforaminal) | L5 | Selten |
| Weit mittig und groß (medial, raumfordernd) | Mehrere Wurzeln der Cauda equina beidseits | Selten, aber ein Notfall (siehe Kapitel 09) |
1.4 Der lumbosakrale Übergang: viel Last, wenig Ausweichmöglichkeit
Die Kreuzbeinbasis steht nicht waagerecht, sondern deutlich nach vorn geneigt. Der Winkel zwischen ihrer Deckplatte und der Waagerechten wird als Kreuzbeinneigung bezeichnet und unterscheidet sich von Mensch zu Mensch erheblich. [B] Aus dieser Neigung folgt, dass ein Teil der Rumpflast an der Etage L5/S1 nicht senkrecht drückt, sondern nach vorn schiebt. Diese Scherkraft wird von den beiden Wirbelgelenken L5/S1, vom Faserring der Bandscheibe und von den kräftigen Bändern des Übergangs aufgenommen. [I]
Für die Beweglichkeit gilt: Beugen und Strecken sind an den beiden untersten Etagen der Lendenwirbelsäule am ausgiebigsten, die Seitneigung nimmt zum Kreuzbein hin ab, und die Drehung ist in allen Lendensegmenten gering. [B] Die Zahlenangaben schwanken zwischen den Untersuchungsreihen und zwischen einzelnen Menschen so stark, dass ein Einzelwert für die Beurteilung eines Befundes nicht taugt. Diese Lücke bleibt hier benannt statt mit einer runden Zahl gefüllt.
Das Kreuzbein-Darmbein-Gelenk ist kein Bewegungssegment. Es ist ein straffes Gelenk, dessen Bewegungsumfang sich in wenigen Graden und wenigen Millimetern bemisst und das durch ein sehr kräftiges Bandsystem gesichert wird. [B] Das Gelenk liegt unmittelbar neben dem Segment S1 und kann eigene Beschwerden erzeugen — es ist aber weder ein Bewegungssegment noch Sitz einer Nervenwurzel. Die Unterscheidung wird in den Abschnitten 5.2 und 6.4 wieder aufgenommen.
1.5 Übergangsanomalien und Wirbelgleiten
- Übergangswirbel. Der unterste Lendenwirbel kann teilweise oder vollständig mit dem Kreuzbein verwachsen sein (Sakralisation), der oberste Kreuzbeinwirbel kann sich vom Kreuzbein lösen (Lumbalisation). Beides verschiebt die Zählung: Was die Bildgebung „L5/S1“ nennt, muss dann nicht die Etage sein, die der Untersuchungsbefund meint. Die Häufigkeitsangaben schwanken je nach Definition und Messverfahren erheblich; eine belastbare Einzelzahl wird hier nicht angegeben.
- Wirbelgleiten (Spondylolisthesis). Die Etage L5 über S1 ist der häufigste Ort der isthmischen Form, bei der ein Spalt im Zwischengelenkstück (Spondylolyse) dem Wirbelkörper das Nachvornrutschen erlaubt. [B] Bei dieser Form wird typischerweise die Wurzel L5 im eingeengten Zwischenwirbelloch bedrängt, nicht S1 — ein häufiges Missverständnis, weil die Etage im Befund nach S1 klingt.
- Kreuzbeinvarianten. Zahl und Form der Kreuzbeinwirbel schwanken, und der Kreuzbeinkanal ist nach unten hin unterschiedlich weit offen. Für die Höhenzählung im Befund bedeutet das: Sie ist am Kreuzbein weniger verlässlich als an der Lendenwirbelsäule und sollte bei geplanten Eingriffen ausdrücklich abgeglichen werden. [I]
Kapitel 02
Nervenversorgung
2.1 Vom Conus medullaris zum Spinalnerv S1
Die Wurzelfäden von S1 verlassen den Conus medullaris in Höhe Th12/L1. Vordere und hintere Wurzel ziehen im Duralsack nach unten, verlassen ihn gemeinsam etwa in Höhe der Bandscheibe L5/S1 und laufen dann in den Kreuzbeinkanal. Dort vereinigen sie sich zum Spinalnerv S1, der sich sofort in seinen vorderen und seinen hinteren Ast teilt. [B]
Der Abgang der Wurzel aus dem Duralsack ist eine der klinisch wichtigsten Stellen des ganzen Segments: Genau hier, im seitlichen Winkel des Wirbelkanals hinter der Bandscheibe L5/S1, liegt die Wurzel S1 dem Bandscheibenrand an. Ein Vorfall an dieser Stelle erreicht sie über eine sehr kurze Strecke.
2.2 Vom Plexus sacralis zum Fuß
Der vordere Ast von S1 tritt in das kleine Becken ein und schließt sich dort mit den vorderen Ästen von L4 und L5 (als Truncus lumbosacralis) sowie S2 und S3 zum Plexus sacralis zusammen. Aus diesem Geflecht laufen die S1-Fasern auf mehreren Wegen weiter. [B]
| Nerv | Faseranteile | Was er für S1 bedeutet |
|---|---|---|
| N. ischiadicus, Anteil N. tibialis | L4 bis S3 | Wadenmuskel, tiefe Wadenmuskeln, lange Zehenbeuger, Fußsohle — der klinische Kern des S1-Bildes |
| N. ischiadicus, Anteil N. fibularis communis | L4 bis S2 | Über den N. fibularis superficialis die Wadenbeinmuskeln, also das Anheben des Fußaußenrandes |
| N. gluteus inferior | L5 bis S2 | Großer Gesäßmuskel — der Muskel, der eine Wurzelschädigung von einer Schädigung des N. ischiadicus trennt |
| N. gluteus superior | L4 bis S1 | Hüftabspreizer; Schwerpunkt liegt bei L5, S1 hat nur Anteil |
| N. cutaneus femoris posterior | S1 bis S3 | Haut der Gesäßfalte und der Oberschenkelrückseite |
| Hinterer Ast von S1 | S1 | Tiefe Rückenmuskulatur der Etage; seitliche Äste ziehen zur Rückseite des Kreuzbein-Darmbein-Gelenks |
2.3 Engstellen im Verlauf
- Seitlicher Winkel des Wirbelkanals (Recessus lateralis) in Höhe L5/S1. Die häufigste Stelle. Hier trifft der hinten-seitliche Bandscheibenvorfall die Wurzel; hier engt auch die knöcherne Anbauten bildende Arthrose der Wirbelgelenke ein. [B]
- Das erste vordere Kreuzbeinloch. Eine Einengung an dieser Stelle ist selten und meist Folge einer Fraktur, eines Tumors oder einer Metastase im Kreuzbein.
- Der tiefe Gesäßraum. Unterhalb des Beckens kann der bereits gebildete N. ischiadicus zwischen Muskeln und Bandstrukturen bedrängt werden. Das ist keine Schädigung der Wurzel S1, erzeugt aber ein ähnliches Ausstrahlungsmuster. Die Abgrenzung steht in Abschnitt 6.4.
- Kreuzbeinfrakturen. Ein Bruch, der durch die Reihe der Kreuzbeinlöcher oder durch die Mitte des Kreuzbeins verläuft, kann sakrale Wurzeln unmittelbar schädigen. Bei Osteoporose entsteht ein solcher Bruch auch ohne Sturz, als Insuffizienzfraktur — siehe Abschnitt 6.3. [B]
- Perineurale Zysten am Kreuzbein (Tarlov-Zysten). Ausstülpungen der Wurzeltasche, die im Kernspinbild häufig auffallen. In der überwiegenden Mehrzahl verursachen sie keine Beschwerden; sie sind deshalb kein Befund, aus dem sich ohne Weiteres eine Erklärung ableiten lässt. [I]
2.4 Wurzel oder Nerv — die Unterscheidung
Der Wadenmuskel wird vom N. tibialis versorgt. Eine Schwäche des Zehenspitzenstands allein sagt deshalb noch nicht, ob die Wurzel S1 oder der Nerv weiter unten betroffen ist. Drei Prüfungen trennen die beiden Möglichkeiten:
| Prüfung | Wurzel S1 geschädigt | N. ischiadicus oder N. tibialis geschädigt |
|---|---|---|
| Großer Gesäßmuskel (Hüftstreckung in Bauchlage) | Kann mitbetroffen sein | Kräftig — er wird vom N. gluteus inferior versorgt, der oberhalb abzweigt |
| Rückenschmerz in der Vorgeschichte | Meist vorhanden, meist vorausgehend | Fehlt häufig ganz |
| Verteilung der Gefühlsstörung | Streifenförmig im Hautgebiet S1 bis zur Kleinzehe | Nach dem Versorgungsgebiet des Nervs, häufig weiter und nicht streifenförmig |
| Elektromyographie der tiefen Rückenmuskeln | Kann Veränderungen zeigen | Unauffällig, da diese Muskeln vom hinteren Ast versorgt werden [B] |
Eine Ausnahme, die im Alltag zählt. Bei einer Schädigung des N. ischiadicus durch eine Spritze in das Gesäß oder nach einem Eingriff am Hüftgelenk ist der Anteil des N. fibularis regelmäßig stärker betroffen als der des N. tibialis. Das Bild ähnelt dann eher L5 als S1 — und der große Gesäßmuskel bleibt in beiden Fällen kräftig. Die Vorgeschichte trägt hier mehr als jeder Einzelbefund.
