Das Segment S2 ist das erste, das an den Beckenorganen beteiligt ist. Mit ihm beginnt der sakrale Teil des Parasympathikus, der von S2 bis S4 reicht und Blase, Enddarm und Sexualfunktion steuert. Am Bein tritt S2 dagegen kaum in Erscheinung: Es hat keinen eigenen Kennmuskel und keinen eigenen Eigenreflex. Eine isolierte Schädigung der Wurzel S2 ist selten; klinisch bedeutsam wird das Segment fast immer zusammen mit seinen Nachbarn — und dann meist als Notfall.
Inhalt
Auf einen Blick
- Austritt: Wie bei S1 teilt sich der Spinalnerv S2 bereits im Kreuzbeinkanal. Sein vorderer Ast verlässt den Knochen durch das zweite vordere, sein hinterer Ast durch das zweite hintere Kreuzbeinloch. [B]
- Eine wichtige Höhenmarke: Der Duralsack endet beim Erwachsenen in Höhe von S2. Unterhalb dieser Höhe liegen die Wurzeln nicht mehr in Rückenmarksflüssigkeit. [B]
- Hier beginnt der sakrale Parasympathikus. Die Nervenzellen der Beckennerven (Nn. splanchnici pelvici) liegen in den Rückenmarkssegmenten S2 bis S4 — nicht bei S1. [B]
- Doppelte Zuständigkeit: S2 ist an zwei ganz verschiedenen Systemen beteiligt — am unwillkürlichen Teil über die Beckennerven und am willkürlichen Teil über den Schamnerv (N. pudendus, S2 bis S4), der die äußeren Schließmuskeln versorgt.
- Kein Kennmuskel, kein eigener Reflex. Am Bein trägt S2 nur Anteile bei — an Wadenmuskel, Kniebeugern und kleinen Fußmuskeln. Prüfbar wird das Segment über die Reflexe des Beckenbodens und über Gefühl und Schließmuskelspannung, nicht über Kraftgrade am Bein.
- Dermatom: Ein Streifen über Gesäß und Rückseite des Oberschenkels bis in die Kniekehle. Der Prüfpunkt der standardisierten Untersuchung nach ASIA liegt in der Mitte der Kniekehle. [B]
- Isoliert selten, gemeinsam bedeutsam: Ein einzelnes S2-Syndrom durch einen Bandscheibenvorfall ist eine Rarität. Häufiger ist S2 mitbetroffen — beim Cauda-equina-Syndrom, bei einer Kreuzbeinfraktur, bei einer Gürtelrose oder bei einem Tumor im Kreuzbein.
- Die Untersuchung, die am häufigsten unterbleibt: Gefühl im Reithosenbereich, Schließmuskelspannung und Restharn. Ohne diese drei Angaben bleibt eine Schädigung der sakralen Segmente unerkannt, bis sie bleibend ist.
Kapitel 01
Anatomie des Segments S2
1.1 Drei Bedeutungen von „S2“
- Der Wirbel S2 — der zweite Kreuzbeinwirbel, beim Erwachsenen mit den übrigen verschmolzen. Seine Höhe lässt sich von außen abschätzen: Die Verbindungslinie zwischen den beiden hinteren oberen Darmbeinstacheln verläuft ungefähr in Höhe S2. [B]
- Das Rückenmarkssegment S2 — der Abschnitt des Rückenmarks, aus dem die Wurzelfäden hervorgehen. Es liegt im Conus medullaris hinter den Wirbelkörpern Th12 und L1. In ihm liegen zwei Zellgruppen, die es bei S1 nicht gibt: der sakrale parasympathische Kern und der Onuf-Kern für die äußeren Schließmuskeln. [B]
- Der Spinalnerv S2 — er entsteht im Kreuzbeinkanal und teilt sich dort in seinen vorderen und seinen hinteren Ast.
Warum die Höhe S2 doppelt zählt. Die Linie zwischen den hinteren oberen Darmbeinstacheln ist zugleich die ungefähre Höhe, in der der Duralsack endet. Unterhalb davon ziehen die Wurzeln S3 bis S5 und der Steißbeinnerv ohne umgebende Rückenmarkshaut weiter. Für die Praxis heißt das: Eine Raumforderung oberhalb dieser Höhe drückt auf ein Bündel in Flüssigkeit, unterhalb davon auf einzelne Nerven im Knochenkanal. [B]
1.2 Der Austritt und der Kreuzbeinkanal
| Anteil | Austritt | Versorgt |
|---|---|---|
| Vorderer Ast (Ramus anterior) | Zweites vorderes Kreuzbeinloch, in das kleine Becken | Anteil am Plexus sacralis, am Schamnerv und an den Beckennerven |
| Hinterer Ast (Ramus posterior) | Zweites hinteres Kreuzbeinloch, auf die Rückseite des Kreuzbeins | Tiefe Rückenmuskulatur, hintere Bänder des Kreuzbein-Darmbein-Gelenks, Haut über dem Kreuzbein |
Der Kreuzbeinkanal setzt den Wirbelkanal nach unten fort und endet im Kreuzbeinschlitz (Hiatus sacralis), der von einer Bandplatte verschlossen wird. Über diese Öffnung wird der sakrale Epiduralraum von außen erreicht — der anatomische Hintergrund der Kaudalanästhesie. [B] Zwischen dem Ende des Duralsacks in Höhe S2 und dem Kreuzbeinschlitz liegt damit ein kurzer Abschnitt, in dem die sakralen Wurzeln besonders gut erreichbar, aber auch besonders ungeschützt sind. [I]
1.3 Der Übergang vom beweglichen zum starren Abschnitt
Zwischen den Kreuzbeinwirbeln gibt es beim Erwachsenen keine Bandscheiben und keine Bewegungssegmente mehr. Ein Bandscheibenvorfall in Höhe S1/S2 ist deshalb kein regelhafter Befund. [B] Wenn die Wurzel S2 mechanisch bedrängt wird, geschieht das fast immer weiter oben — im Wirbelkanal in Höhe L4/L5 oder L5/S1, wo sie noch als Teil der Cauda equina verläuft — oder im Kreuzbein selbst durch Bruch, Zyste oder Tumor.
Die Folge für die Deutung von Befunden. Wer bei sakralen Beschwerden nach einer „Etage S1/S2“ sucht, sucht an der falschen Stelle. Die mechanischen Ursachen liegen entweder oberhalb (Cauda equina) oder im Knochen selbst. Diese Unterscheidung entscheidet, welche Bildgebung sinnvoll ist (Abschnitt 7.5).
1.4 Reste der Wirbelform: Zysten und Spalten
- Perineurale Zysten (Tarlov-Zysten). Ausstülpungen der Wurzeltasche, die am häufigsten an den Höhen S2 und S3 gefunden werden. Sie fallen im Kernspinbild häufig auf und verursachen in der überwiegenden Mehrzahl keine Beschwerden. Ein Zusammenhang mit vorhandenen Beschwerden ist im Einzelfall schwer zu belegen und wird hier nicht behauptet. [I]
- Offener Kreuzbeinbogen (Spina bifida occulta). Ein unvollständiger Schluss des hinteren Bogens, meist an S1 oder L5, gelegentlich weiter unten. Für sich genommen ein Nebenbefund ohne Krankheitswert. [B]
- Angebundenes Rückenmark (Tethered cord). Bleibt das untere Ende des Rückenmarks fixiert, entstehen Beschwerden, die genau die sakralen Funktionen betreffen: Blase, Enddarm, Gefühl im Reithosenbereich, Fußdeformitäten. Der Verdacht gehört fachärztlich geklärt, nicht behandelt. [B]
Kapitel 02
Nervenversorgung
2.1 Vier Wege aus einem Segment
Kein anderes Segment der Wirbelsäule verteilt seine Fasern auf so verschiedene Systeme wie S2. Wer nur den Weg zum Bein kennt, übersieht drei Viertel des Segments.
| Weg | Fasern | Ziel |
|---|---|---|
| Plexus sacralis, N. ischiadicus | Willkürlich und Gefühl | Kniebeuger, Wadenmuskel und kleine Fußmuskeln — jeweils nur als Anteil |
| N. pudendus (Schamnerv, S2 bis S4) | Willkürlich und Gefühl | Äußere Schließmuskeln von Blase und After, Beckenboden, Haut von Damm und äußeren Geschlechtsteilen |
| Nn. splanchnici pelvici (Beckennerven, S2 bis S4) | Vorgeschaltet parasympathisch | Blasenmuskel, absteigender Dickdarm und Mastdarm, Schwellkörper |
| N. cutaneus femoris posterior (S1 bis S3) | Gefühl | Haut der Gesäßfalte, der Oberschenkelrückseite und des Damms |
2.2 Der Schamnerv und seine Engstellen
Der N. pudendus entsteht aus den vorderen Ästen von S2 bis S4. Er verlässt das Becken durch das große Sitzbeinloch unterhalb des birnenförmigen Muskels, wendet sich um die Sitzbeinstachel herum, tritt durch das kleine Sitzbeinloch wieder ein und läuft dann in einer Bindegewebsloge an der seitlichen Wand der Sitzbeingrube (Alcock-Kanal, Canalis pudendalis) nach vorn. [B]
- Zwischen den Bändern am Sitzbeinstachel. Die Enge zwischen Kreuz-Sitzbein-Band und Kreuz-Dornfortsatz-Band ist die am häufigsten beschriebene Engstelle.
