Nerven Wiki – Das Lexikon der peripheren Nerven

sei als Benutzer fair und unterstütze

Halswirbelsäule

Brustwirbelsäule

Lendenwirbelsäule

Kreuzbein

Tabellarische Übersichten

Sonstiges

Segment – S3

Das Segment S3 ist das mittlere der drei Segmente, aus denen der sakrale Parasympathikus hervorgeht, und in den meisten Darstellungen dasjenige mit dem größten Anteil an Beckenboden, Blasenentleerung und Kontinenz. Am Bein tritt es praktisch nicht mehr in Erscheinung: kein Kennmuskel, kein Eigenreflex, kein Ausstrahlungsschmerz bis zum Fuß. Dafür ist S3 das einzige Segment der Wirbelsäule, das in der Behandlung gezielt angesteuert wird — bei der sakralen Neuromodulation wird die Elektrode durch das dritte Kreuzbeinloch geführt.

Auf einen Blick

  • Austritt: Der vordere Ast verlässt das Kreuzbein durch das dritte vordere, der hintere Ast durch das dritte hintere Kreuzbeinloch. Beide Öffnungen sind deutlich kleiner als die von S1. [B]
  • Ohne Duralsack: Der Duralsack endet in Höhe S2. Die Wurzel S3 verläuft im Kreuzbeinkanal bereits ohne umgebende Rückenmarkshaut. [B]
  • Mitte des sakralen Parasympathikus: Die Beckennerven (Nn. splanchnici pelvici) stammen aus S2 bis S4; S3 ist in den meisten Darstellungen der stärkste Anteil. [B]
  • Beckenboden und Schließmuskeln: S3 ist am Schamnerv (N. pudendus, S2 bis S4) beteiligt und gibt zusätzlich direkte Äste an den Beckenboden ab.
  • Das Segment, das behandelt wird: Bei der sakralen Neuromodulation wird eine Elektrode durch das dritte Kreuzbeinloch an die Wurzel S3 gelegt — ein anerkanntes Verfahren bei sonst nicht beherrschbarer Dranginkontinenz, Harnverhalt ohne Abflusshindernis und Stuhlinkontinenz. [B]
  • Dermatom: Ein schmaler Streifen über der Gesäßfalte und dem Damm. Der Prüfpunkt der standardisierten Untersuchung nach ASIA liegt am Sitzbeinhöcker beziehungsweise in der Gesäßfalte. [B]
  • Kein Kennmuskel am Bein. Wer S3 über Kraftgrade am Bein sucht, findet nichts. Geprüft wird über Gefühl im Reithosenbereich, Schließmuskelspannung, willkürliche Anspannung des Beckenbodens, Beckenbodenreflexe und Restharn.
  • Isoliert selten: Eine Schädigung allein der Wurzel S3 ist die Ausnahme. Häufiger ist S3 mitbetroffen — beim Cauda-equina-Syndrom, bei einer Kreuzbeinfraktur, bei einem Tumor oder nach Eingriffen im kleinen Becken.

Kapitel 01

Anatomie des Segments S3

1.1 Drei Bedeutungen von „S3“

  • Der Wirbel S3 — der dritte Kreuzbeinwirbel, beim Erwachsenen mit den übrigen verschmolzen. Nach unten hin werden die Wirbelkörper kleiner und die Kreuzbeinlöcher enger.
  • Das Rückenmarkssegment S3 — es liegt im Conus medullaris hinter den Wirbelkörpern Th12 und L1, also rund sieben Wirbelhöhen oberhalb des gleichnamigen Kreuzbeinwirbels. In ihm liegen der sakrale parasympathische Kern und ein Teil des Onuf-Kerns für die äußeren Schließmuskeln. [B]
  • Der Spinalnerv S3 — er entsteht im Kreuzbeinkanal und teilt sich dort in seinen vorderen und seinen hinteren Ast.

Der größte Abstand der ganzen Wirbelsäule. Zwischen dem Rückenmarkssegment S3 und dem gleichnamigen Kreuzbeinwirbel liegen etwa 20 Zentimeter. Für die Praxis heißt das: Eine Schädigung „auf Höhe S3“ kann zwei ganz verschiedene Dinge bedeuten — eine Schädigung des Rückenmarksendes hinter Th12/L1 oder eine Schädigung der Wurzel im Kreuzbein. Beide erzeugen ähnliche Beckenbeschwerden, sind aber an verschiedenen Stellen zu suchen (Abschnitt 6.1).

1.2 Das dritte Kreuzbeinloch — die behandelte Stelle

Das dritte vordere Kreuzbeinloch ist die einzige Stelle der Wirbelsäule, an der eine einzelne Nervenwurzel regelhaft zu Behandlungszwecken aufgesucht wird. Für das Auffinden von außen dienen knöcherne Bezugspunkte: Eine waagerechte Linie in Höhe der oberen Begrenzung der großen Sitzbeineinschnitte trifft das dritte Kreuzbeinloch etwa eine Fingerbreite seitlich der Mittellinie. [B]

HöheGröße der ÖffnungBedeutung
Erstes KreuzbeinlochAm größtenFührt den stärksten Anteil zum Bein
Zweites KreuzbeinlochKleinerÜbergang zwischen Bein und Becken; Ende des Duralsacks
Drittes KreuzbeinlochDeutlich kleinerFührender Anteil an Beckenboden und Beckenorganen; Zugang der sakralen Neuromodulation
Viertes KreuzbeinlochKleinFast ausschließlich Beckenboden und Kontinenz
Die vorderen Kreuzbeinlöcher von oben nach unten. Die Abnahme der Größe entspricht der Abnahme des Beinanteils: Was oben zum Fuß zieht, versorgt unten den Beckenboden.

1.3 Ohne Duralsack, im Knochen

Der Duralsack endet beim Erwachsenen in Höhe S2. Die Wurzeln S3 bis S5 und der Steißbeinnerv verlaufen darunter im Kreuzbeinkanal, umgeben nur von einer dünnen Hülle und von Fettgewebe. [B] Zwei praktische Folgen ergeben sich daraus:

  • Mechanisch. Diese Wurzeln liegen in einem starren Knochenkanal ohne Flüssigkeitspolster. Ein Bruch oder eine Raumforderung im Kreuzbein trifft sie unmittelbar. [I]
  • Für Zugänge von außen. Über den Kreuzbeinschlitz (Hiatus sacralis) am unteren Ende des Kanals ist der sakrale Epiduralraum erreichbar — die anatomische Grundlage der Kaudalanästhesie. [B]

1.4 Perineurale Zysten und andere Formvarianten

  • Perineurale Zysten (Tarlov-Zysten). Am häufigsten an den Höhen S2 und S3. Sie sind ein häufiger Nebenbefund im Kernspinbild und verursachen in der überwiegenden Mehrzahl keine Beschwerden. Ein ursächlicher Zusammenhang ist im Einzelfall schwer zu belegen und wird hier nicht behauptet. [I]
  • Kreuzbeinvarianten. Zahl der Kreuzbeinwirbel und Weite des Kanals schwanken. Vor einem Eingriff am Kreuzbein wird die Zählung deshalb ausdrücklich abgeglichen, nicht vorausgesetzt. [I]
  • Angebundenes Rückenmark (Tethered cord). Bleibt das untere Ende des Rückenmarks fixiert, entstehen Beschwerden genau in den sakralen Funktionen — Blase, Enddarm, Gefühl im Reithosenbereich, Fußdeformitäten. Der Verdacht gehört fachärztlich geklärt. [B]