Kapitel 03
Muskeln
3.1 Die Kennmuskeln von S1
Ein Kennmuskel ist ein Muskel, dessen Schwäche mit einiger Verlässlichkeit auf ein bestimmtes Segment hinweist. Kein Muskel des Beins wird von einer einzigen Wurzel versorgt; die Zuordnung bezeichnet immer einen Schwerpunkt. [B]
| Muskel | Aufgabe | Nerv | Segmente | Prüfung |
|---|---|---|---|---|
| M. triceps surae (Wadenmuskel) | Fuß nach unten drücken, Ferse anheben | N. tibialis | S1, S2 | Wiederholter einbeiniger Zehenspitzenstand — nicht im Liegen |
| M. gluteus maximus (großer Gesäßmuskel) | Hüfte strecken | N. gluteus inferior | L5 bis S2, Schwerpunkt S1 | Bein in Bauchlage gegen Widerstand anheben; Treppensteigen |
| Ischiocrurale Muskeln (Kniebeuger) | Knie beugen | N. tibialis und N. fibularis (Anteile) | L5 bis S2 | Knie in Bauchlage gegen Widerstand beugen |
| Mm. fibulares (Wadenbeinmuskeln) | Fußaußenrand anheben | N. fibularis superficialis | L5, S1 | Fuß gegen Widerstand nach außen kippen |
| Lange Zehenbeuger | Zehen krallen | N. tibialis | S1, S2 | Zehen gegen Widerstand beugen; Seitenvergleich |
Warum die Kraftprüfung im Liegen hier regelmäßig versagt. Der Wadenmuskel ist der kräftigste Muskel des Unterschenkels; er hebt im Zehenspitzenstand das gesamte Körpergewicht. Die Hand des Untersuchenden kann diese Kraft nicht annähernd fordern. Eine Schwäche, die im Liegen als „Kraftgrad 5“ erscheint, wird im wiederholten einbeinigen Zehenspitzenstand sichtbar — als geringere Hubhöhe, als frühere Ermüdung oder als Ausweichen über das Becken. Diese Prüfung gehört bei jedem Verdacht auf S1 zum Standard. [B]
3.2 Abgrenzung zu den Nachbarsegmenten
| Prüfung | L5 | S1 | S2 |
|---|---|---|---|
| Großzehe heben | Schwach | Kräftig | Kräftig |
| Fuß heben (Fersengang) | Schwach | Kräftig | Kräftig |
| Zehenspitzenstand | Kräftig | Schwach | Kann mitbetroffen sein |
| Fußaußenrand anheben | Kann schwach sein | Kann schwach sein | Kräftig |
| Hüfte abspreizen | Schwach | Meist kräftig | Kräftig |
| Hüfte strecken (Gesäß) | Meist kräftig | Kann schwach sein | Kann schwach sein |
| Achillessehnenreflex | Unauffällig | Abgeschwächt oder erloschen | Kann abgeschwächt sein |
| Kniesehnenreflex | Unauffällig | Unauffällig | Unauffällig |
Der Fußaußenrand steht in dieser Tabelle bewusst mit einem doppelten „kann“: Die Wadenbeinmuskeln beziehen Fasern aus L5 und S1. Sie taugen deshalb nicht zur Trennung der beiden Segmente, sondern nur zur Trennung von einer Schädigung, die weder das eine noch das andere ist. [I]
3.3 Die tiefe Rückenmuskulatur der Etage
Der hintere Ast von S1 versorgt die tiefe Rückenmuskulatur in Höhe des lumbosakralen Übergangs, insbesondere Anteile des M. multifidus, sowie Bänder und Haut über der Rückseite des Kreuzbeins. [B] Diese Versorgung ist streng segmental — das ist der Grund, warum die Elektromyographie dieser Muskeln zwischen Wurzel und Geflecht unterscheiden kann (Abschnitt 2.4).
Die seitlichen Äste der hinteren Äste von S1 bis S3 bilden auf der Rückseite des Kreuzbeins ein Geflecht, das die hinteren Bänder des Kreuzbein-Darmbein-Gelenks versorgt. In anatomischen Untersuchungen wird die Rückseite dieses Gelenks im Wesentlichen aus den seitlichen Ästen von S1 bis S3 versorgt, mit wechselnden Beiträgen aus L5 und S4. [B] Über die Versorgung der Vorderseite gehen die Angaben auseinander: Ein Teil der Untersuchungen findet Beiträge aus vorderen Ästen von L4 und L5, ein anderer findet vorn überhaupt keine Nerven. Dieser Widerspruch wird hier stehen gelassen und nicht zugunsten einer Seite aufgelöst.
3.4 Muskuläre Schmerzquellen im selben Gebiet
Nicht jeder Schmerz in Gesäß und Wade stammt aus einer Nervenwurzel. Im Gebiet des Segments S1 liegen mehrere Strukturen, die einen ähnlich ausstrahlenden Schmerz erzeugen können.
- Gesäßmuskeln und tiefe Außendreher. Bei Reizung wird Schmerz in das Gesäß und in die Rückseite des Oberschenkels angegeben. Die Karten der myofaszialen Schmerzausstrahlung nach Simons und Travell werden hier als Herkunft genannt, sind aber methodisch nur eingeschränkt überprüfbar; die Übereinstimmung zwischen Untersuchenden bei der Suche nach den beschriebenen Punkten ist gering. [H]
- Wadenmuskel und Achillessehne. Ein Wadenschmerz beim Gehen mit Druckschmerz über der Sehne spricht eher für eine Sehnenerkrankung als für eine Wurzel. Die Kraft im wiederholten Zehenspitzenstand ist dabei erhalten oder nur schmerzbedingt vermindert, der Achillessehnenreflex bleibt auslösbar.
- Bänder des Beckens. Das lange hintere Kreuzbein-Darmbein-Band und das Kreuz-Sitzbein-Band sind druckempfindlich und werden über die hinteren Äste versorgt. Ein Druckschmerz an dieser Stelle ist ein häufiger Befund und für sich genommen wenig aussagekräftig. [I]
Kapitel 04
Vegetative und viszerale Bezüge
4.1 Wo das vegetative Nervensystem entspringt — und wo nicht
Dieses Kapitel klärt die Frage, die in Sekundärquellen zum Segment S1 am häufigsten falsch beantwortet wird: welchen Organen S1 zugeordnet sei. Die belegte Antwort lautet: keinem.
| Teil des vegetativen Nervensystems | Ursprung im Rückenmark | Gilt für S1? |
|---|---|---|
| Sympathikus (Nucleus intermediolateralis, Seitenhorn) | Th1 bis etwa L2 | Nein. S1 liegt weit unterhalb des Ursprungsgebiets |
| Sakraler Parasympathikus (Nucleus parasympathicus sacralis) | S2 bis S4 | Nein. Das Ursprungsgebiet beginnt erst ein Segment tiefer |
| Graue Verbindungsäste vom Grenzstrang | Auf allen Höhen | Ja — aber nur für Gefäße, Schweißdrüsen und Haarmuskeln des eigenen Hautgebiets, nicht für Organe |
Der eine Unterschied, auf den es an diesem Segment ankommt. Das Kreuzbein ist tatsächlich der Ort eines vegetativen Ursprungs — aber nicht auf der Höhe S1. Die Nervenzellen, aus denen die Beckennerven (Nn. splanchnici pelvici) hervorgehen, liegen in den Rückenmarkssegmenten S2 bis S4. [B] Wer diesen Ursprung auf „die sakralen Segmente“ verallgemeinert und S1 einschließt, macht aus einer richtigen Aussage über S2 bis S4 eine falsche über S1.
4.2 Der Grenzstrang am Kreuzbein — Nachbarschaft ist keine Zuständigkeit
Der sympathische Grenzstrang zieht auf der Vorderseite des Kreuzbeins nach unten, medial der vorderen Kreuzbeinlöcher, und endet vor dem Steißbein in einem unpaaren Endknoten (Ganglion impar). Er liegt damit unmittelbar neben dem Austritt des vorderen Astes von S1. [B]
Diese Nachbarschaft verleitet zu einem Fehlschluss. Die Fasern, die im sakralen Grenzstrang ankommen, sind auf den Höhen Th10 bis L2 aus dem Rückenmark ausgetreten und im Grenzstrang nach unten gezogen. Sie gehören nicht zum Segment S1, sie liegen nur daneben. Lagebeziehung ist nicht Segmentzugehörigkeit — das ist derselbe Denkfehler, der schon an der unteren Lendenwirbelsäule auftritt.
4.3 Woher die Beckenorgane tatsächlich versorgt werden
| Organ oder Funktion | Parasympathisch | Sympathisch | Willkürlich (somatisch) |
|---|---|---|---|
| Blasenentleerung (Detrusor) | S2 bis S4 | Th11 bis L2 (hemmend) | — |
| Blasenverschluss, äußerer Schließmuskel | — | Th11 bis L2 (innerer Verschluss) | N. pudendus, S2 bis S4 |
| Enddarm und äußerer Afterschließmuskel | S2 bis S4 | L1 bis L2 | N. pudendus, S2 bis S4 |
| Erektion | S2 bis S4 | — | — |
| Ejakulation, Samenleiter | — | Th12 bis L2 | N. pudendus, S2 bis S4 |
4.4 Warum das an dieser Etage besonders wichtig ist
Die Etage L5/S1 ist zugleich die häufigste Etage für Bandscheibenvorfälle und die Etage, an der der Duralsack die Wurzeln S2 bis S5 noch dicht gebündelt enthält. Ein großer, mittig gelegener Vorfall trifft deshalb nicht nur S1, sondern die darunterliegenden Wurzeln mit — und damit genau die Segmente, die Blase, Enddarm und Sexualfunktion versorgen. [I]
Die praktische Folge. Wer eine Blasenstörung als „vegetative Begleiterscheinung“ eines S1-Syndroms deutet, verkennt einen Notfall. Beim Cauda-equina-Syndrom entscheidet die Zeit bis zur Entlastung mit über den bleibenden Schaden. Die richtige Reaktion steht in Kapitel 09 und lautet: sofortige Klinikvorstellung, keine Behandlung, kein Abwarten.