- Im Alcock-Kanal. Die zweite beschriebene Engstelle, weiter vorn im Verlauf.
- Was daraus folgt. Beschwerden im Damm- und Sitzbereich können vom Nerv stammen, ohne dass eine Wurzel geschädigt ist. Für diese Unterscheidung gibt es einen abgestimmten Kriterienkatalog (siehe Abschnitt 6.4); ein Bildbefund allein trägt sie nicht. [B]
2.3 Wo S2 mechanisch bedrängt werden kann
| Ort | Ursache | Besonderheit |
|---|---|---|
| Wirbelkanal L4/L5 und L5/S1 | Großer mittiger Bandscheibenvorfall, enger Wirbelkanal | Trifft S2 nie allein — immer zusammen mit Nachbarwurzeln (Cauda-equina-Syndrom) |
| Conus medullaris (Th12/L1) | Tumor, Durchblutungsstörung, Entzündung | Schädigt das Rückenmarkssegment statt der Wurzel; das Beschwerdebild unterscheidet sich (Abschnitt 6.1) |
| Kreuzbein | Bruch, Insuffizienzfraktur bei Osteoporose, Tumor, Metastase | Ein Bruch, der durch die Lochreihen verläuft, kann mehrere sakrale Wurzeln zugleich treffen |
| Wurzeltasche | Perineurale Zyste | Häufiger Nebenbefund; ein ursächlicher Zusammenhang ist selten zu belegen [I] |
| Becken | Eingriffe, Bestrahlung, Geburt, Tumoren des kleinen Beckens | Trifft meist das Geflecht oder den Schamnerv, nicht die Wurzel |
2.4 Wurzel, Geflecht oder Nerv — die Unterscheidung
| Befund | Wurzel S2 (und Nachbarn) | N. pudendus allein |
|---|---|---|
| Seitigkeit | Häufig beidseits, weil mehrere Wurzeln zugleich betroffen sind | Meist einseitig |
| Gefühl am Damm | Gestört, oft in mehreren Segmenten | Gestört im Gebiet des Nervs |
| Gefühl an der Oberschenkelrückseite | Kann mitbetroffen sein | Unauffällig — dieses Gebiet gehört einem anderen Nerv |
| Blasenentleerung | Häufig gestört, weil die Beckennerven mitbetroffen sind | Meist ungestört; der Schamnerv führt keine vorgeschalteten parasympathischen Fasern |
| Beinschmerz | Möglich | Fehlt in der Regel |
Kapitel 03
Muskeln
3.1 Warum S2 keinen Kennmuskel hat
Ein Kennmuskel ist ein Muskel, dessen Schwäche mit einiger Verlässlichkeit auf ein bestimmtes Segment weist. Für S2 gibt es keinen. Am Bein steuert das Segment überall nur Anteile bei, und seine eigentlichen Zielmuskeln — Beckenboden und äußere Schließmuskeln — lassen sich nicht in Kraftgraden messen. [B]
| Muskelgruppe | Nerv | Segmente | Anteil von S2 |
|---|---|---|---|
| Wadenmuskel (M. triceps surae) | N. tibialis | S1, S2 | Nachgeordnet; Schwerpunkt S1 |
| Kniebeuger (ischiocrurale Muskeln) | N. tibialis, N. fibularis (Anteile) | L5 bis S2 | Nachgeordnet |
| Lange Zehenbeuger | N. tibialis | S1, S2 | Deutlich |
| Kleine Fußmuskeln | Nn. plantares | S2, S3 | Führend, aber praktisch kaum prüfbar |
| Birnenförmiger Muskel und tiefe Außendreher | Direkte Äste aus dem Plexus | L5 bis S2 | Beteiligt |
| Äußerer Afterschließmuskel | N. pudendus (Ramus rectalis inferior) | S2 bis S4 | Beteiligt |
| Äußerer Blasenschließmuskel | N. pudendus | S2 bis S4 | Beteiligt |
| Beckenboden (M. levator ani) | Umstritten — direkte sakrale Äste oder N. pudendus | S3 bis S5, teils S2 | Beteiligt; siehe Hinweis unten |
Ein offener Punkt, der nicht geglättet wird. Woher der Beckenboden seine willkürlichen Fasern bezieht, wird in der Literatur unterschiedlich beantwortet: Ein Teil der Untersuchungen findet direkte Äste aus den vorderen Ästen S3 bis S5, ein anderer sieht den Schamnerv als Hauptquelle, viele beschreiben eine doppelte Versorgung. Der Widerspruch wird hier stehen gelassen. Für die Praxis ändert er wenig: Geprüft wird die willkürliche Anspannung, nicht ihr Zuleitungsweg.
3.2 Abgrenzung zu den Nachbarsegmenten
| Prüfung | S1 | S2 | S3 und tiefer |
|---|---|---|---|
| Zehenspitzenstand | Schwach | Kann mitbetroffen sein | Unauffällig |
| Achillessehnenreflex | Abgeschwächt oder erloschen | Kann abgeschwächt sein | Unauffällig |
| Zehen krallen | Kann schwach sein | Schwach | Kann schwach sein |
| Gefühl Fußaußenrand | Gestört | Unauffällig | Unauffällig |
| Gefühl Kniekehle und Oberschenkelrückseite | Unauffällig | Gestört | Unauffällig |
| Gefühl im Reithosenbereich | Unauffällig | Kann gestört sein | Gestört |
| Schließmuskelspannung, Blasenentleerung | Unauffällig | Kann gestört sein | Regelhaft gestört |
3.3 Die tiefe Rückenmuskulatur und die Bänder des Beckens
Der hintere Ast von S2 versorgt die tiefe Rückenmuskulatur in Höhe des Kreuzbeins sowie die hinteren Bänder des Kreuzbein-Darmbein-Gelenks. Die seitlichen Äste der hinteren Äste von S1 bis S3 bilden dort ein Geflecht. [B] Ein Druckschmerz über diesen Bändern ist ein häufiger Befund und für sich genommen wenig aussagekräftig. [I]
Kapitel 04
Vegetative und viszerale Bezüge
4.1 Hier beginnt der sakrale Parasympathikus
Dieses Kapitel ist der Kern der Seite. Bei S1 lautete die Antwort auf die Frage nach den Organen: keine. Bei S2 lautet sie anders — und deshalb muss sie genau ausfallen.