Kapitel 02

Nervenversorgung

2.1 Die Wege der S3-Fasern

WegFasernZiel
N. pudendus (Schamnerv, S2 bis S4)Willkürlich und GefühlÄußerer Afterschließmuskel, äußerer Blasenschließmuskel, Dammmuskeln, Haut von Damm und äußeren Geschlechtsteilen
Nn. splanchnici pelvici (Beckennerven, S2 bis S4)Vorgeschaltet parasympathischBlasenmuskel, absteigender Dickdarm und Mastdarm, Schwellkörper
Direkte Äste an den BeckenbodenWillkürlichM. levator ani und M. coccygeus — der Zuleitungsweg ist umstritten (Abschnitt 3.1)
N. cutaneus femoris posterior (S1 bis S3)GefühlHaut der Gesäßfalte und des Damms
Plexus sacralis, unterster AnteilWillkürlichNur noch geringer Anteil an den kleinen Fußmuskeln
Hinterer Ast von S3Willkürlich und GefühlTiefe Rückenmuskulatur am Kreuzbein, hintere Bänder, Haut über dem Kreuzbein
Die Wege der S3-Fasern. Die ersten drei Zeilen tragen das klinische Bild; die fünfte ist nur der Rest dessen, was bei S1 noch der Hauptweg war. [B]

2.2 Der Schamnerv im Einzelnen

Der N. pudendus entsteht aus den vorderen Ästen von S2 bis S4, verlässt das Becken durch das große Sitzbeinloch, wendet sich um den Sitzbeinstachel und läuft durch das kleine Sitzbeinloch zurück in eine Bindegewebsloge an der Wand der Sitzbeingrube (Alcock-Kanal). Dort teilt er sich in drei Äste. [B]

AstVersorgtAusfall bemerkbar als
N. rectalis inferiorÄußerer Afterschließmuskel, Haut um den AfterNachlassende Schließmuskelspannung, ungewollter Stuhlabgang
Nn. perinealesDammmuskeln, äußerer Blasenschließmuskel, Haut des DammsBelastungsbedingter Harnverlust, Gefühlsstörung am Damm
N. dorsalis penis beziehungsweise clitoridisHaut der äußeren GeschlechtsteileGefühlsstörung, verändertes Empfinden
Die drei Endäste des Schamnervs. Alle drei führen Fasern aus S3 — deshalb wirkt sich eine Schädigung dieses Segments auf Kontinenz, Damm und Empfinden zugleich aus. [B]

2.3 Wo S3 bedrängt werden kann

OrtUrsacheBesonderheit
Wirbelkanal in Höhe L4/L5 oder L5/S1Großer mittiger Bandscheibenvorfall, enger WirbelkanalTrifft S3 nie allein — immer im Verbund (Cauda-equina-Syndrom)
Conus medullaris (Th12/L1)Tumor, Durchblutungsstörung, EntzündungBetrifft das Rückenmarkssegment; früh und beidseits ausgeprägte Beckenstörungen
KreuzbeinBruch, Insuffizienzfraktur, Tumor, MetastaseIm starren Knochenkanal ohne Flüssigkeitspolster
WurzeltaschePerineurale ZysteHäufiger Nebenbefund, selten ursächlich
Kleines BeckenEingriffe, Bestrahlung, Geburt, TumorenTrifft meist Geflecht oder Schamnerv, nicht die Wurzel
Sitzbeinstachel und Alcock-KanalEngstellen des SchamnervsErzeugt Dammschmerz ohne Blasenentleerungsstörung (Abschnitt 6.4)
Angriffspunkte, von oben nach unten. Die erste Zeile ist die dringlichste, die letzte die am häufigsten verkannte.

2.4 Wurzel, Geflecht oder Nerv

BefundWurzeln S3 und NachbarnN. pudendus allein
SeitigkeitHäufig beidseitsMeist einseitig
BlasenentleerungHäufig gestörtIn der Regel ungestört
Gefühl am DammGestört, meist in mehreren SegmentenGestört im Gebiet des Nervs
SchließmuskelspannungHerabgesetztKann herabgesetzt sein
Begleitende BeinbefundeMöglich, je nach mitbetroffenen WurzelnFehlen
Die praktische Trennlinie. Die zweite Zeile trägt am meisten: Die Beckennerven zweigen vor der Bildung des Schamnervs ab. Eine gestörte Blasenentleerung spricht deshalb für eine Schädigung oberhalb dieser Aufteilung. [I]

Kapitel 03

Muskeln

3.1 Der Beckenboden als Zielgebiet

Die Muskeln, für die S3 zuständig ist, liegen sämtlich im Becken. Sie werden nicht in Kraftgraden geprüft, sondern über Spannung, willkürliche Anspannung und Funktion.

MuskelAufgabeNervSegmente
M. levator ani (Beckenbodenplatte)Trägt die Beckenorgane, hält den EnddarmwinkelDirekte sakrale Äste und/oder N. pudendus — umstrittenS3 bis S5, teils S2
M. puborectalis (Anteil des Levator)Zieht den Enddarm nach vorn und hält den Winkel, der die Kontinenz sichertwie obenS3 bis S5
M. coccygeusErgänzt die Beckenbodenplatte nach hintenDirekte sakrale ÄsteS3, S4
Äußerer AfterschließmuskelWillkürlicher VerschlussN. pudendus, N. rectalis inferiorS2 bis S4
Äußerer BlasenschließmuskelWillkürlicher VerschlussN. pudendus, Nn. perinealesS2 bis S4
DammmuskelnStützen den Damm, beteiligt an Erektion und EjakulationN. pudendusS2 bis S4
Kleine FußmuskelnZehenstellung, FußgewölbeNn. plantaresS2, S3 — nur Restanteil
Muskeln mit Anteil aus S3. Nur die letzte Zeile betrifft das Bein, und sie ist praktisch kaum prüfbar. Alles Übrige entscheidet über Kontinenz und Halt der Beckenorgane.

Ein Widerspruch, der nicht geglättet wird. Woher der M. levator ani seine willkürlichen Fasern bezieht, wird unterschiedlich beantwortet: Ein Teil der Untersuchungen findet direkte Äste aus den vorderen Ästen S3 bis S5, ein anderer sieht den Schamnerv als Hauptquelle, viele beschreiben eine doppelte Versorgung. Für die Praxis ändert der Widerspruch wenig — geprüft wird die willkürliche Anspannung, nicht ihr Zuleitungsweg. Für die Deutung von Segmenttabellen ändert er viel: Eine eindeutige Zuordnung „Beckenboden = Segment X“ ist nicht belegt.

3.2 Warum der Enddarmwinkel wichtiger ist als der Schließmuskel

Der M. puborectalis zieht wie eine Schlinge von der Schambeinrückseite um den Übergang von Mastdarm zu Analkanal und knickt ihn dabei nach vorn ab. Dieser Winkel trägt zur Kontinenz wesentlich bei; der äußere Schließmuskel allein trägt sie nicht. [B] Bei einer Schädigung der sakralen Segmente fallen deshalb beide Anteile zugleich aus — die Schlinge und der Schließmuskel —, und die Störung ist entsprechend ausgeprägter als bei einer örtlichen Verletzung des Schließmuskels allein. [I]

3.3 Abgrenzung zu den Nachbarsegmenten

PrüfungS2S3S4 und S5
ZehenspitzenstandKann mitbetroffen seinUnauffälligUnauffällig
AchillessehnenreflexKann abgeschwächt seinUnauffälligUnauffällig
Gefühl KniekehleGestörtUnauffälligUnauffällig
Gefühl Gesäßfalte und SitzbeinhöckerKann gestört seinGestörtUnauffällig
Gefühl unmittelbar um den AfterUnauffälligKann gestört seinGestört
Willkürliche Anspannung des BeckenbodensKann abgeschwächt seinAbgeschwächtAbgeschwächt
BlasenentleerungKann gestört seinRegelhaft gestörtRegelhaft gestört
Der Abstieg vom Bein zum Beckenboden. S3 steht in der Mitte: Beinbefunde fehlen bereits, Beckenbefunde sind vollständig ausgeprägt.