Kapitel 05
Dermatom, Sklerotom, Reflexzonen
5.1 Das Dermatom S1
Das Dermatom ist das Hautgebiet, dessen Empfindung über eine einzelne hintere Wurzel läuft. Für S1 umfasst es das Gesäß, die Rückseite von Oberschenkel und Wade, die Ferse, den Fußaußenrand und die Kleinzehe; ein Teil der Fußsohle gehört ebenfalls dazu. [B]
| Ort | Aussagekraft |
|---|---|
| Außenseite der Ferse | Der in der standardisierten neurologischen Untersuchung nach ASIA festgelegte Prüfpunkt für S1 [B] |
| Fußaußenrand und Kleinzehe | Gut abgrenzbar gegen L5, das am Fußrücken und an der Großzehe endet |
| Wade, Rückseite | Überlappt mit S2; für sich genommen wenig trennscharf |
| Gesäß und Rückseite des Oberschenkels | Überlappt breit mit S2 und mit den Ausstrahlungsgebieten von Gelenken und Muskeln — hier ist die Gefühlsprüfung am wenigsten aussagekräftig |
Wie verlässlich sind Dermatomkarten überhaupt? Ein systematischer Vergleich der gebräuchlichen Karten hat gezeigt, dass sie sich untereinander erheblich widersprechen und dass ihre Grundlagen zum Teil auf wenigen historischen Untersuchungsreihen beruhen. [B] Praktisch heißt das: Die Gefühlsprüfung ordnet ein, sie beweist nichts. Kraft und Reflex tragen bei S1 mehr.
5.2 Sklerotom, Gelenkschmerz und die Karten des Beckens
Neben der Haut haben auch Knochen, Bänder und Gelenkkapseln eine segmentale Zuordnung, das sogenannte Sklerotom. Diese Karten stammen aus Reizversuchen der Jahre 1939 und 1944, bei denen Bänder und Knochenhaut mit Kochsalzlösung gereizt und die angegebenen Schmerzorte kartiert wurden. Die Methode ist historisch bedeutsam, aber nur eingeschränkt überprüfbar. [H]
Besser belegt sind zwei jüngere Schmerzkarten, die für dieses Segment praktisch bedeutsam sind:
- Wirbelgelenke L5/S1. In einer Reizuntersuchung an Freiwilligen erzeugten die unteren Wirbelgelenke Schmerz in Kreuz und Gesäß; ein Bereich unterhalb des Knies wurde dabei nicht erreicht. [B] Ein bis in den Fuß ziehender Schmerz lässt sich mit einem Facettengelenk daher nicht erklären.
- Kreuzbein-Darmbein-Gelenk. Bei Reizung des Gelenks an Beschwerdefreien lag der am häufigsten angegebene Schmerzort unmittelbar unterhalb des hinteren oberen Darmbeinstachels, in einem etwa handtellergroßen Feld. [B] Eine Ausstrahlung in das Bein ist beschrieben, aber weder regelhaft noch für dieses Gelenk beweisend.
Die klinisch wichtigste Überschneidung. Wirbelgelenk L5/S1, Kreuzbein-Darmbein-Gelenk, tiefe Gesäßmuskeln und die Wurzel S1 haben alle ein Ausstrahlungsgebiet im Gesäß. Trennen lässt sich das nicht über den Ort des Schmerzes, sondern nur über das, was zusätzlich vorliegt: Kraft im Zehenspitzenstand, Achillessehnenreflex und die Gefühlsprüfung am Fußaußenrand. Fehlen diese drei Befunde, ist eine Wurzelschädigung S1 unwahrscheinlich, auch wenn der Schmerz „ins Bein zieht“. [I]
5.3 Die Zonenmodelle — was davon trägt
Für Vollständigkeit und zur Einordnung: Über die belegte Anatomie hinaus sind mehrere historische Zonenmodelle im Umlauf, die Hautgebiete mit Organen verknüpfen. Sie werden hier genannt, weil sie in Sekundärquellen zu sakralen Segmenten häufig auftauchen — und ausdrücklich als [H] gekennzeichnet.
| Modell | Was es behauptet | Bewertung für S1 |
|---|---|---|
| Head-Zonen (ab 1893) | Hautgebiete, die bei Organerkrankungen überempfindlich werden | Die dem Becken zugeordneten Zonen betreffen die Höhen S2 bis S4. Für S1 findet sich keine einheitliche Organzuordnung [H] |
| Reflexzonen nach James Mackenzie (um 1900) | Reflektorische Muskelanspannung bei Organerkrankungen | Beschrieben an der Rumpfmuskulatur, nicht am Bein. Für S1 ohne Aussage [H] |
| Bindegewebszonen nach Dicke (1929) | Tastbare Veränderungen des Unterhautgewebes | Beobachtungsbasiert, ohne überprüfbare Zuordnung zu einem Segment [H] |
Von der Verwechslung von James Mackenzie und Robin McKenzie handelt Kapitel 10. Kurz: Der eine beschrieb um 1900 Reflexzonen bei Organerkrankungen, der andere entwickelte in den 1970er Jahren eine Bewegungstherapie. „McKenzie-Zonen“ gibt es in keiner der beiden Lehren.
5.4 Erklärungswege über das Rückenmark
Dieser Abschnitt ordnet ein, auf welchem Weg ein Organreiz Haut, Unterhaut und Muskeln verändern kann. Belegt ist nur ein Teil davon.
Reize aus einem Organ können im Rückenmark sympathische Ursprungszellen erregen. Diese Zellen liegen im Nucleus intermediolateralis, einer Zellsäule im Seitenhorn, und nur in den Segmenten Th1 bis etwa L2. Das Segment S1 besitzt in der Regel keine. Die sympathischen Fasern für seine Haut stammen aus unteren Brust- und oberen Lendensegmenten und erreichen den Spinalnerv über den Grenzstrang. [B]
Dass sich Unterhaut und Muskeln im Übertragungsgebiet eines Organs messbar verändern, ist beim Menschen gezeigt. Bei Gallensteinen mit Koliken war die Unterhaut im Übertragungsgebiet dicker und der Muskel dünner als auf der Gegenseite. Ohne Koliken fanden sich diese Unterschiede nicht. [B]
Die Autoren dieser Untersuchung vermuten, dass Überempfindlichkeit und Gewebeveränderung auf verschiedenen Wegen entstehen. [I]
Auf welchem Weg die Veränderungen entstehen, ist beim Menschen nicht geklärt. Tierversuche nennen drei Kandidaten: gegabelte Empfindungsfasern, Verschaltungen zwischen Empfindungsfasern im Rückenmark und den sympathischen Reflex über das Seitenhorn. [B]
Gegabelte Empfindungsfaser. Bei Ratten sind Schmerzfasern nachgewiesen, die sich teilen und mit einem Ast die Haut, mit dem anderen ein Organ versorgen. Bei Entzündungen von Dickdarm, Blase oder Magen trat in der Haut Flüssigkeit aus. Im Dickdarmmodell reagierten diese Fasern verstärkt auf Hautreize. [B]
Hinterwurzelreflex. Hier läuft eine Erregung vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser. An deren Ende setzt sie Botenstoffe frei, die eine vom Nerv ausgelöste Schwellung und Rötung hervorrufen, eine neurogene Entzündung. Im Tierversuch erklärt dieser Reflex einen erheblichen Teil der Gelenkschwellung bei Arthritis und der Hautrötung nach Einspritzen von Capsaicin. [B]
Dass einer dieser beiden Wege die Zonen bei Organleiden erzeugt, ist nicht gezeigt. Beide setzen kein Seitenhorn voraus und kämen deshalb auch für S1 in Frage. [I]
Konvergenz im Hinterhorn. Fast alle Schaltzellen der zweiten Stufe im Hinterhorn erhalten Eingänge aus den Eingeweiden und zugleich aus Haut und Muskeln. Dieses Zusammenlaufen gilt seit Langem als Grundlage dafür, dass Organschmerz an der Körperoberfläche gespürt wird. [B]
Die Konvergenz erklärt die Überempfindlichkeit einer Zone, für sich allein aber keine tastbare Gewebeveränderung. Welcher der genannten Wege beim Menschen überwiegt, ist offen. [I]
Die Bindegewebsmassage erklärt ihre Zonen mit einer Reflexwirkung über das vegetative Nervensystem, also mit dem Weg über das Seitenhorn. Nachgewiesen ist diese Erklärung nicht, und ob die Tastbefunde nach Dicke den gemessenen Veränderungen entsprechen, ist offen. Für eine Zone im Bereich von S1 könnte der Weg über das Seitenhorn ohnehin nur über andere Segmente führen. [I]
Skelettmuskeln werden ausschließlich über die motorischen Vorderhornzellen erregt. Das vegetative Nervensystem, zu dem das Seitenhorn gehört, steuert Eingeweide, Gefäße und Drüsen, aber nicht die Skelettmuskeln. [B]
Ein zweites Modell führt Verspannungen der Körperwand bei Organreiz auf Reflexe über diese Vorderhornzellen zurück. Die Körperwand umfasst Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ. Tierversuche stützen das Modell; beim Menschen ist es nicht gesichert. [I]
Ob der Sympathikus die Muskelspannung beim Menschen unmittelbar verändert, ist ungeklärt. Im Tierversuch veränderte ein Sympathikusreiz die Empfindlichkeit der Muskelspindeln, der Längenfühler im Muskel. Beim Menschen blieb die Spindelentladung in einer Untersuchung unverändert; in einer anderen war der Dehnungsreflex verstärkt. Die Befunde widersprechen sich. [I]
Alle genannten Wege beschreiben die Richtung vom Organ zur Körperwand. Dass eine Behandlung von Haut oder Muskeln über diese Wege ein Organ beeinflusst, ist damit nicht belegt. [H]
Kapitel 06
Beschwerdebilder
6.1 Die Radikulopathie S1
Radikulopathie heißt Nervenwurzelschädigung. Das Bild der Wurzel S1 ist unter den lumbosakralen Wurzelsyndromen das am klarsten umrissene, weil es als einziges einen gut prüfbaren Eigenreflex besitzt.