| Teil des vegetativen Nervensystems | Ursprung im Rückenmark | Gilt für S2? |
|---|---|---|
| Sympathikus (Seitenhorn, Nucleus intermediolateralis) | Th1 bis etwa L2 | Nein. S2 liegt weit unterhalb des Ursprungsgebiets |
| Sakraler Parasympathikus (Nucleus parasympathicus sacralis) | S2 bis S4 | Ja. S2 ist das oberste dieser drei Segmente [B] |
| Willkürliche Versorgung der äußeren Schließmuskeln (Onuf-Kern) | S2 bis S4 | Ja, über den N. pudendus [B] |
| Graue Verbindungsäste vom Grenzstrang | Auf allen Höhen | Ja — für Gefäße, Schweißdrüsen und Haarmuskeln des eigenen Hautgebiets |
4.2 Was die Beckennerven tatsächlich versorgen
Die vorgeschalteten parasympathischen Fasern verlassen das Rückenmark mit den vorderen Wurzeln S2 bis S4, verlassen die Spinalnerven als Beckennerven (Nn. splanchnici pelvici) und ziehen zum unteren Beckengeflecht (Plexus hypogastricus inferior). Dort werden sie auf die zweite Nervenzelle umgeschaltet, die unmittelbar in oder an der Organwand liegt. [B]
| Organ oder Funktion | Parasympathisch (S2 bis S4) | Sympathisch | Willkürlich |
|---|---|---|---|
| Blasenmuskel (Detrusor) | Zusammenziehen zur Entleerung | Th11 bis L2, hemmend | — |
| Innerer Blasenverschluss | — | Th11 bis L2, verschließend | — |
| Äußerer Blasenschließmuskel | — | — | N. pudendus, S2 bis S4 |
| Absteigender Dickdarm und Mastdarm | Antreibend | L1 bis L2, hemmend | — |
| Äußerer Afterschließmuskel | — | — | N. pudendus, S2 bis S4 |
| Schwellkörper, Erektion | Gefäßerweiternd | — | — |
| Ejakulation | — | Th12 bis L2 | N. pudendus, S2 bis S4 |
Die Richtung der Aussage bleibt entscheidend. Belegt ist: Diese Segmente steuern diese Organe, und eine Schädigung der Segmente stört diese Organfunktionen. [B] Nicht belegt ist die Umkehrung — dass eine Behandlung der Körperwand in Höhe S2 eine Organfunktion steuern könne. Diese Umkehrung wird in Sekundärquellen häufig vollzogen und ist hier nicht übernommen. [H]
4.3 Warum eine Schädigung an dieser Stelle so verschiedene Bilder erzeugt
Ob eine Blasenstörung auftritt und welcher Art sie ist, hängt davon ab, wo die Schädigung liegt — oberhalb oder unterhalb des sakralen Zentrums. [B]
| Ort der Schädigung | Blasenmuskel | Folge |
|---|---|---|
| Oberhalb des sakralen Zentrums (Rückenmark, nach der Schockphase) | Überaktiv, oft mit unabgestimmtem Schließmuskel | Häufiger Harndrang, unvollständige Entleerung, Restharn |
| Im sakralen Zentrum selbst (Conus medullaris) oder an den Wurzeln | Untätig oder schwach | Kein Entleerungsreiz, Überlaufblase, hoher Restharn |
Der praktische Kern. Wer eine Störung der Beckenfunktionen neu bemerkt — erschwerte Blasenentleerung, Restharngefühl, ungewollter Abgang, verändertes Gefühl beim Wasserlassen oder im Reithosenbereich — hat einen abklärungspflichtigen Befund, keinen behandelbaren. Kapitel 09 nennt die Grenzen.
Kapitel 05
Dermatom, Sklerotom, Reflexzonen
5.1 Das Dermatom S2
Das Dermatom S2 zieht als schmaler Streifen über das Gesäß und die Rückseite des Oberschenkels bis in die Kniekehle und weiter an die Rückseite des Unterschenkels; ein Anteil erreicht den Damm. [B]
| Ort | Aussagekraft |
|---|---|
| Mitte der Kniekehle | Der in der standardisierten Untersuchung nach ASIA festgelegte Prüfpunkt für S2 [B] |
| Rückseite des Oberschenkels | Überlappt breit mit S1 und S3; für sich wenig trennscharf |
| Gesäß | Überlappt mit den Ausstrahlungsgebieten von Gelenken und Muskeln — hier ist die Gefühlsprüfung am wenigsten aussagekräftig |
| Damm, seitlicher Anteil | Gehört zum Reithosenbereich; Veränderungen dort sind ein Warnzeichen (Kapitel 09) |
Wie verlässlich sind Dermatomkarten? Ein systematischer Vergleich der gebräuchlichen Karten hat gezeigt, dass sie einander erheblich widersprechen und teils auf wenigen historischen Untersuchungsreihen beruhen. [B] Für die sakralen Segmente kommt hinzu, dass die Überlappung besonders breit ist. Die Gefühlsprüfung ordnet hier ein, sie beweist nichts.
5.2 Sklerotom und Schmerzkarten des Beckens
- Sklerotom. Die Zuordnung von Knochen, Bändern und Kapseln zu Segmenten stammt aus Reizversuchen der Jahre 1939 und 1944. Historisch bedeutsam, methodisch nur eingeschränkt überprüfbar. [H]
- Kreuzbein-Darmbein-Gelenk. Bei Reizung an Beschwerdefreien lag der am häufigsten angegebene Schmerzort unmittelbar unterhalb des hinteren oberen Darmbeinstachels — also in unmittelbarer Nachbarschaft der Höhe S2. [B] Der Ort allein trennt Gelenk und Wurzel deshalb nicht.
- Steißbein- und Dammschmerz. Für diese Region liegen keine Schmerzkarten mit vergleichbarer Methodik vor. Diese Lücke wird benannt und nicht durch Übertragung aus anderen Regionen gefüllt.
5.3 Die Zonenmodelle — was davon trägt
| Modell | Was es behauptet | Bewertung für S2 |
|---|---|---|
| Head-Zonen (ab 1893) | Hautgebiete, die bei Organerkrankungen überempfindlich werden | Für Blase und Enddarm werden Zonen im sakralen Bereich angegeben. Die Beobachtungsrichtung verläuft vom Organ zur Haut [H] |
| Reflexzonen nach James Mackenzie (um 1900) | Reflektorische Muskelanspannung bei Organerkrankungen | An der Rumpfmuskulatur beschrieben; für den Beckenboden ohne belegte Aussage [H] |
| Bindegewebszonen nach Dicke (1929) | Tastbare Veränderungen des Unterhautgewebes | Beobachtungsbasiert, ohne überprüfbare Zuordnung zu einem Segment [H] |
Der häufigste Fehlschluss an diesem Segment. Aus dem belegten Satz „S2 bis S4 versorgen die Blase“ wird in Sekundärquellen der unbelegte Satz „Eine Behandlung am Segment S2 beeinflusst die Blase“. Der erste Satz beschreibt eine Nervenbahn, der zweite behauptet eine Wirkung. Für den zweiten fehlt die Grundlage; er ist in dieser Seitenreihe nicht übernommen. [H]
5.4 Erklärungswege über das Rückenmark
Dieser Abschnitt ordnet ein, auf welchem Weg ein Organreiz Haut, Unterhaut und Muskeln verändern kann. Belegt ist nur ein Teil davon.