Kapitel 04

Vegetative und viszerale Bezüge

4.1 Die Mitte des sakralen Parasympathikus

Teil des vegetativen NervensystemsUrsprung im RückenmarkGilt für S3?
Sympathikus (Seitenhorn)Th1 bis etwa L2Nein. S3 liegt weit unterhalb des Ursprungsgebiets
Sakraler Parasympathikus (Nucleus parasympathicus sacralis)S2 bis S4Ja — nach den meisten Darstellungen mit dem größten Anteil [B]
Willkürliche Versorgung der äußeren Schließmuskeln (Onuf-Kern)S2 bis S4Ja, über den N. pudendus [B]
Graue Verbindungsäste vom GrenzstrangAuf allen HöhenJa — für Gefäße, Schweißdrüsen und Haarmuskeln des eigenen Hautgebiets
Die vegetative Bilanz des Segments S3. Die genaue Gewichtung zwischen S2, S3 und S4 wird in den Standardwerken unterschiedlich angegeben; dass S3 beteiligt ist, ist unstrittig, ein Zahlenwert für seinen Anteil wird hier nicht genannt.

4.2 Speichern und Entleeren

Blase und Enddarm arbeiten in zwei Zuständen, die von verschiedenen Nerven getragen werden. Das erklärt, warum eine Schädigung im sakralen Bereich beide Zustände auf einmal stört. [B]

ZustandBlasenmuskelInnerer VerschlussÄußerer SchließmuskelGetragen von
SpeichernEntspanntGeschlossenAngespanntSympathikus Th11 bis L2 und N. pudendus S2 bis S4
EntleerenZieht sich zusammenÖffnetEntspannt willkürlichBeckennerven S2 bis S4
Die beiden Betriebszustände des unteren Harntrakts. Beide Zeilen enthalten sakrale Anteile — beim Speichern über den Schamnerv, beim Entleeren über die Beckennerven. Deshalb erzeugt eine sakrale Schädigung weder reine Inkontinenz noch reinen Harnverhalt, sondern häufig beides zugleich: eine schlecht entleerbare Blase, die überläuft. [I]

Für den Enddarm gilt dasselbe Muster. Die antreibende Versorgung des absteigenden Dickdarms und des Mastdarms läuft ab etwa der linken Kolonflexur (Cannon-Böhm-Punkt) über die Beckennerven aus S2 bis S4, der willkürliche Verschluss über den Schamnerv. [B] Eine sakrale Schädigung führt deshalb häufig zu erschwerter Entleerung und ungewolltem Abgang zugleich.

4.3 Warum die Behandlung an diesem Segment ansetzt

Aus dieser Anatomie erklärt sich, warum ausgerechnet S3 zur behandelten Stelle geworden ist: Es ist das Segment, in dem alle drei beteiligten Systeme zusammenlaufen — der unwillkürliche Antrieb über die Beckennerven, der willkürliche Verschluss über den Schamnerv und die Rückmeldung aus Blase und Enddarm. [I] Wie die sakrale Neuromodulation wirkt, ist nicht abschließend geklärt; angenommen wird eine Beeinflussung der Rückmeldebahnen und der zentralen Verschaltung, nicht ein einfaches Anregen des Blasenmuskels. [I]

Die Richtung der Aussage bleibt entscheidend. Belegt ist: Diese Segmente steuern diese Organe, und eine gezielte elektrische Reizung der Wurzel S3 kann Blasen- und Darmfunktionsstörungen bessern. [B] Nicht belegt ist die Übertragung auf die Körperwand — dass eine Behandlung von Haut, Muskeln oder Gelenken in Höhe S3 Blase oder Darm steuere. Der Unterschied liegt nicht in der Absicht, sondern darin, dass im einen Fall die Nervenwurzel selbst gereizt wird und im anderen nicht. [H]

Kapitel 05

Dermatom, Sklerotom, Reflexzonen

5.1 Das Dermatom S3

Das Dermatom S3 bildet einen schmalen Streifen über der Gesäßfalte, dem Sitzbeinbereich und dem Damm. Es gehört bereits zum Reithosenbereich, jenem Gebiet, das beim Sitzen auf einem Sattel Kontakt hätte. [B]

OrtAussagekraft
Sitzbeinhöcker beziehungsweise GesäßfalteDer in der standardisierten Untersuchung nach ASIA festgelegte Prüfpunkt für S3 [B]
Damm, hinterer AnteilGehört zum Reithosenbereich; Veränderungen sind ein Warnzeichen
Unmittelbare Umgebung des AftersGehört zu S4 und S5; dient als Gegenprobe
Rückseite des OberschenkelsGehört zu S2; unauffällig bei reiner S3-Schädigung
Prüforte im Dermatom S3 und ihre Abgrenzung. Die Prüfung erfolgt im Seitenvergleich und mit vorheriger Erklärung, weil sie den Intimbereich betrifft.

Wie verlässlich sind Dermatomkarten? Ein systematischer Vergleich der gebräuchlichen Karten hat gezeigt, dass sie einander erheblich widersprechen. [B] Für die sakralen Segmente ist die Überlappung besonders breit. Wichtiger als die genaue Segmentzuordnung ist hier die schlichte Frage, ob das Gefühl im Reithosenbereich überhaupt verändert ist — diese Frage entscheidet über die Dringlichkeit, nicht über das Segment.

5.2 Sklerotom und Schmerzkarten

  • Sklerotom. Die Zuordnung von Knochen, Bändern und Kapseln zu Segmenten stammt aus Reizversuchen der Jahre 1939 und 1944. Historisch bedeutsam, methodisch nur eingeschränkt überprüfbar. [H]
  • Kreuzbein- und Steißbeinbereich. Für Damm, Steißbein und Beckenboden liegen keine Reizkarten mit vergleichbarer Methodik vor, wie sie für Wirbelgelenke und Kreuzbein-Darmbein-Gelenk vorliegen. Diese Lücke wird benannt und nicht durch Übertragung aus anderen Regionen gefüllt.
  • Was daraus folgt. Ein Schmerz im Damm- oder Steißbeinbereich lässt sich über seinen Ort keinem Segment zuordnen. Er wird über die begleitenden Befunde eingeordnet — Gefühl, Schließmuskelspannung, Blasenentleerung. [I]

5.3 Die Zonenmodelle — was davon trägt

ModellWas es behauptetBewertung für S3
Head-Zonen (ab 1893)Hautgebiete, die bei Organerkrankungen überempfindlich werdenFür Blase und Enddarm werden Zonen im sakralen Bereich angegeben; die Beobachtungsrichtung verläuft vom Organ zur Haut [H]
Reflexzonen nach James Mackenzie (um 1900)Reflektorische Muskelanspannung bei OrganerkrankungenAn der Rumpfmuskulatur beschrieben; für den Beckenboden ohne belegte Aussage [H]
Bindegewebszonen nach Dicke (1929)Tastbare Veränderungen des UnterhautgewebesBeobachtungsbasiert, ohne überprüfbare Zuordnung zu einem Segment [H]
Historische Zonenmodelle und ihr Aussagewert für S3. Die belegte Verbindung zwischen diesem Segment und den Beckenorganen verläuft über die Beckennerven (Abschnitt 4.1) — nicht über die Haut und nicht in umgekehrter Richtung.