| Merkmal | Befund bei S1 |
|---|---|
| Schmerz | Vom Kreuz und Gesäß über die Rückseite des Oberschenkels und die Wade zur Ferse und zum Fußaußenrand; verstärkt durch Husten, Niesen und Pressen |
| Gefühlsstörung | Fußaußenrand, Ferse, Kleinzehe, Teile der Fußsohle |
| Kraft | Zehenspitzenstand geschwächt; je nach Ausmaß auch großer Gesäßmuskel, Kniebeuger und Fußaußenrandheber |
| Reflex | Achillessehnenreflex abgeschwächt oder erloschen — der wichtigste Einzelbefund [B] |
| Dehnungstest | Lasègue-Zeichen in der Regel positiv; S1 hat Anteil am N. ischiadicus |
| Gangbild | Zehenspitzengang auf der betroffenen Seite nicht durchhaltbar; bei ausgeprägter Schwäche verkürzter Abstoß |
Der Unterschied zu L5 in einem Satz. L5 kann die Fußspitze nicht heben und hat keinen verwertbaren Reflex; S1 kann sich nicht auf die Zehenspitzen stellen und hat einen abgeschwächten Achillessehnenreflex. Wer beides prüft, hat die beiden häufigsten Wurzelsyndrome der Wirbelsäule voneinander getrennt.
6.2 Wie häufig das ist
Die weit überwiegende Mehrzahl aller lumbalen Bandscheibenvorfälle betrifft die beiden untersten Etagen L4/L5 und L5/S1. [B] Entsprechend sind L5 und S1 die beiden mit Abstand häufigsten Wurzelsyndrome. Welche der beiden Wurzeln im Einzelnen häufiger betroffen ist, wird in den Untersuchungsreihen unterschiedlich angegeben und hängt von Auswahl und Erfassung ab; diese Frage bleibt hier als Lücke benannt.
Zur Einordnung gehört außerdem, dass Bandscheibenvorfälle in der Bildgebung auch bei Beschwerdefreien häufig sind und ihre Häufigkeit mit dem Lebensalter deutlich zunimmt. [B] Ein Bild allein begründet daher keine Diagnose (siehe Abschnitt 7.5).
6.3 Andere Ursachen einer S1-Reizung
- Seitliche Recessusstenose. Knöcherne Anbauten der Wirbelgelenke und eine verdickte Gelenkkapsel engen den seitlichen Winkel des Wirbelkanals ein. Typisch ist der belastungsabhängige Beinschmerz, der sich beim Vorbeugen oder Sitzen bessert. [B]
- Insuffizienzfraktur des Kreuzbeins. Bei Osteoporose bricht das Kreuzbein auch ohne Sturz. Das Beschwerdebild — tiefer Kreuz- und Gesäßschmerz, verstärkt beim Aufstehen und Gehen — wird häufig als Wurzelsyndrom oder als Gelenkschmerz gedeutet. Im gewöhnlichen Röntgenbild ist der Bruch oft nicht zu sehen. [B] Diese Ursache gehört bei älteren Menschen mit neu aufgetretenem Kreuzschmerz ausdrücklich bedacht.
- Tumor und Metastase im Kreuzbein. Das Kreuzbein ist ein häufiger Ort von Knochenabsiedlungen. Warnzeichen sind Ruhe- und Nachtschmerz, ungewollter Gewichtsverlust und eine Tumorerkrankung in der Vorgeschichte (Kapitel 09).
- Gürtelrose (Herpes zoster) mit sakraler Beteiligung. Der Schmerz geht dem Hautausschlag um Tage voraus und kann in dieser Zeit einem Wurzelsyndrom gleichen. Bei sakralem Befall kann zusätzlich eine Blasenentleerungsstörung auftreten. [B]
- Entzündliche Ursachen. Eine Bandscheiben- und Wirbelentzündung (Spondylodiszitis), ein Abszess im Wirbelkanal oder eine Wurzelentzündung bei Borreliose erzeugen Wurzelschmerz mit Allgemeinzeichen. Fieber, Nachtschweiß und heftiger Ruheschmerz gehören abgeklärt, nicht behandelt.
- Zuckerkrankheit. Eine diabetische Schädigung des Nervengeflechts erzeugt heftigen Beinschmerz mit rasch fortschreitendem Muskelschwund, häufig ohne Rückenschmerz.
6.4 Was sonst so aussieht
| Vortäuschendes Bild | Was dafür spricht | Was es von S1 trennt |
|---|---|---|
| Beschwerden des Kreuzbein-Darmbein-Gelenks | Schmerz unterhalb des hinteren oberen Darmbeinstachels, Anlaufschmerz, einseitige Belastung | Kraft, Reflex und Gefühl sind unauffällig; Schmerz erreicht selten den Fuß |
| Tiefes Gesäßsyndrom (auch Piriformis-Syndrom genannt) | Gesäßschmerz mit Ausstrahlung, verstärkt durch langes Sitzen | Kein Rückenschmerz in der Vorgeschichte; Reflex erhalten; die tiefen Rückenmuskeln sind elektromyographisch unauffällig |
| Achillessehnenerkrankung | Druck- und Anlaufschmerz über der Sehne, Verdickung | Reflex auslösbar, Gefühl unauffällig; Schmerz bleibt örtlich |
| Polyneuropathie | Beidseitige, strumpfförmige Gefühlsstörung, beidseits abgeschwächte Reflexe | Beidseitigkeit. Ein einseitiges Wurzelsyndrom erklärt keinen beidseitigen Reflexausfall |
| Gefäßbedingte Claudicatio | Wadenschmerz nach reproduzierbarer Gehstrecke, Besserung im Stehen | Fußpulse abgeschwächt; keine Gefühls- oder Reflexstörung; Bücken hilft nicht |
| Enger Wirbelkanal (Claudicatio spinalis) | Beinschmerz beim Gehen, Besserung beim Vorbeugen und im Sitzen | Beschwerden meist beidseits und wechselnd; Befunde in Ruhe oft unauffällig |
| Hüftgelenkarthrose | Leisten- und Gesäßschmerz, Anlaufschmerz, eingeschränkte Drehung im Hüftgelenk | Schmerz endet meist am Knie; Drehprüfung der Hüfte ist schmerzhaft, Lasègue nicht |
| Gerissene Kniekehlenzyste | Plötzlicher Wadenschmerz mit Schwellung | Kein Wurzelmuster; Verwechslung mit Beinvenenthrombose ist die eigentliche Gefahr |
Der Achillessehnenreflex und das Lebensalter. Die Auslösbarkeit dieses Reflexes nimmt mit dem Alter ab; bei älteren Menschen kann er beidseits fehlen, ohne dass eine Wurzelschädigung vorliegt. [B] Beurteilt wird deshalb nicht das Fehlen an sich, sondern der Seitenunterschied. Ein einseitig fehlender Reflex bei passendem Schmerz- und Kraftbefund wiegt schwer; ein beidseitiges Fehlen ohne Seitenunterschied weist eher auf eine Polyneuropathie oder auf das Alter hin.
6.5 Verlauf
Der überwiegende Teil der lumbosakralen Wurzelsyndrome bessert sich innerhalb von Wochen bis wenigen Monaten auch ohne Operation. [B] Für die Erholung einer bereits eingetretenen Lähmung werden übereinstimmend zwei Größen als bedeutsam beschrieben: wie ausgeprägt die Schwäche zu Beginn ist und wie lange sie besteht. Belastbare Zahlen für die Erholung einer Wadenmuskelschwäche im Besonderen liegen nicht in einer Form vor, die eine Prognose im Einzelfall erlauben würde; diese Lücke wird hier benannt.
Kapitel 07
Untersuchung
7.1 Was die Vorgeschichte klären muss
- Verlauf: plötzlicher Beginn nach einer Belastung oder langsame Zunahme über Wochen?
- Reihenfolge: ging Rückenschmerz dem Beinschmerz voraus? Das spricht für die Wurzel.
- Auslöser: Verstärkung durch Husten, Niesen und Pressen spricht für eine Raumforderung im Wirbelkanal.
- Gehstrecke: reproduzierbare Grenze mit Besserung im Stehen (Gefäß) oder erst beim Vorbeugen (Wirbelkanal)?
- Blase, Enddarm, Gefühl im Reithosenbereich, Sexualfunktion — diese Fragen werden ausdrücklich gestellt, nicht abgewartet.
- Vorerkrankungen: Osteoporose, Tumorerkrankung, Zuckerkrankheit, gerinnungshemmende Behandlung, vorausgegangene Eingriffe an Wirbelsäule oder Hüfte.