Reize aus einem Organ können im Rückenmark sympathische Ursprungszellen erregen. Diese Zellen liegen im Nucleus intermediolateralis, einer Zellsäule im Seitenhorn, und nur in den Segmenten Th1 bis etwa L2. Das Segment S2 besitzt in der Regel keine. Die sympathischen Fasern für seine Haut stammen aus unteren Brust- und oberen Lendensegmenten und erreichen den Spinalnerv über den Grenzstrang. [B]
Dass sich Unterhaut und Muskeln im Übertragungsgebiet eines Organs messbar verändern, ist beim Menschen gezeigt. Bei Gallensteinen mit Koliken war die Unterhaut im Übertragungsgebiet dicker und der Muskel dünner als auf der Gegenseite. Ohne Koliken fanden sich diese Unterschiede nicht. [B]
Die Autoren dieser Untersuchung vermuten, dass Überempfindlichkeit und Gewebeveränderung auf verschiedenen Wegen entstehen. [I]
Auf welchem Weg die Veränderungen entstehen, ist beim Menschen nicht geklärt. Tierversuche nennen drei Kandidaten: gegabelte Empfindungsfasern, Verschaltungen zwischen Empfindungsfasern im Rückenmark und den sympathischen Reflex über das Seitenhorn. [B]
Gegabelte Empfindungsfaser. Bei Ratten sind Schmerzfasern nachgewiesen, die sich teilen und mit einem Ast die Haut, mit dem anderen ein Organ versorgen. Bei Entzündungen von Dickdarm, Blase oder Magen trat in der Haut Flüssigkeit aus. Im Dickdarmmodell reagierten diese Fasern verstärkt auf Hautreize. [B]
Hinterwurzelreflex. Hier läuft eine Erregung vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser. An deren Ende setzt sie Botenstoffe frei, die eine vom Nerv ausgelöste Schwellung und Rötung hervorrufen, eine neurogene Entzündung. Im Tierversuch erklärt dieser Reflex einen erheblichen Teil der Gelenkschwellung bei Arthritis und der Hautrötung nach Einspritzen von Capsaicin. [B]
Dass einer dieser beiden Wege die Zonen bei Organleiden erzeugt, ist nicht gezeigt. Beide setzen kein Seitenhorn voraus und kämen deshalb auch für S2 in Frage. [I]
Konvergenz im Hinterhorn. Fast alle Schaltzellen der zweiten Stufe im Hinterhorn erhalten Eingänge aus den Eingeweiden und zugleich aus Haut und Muskeln. Dieses Zusammenlaufen gilt seit Langem als Grundlage dafür, dass Organschmerz an der Körperoberfläche gespürt wird. [B]
Die Konvergenz erklärt die Überempfindlichkeit einer Zone, für sich allein aber keine tastbare Gewebeveränderung. Welcher der genannten Wege beim Menschen überwiegt, ist offen. [I]
Die Bindegewebsmassage erklärt ihre Zonen mit einer Reflexwirkung über das vegetative Nervensystem, also mit dem Weg über das Seitenhorn. Nachgewiesen ist diese Erklärung nicht, und ob die Tastbefunde nach Dicke den gemessenen Veränderungen entsprechen, ist offen. Für eine Zone im Bereich von S2 könnte der Weg über das Seitenhorn ohnehin nur über andere Segmente führen. [I]
Skelettmuskeln werden ausschließlich über die motorischen Vorderhornzellen erregt. Das vegetative Nervensystem, zu dem das Seitenhorn gehört, steuert Eingeweide, Gefäße und Drüsen, aber nicht die Skelettmuskeln. [B]
Ein zweites Modell führt Verspannungen der Körperwand bei Organreiz auf Reflexe über diese Vorderhornzellen zurück. Die Körperwand umfasst Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ. Tierversuche stützen das Modell; beim Menschen ist es nicht gesichert. [I]
Ob der Sympathikus die Muskelspannung beim Menschen unmittelbar verändert, ist ungeklärt. Im Tierversuch veränderte ein Sympathikusreiz die Empfindlichkeit der Muskelspindeln, der Längenfühler im Muskel. Beim Menschen blieb die Spindelentladung in einer Untersuchung unverändert; in einer anderen war der Dehnungsreflex verstärkt. Die Befunde widersprechen sich. [I]
Alle genannten Wege beschreiben die Richtung vom Organ zur Körperwand. Dass eine Behandlung von Haut oder Muskeln über diese Wege ein Organ beeinflusst, ist damit nicht belegt. [H]
Kapitel 06
Beschwerdebilder
6.1 Conus- und Cauda-Syndrom — die beiden Bilder, in denen S2 vorkommt
Eine Schädigung, die S2 betrifft, betrifft fast nie nur S2. Zwei Bilder sind zu unterscheiden: die Schädigung des Rückenmarksendes (Conus medullaris) hinter den Wirbelkörpern Th12 und L1 und die Schädigung des Wurzelbündels darunter (Cauda equina). Beide sind dringlich; ihre Trennung ist anatomisch begründet, im Einzelfall aber oft unscharf. [B]
| Merkmal | Conus-Syndrom | Cauda-Syndrom |
|---|---|---|
| Ort | Rückenmarksende hinter Th12/L1 | Wurzelbündel unterhalb von L2 |
| Beginn | Häufig rasch und beidseits | Häufig schleichend und zunächst einseitig |
| Schmerz | Oft gering | Häufig heftig, ausstrahlend |
| Gefühlsstörung | Beidseits im Reithosenbereich, symmetrisch | Häufig ungleich, mehrere Wurzelgebiete |
| Blase und Enddarm | Früh und ausgeprägt gestört | Ebenfalls gestört, oft etwas später |
| Beinlähmung | Gering ausgeprägt | Deutlicher, je nach betroffenen Wurzeln |
| Reflexe | Achillessehnenreflex kann erhalten sein, Beckenbodenreflexe erloschen | Reflexe der betroffenen Wurzeln abgeschwächt |
6.2 Wie häufig eine isolierte S2-Schädigung ist
Selten. Ein Bandscheibenvorfall, der allein die Wurzel S2 trifft, ist eine Rarität — schon deshalb, weil unterhalb von L5/S1 keine Bandscheiben mehr liegen und die Wurzel S2 im Wirbelkanal von den Nachbarwurzeln umgeben ist. [B] Belastbare Häufigkeitszahlen für ein isoliertes S2-Syndrom liegen nicht vor; diese Lücke wird benannt und nicht mit einer geschätzten Zahl gefüllt.
6.3 Ursachen, bei denen S2 betroffen ist
- Großer mittiger Bandscheibenvorfall in Höhe L4/L5 oder L5/S1. Die häufigste Ursache eines Cauda-equina-Syndroms. [B]
- Enger Wirbelkanal. Eine Einengung kann sich langsam bis zur Cauda-Symptomatik steigern; die Beschwerden nehmen beim Gehen zu und beim Vorbeugen ab.
- Kreuzbeinfraktur. Ein Bruch, der die Lochreihen kreuzt oder mittig verläuft, kann mehrere sakrale Wurzeln zugleich schädigen. Bei Osteoporose entsteht er auch ohne Sturz. [B]
- Tumoren und Metastasen im Kreuzbein. Das Kreuzbein ist ein häufiger Ort von Knochenabsiedlungen; primäre Tumoren dieser Region sind selten, aber typisch für sie ist ein über Monate zunehmender tiefer Schmerz.
- Entzündungen. Eine Wurzelentzündung bei Borreliose, ein Abszess im Wirbelkanal oder eine Bandscheiben- und Wirbelentzündung. Fieber und heftiger Ruheschmerz gehören abgeklärt.
- Gürtelrose mit sakraler Beteiligung. Bei Befall der sakralen Segmente kann neben dem Ausschlag eine vorübergehende Blasenentleerungsstörung auftreten; der Schmerz geht dem Ausschlag um Tage voraus. [B]
- Folgen von Eingriffen und Bestrahlung im kleinen Becken. Sie treffen meist das Geflecht oder den Schamnerv, seltener die Wurzel.
6.4 Was sonst so aussieht
| Vortäuschendes Bild | Was dafür spricht | Was es von S2 trennt |
|---|---|---|
| Neuralgie des Schamnervs | Brennender Schmerz im Sitzen im Damm- und Sitzbereich, im Liegen und Stehen geringer | Blasenentleerung in der Regel ungestört; Gefühl an Kniekehle und Oberschenkelrückseite unauffällig |
| Tiefes Gesäßsyndrom | Gesäßschmerz mit Ausstrahlung, verstärkt durch langes Sitzen | Kein Befund im Reithosenbereich, keine Beckenfunktionsstörung |
| Beschwerden des Kreuzbein-Darmbein-Gelenks | Schmerz unterhalb des hinteren Darmbeinstachels | Gefühl, Schließmuskelspannung und Restharn unauffällig |
| Steißbeinschmerz (Kokzygodynie) | Schmerz beim Sitzen und beim Aufstehen aus dem Sitzen | Örtlich begrenzt, ohne Gefühls- oder Funktionsstörung |
| Blasenentleerungsstörung anderer Ursache | Vergrößerte Vorsteherdrüse, Medikamente, Zuckerkrankheit, Beckenbodenschwäche | Gefühl im Reithosenbereich und Schließmuskelspannung sind unauffällig |
| Polyneuropathie | Beidseitige strumpfförmige Gefühlsstörung, abgeschwächte Reflexe | Reithosenbereich meist ausgespart; Beginn an den Füßen, nicht am Damm |
Die Reihenfolge, die den Unterschied macht. Bei allen Bildern dieser Tabelle gilt dieselbe Regel: Zuerst wird geprüft, ob Gefühl im Reithosenbereich, Schließmuskelspannung und Blasenentleerung in Ordnung sind. Erst wenn diese drei unauffällig sind, ist die Suche nach einer der harmloseren Erklärungen sinnvoll. Umgekehrt geht es nicht. [I]
6.5 Verlauf
Der Verlauf hängt weniger vom Segment als von der Ursache und vom Zeitpunkt der Entlastung ab. Für das Cauda-equina-Syndrom wird übereinstimmend beschrieben, dass Ausmaß und Dauer der Schädigung vor der Entlastung die Erholung wesentlich mitbestimmen; insbesondere eine bereits eingetretene, vollständige Blasenlähmung hat schlechtere Aussichten als eine beginnende Störung. [B] Genaue Zahlen zu Erholungswahrscheinlichkeiten schwanken zwischen den Untersuchungsreihen erheblich und werden hier nicht angegeben.