Der häufigste Fehlschluss an diesem Segment. Weil die sakrale Neuromodulation nachweislich wirkt, wird in Sekundärquellen gefolgert, auch andere Anwendungen „am Segment S3“ müssten wirken. Der Schluss trägt nicht: Bei der Neuromodulation wird eine Elektrode unmittelbar an die Nervenwurzel gelegt und diese dauerhaft elektrisch gereizt. Eine Behandlung der darüberliegenden Haut oder Muskulatur erreicht die Wurzel nicht. [I]

5.4 Erklärungswege über das Rückenmark

Dieser Abschnitt ordnet ein, auf welchem Weg ein Organreiz Haut, Unterhaut und Muskeln verändern kann. Belegt ist nur ein Teil davon.

Reize aus einem Organ können im Rückenmark sympathische Ursprungszellen erregen. Diese Zellen liegen im Nucleus intermediolateralis, einer Zellsäule im Seitenhorn, und nur in den Segmenten Th1 bis etwa L2. Das Segment S3 besitzt in der Regel keine. Die sympathischen Fasern für seine Haut stammen aus unteren Brust- und oberen Lendensegmenten und erreichen den Spinalnerv über den Grenzstrang. [B]

Dass sich Unterhaut und Muskeln im Übertragungsgebiet eines Organs messbar verändern, ist beim Menschen gezeigt. Bei Gallensteinen mit Koliken war die Unterhaut im Übertragungsgebiet dicker und der Muskel dünner als auf der Gegenseite. Ohne Koliken fanden sich diese Unterschiede nicht. [B]

Die Autoren dieser Untersuchung vermuten, dass Überempfindlichkeit und Gewebeveränderung auf verschiedenen Wegen entstehen. [I]

Auf welchem Weg die Veränderungen entstehen, ist beim Menschen nicht geklärt. Tierversuche nennen drei Kandidaten: gegabelte Empfindungsfasern, Verschaltungen zwischen Empfindungsfasern im Rückenmark und den sympathischen Reflex über das Seitenhorn. [B]

Gegabelte Empfindungsfaser. Bei Ratten sind Schmerzfasern nachgewiesen, die sich teilen und mit einem Ast die Haut, mit dem anderen ein Organ versorgen. Bei Entzündungen von Dickdarm, Blase oder Magen trat in der Haut Flüssigkeit aus. Im Dickdarmmodell reagierten diese Fasern verstärkt auf Hautreize. [B]

Hinterwurzelreflex. Hier läuft eine Erregung vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser. An deren Ende setzt sie Botenstoffe frei, die eine vom Nerv ausgelöste Schwellung und Rötung hervorrufen, eine neurogene Entzündung. Im Tierversuch erklärt dieser Reflex einen erheblichen Teil der Gelenkschwellung bei Arthritis und der Hautrötung nach Einspritzen von Capsaicin. [B]

Dass einer dieser beiden Wege die Zonen bei Organleiden erzeugt, ist nicht gezeigt. Beide setzen kein Seitenhorn voraus und kämen deshalb auch für S3 in Frage. [I]

Konvergenz im Hinterhorn. Fast alle Schaltzellen der zweiten Stufe im Hinterhorn erhalten Eingänge aus den Eingeweiden und zugleich aus Haut und Muskeln. Dieses Zusammenlaufen gilt seit Langem als Grundlage dafür, dass Organschmerz an der Körperoberfläche gespürt wird. [B]

Die Konvergenz erklärt die Überempfindlichkeit einer Zone, für sich allein aber keine tastbare Gewebeveränderung. Welcher der genannten Wege beim Menschen überwiegt, ist offen. [I]

Die Bindegewebsmassage erklärt ihre Zonen mit einer Reflexwirkung über das vegetative Nervensystem, also mit dem Weg über das Seitenhorn. Nachgewiesen ist diese Erklärung nicht, und ob die Tastbefunde nach Dicke den gemessenen Veränderungen entsprechen, ist offen. Für eine Zone im Bereich von S3 könnte der Weg über das Seitenhorn ohnehin nur über andere Segmente führen. [I]

Skelettmuskeln werden ausschließlich über die motorischen Vorderhornzellen erregt. Das vegetative Nervensystem, zu dem das Seitenhorn gehört, steuert Eingeweide, Gefäße und Drüsen, aber nicht die Skelettmuskeln. [B]

Ein zweites Modell führt Verspannungen der Körperwand bei Organreiz auf Reflexe über diese Vorderhornzellen zurück. Die Körperwand umfasst Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ. Tierversuche stützen das Modell; beim Menschen ist es nicht gesichert. [I]

Ob der Sympathikus die Muskelspannung beim Menschen unmittelbar verändert, ist ungeklärt. Im Tierversuch veränderte ein Sympathikusreiz die Empfindlichkeit der Muskelspindeln, der Längenfühler im Muskel. Beim Menschen blieb die Spindelentladung in einer Untersuchung unverändert; in einer anderen war der Dehnungsreflex verstärkt. Die Befunde widersprechen sich. [I]

Alle genannten Wege beschreiben die Richtung vom Organ zur Körperwand. Dass eine Behandlung von Haut oder Muskeln über diese Wege ein Organ beeinflusst, ist damit nicht belegt. [H]

Kapitel 06

Beschwerdebilder

6.1 In welchen Bildern S3 vorkommt

Eine Schädigung, die S3 betrifft, betrifft fast nie nur S3. Drei Zusammenhänge sind zu unterscheiden.

BildOrtKennzeichen
Cauda-equina-SyndromWurzelbündel unterhalb von L2Häufig einseitig beginnender heftiger Schmerz, dann Störung von Blase, Enddarm und Reithosengefühl
Conus-SyndromRückenmarksende hinter Th12/L1Rasch und beidseits, schmerzärmer, Beckenstörungen früh und ausgeprägt
Schädigung im Kreuzbein oder im kleinen BeckenWurzel oder Geflecht unterhalb von S2Beinbefunde fehlen; im Vordergrund stehen Kontinenz, Damm und Empfinden
Die drei Zusammenhänge, in denen S3 auffällt. Die ersten beiden sind Notfälle (Kapitel 09); die dritte Zeile ist die, in der eine Schädigung am häufigsten übersehen wird. [B]

6.2 Wie häufig eine isolierte S3-Schädigung ist

Selten, und Zahlen liegen dazu nicht in belastbarer Form vor. Ursächlich ist dafür schon die Anatomie: Unterhalb von L5/S1 gibt es keine Bandscheiben, und im Kreuzbeinkanal liegen die Wurzeln dicht beieinander. Was S3 trifft, trifft meist die Nachbarn mit. [B] Diese Lücke wird benannt und nicht mit einer geschätzten Zahl gefüllt.

6.3 Ursachen, bei denen S3 betroffen ist

  • Großer mittiger Bandscheibenvorfall in Höhe L4/L5 oder L5/S1. Die häufigste Ursache eines Cauda-equina-Syndroms. [B]
  • Kreuzbeinfraktur. Ein Bruch, der die Lochreihen kreuzt oder mittig verläuft, kann mehrere sakrale Wurzeln zugleich schädigen; bei Osteoporose entsteht er auch ohne Sturz. [B]
  • Tumoren und Metastasen im Kreuzbein. Kennzeichnend ist ein über Monate zunehmender tiefer Schmerz, häufig zusammen mit Beckenfunktionsstörungen.
  • Eingriffe und Bestrahlung im kleinen Becken. Sie können Geflecht oder Schamnerv schädigen; die Beschwerden treten teils erst mit Verzögerung auf.
  • Geburtsbedingte Schädigung. Eine Dehnungsschädigung des Schamnervs oder des Beckenbodens ist eine anerkannte Ursache späterer Kontinenzprobleme. [B]
  • Gürtelrose mit sakraler Beteiligung. Der Schmerz geht dem Ausschlag um Tage voraus; bei sakralem Befall kann eine vorübergehende Blasenentleerungsstörung auftreten. [B]
  • Entzündliche Ursachen. Wurzelentzündung bei Borreliose, Abszess im Wirbelkanal, Bandscheiben- und Wirbelentzündung. Fieber und heftiger Ruheschmerz gehören abgeklärt.