7.2 Kraft
| Prüfung | Durchführung | Bewertung |
|---|---|---|
| Zehenspitzenstand, einbeinig und wiederholt | Freies Stehen auf einem Bein, Fingerspitzen an der Wand nur zum Ausbalancieren; mehrfaches vollständiges Anheben der Ferse im Seitenvergleich | Die entscheidende Prüfung. Beurteilt werden Hubhöhe, Zahl der Wiederholungen und Ermüdung [B] |
| Zehenspitzengang | Einige Meter auf den Zehenspitzen | Grobe Übersicht; erfasst nur ausgeprägte Schwächen |
| Hüftstreckung in Bauchlage | Gestrecktes Bein gegen Widerstand anheben | Prüft den großen Gesäßmuskel und trennt Wurzel von peripherem Nerv (Abschnitt 2.4) |
| Kniebeugung in Bauchlage | Unterschenkel gegen Widerstand anziehen | Ergänzt das Bild; für sich wenig trennscharf |
| Fußaußenrand anheben | Fuß gegen Widerstand nach außen kippen | Betroffen bei L5 und bei S1 — trennt die beiden nicht |
| Fersengang (Gegenprobe) | Einige Meter auf den Fersen | Bei reiner S1-Schädigung unauffällig. Auffällig spricht für L5 |
7.3 Reflexe
Der Achillessehnenreflex wird im Seitenvergleich geprüft, bei entspanntem Unterschenkel und leicht vorgespanntem Fuß. Lässt er sich nicht auslösen, wird die Prüfung mit Bahnung wiederholt: Der untersuchte Mensch verschränkt die Finger und zieht kräftig auseinander (Jendrassik-Handgriff) oder kniet mit hängenden Füßen auf einem Stuhl. [B] Erst wenn der Reflex auch dann ausbleibt, ist der Befund verwertbar.
| Reflex | Segmente | Erwartung bei reiner S1-Schädigung |
|---|---|---|
| Achillessehnenreflex | S1, S2 | Abgeschwächt oder erloschen, im Seitenvergleich |
| Kniesehnenreflex | L3, L4 | Unauffällig — dient als Kontrolle |
| Adduktorenreflex | L2 bis L4 | Unauffällig |
| Fußsohlenreaktion | — | Beugend (normal). Eine streckende Antwort spricht gegen eine reine Wurzelschädigung und für eine Schädigung oberhalb |
7.4 Dehnungstests
Beim Lasègue-Zeichen wird das gestreckte Bein in Rückenlage angehoben. Der Test gilt als positiv, wenn dabei der bekannte, ins Bein ziehende Schmerz ausgelöst wird — nicht, wenn nur ein Ziehen in der Kniekehle auftritt. In einer systematischen Übersichtsarbeit fand sich für diesen Test eine hohe Empfindlichkeit bei geringer Trennschärfe: Er fällt bei den meisten Betroffenen positiv aus, aber auch bei vielen Menschen ohne Wurzelschädigung. [B] Umgekehrt verhält es sich beim gekreuzten Lasègue-Zeichen, bei dem das Anheben des gesunden Beins den Schmerz im kranken auslöst: selten positiv, dann aber deutlich aussagekräftiger. [B]
Weil das Kreuzbein-Darmbein-Gelenk am häufigsten mit S1 verwechselt wird, gehören dessen Provokationstests dazu. Einzeln sind sie wenig aussagekräftig; erst wenn mehrere von ihnen übereinstimmend ansprechen, gewinnt der Befund an Gewicht. [B]
7.5 Bildgebung
Ein Bild wird gebraucht, wenn Warnzeichen vorliegen, wenn eine Lähmung besteht oder zunimmt, oder wenn ein Eingriff erwogen wird. Ohne diese Gründe ändert ein frühes Bild den Verlauf nicht und birgt die Gefahr, harmlose Befunde zur Ursache zu erklären. [B]
- Kernspintomographie. Verfahren der Wahl für Bandscheibe, Wurzel und Weichteile. Sie stellt auch eine Insuffizienzfraktur des Kreuzbeins dar, die im Röntgenbild fehlen kann.
- Röntgen. Zeigt Wirbelgleiten, Übergangswirbel und die Zählung der Etagen. Vor geplanten Eingriffen am lumbosakralen Übergang ist diese Zählung ausdrücklich abzugleichen (Abschnitt 1.5).
- Computertomographie. Bei knöchernen Fragen und wenn eine Kernspinuntersuchung nicht möglich ist.
- Was ein Befund nicht ist. Bandscheibenvorwölbungen, Höhenminderungen und Signalveränderungen finden sich bei Beschwerdefreien häufig und nehmen mit dem Lebensalter zu. [B] Ein Bildbefund erklärt Beschwerden nur, wenn er zur Seite, zur Höhe und zum Untersuchungsbefund passt.
7.6 Elektrophysiologie und Labor
- H-Reflex. Das elektrophysiologische Gegenstück des Achillessehnenreflexes und damit die empfindlichste Messgröße für die Wurzel S1. Er ist jedoch nicht ortsspezifisch: Auch eine Polyneuropathie oder eine Schädigung des N. ischiadicus verlängert oder löscht ihn. [B] Für sich genommen beweist ein auffälliger H-Reflex daher keine Wurzelschädigung.
- Elektromyographie. Aussagekräftig sind der Wadenmuskel, der große Gesäßmuskel und die tiefe Rückenmuskulatur der Etage. Die Kombination trennt Wurzel, Geflecht und peripheren Nerv. Veränderungen als Zeichen einer Nervenschädigung treten erst nach etwa zwei bis drei Wochen auf; eine zu frühe Untersuchung ist deshalb wenig ergiebig. [B]
- Labor. Kein Routinebestandteil. Angezeigt bei Verdacht auf Entzündung, Infektion oder Tumor sowie bei ungeklärter Polyneuropathie.
Kapitel 08
Behandlungsansätze
Dieser Abschnitt ordnet ein, welche Wege bei einem Wurzelsyndrom S1 gegangen werden. Er ersetzt keine ärztliche Beurteilung und enthält keine Empfehlung für den Einzelfall. Voraussetzung jeder Behandlung ist, dass die Warnzeichen aus Kapitel 09 ausgeschlossen sind.
| Ansatz | Was belegt ist | Kennzeichnung |
|---|---|---|
| Aufklärung und Beibehalten von Aktivität | Bettruhe verschlechtert den Verlauf; Alltagsbewegung im Rahmen des Erträglichen ist der Ausgangspunkt jeder Behandlung | [B] |
| Schmerzbehandlung nach Stufen | Zeitlich begrenzt und mit klarem Ziel; die Auswahl richtet sich nach Begleiterkrankungen und gehört in ärztliche Hand | [B] |
| Bewegungstherapie | Angeleitete Übungsbehandlung ist bei anhaltenden Beschwerden wirksam; eine bestimmte Methode ist der anderen nicht überlegen | [B] |
| Gezielte Injektionen an die Wurzel | Können den Schmerz vorübergehend lindern; die Wirkung auf den Langzeitverlauf ist begrenzt | [B] |
| Operation | Bei zunehmender oder ausgeprägter Lähmung, bei Cauda-Zeichen sofort, sonst nach erfolglosem konservativem Vorgehen. Der Vorteil gegenüber dem Abwarten liegt vor allem in der schnelleren Schmerzlinderung | [B] |
| Manuelle Behandlung am Kreuzbein-Darmbein-Gelenk | Kann örtliche Beschwerden lindern. Eine Wirkung auf eine bestehende Wurzelschädigung ist nicht belegt | [I] |
| Segmentbehandlung mit dem Ziel, ein Organ zu beeinflussen | Nicht belegt. Die Beleglage trägt die Richtung Organ → Körperwand, nicht die Umkehrung | [H] |
Was bei S1 zusätzlich zählt. Eine Schwäche des Wadenmuskels ist eine Sturzgefahr — beim Treppabgehen, beim Abstoßen und auf unebenem Boden. Der Schutz davor gehört vom ersten Tag an zur Behandlung, unabhängig davon, welcher Weg im Übrigen eingeschlagen wird. [I]
Kapitel 09
Warnzeichen — wann Behandlung unterbleibt
Sofort in die Klinik — keine manuelle Behandlung, kein Abwarten:
- Cauda-equina-Zeichen: gestörte Blasenentleerung oder Harnverhalt, Stuhlinkontinenz, Gefühlsstörung im Reithosenbereich, beidseitige Beinschwäche. An der Etage L5/S1 ist diese Gefahr am größten
- Rasch zunehmende Lähmung eines Beines, insbesondere ein nicht mehr möglicher Zehenspitzenstand
- Beinschmerz mit kaltem, blassem Bein und fehlenden Fußpulsen — Verdacht auf einen akuten Gefäßverschluss
- Plötzlicher heftigster Kreuzschmerz mit Lähmung unter gerinnungshemmender Behandlung — Verdacht auf eine Blutung im Wirbelkanal
Zeitnahe ärztliche Abklärung vor jeder Behandlung:
- Fieber, Nachtschweiß, ungewollter Gewichtsverlust, Tumorerkrankung in der Vorgeschichte
- Ruhe- und Nachtschmerz, der sich durch keine Lagerung beeinflussen lässt
- Neu aufgetretener tiefer Kreuz- und Gesäßschmerz bei Osteoporose, auch ohne Sturz — Verdacht auf eine Insuffizienzfraktur des Kreuzbeins
- Schmerzlose Schwäche des Wadenmuskels, die über Wochen zunimmt, besonders mit Muskelschwund oder Muskelzucken
- Gürtelrose im Gesäß- oder Dammbereich, besonders zusammen mit einer Blasenentleerungsstörung
- Heftiger Beinschmerz mit rasch fortschreitendem Muskelschwund und Gewichtsverlust, besonders bei Zuckerkrankheit
- Gesteigerte Reflexe an den Beinen, streckende Fußsohlenreaktion, unsicherer Gang
- Beschwerden an beiden Beinen oder in mehreren Wurzelgebieten gleichzeitig
- Erstmalige Beschwerden vor dem 20. oder nach dem 50. Lebensjahr ohne erkennbaren Anlass
Erhöhte Vorsicht ist geboten bei: Osteoporose, langfristiger Kortisonbehandlung, gerinnungshemmender Behandlung, entzündlich-rheumatischer Erkrankung, bekannter Bindegewebserkrankung, Zustand nach Wirbelsäulen- oder Beckenoperation, Immunschwäche und bekanntem Bauchaortenaneurysma.