Kapitel 07
Untersuchung
7.1 Was die Vorgeschichte klären muss
- Blase: Beginnt der Strahl verzögert? Muss gepresst werden? Bleibt ein Restharngefühl? Wird der Harndrang noch bemerkt?
- Enddarm: Wird der Stuhldrang bemerkt? Ist ungewollter Abgang aufgetreten?
- Gefühl im Reithosenbereich: verändert beim Sitzen, beim Abwischen, beim Wasserlassen?
- Sexualfunktion: neu aufgetretene Veränderungen — eine Frage, die zur neurologischen Untersuchung gehört und nicht ausgelassen wird.
- Zeitverlauf: seit wann, zunehmend oder gleichbleibend? Bei sakralen Störungen ist die Dauer der wichtigste Einzelfaktor.
- Vorgeschichte: Rückenschmerz, Unfall, Osteoporose, Tumorerkrankung, Eingriffe oder Bestrahlung im Becken, Geburten.
Zur Form. Diese Fragen betreffen den Intimbereich. Sie werden sachlich, erklärt und mit dem Hinweis gestellt, wozu sie dienen. Wer sie auslässt, um niemanden in Verlegenheit zu bringen, übersieht die Befunde, auf die es bei den sakralen Segmenten allein ankommt.
7.2 Gefühl und Kraft
| Prüfung | Durchführung | Bedeutung |
|---|---|---|
| Gefühl Kniekehle | Berührung im Seitenvergleich, Mitte der Kniekehle | Prüfpunkt für S2 [B] |
| Gefühl im Reithosenbereich | Berührung beidseits um den After und am Damm | Der wichtigste Einzelbefund der sakralen Segmente |
| Schließmuskelspannung | Ärztliche Untersuchung, Ruhespannung und willkürliches Anspannen | Willkürliches Anspannen prüft den Weg über den Schamnerv |
| Zehen krallen, kleine Fußmuskeln | Gegen Widerstand, Seitenvergleich | Grobe Orientierung; wenig trennscharf |
| Zehenspitzenstand | Wiederholt, einbeinig | Gegenprobe zu S1; bei reiner S2-Schädigung meist erhalten |
7.3 Reflexe
| Reflex | Auslösung | Segmente |
|---|---|---|
| Bulbocavernosus-Reflex | Reiz an der Eichel oder der Klitoris; Antwort des Beckenbodens | S2 bis S4 [B] |
| Analreflex | Bestreichen der Haut neben dem After; Zusammenziehen des Schließmuskels | Angaben schwanken zwischen S2 bis S4 und S4 bis S5 |
| Achillessehnenreflex | Schlag auf die Achillessehne | S1, S2 — dient als Gegenprobe |
7.4 Restharn und weitere Messungen
- Restharnmessung. Mit Ultraschall oder Einmalkatheter. Sie ist die einfachste und aussagekräftigste Untersuchung bei Verdacht auf eine sakrale Schädigung und macht eine Entleerungsstörung sichtbar, bevor sie bemerkt wird. [B]
- Blasendruckmessung (Urodynamik). Ordnet die Störung genauer ein — überaktiver gegen untätigen Blasenmuskel. Sie gehört in die fachärztliche Weiterbehandlung, nicht in die Erstbeurteilung.
- Elektrophysiologie. Messungen am Beckenboden und der Bulbocavernosus-Reflex in elektrischer Ableitung können die sakralen Bahnen prüfen. Sie sind spezialisierten Fragen vorbehalten und ersetzen die klinische Untersuchung nicht. [B]
7.5 Bildgebung
Bei Verdacht auf ein Conus- oder Cauda-Syndrom ist die Kernspintomographie das Verfahren der Wahl und dringlich. [B] Zwei Punkte entscheiden über ihre Aussagekraft:
- Die Höhe muss stimmen. Eine Untersuchung, die nur die Lendenwirbelsäule abbildet, erfasst das Rückenmarksende möglicherweise, das Kreuzbein aber oft nur teilweise. Bei sakralen Befunden gehört das Kreuzbein ausdrücklich in den Untersuchungsbereich. [I]
- Nebenbefunde sind keine Erklärungen. Perineurale Zysten und Bandscheibenvorwölbungen finden sich häufig auch bei Beschwerdefreien. [B] Ein Bildbefund erklärt Beschwerden nur, wenn er zur Höhe, zur Seite und zum Untersuchungsbefund passt.
Kapitel 08
Behandlungsansätze
Dieser Abschnitt ordnet ein, welche Wege bei Beschwerden mit Bezug zum Segment S2 gegangen werden. Er ersetzt keine ärztliche Beurteilung. Für dieses Segment gilt eine Besonderheit: Der erste Schritt ist fast immer eine Abklärung, nicht eine Behandlung.
| Lage | Was zuerst geschieht | Kennzeichnung |
|---|---|---|
| Neue Störung von Blase, Enddarm oder Reithosengefühl | Sofortige Klinikvorstellung. Keine manuelle Behandlung, kein Abwarten, keine Bildgebung im Wartezimmer | [B] |
| Bestätigte Schädigung durch Raumforderung | Entlastung durch einen Eingriff; der Zeitpunkt bestimmt die Erholung wesentlich mit | [B] |
| Bleibende Blasenfunktionsstörung | Neuro-urologische Betreuung mit regelmäßiger Kontrolle; Ziel ist der Schutz der Nieren, nicht allein die Beschwerdefreiheit | [B] |
| Bleibende Darmfunktionsstörung | Geregeltes Darmmanagement nach fachärztlicher Anleitung | [B] |
| Beckenbodenbeschwerden ohne Warnzeichen | Angeleitete Beckenbodentherapie; bei Verdacht auf eine Neuralgie des Schamnervs gezielte Abklärung vor jeder Behandlung | [I] |
| Segmentbehandlung mit dem Ziel, Blase oder Darm zu steuern | Nicht belegt. Die Beleglage trägt die Richtung Nervenbahn → Organ, nicht die Behandlung der Körperwand → Organ | [H] |
Was bei den sakralen Segmenten zusätzlich zählt. Eine unbemerkte Entleerungsstörung schädigt auf Dauer die Nieren, ohne Schmerzen zu machen. Deshalb gehört zur Behandlung einer bleibenden Störung immer eine geregelte Verlaufskontrolle — auch dann, wenn es der betroffenen Person gut geht. [B]
Kapitel 09
Warnzeichen — wann Behandlung unterbleibt
Sofort in die Klinik — keine manuelle Behandlung, kein Abwarten:
- Cauda- oder Conus-Zeichen: erschwerte Blasenentleerung oder Harnverhalt, ungewollter Harn- oder Stuhlabgang, verändertes Gefühl im Reithosenbereich, beidseitige Beinschwäche, neu aufgetretene Störung der Sexualfunktion
- Neu bemerkter Verlust des Harndrangs — auch ohne Schmerzen
- Rasch zunehmende Lähmung eines oder beider Beine
- Heftiger Kreuzschmerz mit Lähmung unter gerinnungshemmender Behandlung — Verdacht auf eine Blutung im Wirbelkanal
- Fieber mit Rückenschmerz und neurologischen Ausfällen — Verdacht auf einen Abszess im Wirbelkanal
Zeitnahe ärztliche Abklärung vor jeder Behandlung:
- Gürtelrose im Gesäß-, Damm- oder Genitalbereich, besonders zusammen mit einer Blasenentleerungsstörung
- Neu aufgetretener tiefer Kreuz- oder Steißbeinschmerz bei Osteoporose, auch ohne Sturz
- Über Wochen zunehmender tiefer Beckenschmerz, Ruhe- und Nachtschmerz, ungewollter Gewichtsverlust, Tumorerkrankung in der Vorgeschichte
- Beschwerden an beiden Beinen oder in mehreren Wurzelgebieten gleichzeitig
- Gesteigerte Reflexe an den Beinen, streckende Fußsohlenreaktion, unsicherer Gang
- Bei Kindern und Jugendlichen: Hautveränderung über dem Kreuzbein zusammen mit Fußdeformität oder Blasenstörung — Verdacht auf ein angebundenes Rückenmark
Erhöhte Vorsicht ist geboten bei: Osteoporose, Tumorerkrankung, gerinnungshemmender Behandlung, Immunschwäche, Zustand nach Eingriff oder Bestrahlung im kleinen Becken, bekannter Blasenfunktionsstörung und bei Zuckerkrankheit.