6.4 Was sonst so aussieht

Vortäuschendes BildWas dafür sprichtWas es von S3 trennt
Neuralgie des SchamnervsBrennender Schmerz im Sitzen im Damm- und Sitzbereich, im Liegen und Stehen geringer, kein nächtliches Aufwachen durch den SchmerzBlasenentleerung in der Regel ungestört; kein messbarer Gefühlsausfall
Beckenbodenschwäche nach GeburtenBelastungsbedingter Harnverlust, SenkungsgefühlGefühl im Reithosenbereich unauffällig, kein Restharn
Steißbeinschmerz (Kokzygodynie)Schmerz beim Sitzen und beim Aufstehen aus dem SitzenÖrtlich begrenzt, ohne Gefühls- oder Funktionsstörung
Anhaltender Beckenschmerz ohne fassbaren BefundWechselnde Beschwerden über Monate, oft mit BegleiterkrankungenNeurologischer Befund unauffällig; die Zuordnung zu einem Segment ist nicht belegt [I]
Blasenentleerungsstörung anderer UrsacheVergrößerte Vorsteherdrüse, Medikamente, ZuckerkrankheitReithosengefühl und Schließmuskelspannung unauffällig
Örtliche SchließmuskelverletzungNach Geburt oder Eingriff am After, umschriebener Defekt im UltraschallGefühl und Beckenbodenreflexe erhalten; Ausfall betrifft nur den Muskel
Differenzierung. Für die Neuralgie des Schamnervs gibt es einen abgestimmten Kriterienkatalog (Nantes-Kriterien, 2008), der unter anderem Schmerz im Versorgungsgebiet des Nervs, Verstärkung im Sitzen, fehlendes nächtliches Aufwachen und fehlenden objektiven Gefühlsausfall fordert. [B]

Die Reihenfolge, die den Unterschied macht. Bei jedem dieser Bilder wird zuerst geprüft, ob Gefühl im Reithosenbereich, Schließmuskelspannung und Blasenentleerung in Ordnung sind. Erst wenn diese drei unauffällig sind, ist die Suche nach einer der harmloseren Erklärungen sinnvoll. Umgekehrt geht es nicht. [I]

6.5 Verlauf

Der Verlauf hängt von der Ursache und beim Cauda-Syndrom wesentlich vom Zeitpunkt der Entlastung ab; eine bereits vollständig ausgefallene Blasenfunktion hat schlechtere Aussichten als eine beginnende Störung. [B] Für Beckenbodenstörungen ohne Nervenschädigung gilt anderes: Hier ist angeleitetes Training über Monate wirksam. Genaue Zahlen zu Erholungswahrscheinlichkeiten schwanken zwischen den Untersuchungsreihen und werden hier nicht angegeben.

Kapitel 07

Untersuchung

7.1 Was die Vorgeschichte klären muss

  • Blase: verzögerter Beginn, Pressen nötig, Restharngefühl, Verlust des Harndrangs?
  • Enddarm: Stuhldrang bemerkbar? Ungewollter Abgang? Entleerung nur mit Nachhelfen möglich?
  • Gefühl im Reithosenbereich: verändert beim Sitzen, beim Abwischen, beim Wasserlassen?
  • Sexualfunktion: neu aufgetretene Veränderungen — eine Frage, die zur neurologischen Untersuchung gehört.
  • Zeitverlauf: seit wann, zunehmend oder gleichbleibend? Bei sakralen Störungen ist die Dauer der wichtigste Einzelfaktor.
  • Vorgeschichte: Geburten, Eingriffe oder Bestrahlung im Becken, Unfall, Osteoporose, Tumorerkrankung, Zuckerkrankheit.

Zur Form. Diese Fragen betreffen den Intimbereich. Sie werden sachlich gestellt, mit dem Hinweis, wozu sie dienen, und ohne Beschönigung. Wer sie auslässt, übersieht genau die Befunde, auf die es bei den sakralen Segmenten ankommt.

7.2 Gefühl, Spannung und Funktion

PrüfungDurchführungBedeutung
Gefühl am Sitzbeinhöcker und in der GesäßfalteBerührung im SeitenvergleichPrüfpunkt für S3 [B]
Gefühl im ReithosenbereichBerührung beidseits um den After und am DammDer wichtigste Einzelbefund der sakralen Segmente
Ruhespannung des SchließmuskelsÄrztliche UntersuchungBeurteilt die unwillkürliche Grundspannung
Willkürliches AnspannenAuf Aufforderung, mit RückmeldungPrüft den Weg über den Schamnerv; zusätzlich wird das Anheben des Beckenbodens beurteilt
EnddarmwinkelTastbefund der puborektalen Schlinge beim AnspannenBeurteilt den Anteil, der die Kontinenz wesentlich trägt [I]
Untersuchung bei Verdacht auf eine Schädigung der unteren sakralen Segmente. Die Untersuchung erfolgt nach Erklärung und mit ausdrücklichem Einverständnis.

7.3 Reflexe

ReflexAuslösungSegmente
Bulbocavernosus-ReflexReiz an der Eichel oder der Klitoris; Antwort des BeckenbodensS2 bis S4 [B]
AnalreflexBestreichen der Haut neben dem AfterAngaben schwanken zwischen S2 bis S4 und S4 bis S5
AchillessehnenreflexSchlag auf die AchillessehneS1, S2 — dient als Gegenprobe und ist bei reiner S3-Schädigung unauffällig
Reflexe der sakralen Segmente. Beide Beckenbodenreflexe sind auch bei Gesunden nicht immer sicher auslösbar; bewertet wird vor allem ihr Verlust zusammen mit anderen Befunden. [I]

7.4 Messungen

  • Restharnmessung. Mit Ultraschall oder Einmalkatheter — die einfachste und aussagekräftigste Untersuchung bei Verdacht auf eine sakrale Schädigung. Sie macht eine Entleerungsstörung sichtbar, bevor sie bemerkt wird. [B]
  • Blasendruckmessung (Urodynamik). Ordnet die Störung genauer ein — überaktiver gegen untätigen Blasenmuskel — und gehört in die fachärztliche Weiterbehandlung.
  • Elektrophysiologie des Beckenbodens. Nadelmessungen am Schließmuskel und die elektrische Ableitung des Bulbocavernosus-Reflexes prüfen die sakralen Bahnen. Sie sind spezialisierten Fragen vorbehalten. [B]
  • Leitungszeit des Schamnervs (PNTML). Früher verbreitet, heute zurückhaltend beurteilt: Die Messung ist stark untersucherabhängig und trennt Betroffene und Gesunde nur unzuverlässig. Sie wird hier genannt, weil sie in älteren Befunden vorkommt — nicht, weil sie eine Entscheidung tragen würde. [I]

7.5 Bildgebung

Bei Verdacht auf ein Conus- oder Cauda-Syndrom ist die Kernspintomographie dringlich und das Verfahren der Wahl. [B] Für die sakralen Segmente gelten zwei Besonderheiten:

  • Der Untersuchungsbereich muss das Kreuzbein einschließen. Eine Aufnahme, die nur die Lendenwirbelsäule abbildet, erfasst den unteren Kreuzbeinkanal oft nur teilweise. [I]
  • Nebenbefunde sind keine Erklärungen. Perineurale Zysten und Bandscheibenveränderungen finden sich häufig auch bei Beschwerdefreien. [B] Ein Bildbefund erklärt Beschwerden nur, wenn er zu Höhe, Seite und Untersuchungsbefund passt.