Zwei Punkte verdienen an diesem Segment eine eigene Bemerkung. Erstens: Blasen- und Mastdarmstörungen werden gelegentlich als „vegetative Begleiterscheinung“ eines sakralen Segments gedeutet. Das ist anatomisch falsch (Kapitel 04) und praktisch gefährlich. Zweitens: Der Zehenspitzenstand ist nicht nur eine Kraftprüfung, sondern auch eine Verlaufsprüfung. Wer ihn heute schafft und in zwei Wochen nicht mehr, hat eine Verschlechterung — unabhängig davon, ob der Schmerz nachgelassen hat.
Kapitel 10
Häufige Fragen
Im Befund steht „Bandscheibenvorfall L5/S1“. Ist damit die Wurzel S1 betroffen?
Meistens ja, aber nicht zwangsläufig. In jeder Etage laufen zwei Wurzeln nebeneinander. Der häufigste Vorfall tritt nach hinten-seitlich aus und trifft in dieser Etage die durchziehende Wurzel S1. Liegt der Vorfall dagegen im Zwischenwirbelloch selbst oder außerhalb davon, trifft er die austretende Wurzel L5. Entscheidend ist deshalb nicht die Höhenangabe allein, sondern die Lage im Querschnitt zusammen mit dem Untersuchungsbefund — also Kraft im Zehenspitzenstand, Achillessehnenreflex und Gefühl am Fußaußenrand.
Mein Achillessehnenreflex ist erloschen. Ist das der Beweis für einen Bandscheibenvorfall?
Nein. Der Reflex ist der wichtigste Einzelbefund bei S1, aber er trägt nur im Seitenvergleich. Fehlt er auf beiden Seiten, spricht das eher gegen eine einzelne Wurzelschädigung: Häufigere Erklärungen sind eine Polyneuropathie oder das Lebensalter, denn die Auslösbarkeit dieses Reflexes nimmt mit den Jahren ab. Umgekehrt schließt ein erhaltener Reflex eine leichte Wurzelschädigung nicht aus. Ein einzelner Reflexbefund beweist und widerlegt gleich wenig.
Warum prüft man den Zehenspitzenstand im Stehen und nicht im Liegen?
Weil die Hand des Untersuchenden den Wadenmuskel nicht ernsthaft fordern kann. Dieser Muskel hebt im Zehenspitzenstand das ganze Körpergewicht; im Liegen erscheint er deshalb auch dann als „kräftig“, wenn bereits ein erheblicher Teil seiner Kraft fehlt. Sichtbar wird die Schwäche erst im wiederholten einbeinigen Zehenspitzenstand: geringere Hubhöhe, weniger Wiederholungen, frühere Ermüdung im Seitenvergleich.
Kann ein Problem am Segment S1 Blase oder Darm beeinträchtigen?
Nicht über das Segment S1 selbst. Die Nervenzellen für Blase, Enddarm und Sexualfunktion liegen in den Rückenmarkssegmenten S2 bis S4, ein Stockwerk tiefer, und laufen über die Beckennerven und den Schamnerv. Treten solche Störungen zusammen mit einem Wurzelschmerz auf, sind sie deshalb kein Begleitzeichen, sondern der Hinweis darauf, dass mehrere Wurzeln der Cauda equina bedrängt werden. Das ist ein Notfall und gehört sofort in eine Klinik.
Kommt mein Gesäßschmerz vom Kreuzbein-Darmbein-Gelenk oder von der Wurzel S1?
Der Ort des Schmerzes entscheidet das nicht, weil beide dasselbe Gebiet betreffen können. Es entscheidet, was zusätzlich vorliegt. Für die Wurzel sprechen eine Schwäche im Zehenspitzenstand, ein seitenungleicher Achillessehnenreflex und eine Gefühlsstörung am Fußaußenrand. Sind diese drei Befunde unauffällig und bleibt der Schmerz oberhalb des Knies, wird eine Wurzelschädigung unwahrscheinlicher — dann rücken das Gelenk, die Wirbelgelenke der Etage oder die tiefe Gesäßmuskulatur in den Vordergrund.
Ich bin über 70 und habe seit einigen Wochen tiefen Kreuzschmerz, ohne gestürzt zu sein. Was ist zu bedenken?
Neben den häufigen Ursachen gehört in dieser Altersgruppe die Insuffizienzfraktur des Kreuzbeins ausdrücklich bedacht. Sie entsteht bei Osteoporose ohne Sturz, verursacht tiefen Kreuz- und Gesäßschmerz beim Aufstehen und Gehen und ist im gewöhnlichen Röntgenbild häufig nicht zu erkennen. Sichtbar wird sie in der Kernspin- oder Computertomographie. Das ist keine Ferndiagnose, sondern der Grund, den Befund ärztlich abklären zu lassen, statt ihn als Verschleiß abzutun.
Was hat es mit den „McKenzie-Zonen“ auf sich?
Der Begriff vermischt zwei Personen. James Mackenzie war ein schottischer Internist, der um 1900 reflektorische Muskelanspannung bei Organerkrankungen beschrieb — an Rumpfmuskeln, nicht am Bein. Robin McKenzie war ein neuseeländischer Physiotherapeut, dessen Untersuchungs- und Behandlungsmethode nach wiederholten Bewegungen und der Zentralisierung des Schmerzes fragt; mit Organzonen hat sie nichts zu tun. Gerade am lumbosakralen Übergang ist diese Methode gebräuchlich — das macht die Verwechslung wahrscheinlicher, aber nicht richtiger. „McKenzie-Zonen“ gibt es in keiner der beiden Lehren.
Was bedeuten die Kennzeichnungen [B], [I] und [H] im Text?
Sie machen die Beleglage einer Aussage sichtbar. [B] steht für anatomisch oder klinisch belegt — gedeckt durch Standardwerke, begutachtete Originalarbeiten oder Leitlinien. [I] steht für eine nachvollziehbare Deutung, die über das Belegte hinausgeht. [H] steht für ein Modell, das historisch bedeutsam, methodisch aber nur eingeschränkt überprüfbar ist. Aussagen ohne Kennzeichnung folgen dem Text davor. Wo eine Angabe fehlt, ist die Lücke benannt und nicht durch eine plausible Vermutung ersetzt worden.
Kapitel 11
Grundlage und Quellen
Verwendet wurden ausschließlich belegte Fachquellen: Standardwerke der Anatomie und der klinischen Neurologie, Originalarbeiten aus begutachteten Fachzeitschriften und Leitlinien der Fachgesellschaften. Populäre Darstellungen, Webportale, Anbieterseiten und unbelegte Sekundärquellen sind nicht herangezogen worden. Aussagen, die in den verwendeten Werken keine volle Deckung finden, sind im Text als Interpretation [I] oder als Hypothese [H] gekennzeichnet. Offene Punkte sind in Abschnitt 11.7 gesammelt statt im Text überbrückt.
11.1 Anatomie und Biomechanik
- Schünke M, Schulte E, Schumacher U: Prometheus. LernAtlas der Anatomie — Bände „Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem“ sowie „Innere Organe“. Thieme. — Grundlage der Angaben zu Bau des Kreuzbeins, geteiltem Austritt des Spinalnervs, Plexus sacralis und Grenzstrang in den Kapiteln 01 bis 04.
- Standring S (Hrsg.): Gray’s Anatomy. The Anatomical Basis of Clinical Practice. Elsevier. — Grundlage der Faseranteile von N. ischiadicus, N. tibialis, N. gluteus inferior und N. gluteus superior sowie der Ausdehnung von Nucleus intermediolateralis und Nucleus parasympathicus sacralis.
- Bogduk N: Clinical Anatomy of the Lumbar Spine and Sacrum. Churchill Livingstone / Elsevier. — Grundlage der Angaben zum Bewegungssegment L5/S1, zur Innervation der Wirbelgelenke, zum Verlauf der Wurzeln im seitlichen Winkel des Wirbelkanals und zur segmentalen Versorgung des M. multifidus.
- Rohen JW, Yokochi C, Lütjen-Drecoll E: Anatomie des Menschen. Photographischer Atlas. Schattauer. — zur topographischen Kontrolle der Lagebeziehungen am lumbosakralen Übergang und am Kreuzbein.
- Bähr M, Frotscher M: Duus‘ Neurologisch-topische Diagnostik. Thieme. — Grundlage der Angaben zur Lage der Rückenmarkssegmente gegenüber den Wirbeln, zum Ende des Conus medullaris und zur Reflexzuordnung.
11.2 Klinik, Untersuchung, Leitlinien
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Leitlinie Lumbale Radikulopathie, S2k, AWMF-Registernummer 030/058, federführend F. X. Glocker. — Grundlage der Beschreibung des S1-Syndroms in Kapitel 06 und der Abgrenzung zu L5. Hinweis zur Gültigkeit: Die Fassung von 2018 war bis zum 10. Januar 2023 gültig und ist abgelaufen; eine Nachfolgefassung war bei der Erstellung dieser Seite nicht auffindbar. Die übernommenen Aussagen betreffen die klinische Beschreibung der Wurzelsyndrome.
- Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz, AWMF-Registernummer nvl-007. — Grundlage der Aussagen zu Aktivität, Bettruhe und zurückhaltender Bildgebung in den Kapiteln 07 und 08. Hinweis zur Gültigkeit: Die Leitlinie ist abgelaufen und wird überarbeitet; die genannten Grundsätze werden von der internationalen Literatur übereinstimmend getragen.
- S2k-Leitlinie Konservative, operative und rehabilitative Versorgung bei Bandscheibenvorfällen mit radikulärer Symptomatik, AWMF-Registernummer 033-048. — herangezogen zur Einordnung der Behandlungswege in Kapitel 08. Hinweis zur Gültigkeit: Die Leitlinie wird im AWMF-Register als abgelaufen geführt; vor Veröffentlichung ist auf eine Nachfolgefassung zu prüfen.
- Mumenthaler M, Stöhr M, Müller-Vahl H: Läsionen peripherer Nerven und radikuläre Syndrome. Thieme. — Grundlage der Kennmuskel- und Dermatomangaben, der Reflexzuordnungen und der Abgrenzung Wurzel gegen peripheren Nerv, einschließlich der Schädigung des N. ischiadicus nach Injektion oder Hüfteingriff.
- Preston DC, Shapiro BE: Electromyography and Neuromuscular Disorders. Clinical–Electrophysiologic Correlations. Elsevier. — Grundlage der Angaben zu H-Reflex, Auswahl der Ableitorte und Zeitverlauf der elektromyographischen Veränderungen in Abschnitt 7.6.
- American Spinal Injury Association / ISCoS: International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury (ISNCSCI). — Grundlage des Prüfpunkts für S1 an der Außenseite der Ferse in Abschnitt 5.1.
11.3 Schmerzkarten, Dermatome, Untersuchungstests, Bildgebung
- Fukui S, Ohseto K, Shiotani M et al.: Distribution of referred pain from the lumbar zygapophyseal joints and dorsal rami. The Clinical Journal of Pain, 1997. — Grundlage der Schmerzkarte des Wirbelgelenks L5/S1 in Abschnitt 5.2.
- Fortin JD, Dwyer AP, West S, Pier J: Sacroiliac joint: pain referral maps upon applying a new injection/arthrography technique. Spine, 1994. — Grundlage der Schmerzkarte des Kreuzbein-Darmbein-Gelenks in Abschnitt 5.2.
- Laslett M, Aprill CN, McDonald B, Young SB: Diagnosis of sacroiliac joint pain: validity of individual provocation tests and composites of tests. Manual Therapy, 2005. — Grundlage der Aussage in Abschnitt 7.4, dass erst mehrere übereinstimmend positive Provokationstests Gewicht haben.
- Lee MWL, McPhee RW, Stringer MD: An evidence-based approach to human dermatomes. Clinical Anatomy, 2008. — Grundlage der Aussage zur Unschärfe und Widersprüchlichkeit der Dermatomkarten in Abschnitt 5.1.
- van der Windt DAWM, Simons E, Riphagen II et al.: Physical examination for lumbar radiculopathy due to disc herniation in patients with low-back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2010. — Grundlage der Aussagen zu Empfindlichkeit und Trennschärfe von Lasègue-Zeichen und gekreuztem Lasègue-Zeichen in Abschnitt 7.4.
- Brinjikji W et al.: Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations. American Journal of Neuroradiology, 2015. — Grundlage der Aussagen zu Bildbefunden bei Beschwerdefreien in den Abschnitten 6.2 und 7.5.
- Kellgren JH (1939) sowie Inman VT, Saunders JBdeCM (1944): Reizversuche an Bändern und Knochenhaut zur Kartierung tiefen Schmerzes. — Grundlage der Sklerotomangaben in Abschnitt 5.2, dort ausdrücklich als [H] gekennzeichnet.
11.4 Kreuzbein-Darmbein-Gelenk und sakrale Besonderheiten
- Grob KR, Neuhuber WL, Kissling RO: Innervation des Sacroiliacalgelenkes beim Menschen. Zeitschrift für Rheumatologie, 1995. — Grundlage der Aussage, dass die Versorgung des Gelenks von den hinteren Ästen sakraler Spinalnerven ausgeht (Abschnitt 3.3).
- Roberts SL et al.: The anatomy of the lateral branches of the sacral dorsal rami: implications for radiofrequency ablation. Pain Physician, 2014. — Grundlage der Angaben zur Variabilität der seitlichen Äste und zu den Beiträgen aus L5 (Abschnitt 3.3).
- Szadek KM et al.: Sacroiliac joint pain. Pain Practice, 2024. — Übersichtsarbeit; Grundlage der Darstellung des Widerspruchs zur Versorgung der Gelenkvorderseite in Abschnitt 3.3.
11.5 Eingeschränkt verwendete und nicht verwendete Quellen
- Eingeschränkt: Simons DG, Travell JG, Simons LS: Myofascial Pain and Dysfunction. The Trigger Point Manual. — ausschließlich als Herkunft der Ausstrahlungskarten in Abschnitt 3.4 genannt, mit dem Vermerk zur begrenzten Untersucherübereinstimmung.
- Eingeschränkt: Historische Zonenmodelle nach Head, Mackenzie und Dicke — ausschließlich als [H] gekennzeichnet und ohne Ableitung von Aussagen (Abschnitt 5.3).
- Nicht verwendet: Segmenttabellen ohne Belegangabe, Organzuordnungskarten aus dem populären Schrifttum, Anbieter- und Forenseiten. Angaben zu Organversorgung, Enterotomen, Viszerotomen und „McKenzie-Zonen“ eines sakralen Segments stammen aus dieser Gruppe und sind nicht übernommen worden.
11.6 Berichtigte Angaben zum Segment S1
| Verbreitete Angabe | Berichtigung |
|---|---|
| Das Segment S1 versorge Blase, Enddarm oder Geschlechtsorgane | Der sakrale Parasympathikus entspringt den Rückenmarkssegmenten S2 bis S4. S1 führt weder vorgeschaltete parasympathische noch vorgeschaltete sympathische Fasern (Abschnitte 4.1 und 4.3) |
| Blasen- und Mastdarmstörungen als Zeichen einer S1-Schädigung | Diese Zeichen weisen auf mehrere sakrale Wurzeln und damit auf ein Cauda-equina-Syndrom hin — ein Notfall, kein Segmentzeichen (Kapitel 04 und 09) |
| Der Spinalnerv S1 trete durch ein Zwischenwirbelloch aus | Am Kreuzbein teilt sich der Spinalnerv bereits im Kanal. Der vordere Ast tritt durch das erste vordere, der hintere durch das erste hintere Kreuzbeinloch aus (Abschnitt 1.2) |
| Rückenmark oder Seitenhorn auf Höhe des Kreuzbeins | Das Rückenmark endet bei L1/L2. Im Kreuzbeinkanal liegen nur Wurzeln; das Rückenmarkssegment S1 liegt hinter Th12/L1 (Abschnitt 1.1) |
| Ein Bandscheibenvorfall L5/S1 reize immer S1 | Der häufige hinten-seitliche Vorfall trifft S1. Ein Vorfall im oder außerhalb des Zwischenwirbellochs derselben Etage trifft L5 (Abschnitt 1.3) |
| Wirbelgleiten L5 über S1 schädige die Wurzel S1 | Bei der isthmischen Form wird typischerweise die Wurzel L5 im eingeengten Zwischenwirbelloch bedrängt. Die Etagenbezeichnung führt hier in die Irre (Abschnitt 1.5) |
| Die Kraftprüfung des Wadenmuskels im Liegen genüge | Sie verfehlt leichte Schwächen regelmäßig. Maßgeblich ist der wiederholte einbeinige Zehenspitzenstand (Abschnitte 3.1 und 7.2) |
| Ein fehlender Achillessehnenreflex beweise eine Wurzelschädigung S1 | Beurteilt wird der Seitenunterschied. Beidseitiges Fehlen spricht eher für Polyneuropathie oder Lebensalter (Abschnitte 6.4 und 7.3) |
| Ein erhaltener Achillessehnenreflex schließe S1 aus | Er schließt eine leichte Wurzelschädigung nicht aus; Kraft und Gefühl entscheiden mit (Abschnitte 6.1 und 7.3) |
| Das Dermatom S1 reiche bis zum Fußrücken oder zur Großzehe | Fußrücken und Großzehe gehören zu L5. S1 umfasst Ferse, Fußaußenrand und Kleinzehe; Prüfpunkt ist die Außenseite der Ferse (Abschnitt 5.1) |
| Der Fußaußenrandheber sei ein Kennmuskel, der S1 von L5 trenne | Die Wadenbeinmuskeln beziehen Fasern aus L5 und S1 und trennen die beiden Segmente nicht (Abschnitt 3.2) |
| Schmerz aus dem Wirbelgelenk L5/S1 strahle bis in den Fuß aus | In der experimentellen Reizung erreichte der Schmerz dieser Gelenke keinen Bereich unterhalb des Knies (Abschnitt 5.2) |
| Das Kreuzbein-Darmbein-Gelenk sei ein Bewegungssegment mit eigener Nervenwurzel | Es ist ein straffes Gelenk mit sehr geringem Bewegungsumfang. Seine Rückseite wird von seitlichen Ästen der hinteren Äste S1 bis S3 versorgt (Abschnitte 1.4 und 3.3) |
| Ein tiefer Kreuzschmerz im Alter sei Verschleiß | Bei Osteoporose kommt die Insuffizienzfraktur des Kreuzbeins in Betracht; sie ist im Röntgenbild häufig nicht zu sehen (Abschnitt 6.3) |
| Perineurale Zysten am Kreuzbein erklärten die Beschwerden | Sie sind ein häufiger Nebenbefund und meist ohne Krankheitswert (Abschnitt 2.3) |
| Head-Zonen des Segments S1 mit Bezug zu Beckenorganen | Die dem Becken zugeordneten Zonen betreffen die Höhen S2 bis S4; für S1 gibt es keine einheitliche Zuordnung (Abschnitt 5.3) |
| „McKenzie-Zonen“ des Segments S1 | Existiert in keinem der beiden Modelle, die diesen Namen tragen. Robin McKenzie und James Mackenzie werden verwechselt (Abschnitt 5.3) |
11.7 Offene Punkte und benannte Lücken
- Leitlinienlage. Die drei für dieses Thema einschlägigen deutschen Leitlinien (030/058, nvl-007, 033-048) sind sämtlich abgelaufen. Vor Veröffentlichung ist der AWMF-Registerstand erneut zu prüfen.