Ein Punkt verdient an diesem Segment die Wiederholung: Die Zeit bis zur Entlastung bestimmt bei Cauda- und Conus-Schädigungen die Erholung wesentlich mit. Deshalb ist die richtige Reaktion auf eine neu bemerkte Blasen- oder Reithosenstörung nicht ein Termin in der nächsten Woche, sondern die Vorstellung am selben Tag. [B]
Kapitel 10
Häufige Fragen
Warum gibt es für S2 keinen Kennmuskel?
Weil das Segment am Bein überall nur Anteile beisteuert und seine eigentlichen Zielmuskeln nicht in Kraftgraden messbar sind. Wadenmuskel, Kniebeuger und Zehenbeuger beziehen Fasern aus mehreren Wurzeln; eine Schwäche dort weist zuerst auf S1. Die Muskeln, für die S2 wirklich zuständig ist — Beckenboden und äußere Schließmuskeln —, werden über Spannung, willkürliche Anspannung und Reflexe geprüft. Wer S2 nur am Bein sucht, findet es nicht.
Was ist der Unterschied zwischen Conus- und Cauda-Syndrom?
Der Ort. Beim Conus-Syndrom ist das Rückenmarksende hinter den Wirbelkörpern Th12 und L1 geschädigt, beim Cauda-Syndrom das Wurzelbündel darunter. Praktisch unterscheiden sie sich in Nuancen: Das Conus-Bild beginnt oft rascher, ist symmetrischer und schmerzärmer, das Cauda-Bild häufig einseitig beginnend und schmerzhafter. Für die erste Entscheidung spielt das keine Rolle — beides gehört sofort in eine Klinik. Für die Bildgebung schon, weil die Ursache an verschiedenen Höhen zu suchen ist.
In meinem Kernspinbefund steht „Tarlov-Zyste bei S2“. Ist das die Ursache meiner Beschwerden?
Meistens nicht. Perineurale Zysten sind Ausstülpungen der Wurzeltasche, kommen am häufigsten an den Höhen S2 und S3 vor und werden bei vielen Menschen ohne jede Beschwerde gefunden. Ein ursächlicher Zusammenhang ist im Einzelfall schwer zu belegen und setzt voraus, dass Untersuchungsbefund und Beschwerdebild zur Höhe der Zyste passen. Der Befund allein ist deshalb kein Grund für eine Behandlung, aber auch kein Grund, die Beschwerden für erledigt zu halten.
Kann ein Bandscheibenvorfall die Wurzel S2 treffen?
Nicht in einer eigenen Etage — unterhalb von L5/S1 gibt es beim Erwachsenen keine Bandscheiben mehr. Getroffen wird S2 weiter oben, im Wirbelkanal, wo sie als Teil der Cauda equina verläuft. Ein Vorfall, der dorthin reicht, ist meist groß und mittig gelegen und trifft dann mehrere Wurzeln zugleich. Genau deshalb ist eine S2-Beteiligung fast immer ein Hinweis auf ein Cauda-equina-Syndrom und nicht auf ein einzelnes Wurzelsyndrom.
Kann eine Behandlung am Segment S2 die Blase beeinflussen?
Belegt ist die eine Richtung: Die Nervenzellen für die Blasenentleerung liegen in den Rückenmarkssegmenten S2 bis S4, und eine Schädigung dieser Segmente stört die Blasenfunktion. Die Umkehrung — dass eine Behandlung der Haut, der Muskeln oder der Gelenke in Höhe S2 die Blase steuere — folgt daraus nicht und ist nicht belegt. Für Beckenbodenbeschwerden gibt es wirksame Übungsbehandlungen; sie wirken über den Muskel, nicht über eine Segmentzone.
Ich habe brennende Schmerzen im Sitzen im Dammbereich. Kommt das von der Wurzel?
Möglich ist beides. Für eine Neuralgie des Schamnervs sprechen ein Schmerz im Versorgungsgebiet dieses Nervs, die deutliche Verstärkung im Sitzen, das Nachlassen im Liegen oder Stehen und das Fehlen eines nächtlichen Aufwachens durch den Schmerz; ein messbarer Gefühlsausfall fehlt dabei meist. Für eine Wurzelschädigung sprechen dagegen eine gestörte Blasenentleerung, ein verändertes Gefühl im Reithosenbereich und ein Befund an Oberschenkelrückseite oder Kniekehle. Die Unterscheidung gehört ärztlich getroffen und beginnt mit diesen drei Prüfungen.
Warum wird bei Rückenbeschwerden nach Blase und Sexualfunktion gefragt?
Weil diese Funktionen von den sakralen Segmenten abhängen und weil ihre Störung das empfindlichste Zeichen für eine dringliche Schädigung ist. Sie treten häufig auf, bevor eine deutliche Lähmung eintritt, und sie werden ohne Frage oft nicht berichtet. Die Frage ist kein Übergriff in den Intimbereich, sondern Teil der neurologischen Untersuchung.
Was bedeuten die Kennzeichnungen [B], [I] und [H] im Text?
Sie machen die Beleglage einer Aussage sichtbar. [B] steht für anatomisch oder klinisch belegt — gedeckt durch Standardwerke, begutachtete Originalarbeiten oder Leitlinien. [I] steht für eine nachvollziehbare Deutung, die über das Belegte hinausgeht. [H] steht für ein Modell, das historisch bedeutsam, methodisch aber nur eingeschränkt überprüfbar ist. Wo eine Angabe fehlt, ist die Lücke benannt und nicht durch eine plausible Vermutung ersetzt worden.
Kapitel 11
Grundlage und Quellen
Verwendet wurden ausschließlich belegte Fachquellen: Standardwerke der Anatomie und der klinischen Neurologie, Originalarbeiten aus begutachteten Fachzeitschriften und Leitlinien der Fachgesellschaften. Populäre Darstellungen, Webportale, Anbieterseiten und unbelegte Sekundärquellen sind nicht herangezogen worden. Aussagen ohne volle Deckung sind als Interpretation [I] oder als Hypothese [H] gekennzeichnet. Offene Punkte stehen gesammelt in Abschnitt 11.7.
11.1 Anatomie
- Schünke M, Schulte E, Schumacher U: Prometheus. LernAtlas der Anatomie — Bände „Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem“ sowie „Innere Organe“. Thieme. — Grundlage der Angaben zu Kreuzbein, Kreuzbeinkanal, Plexus sacralis, Beckengeflechten und zum Cannon-Böhm-Punkt in den Kapiteln 01, 02 und 04.
- Standring S (Hrsg.): Gray’s Anatomy. The Anatomical Basis of Clinical Practice. Elsevier. — Grundlage der Faseranteile von N. pudendus, Nn. splanchnici pelvici und N. cutaneus femoris posterior, der Lage von Nucleus parasympathicus sacralis und Onuf-Kern sowie der Darstellung des Widerspruchs zur Versorgung des M. levator ani (Abschnitt 3.1).
- Bähr M, Frotscher M: Duus‘ Neurologisch-topische Diagnostik. Thieme. — Grundlage der Angaben zum Ende des Rückenmarks, zur Lage der Rückenmarkssegmente und zur Unterscheidung von Conus- und Cauda-Syndrom (Abschnitt 6.1).
- Rohen JW, Yokochi C, Lütjen-Drecoll E: Anatomie des Menschen. Photographischer Atlas. Schattauer. — zur topographischen Kontrolle am Kreuzbein und im kleinen Becken.