Kapitel 08

Behandlungsansätze

Dieser Abschnitt ordnet ein, welche Wege bei Beschwerden mit Bezug zum Segment S3 gegangen werden. Er ersetzt keine ärztliche Beurteilung. Für dieses Segment gilt: Der erste Schritt ist die Abklärung, nicht die Behandlung.

LageWas geschiehtKennzeichnung
Neue Störung von Blase, Enddarm oder ReithosengefühlSofortige Klinikvorstellung. Keine manuelle Behandlung, kein Abwarten[B]
Bestätigte Schädigung durch RaumforderungEntlastung durch einen Eingriff; der Zeitpunkt bestimmt die Erholung wesentlich mit[B]
Beckenbodenschwäche, Belastungsinkontinenz, Stuhlinkontinenz ohne NervenschädigungAngeleitetes Beckenbodentraining, bei Bedarf mit Rückmeldeverfahren (Biofeedback) und Elektrostimulation[B]
Dranginkontinenz, Harnverhalt ohne Abflusshindernis, Stuhlinkontinenz nach erfolgloser BehandlungSakrale Neuromodulation über das dritte Kreuzbeinloch, nach vorheriger Testphase[B]
Bleibende BlasenfunktionsstörungNeuro-urologische Betreuung mit regelmäßiger Kontrolle; Ziel ist der Schutz der Nieren[B]
Bleibende DarmfunktionsstörungGeregeltes Darmmanagement nach fachärztlicher Anleitung[B]
Verdacht auf Neuralgie des SchamnervsGezielte Abklärung nach den abgestimmten Kriterien vor jeder Behandlung[B]
Segmentbehandlung der Körperwand mit dem Ziel, Blase oder Darm zu steuernNicht belegt; von der Neuromodulation zu unterscheiden (Abschnitt 4.3)[H]
Wege bei Beschwerden mit Bezug zu S3, geordnet nach Dringlichkeit. Die erste Zeile hat Vorrang vor allen übrigen.

Was die sakrale Neuromodulation ist — und was nicht. Eine dünne Elektrode wird durch das dritte Kreuzbeinloch an die Wurzel S3 gelegt und dauerhaft schwach elektrisch gereizt. Die richtige Lage wird während des Eingriffs an der Antwort geprüft: Der Beckenboden zieht sich blasebalgartig zusammen, und die Großzehe bewegt sich. Über die Richtung dieser Zehenbewegung — Beugung oder Streckung — machen die Quellen unterschiedliche Angaben; dieser Widerspruch bleibt hier stehen. [B] Vor der endgültigen Versorgung steht eine Testphase, in der sich zeigen muss, ob die Beschwerden tatsächlich zurückgehen.

Kapitel 09

Warnzeichen — wann Behandlung unterbleibt

Sofort in die Klinik — keine manuelle Behandlung, kein Abwarten:

  • Cauda- oder Conus-Zeichen: erschwerte Blasenentleerung oder Harnverhalt, ungewollter Harn- oder Stuhlabgang, verändertes Gefühl im Reithosenbereich, neu aufgetretene Störung der Sexualfunktion, beidseitige Beinschwäche
  • Neu bemerkter Verlust des Harn- oder Stuhldrangs — auch ohne Schmerzen
  • Rasch zunehmende Lähmung eines oder beider Beine
  • Heftiger Kreuzschmerz mit neurologischen Ausfällen unter gerinnungshemmender Behandlung
  • Fieber mit Rücken- oder Beckenschmerz und neurologischen Ausfällen

Zeitnahe ärztliche Abklärung vor jeder Behandlung:

  • Gürtelrose im Gesäß-, Damm- oder Genitalbereich, besonders zusammen mit einer Blasenentleerungsstörung
  • Über Wochen zunehmender tiefer Becken-, Damm- oder Steißbeinschmerz
  • Neu aufgetretener tiefer Kreuz- oder Steißbeinschmerz bei Osteoporose, auch ohne Sturz
  • Ruhe- und Nachtschmerz, ungewollter Gewichtsverlust, Tumorerkrankung in der Vorgeschichte
  • Blut im Stuhl, veränderte Stuhlgewohnheiten oder Blutungen ohne erkennbare Ursache
  • Neu aufgetretene Kontinenzstörung nach einer Geburt oder nach einem Eingriff im Becken
  • Bei Kindern und Jugendlichen: Hautveränderung über dem Kreuzbein zusammen mit Fußdeformität oder Blasenstörung

Erhöhte Vorsicht ist geboten bei: Osteoporose, Tumorerkrankung, gerinnungshemmender Behandlung, Immunschwäche, Zustand nach Eingriff oder Bestrahlung im kleinen Becken, bekannter Blasen- oder Darmfunktionsstörung und bei Zuckerkrankheit.

Für dieses Segment gilt eine zusätzliche Regel: Beschwerden im Damm- und Beckenbereich werden häufig spät berichtet, weil sie als peinlich empfunden werden. Wer sie nicht ausdrücklich erfragt, erfährt sie oft erst, wenn der Schaden bleibend ist. [I]

Kapitel 10

Häufige Fragen

Was ist die sakrale Neuromodulation, und warum gerade S3?

Bei diesem Verfahren wird eine dünne Elektrode durch das dritte vordere Kreuzbeinloch an die Wurzel S3 gelegt und dauerhaft schwach elektrisch gereizt. Angewendet wird es bei Dranginkontinenz, bei Harnverhalt ohne Abflusshindernis und bei Stuhlinkontinenz, wenn andere Behandlungen erfolglos geblieben sind. S3 ist deshalb die Zielstelle, weil in diesem Segment die drei beteiligten Systeme zusammenlaufen: der unwillkürliche Antrieb über die Beckennerven, der willkürliche Verschluss über den Schamnerv und die Rückmeldung aus Blase und Enddarm. Vor der endgültigen Versorgung steht eine Testphase.

Wenn die Reizung von S3 wirkt — wirkt dann auch eine Behandlung am Rücken in dieser Höhe?

Nein, und der Unterschied ist kein gradueller. Bei der Neuromodulation liegt die Elektrode unmittelbar an der Nervenwurzel im Knochenkanal und reizt sie elektrisch. Eine Behandlung von Haut, Bindegewebe oder Muskulatur über dem Kreuzbein erreicht diese Wurzel nicht. Für Beckenbodenbeschwerden gibt es wirksame Übungsbehandlungen — sie wirken über den Muskel, nicht über eine Segmentzone.

Warum hat S3 keinen Kennmuskel?

Weil an diesem Segment kein Muskel des Beins mehr hängt, der sich in Kraftgraden prüfen ließe. Übrig ist nur ein Restanteil an den kleinen Fußmuskeln. Die Muskeln, für die S3 zuständig ist, liegen im Becken: Beckenbodenplatte, puborektale Schlinge und die äußeren Schließmuskeln. Geprüft werden sie über Spannung, willkürliche Anspannung und Reflexe — nicht über eine Kraftskala.

Ich habe seit Monaten Schmerzen beim Sitzen im Dammbereich. Kommt das von der Wurzel S3?

Möglich ist das, häufiger ist aber eine Reizung des Schamnervs an einer seiner beiden Engstellen. Dafür sprechen ein brennender Schmerz im Versorgungsgebiet dieses Nervs, die deutliche Verstärkung im Sitzen, das Nachlassen im Liegen oder Stehen und das Fehlen nächtlichen Aufwachens durch den Schmerz. Für eine Wurzelschädigung sprächen dagegen eine gestörte Blasenentleerung, ein verändertes Gefühl im Reithosenbereich oder Befunde an Gesäßfalte und Oberschenkelrückseite. Die Unterscheidung gehört ärztlich getroffen und beginnt mit diesen drei Prüfungen.