- Cauda-equina-Syndrom. Eine gültige deutsche Leitlinie, die dieses Krankheitsbild eigenständig behandelt, war bei der Recherche nicht auffindbar. Die Aussagen in Kapitel 09 stützen sich auf die genannten Standardwerke.
- Häufigkeitsverhältnis L5 zu S1. Welche der beiden Wurzeln häufiger betroffen ist, wird in den Untersuchungsreihen unterschiedlich angegeben; eine Zahl wird hier nicht genannt (Abschnitt 6.2).
- Bewegungsumfänge L5/S1. Die Angaben schwanken zwischen den Untersuchungsreihen so stark, dass ein Einzelwert nicht angegeben wird (Abschnitt 1.4).
- Häufigkeit von Übergangswirbeln. Je nach Definition und Messverfahren stark abweichende Angaben; keine Einzelzahl (Abschnitt 1.5).
- Erholung einer Wadenmuskelschwäche. Belastbare Zahlen zum Verlauf dieser besonderen Lähmung liegen nicht in verwertbarer Form vor (Abschnitt 6.5).
- Einzelnachweise zu Insuffizienzfraktur des Kreuzbeins und zu perineuralen Zysten. Die Aussagen in den Abschnitten 2.3 und 6.3 folgen dem übereinstimmenden Stand der Standardwerke; die Einzelnachweise aus begutachteten Zeitschriften sind vor Veröffentlichung zu ergänzen.
- Versorgung der Vorderseite des Kreuzbein-Darmbein-Gelenks. Die Quellen widersprechen einander; der Widerspruch bleibt in Abschnitt 3.3 stehen.
11.8 Quellen und Änderungsvermerk zu den neuen Abschnitten
Quellen zu diesem Abschnitt
- Jänig W: Spinal cord integration of visceral sensory systems and sympathetic nervous system reflexes. Prog Brain Res 1986;67:255–277. — Grundlage des Reflexwegs von den Eingeweidefasern zu den sympathischen Ursprungszellen.
- Wehrwein EA, Orer HS, Barman SM: Overview of the anatomy, physiology, and pharmacology of the autonomic nervous system. Compr Physiol 2016;6:1239–1278. — Grundlage der Aussage, dass das vegetative Nervensystem alle Körperteile außer der Skelettmuskulatur steuert.
- Stifani N: Motor neurons and the generation of spinal motor neuron diversity. Front Cell Neurosci 2014;8:293. — Grundlage der Aufgabenteilung zwischen motorischen Vorderhornzellen (Skelettmuskel) und vegetativen Ursprungszellen (glatte Muskulatur, Drüsen).
- Giamberardino MA, Affaitati G, Lerza R, Lapenna D, Costantini R, Vecchiet L: Relationship between pain symptoms and referred sensory and trophic changes in patients with gallbladder pathology. Pain 2005;114:239–249. — Messung von Unterhaut- und Muskeldicke im Übertragungsgebiet beim Menschen.
- Wesselmann U, Lai J: Mechanisms of referred visceral pain: uterine inflammation in the adult virgin rat results in neurogenic plasma extravasation in the skin. Pain 1997;73:309–317. — Tierbefund zu Hautveränderungen im Übertragungsgebiet und den drei möglichen Entstehungswegen.
- Fang Y, Han S, Li X, Xie Y, Zhu B, Gao X, Ma C: Cutaneous hypersensitivity as an indicator of visceral inflammation via C-nociceptor axon bifurcation. Neurosci Bull 2021;37:45–54. — Tierbefund zu gegabelten Schmerzfasern zwischen Organ und Haut sowie zur Konvergenz im Hinterhorn.
- Willis WD Jr: Dorsal root potentials and dorsal root reflexes: a double-edged sword. Exp Brain Res 1999;124:395–421. — Übersicht zum Hinterwurzelreflex und zur neurogenen Entzündung.
- Holey LA, Dixon J: Connective tissue manipulation: a review of theory and clinical evidence. J Bodyw Mov Ther 2014;18(1):112–118. — Grundlage der Einordnung der Bindegewebsmassage als Erklärungsmodell.
- Giamberardino MA: Referred muscle pain/hyperalgesia and central sensitisation. J Rehabil Med 2003;Suppl 41:85–88. — Grundlage des Modells der Reflexe zur Muskulatur.
- Roatta S, Windhorst U, Ljubisavljevic M, Johansson H, Passatore M: Sympathetic modulation of muscle spindle afferent sensitivity to stretch in rabbit jaw closing muscles. J Physiol 2002;540:237–248. — Tierbefund zur Muskelspindel.
- Macefield VG, Sverrisdottir YB, Wallin BG: Resting discharge of human muscle spindles is not modulated by increases in sympathetic drive. J Physiol 2003;551:1005–1011. — Befund am Menschen ohne Spindelveränderung.
- Hjortskov N, Skotte J, Hye-Knudsen C, Fallentin N: Sympathetic outflow enhances the stretch reflex response in the relaxed soleus muscle in humans. J Appl Physiol 2005;98:1366–1370. — Befund am Menschen mit verstärktem Dehnungsreflex.
Offene Lücken
- Welche Ursprungssegmente die Haut von Arm und Bein sympathisch versorgen, geben Fachwerke unterschiedlich an. Die Seite nennt deshalb keinen Zahlenbereich. Gray’s Anatomy stand für diese Bearbeitung nicht zur Verfügung. Die Seite bleibt deshalb bei der zahlenfreien Angabe, bis das Werk eingesehen ist.
- Von Fang et al. 2021 und Willis 1999 wurden nur die Zusammenfassungen eingesehen. Der Abgleich mit den Volltexten steht vor Veröffentlichung aus.
- Eine Untersuchung, die beim Menschen den Entstehungsweg der Veränderungen im Übertragungsgebiet klärt, wurde nicht gefunden. Ebenso wurde keine Untersuchung gefunden, die Tastbefunde nach Dicke mit gemessenen Gewebedicken vergleicht.
Fachbegriffe
- Hinterhorn — Eingangsbereich des Rückenmarks für Empfindungen.
- Nucleus intermediolateralis — Zellsäule im Seitenhorn mit den sympathischen Ursprungszellen, Th1 bis etwa L2.
- Gegabelte Empfindungsfaser — Nervenfaser, die mit zwei Ästen Organ und Haut zugleich versorgt.
- Hinterwurzelreflex — Erregung, die vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser zur Haut läuft.
- Neurogene Entzündung — Schwellung und Rötung durch Botenstoffe aus Nervenenden.
- Konvergenz — Zusammenlaufen von Fasern aus Organ und Körperoberfläche auf dieselbe Schaltzelle.
- Vorderhornzellen — Nervenzellen im Vorderhorn, die die Skelettmuskeln erregen.
- Körperwand — Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ.
- Muskelspindel — Fühler im Muskel, der die Muskellänge misst.
- Dehnungsreflex — Muskelzuckung auf plötzliche Dehnung, etwa beim Sehnenklopfen.
Änderungsvermerk
- Fassung V 0.4: Abschnitt 5.4 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu.
- Warum: Die Zonen- und Muskelbefunde des Segments sind jetzt nach Entstehungsweg getrennt und belegt; alternative Wege ohne Seitenhorn stehen gleichrangig daneben.
- Ersetzt: V 0.3.
Verwandte Segmente
Segment L4 · Segment L5 · Segment S2 · Segment S3 · Nervus ischiadicus · Nervus tibialis
Hinweis. Dieser Beitrag dient der fachlichen Information. Er ersetzt keine Untersuchung, Diagnose oder Behandlung durch qualifizierte Fachpersonen. Bei zunehmender Beinschwäche, nicht mehr möglichem Zehenspitzenstand, Störungen von Blase oder Mastdarm oder verändertem Gefühl im Reithosenbereich ist eine sofortige ärztliche Abklärung erforderlich.
Fassung V 0.1. Geändert: Erstfassung der Segmentseite S1 nach dem Elf-Kapitel-Aufbau der Reihe. Grund: Fortführung der Reihe von den Lenden- zu den Kreuzbeinsegmenten. Ersetzt: keine frühere Fassung dieser Datei; eine bestehende Seitenfassung auf nerven.wiki ist vor Veröffentlichung abzugleichen (Abschnitt 11.6).
Segment S1 · V 0.4 · Stand: September 2026. Geändert: Abschnitt 5.4 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu; Quellen, Lücken und Fachbegriffe in Kapitel 11 ergänzt. Warum: Die Entstehung der Zonen- und Muskelbefunde ist jetzt nach Weg getrennt, belegt und um die Wege ohne Seitenhorn ergänzt. Ersetzt: V 0.3 derselben Seite.