- Bogduk N: Clinical Anatomy of the Lumbar Spine and Sacrum. Churchill Livingstone / Elsevier. — Grundlage der Angaben zu hinteren Ästen, Bändern des Beckens und zur Innervation der hinteren Gelenkanteile (Abschnitt 3.3).
11.2 Klinik, Untersuchung, Leitlinien
- Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie: Neuro-urologische Versorgung querschnittgelähmter Patienten, S2k, AWMF-Registernummer 179-001, Stand 30.09.2021. — Grundlage der Aussagen zu Diagnostik, Restharn und Verlaufskontrolle in den Kapiteln 07 und 08. Hinweis zur Gültigkeit: gültig bis 29.09.2026 — also nur noch kurze Zeit; vor Veröffentlichung ist auf eine Nachfolgefassung zu prüfen.
- Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie: Neurogene Darmfunktionsstörung bei Querschnittlähmung, S2k, AWMF-Registernummer 179-004. — Grundlage der Aussagen zum Darmmanagement in Kapitel 08. Hinweis zur Gültigkeit: Die Leitlinie wird im AWMF-Register als abgelaufen geführt (Stand 10/2024).
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Leitlinie Diagnostik und Therapie von neurogenen Blasenstörungen, AWMF-Registernummer 030/121. — Grundlage der Unterscheidung von überaktivem und untätigem Blasenmuskel nach Höhe der Schädigung in Abschnitt 4.3. Hinweis zur Gültigkeit: war bis zum 5. Januar 2025 gültig und ist abgelaufen.
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Leitlinie Lumbale Radikulopathie, S2k, AWMF-Registernummer 030/058. — herangezogen zur Abgrenzung der Wurzelsyndrome. Hinweis zur Gültigkeit: war bis zum 10. Januar 2023 gültig und ist abgelaufen.
- Mumenthaler M, Stöhr M, Müller-Vahl H: Läsionen peripherer Nerven und radikuläre Syndrome. Thieme. — Grundlage der Angaben zu Schädigungen des N. pudendus, zur Abgrenzung Wurzel gegen Nerv und zu den sakralen Reflexen.
- American Spinal Injury Association / ISCoS: International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury (ISNCSCI). — Grundlage des Prüfpunkts für S2 in der Kniekehle und der Prüfung der sakralen Restfunktion (Abschnitte 5.1 und 7.2).
- Preston DC, Shapiro BE: Electromyography and Neuromuscular Disorders. Clinical–Electrophysiologic Correlations. Elsevier. — Grundlage der Aussagen zur Elektrophysiologie in Abschnitt 7.4.
11.3 Originalarbeiten
- Labat JJ, Riant T, Robert R et al.: Diagnostic criteria for pudendal neuralgia by pudendal nerve entrapment (Nantes criteria). Neurourology and Urodynamics, 2008. — Grundlage der Kriterien zur Neuralgie des Schamnervs in Abschnitt 6.4.
- Fortin JD, Dwyer AP, West S, Pier J: Sacroiliac joint: pain referral maps upon applying a new injection/arthrography technique. Spine, 1994. — Grundlage der Schmerzkarte des Kreuzbein-Darmbein-Gelenks in Abschnitt 5.2.
- Lee MWL, McPhee RW, Stringer MD: An evidence-based approach to human dermatomes. Clinical Anatomy, 2008. — Grundlage der Aussage zur Unschärfe der Dermatomkarten in Abschnitt 5.1.
- Kellgren JH (1939) sowie Inman VT, Saunders JBdeCM (1944): Reizversuche an Bändern und Knochenhaut zur Kartierung tiefen Schmerzes. — Grundlage der Sklerotomangaben in Abschnitt 5.2, dort als [H] gekennzeichnet.
11.4 Eingeschränkt verwendete und nicht verwendete Quellen
- Eingeschränkt: Historische Zonenmodelle nach Head, Mackenzie und Dicke — ausschließlich als [H] gekennzeichnet und ohne Ableitung von Aussagen (Abschnitt 5.3).
- Nicht verwendet: Segmenttabellen ohne Belegangabe, Organzuordnungskarten aus dem populären Schrifttum, Anbieter- und Forenseiten. Angaben, nach denen eine Behandlung am Segment S2 Blase, Darm oder Sexualfunktion steuere, stammen aus dieser Gruppe und sind nicht übernommen worden.
11.5 Berichtigte Angaben zum Segment S2
| Verbreitete Angabe | Berichtigung |
|---|---|
| S1 und S2 versorgten gemeinsam die Blase | Der sakrale Parasympathikus beginnt bei S2. S1 ist nicht beteiligt (Abschnitt 4.1) |
| Eine Behandlung am Segment S2 beeinflusse Blase oder Darm | Belegt ist nur die Richtung Nervenbahn → Organ. Für die Umkehrung fehlt die Grundlage (Abschnitte 4.2 und 5.3) |
| Ein Bandscheibenvorfall „S1/S2“ sei eine übliche Ursache | Unterhalb von L5/S1 gibt es beim Erwachsenen keine Bandscheiben. S2 wird weiter oben als Teil der Cauda equina getroffen (Abschnitte 1.3 und 6.3) |
| Der Duralsack reiche bis zum Kreuzbeinschlitz | Er endet beim Erwachsenen in Höhe S2; darunter liegen die Wurzeln ohne umgebende Rückenmarkshaut (Abschnitt 1.1) |
| Der Schamnerv versorge die Blasenentleerung | Er führt keine vorgeschalteten parasympathischen Fasern. Die Entleerung läuft über die Beckennerven; der Schamnerv versorgt die äußeren Schließmuskeln (Abschnitte 2.4 und 4.2) |
| Eine Blasenstörung bei Rückenschmerz sei eine Begleiterscheinung | Sie ist ein Warnzeichen für eine Schädigung mehrerer sakraler Wurzeln oder des Rückenmarksendes (Kapitel 09) |
| Der Analreflex sei eindeutig einem Segment zugeordnet | Die Angaben schwanken zwischen S2 bis S4 und S4 bis S5; der Widerspruch bleibt benannt (Abschnitt 7.3) |
| Der M. levator ani werde eindeutig vom Schamnerv versorgt | Die Quellen widersprechen einander; beschrieben sind auch direkte sakrale Äste und eine doppelte Versorgung (Abschnitt 3.1) |
| Eine perineurale Zyste am Kreuzbein erkläre die Beschwerden | Sie ist ein häufiger Nebenbefund; ein ursächlicher Zusammenhang ist selten zu belegen (Abschnitte 1.4 und 7.5) |
| S2 habe einen Kennmuskel am Bein | Am Bein steuert S2 überall nur Anteile bei. Prüfbar wird das Segment über Gefühl, Schließmuskelspannung und Reflexe des Beckenbodens (Abschnitt 3.1) |
| Head-Zonen des Segments S2 erlaubten Rückschlüsse auf Organbehandlungen | Die Beobachtungsrichtung verläuft vom Organ zur Haut; ein umgekehrter Schluss ist nicht belegt (Abschnitt 5.3) |
11.6 Abgrenzung zu den Nachbarseiten
- Gegenüber S1: Dort liegt der Schwerpunkt am Bein — Zehenspitzenstand, Achillessehnenreflex, Fußaußenrand. Vegetative Bezüge zu Organen bestehen nicht.
- Gegenüber S3 und S4: Dort wird der Anteil an Beckenboden, Kontinenz und Sexualfunktion führend, während Beinbefunde ganz zurücktreten. Die Einzelheiten zum Schamnerv und zum Beckenboden werden auf diesen Seiten fortgeführt.
- Gegenüber der Cauda-Darstellung: Das Cauda-equina-Syndrom betrifft mehrere Segmente zugleich und wird hier nur so weit dargestellt, wie es für die Einordnung von S2 erforderlich ist.
11.7 Offene Punkte und benannte Lücken
- Leitlinienlage. Von den herangezogenen Leitlinien ist nur 179-001 gültig, und das nur noch bis 29.09.2026. 179-004, 030/121 und 030/058 sind abgelaufen. Der Registerstand ist vor Veröffentlichung erneut zu prüfen.