In meinem Befund steht „Tarlov-Zyste S2/S3“. Muss die behandelt werden?

In den meisten Fällen nicht. Perineurale Zysten sind Ausstülpungen der Wurzeltasche, kommen an diesen Höhen am häufigsten vor und werden bei vielen Menschen ohne jede Beschwerde gefunden. Ein ursächlicher Zusammenhang ist im Einzelfall schwer zu belegen und setzt voraus, dass Untersuchungsbefund und Beschwerdebild zur Höhe der Zyste passen. Der Befund allein ist weder ein Grund für eine Behandlung noch ein Grund, die Beschwerden für erklärt zu halten.

Kann ein Bandscheibenvorfall die Wurzel S3 treffen?

Nicht in einer eigenen Etage — unterhalb von L5/S1 gibt es beim Erwachsenen keine Bandscheiben mehr. Getroffen wird S3 weiter oben im Wirbelkanal, wo sie als Teil der Cauda equina verläuft. Ein Vorfall, der dorthin reicht, ist meist groß und mittig gelegen und trifft dann mehrere Wurzeln zugleich. Eine S3-Beteiligung ist deshalb fast immer ein Hinweis auf ein Cauda-equina-Syndrom.

Was bedeutet es, wenn im Befund eine Leitungszeit des Schamnervs gemessen wurde?

Diese Messung war früher verbreitet, wird heute aber zurückhaltend beurteilt. Sie hängt stark von der untersuchenden Person ab und trennt Betroffene und Gesunde nur unzuverlässig. Ein auffälliger Wert allein trägt deshalb keine Entscheidung, und ein unauffälliger schließt nichts aus. Aussagekräftiger sind die klinische Untersuchung, die Restharnmessung und, bei spezialisierten Fragen, die Nadelmessung am Schließmuskel.

Was bedeuten die Kennzeichnungen [B], [I] und [H] im Text?

Sie machen die Beleglage einer Aussage sichtbar. [B] steht für anatomisch oder klinisch belegt — gedeckt durch Standardwerke, begutachtete Originalarbeiten oder Leitlinien. [I] steht für eine nachvollziehbare Deutung, die über das Belegte hinausgeht. [H] steht für ein Modell, das historisch bedeutsam, methodisch aber nur eingeschränkt überprüfbar ist. Wo eine Angabe fehlt, ist die Lücke benannt und nicht durch eine plausible Vermutung ersetzt worden.

Kapitel 11

Grundlage und Quellen

Verwendet wurden ausschließlich belegte Fachquellen: Standardwerke der Anatomie und der klinischen Neurologie, Originalarbeiten und Übersichtsarbeiten aus begutachteten Fachzeitschriften sowie Leitlinien der Fachgesellschaften. Populäre Darstellungen, Webportale, Anbieterseiten und unbelegte Sekundärquellen sind nicht herangezogen worden. Aussagen ohne volle Deckung sind als Interpretation [I] oder als Hypothese [H] gekennzeichnet. Offene Punkte stehen gesammelt in Abschnitt 11.7.

11.1 Anatomie

  • Schünke M, Schulte E, Schumacher U: Prometheus. LernAtlas der Anatomie — Bände „Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem“ sowie „Innere Organe“. Thieme. — Grundlage der Angaben zu Kreuzbein, Kreuzbeinlöchern, Beckenboden, Beckengeflechten und zum Cannon-Böhm-Punkt in den Kapiteln 01 bis 04.
  • Standring S (Hrsg.): Gray’s Anatomy. The Anatomical Basis of Clinical Practice. Elsevier. — Grundlage der Faseranteile von N. pudendus und Nn. splanchnici pelvici, der Lage von Nucleus parasympathicus sacralis und Onuf-Kern sowie der Darstellung des Widerspruchs zur Versorgung des M. levator ani (Abschnitt 3.1).
  • Bähr M, Frotscher M: Duus‘ Neurologisch-topische Diagnostik. Thieme. — Grundlage der Angaben zum Ende des Rückenmarks und des Duralsacks sowie zur Unterscheidung von Conus- und Cauda-Syndrom (Abschnitt 6.1).
  • Rohen JW, Yokochi C, Lütjen-Drecoll E: Anatomie des Menschen. Photographischer Atlas. Schattauer. — zur topographischen Kontrolle am Kreuzbein und im kleinen Becken.

11.2 Klinik, Untersuchung, Leitlinien

  • Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie: Neuro-urologische Versorgung querschnittgelähmter Patienten, S2k, AWMF-Registernummer 179-001, Stand 30.09.2021. — Grundlage der Aussagen zu Diagnostik, Restharn und Verlaufskontrolle in den Kapiteln 07 und 08. Hinweis zur Gültigkeit: gültig bis 29.09.2026; vor Veröffentlichung ist auf eine Nachfolgefassung zu prüfen.
  • Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie: Neurogene Darmfunktionsstörung bei Querschnittlähmung, S2k, AWMF-Registernummer 179-004. — Grundlage der Aussagen zum Darmmanagement in Kapitel 08. Hinweis zur Gültigkeit: im AWMF-Register als abgelaufen geführt (Stand 10/2024).
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Leitlinie Diagnostik und Therapie von neurogenen Blasenstörungen, AWMF-Registernummer 030/121. — Grundlage der Unterscheidung von überaktivem und untätigem Blasenmuskel in Abschnitt 4.2. Hinweis zur Gültigkeit: war bis zum 5. Januar 2025 gültig und ist abgelaufen.
  • Mumenthaler M, Stöhr M, Müller-Vahl H: Läsionen peripherer Nerven und radikuläre Syndrome. Thieme. — Grundlage der Angaben zu Schädigungen des N. pudendus, zur Abgrenzung Wurzel gegen Nerv und zu den sakralen Reflexen.
  • American Spinal Injury Association / ISCoS: International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury (ISNCSCI). — Grundlage des Prüfpunkts für S3 und der Prüfung der sakralen Restfunktion (Abschnitte 5.1 und 7.2).
  • Preston DC, Shapiro BE: Electromyography and Neuromuscular Disorders. Clinical–Electrophysiologic Correlations. Elsevier. — Grundlage der Aussagen zur Elektrophysiologie des Beckenbodens in Abschnitt 7.4.

11.3 Originalarbeiten und Übersichtsarbeiten

  • Übersichtsarbeit zum Workshop der International Continence Society 2023 zur sakralen Neuromodulation, veröffentlicht 2024. — Grundlage der Angaben zu Zugang über das dritte Kreuzbeinloch, zu den knöchernen Bezugspunkten und zu den geprüften Antworten während des Eingriffs (Abschnitte 1.2 und 8).
  • Übersichtsarbeit zur sakralen Neuromodulation bei Stuhlinkontinenz, Gastroenterology Report, 2014. — Grundlage der Beschreibung des Auffindens des dritten Kreuzbeinlochs und der Unterscheidung der Antworten von S2, S3 und S4.
  • Labat JJ, Riant T, Robert R et al.: Diagnostic criteria for pudendal neuralgia by pudendal nerve entrapment (Nantes criteria). Neurourology and Urodynamics, 2008. — Grundlage der Kriterien zur Neuralgie des Schamnervs in Abschnitt 6.4.
  • Lee MWL, McPhee RW, Stringer MD: An evidence-based approach to human dermatomes. Clinical Anatomy, 2008. — Grundlage der Aussage zur Unschärfe der Dermatomkarten in Abschnitt 5.1.
  • Kellgren JH (1939) sowie Inman VT, Saunders JBdeCM (1944): Reizversuche an Bändern und Knochenhaut zur Kartierung tiefen Schmerzes. — Grundlage der Sklerotomangaben in Abschnitt 5.2, dort als [H] gekennzeichnet.