- Cauda-equina-Syndrom. Eine gültige deutsche Leitlinie, die dieses Krankheitsbild eigenständig behandelt, war bei der Recherche nicht auffindbar.
- Häufigkeit einer isolierten S2-Schädigung. Belastbare Zahlen liegen nicht vor (Abschnitt 6.2).
- Erholungsaussichten nach Cauda-Schädigung. Die Angaben schwanken zwischen den Untersuchungsreihen erheblich; es wird keine Zahl genannt (Abschnitt 6.5).
- Versorgung des M. levator ani. Die Quellen widersprechen einander; der Widerspruch bleibt in Abschnitt 3.1 stehen.
- Segmentzuordnung des Analreflexes. Uneinheitliche Angaben in den Standardwerken (Abschnitt 7.3).
- Schmerzkarten für Damm und Steißbein. Untersuchungen mit vergleichbarer Methodik zu den vorliegenden Gelenkkarten fehlen (Abschnitt 5.2).
- Einzelnachweise zu perineuralen Zysten. Die Aussagen in den Abschnitten 1.4 und 7.5 folgen dem übereinstimmenden Stand der Standardwerke; Einzelnachweise aus begutachteten Zeitschriften sind vor Veröffentlichung zu ergänzen.
11.8 Quellen und Änderungsvermerk zu den neuen Abschnitten
Quellen zu diesem Abschnitt
- Jänig W: Spinal cord integration of visceral sensory systems and sympathetic nervous system reflexes. Prog Brain Res 1986;67:255–277. — Grundlage des Reflexwegs von den Eingeweidefasern zu den sympathischen Ursprungszellen.
- Wehrwein EA, Orer HS, Barman SM: Overview of the anatomy, physiology, and pharmacology of the autonomic nervous system. Compr Physiol 2016;6:1239–1278. — Grundlage der Aussage, dass das vegetative Nervensystem alle Körperteile außer der Skelettmuskulatur steuert.
- Stifani N: Motor neurons and the generation of spinal motor neuron diversity. Front Cell Neurosci 2014;8:293. — Grundlage der Aufgabenteilung zwischen motorischen Vorderhornzellen (Skelettmuskel) und vegetativen Ursprungszellen (glatte Muskulatur, Drüsen).
- Giamberardino MA, Affaitati G, Lerza R, Lapenna D, Costantini R, Vecchiet L: Relationship between pain symptoms and referred sensory and trophic changes in patients with gallbladder pathology. Pain 2005;114:239–249. — Messung von Unterhaut- und Muskeldicke im Übertragungsgebiet beim Menschen.
- Wesselmann U, Lai J: Mechanisms of referred visceral pain: uterine inflammation in the adult virgin rat results in neurogenic plasma extravasation in the skin. Pain 1997;73:309–317. — Tierbefund zu Hautveränderungen im Übertragungsgebiet und den drei möglichen Entstehungswegen.
- Fang Y, Han S, Li X, Xie Y, Zhu B, Gao X, Ma C: Cutaneous hypersensitivity as an indicator of visceral inflammation via C-nociceptor axon bifurcation. Neurosci Bull 2021;37:45–54. — Tierbefund zu gegabelten Schmerzfasern zwischen Organ und Haut sowie zur Konvergenz im Hinterhorn.
- Willis WD Jr: Dorsal root potentials and dorsal root reflexes: a double-edged sword. Exp Brain Res 1999;124:395–421. — Übersicht zum Hinterwurzelreflex und zur neurogenen Entzündung.
- Holey LA, Dixon J: Connective tissue manipulation: a review of theory and clinical evidence. J Bodyw Mov Ther 2014;18(1):112–118. — Grundlage der Einordnung der Bindegewebsmassage als Erklärungsmodell.
- Giamberardino MA: Referred muscle pain/hyperalgesia and central sensitisation. J Rehabil Med 2003;Suppl 41:85–88. — Grundlage des Modells der Reflexe zur Muskulatur.
- Roatta S, Windhorst U, Ljubisavljevic M, Johansson H, Passatore M: Sympathetic modulation of muscle spindle afferent sensitivity to stretch in rabbit jaw closing muscles. J Physiol 2002;540:237–248. — Tierbefund zur Muskelspindel.
- Macefield VG, Sverrisdottir YB, Wallin BG: Resting discharge of human muscle spindles is not modulated by increases in sympathetic drive. J Physiol 2003;551:1005–1011. — Befund am Menschen ohne Spindelveränderung.
- Hjortskov N, Skotte J, Hye-Knudsen C, Fallentin N: Sympathetic outflow enhances the stretch reflex response in the relaxed soleus muscle in humans. J Appl Physiol 2005;98:1366–1370. — Befund am Menschen mit verstärktem Dehnungsreflex.
Offene Lücken
- Welche Ursprungssegmente die Haut von Arm und Bein sympathisch versorgen, geben Fachwerke unterschiedlich an. Die Seite nennt deshalb keinen Zahlenbereich. Gray’s Anatomy stand für diese Bearbeitung nicht zur Verfügung. Die Seite bleibt deshalb bei der zahlenfreien Angabe, bis das Werk eingesehen ist.
- Von Fang et al. 2021 und Willis 1999 wurden nur die Zusammenfassungen eingesehen. Der Abgleich mit den Volltexten steht vor Veröffentlichung aus.
- Eine Untersuchung, die beim Menschen den Entstehungsweg der Veränderungen im Übertragungsgebiet klärt, wurde nicht gefunden. Ebenso wurde keine Untersuchung gefunden, die Tastbefunde nach Dicke mit gemessenen Gewebedicken vergleicht.
Fachbegriffe
- Hinterhorn — Eingangsbereich des Rückenmarks für Empfindungen.
- Nucleus intermediolateralis — Zellsäule im Seitenhorn mit den sympathischen Ursprungszellen, Th1 bis etwa L2.
- Gegabelte Empfindungsfaser — Nervenfaser, die mit zwei Ästen Organ und Haut zugleich versorgt.
- Hinterwurzelreflex — Erregung, die vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser zur Haut läuft.
- Neurogene Entzündung — Schwellung und Rötung durch Botenstoffe aus Nervenenden.
- Konvergenz — Zusammenlaufen von Fasern aus Organ und Körperoberfläche auf dieselbe Schaltzelle.
- Vorderhornzellen — Nervenzellen im Vorderhorn, die die Skelettmuskeln erregen.
- Körperwand — Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ.
- Muskelspindel — Fühler im Muskel, der die Muskellänge misst.
- Dehnungsreflex — Muskelzuckung auf plötzliche Dehnung, etwa beim Sehnenklopfen.
Änderungsvermerk
- Fassung V 0.4: Abschnitt 5.4 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu.
- Warum: Die Zonen- und Muskelbefunde des Segments sind jetzt nach Entstehungsweg getrennt und belegt; alternative Wege ohne Seitenhorn stehen gleichrangig daneben.
- Ersetzt: V 0.3.
Verwandte Segmente
Segment L5 · Segment S1 · Segment S3 · Segment S4 · Nervus pudendus · Nervus ischiadicus
Hinweis. Dieser Beitrag dient der fachlichen Information. Er ersetzt keine Untersuchung, Diagnose oder Behandlung durch qualifizierte Fachpersonen. Bei neu aufgetretenen Störungen von Blase oder Mastdarm, verändertem Gefühl im Reithosenbereich, zunehmender Beinschwäche oder neu aufgetretener Störung der Sexualfunktion ist eine sofortige ärztliche Abklärung erforderlich.
Fassung V 0.1. Geändert: Erstfassung der Segmentseite S2 nach dem Elf-Kapitel-Aufbau der Reihe. Grund: Fortführung der Kreuzbeinreihe nach S1. Ersetzt: keine frühere Fassung dieser Datei; eine bestehende Seitenfassung auf nerven.wiki ist vor Veröffentlichung abzugleichen (Abschnitt 11.5).
Segment S2 · V 0.4 · Stand: September 2026. Geändert: Abschnitt 5.4 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu; Quellen, Lücken und Fachbegriffe in Kapitel 11 ergänzt. Warum: Die Entstehung der Zonen- und Muskelbefunde ist jetzt nach Weg getrennt, belegt und um die Wege ohne Seitenhorn ergänzt. Ersetzt: V 0.3 derselben Seite.