11.4 Eingeschränkt verwendete und nicht verwendete Quellen

  • Eingeschränkt: Historische Zonenmodelle nach Head, Mackenzie und Dicke — ausschließlich als [H] gekennzeichnet und ohne Ableitung von Aussagen (Abschnitt 5.3).
  • Nicht verwendet: Segmenttabellen ohne Belegangabe, Organzuordnungskarten aus dem populären Schrifttum, Anbieter- und Forenseiten. Angaben, nach denen eine Behandlung der Körperwand in Höhe S3 Blase, Darm oder Sexualfunktion steuere, stammen aus dieser Gruppe und sind nicht übernommen worden.

11.5 Berichtigte Angaben zum Segment S3

Verbreitete AngabeBerichtigung
Die Wirksamkeit der sakralen Neuromodulation belege die Wirksamkeit von Segmentbehandlungen an der KörperwandBei der Neuromodulation wird die Nervenwurzel selbst elektrisch gereizt. Eine Behandlung der Haut oder Muskulatur darüber erreicht sie nicht (Abschnitte 4.3 und 5.3)
Ein Bandscheibenvorfall „S2/S3“ oder „S3/S4“ als UrsacheUnterhalb von L5/S1 gibt es beim Erwachsenen keine Bandscheiben. S3 wird weiter oben als Teil der Cauda equina getroffen (Abschnitte 6.2 und 6.3)
Der Duralsack reiche bis zum unteren Ende des KreuzbeinkanalsEr endet in Höhe S2. Die Wurzel S3 verläuft bereits ohne umgebende Rückenmarkshaut (Abschnitt 1.3)
Der Schamnerv steuere die BlasenentleerungEr führt keine vorgeschalteten parasympathischen Fasern. Die Entleerung läuft über die Beckennerven; der Schamnerv versorgt die äußeren Schließmuskeln (Abschnitte 2.2 und 4.2)
Der M. levator ani werde eindeutig vom Schamnerv versorgtDie Quellen widersprechen einander; beschrieben sind auch direkte sakrale Äste und eine doppelte Versorgung (Abschnitt 3.1)
Kontinenz beruhe im Wesentlichen auf dem äußeren SchließmuskelDer Enddarmwinkel durch die puborektale Schlinge trägt wesentlich mit; beide Anteile fallen bei sakraler Schädigung zugleich aus (Abschnitt 3.2)
Eine Blasenstörung bei Rückenschmerz sei eine BegleiterscheinungSie ist ein Warnzeichen für eine Schädigung mehrerer sakraler Wurzeln oder des Rückenmarksendes (Kapitel 09)
S3 habe einen Kennmuskel am BeinAm Bein bleibt nur ein Restanteil an den kleinen Fußmuskeln. Geprüft wird über Gefühl, Schließmuskelspannung und Beckenbodenreflexe (Abschnitt 3.1)
Eine perineurale Zyste an S2 oder S3 erkläre die BeschwerdenSie ist ein häufiger Nebenbefund; ein ursächlicher Zusammenhang ist selten zu belegen (Abschnitte 1.4 und 7.5)
Die Leitungszeitmessung des Schamnervs sichere die DiagnoseDie Messung ist stark untersucherabhängig und trennt Betroffene und Gesunde unzuverlässig (Abschnitt 7.4)
Das Rückenmarkssegment S3 liege in Höhe des dritten KreuzbeinwirbelsEs liegt im Conus medullaris hinter Th12/L1 — rund 20 Zentimeter höher (Abschnitt 1.1)
Verbreitete Angaben zum Segment S3 und der belegte Sachstand. Hinweis: Der Text einer bisherigen Seitenfassung lag bei dieser Erstellung nicht vor; die Tabelle ist vor Veröffentlichung mit der bisherigen Fassung abzugleichen. Die erste Zeile ist die praktisch bedeutsamste, weil sie eine belegte Wirkung auf eine unbelegte Anwendung überträgt.

11.6 Abgrenzung zu den Nachbarseiten

  • Gegenüber S1: Dort liegt der Schwerpunkt am Bein; vegetative Bezüge zu Organen bestehen nicht.
  • Gegenüber S2: Dort beginnt der sakrale Parasympathikus, und Beinbefunde sind noch möglich. S2 steht auf der Grenze, S3 bereits vollständig im Becken.
  • Gegenüber S4 und S5: Dort treten Kontinenz, Gefühl um den After und der Steißbeinbereich vollends in den Vordergrund; der Anteil am Beckenboden wird auf diesen Seiten fortgeführt.

11.7 Offene Punkte und benannte Lücken

  • Leitlinienlage. Von den herangezogenen Leitlinien ist nur 179-001 gültig, und das nur noch bis 29.09.2026. 179-004 und 030/121 sind abgelaufen. Eine gültige deutsche Leitlinie zum Cauda-equina-Syndrom war nicht auffindbar. Der Registerstand ist vor Veröffentlichung erneut zu prüfen.
  • Gewichtung innerhalb von S2 bis S4. Dass S3 den größten Anteil am sakralen Parasympathikus stellt, wird übereinstimmend beschrieben; ein belastbarer Zahlenwert wird nicht angegeben (Abschnitt 4.1).
  • Wirkweise der sakralen Neuromodulation. Nicht abschließend geklärt; die Darstellung in Abschnitt 4.3 ist als [I] gekennzeichnet.
  • Richtung der Zehenbewegung bei S3-Reizung. Die Quellen geben teils Beugung, teils Streckung der Großzehe an; der Widerspruch bleibt in Kapitel 08 stehen.
  • Versorgung des M. levator ani. Die Quellen widersprechen einander (Abschnitt 3.1).
  • Segmentzuordnung des Analreflexes. Uneinheitliche Angaben in den Standardwerken (Abschnitt 7.3).
  • Schmerzkarten für Damm, Beckenboden und Steißbein. Untersuchungen mit vergleichbarer Methodik zu den vorliegenden Gelenkkarten fehlen (Abschnitt 5.2).
  • Häufigkeit einer isolierten S3-Schädigung. Belastbare Zahlen liegen nicht vor (Abschnitt 6.2).
  • Einzelnachweise zu perineuralen Zysten und zur Leitungszeitmessung des Schamnervs. Die Aussagen folgen dem übereinstimmenden Stand der Standardwerke; Einzelnachweise aus begutachteten Zeitschriften sind vor Veröffentlichung zu ergänzen.

11.8 Quellen und Änderungsvermerk zu den neuen Abschnitten

Quellen zu diesem Abschnitt

  • Jänig W: Spinal cord integration of visceral sensory systems and sympathetic nervous system reflexes. Prog Brain Res 1986;67:255–277. — Grundlage des Reflexwegs von den Eingeweidefasern zu den sympathischen Ursprungszellen.
  • Wehrwein EA, Orer HS, Barman SM: Overview of the anatomy, physiology, and pharmacology of the autonomic nervous system. Compr Physiol 2016;6:1239–1278. — Grundlage der Aussage, dass das vegetative Nervensystem alle Körperteile außer der Skelettmuskulatur steuert.
  • Stifani N: Motor neurons and the generation of spinal motor neuron diversity. Front Cell Neurosci 2014;8:293. — Grundlage der Aufgabenteilung zwischen motorischen Vorderhornzellen (Skelettmuskel) und vegetativen Ursprungszellen (glatte Muskulatur, Drüsen).
  • Giamberardino MA, Affaitati G, Lerza R, Lapenna D, Costantini R, Vecchiet L: Relationship between pain symptoms and referred sensory and trophic changes in patients with gallbladder pathology. Pain 2005;114:239–249. — Messung von Unterhaut- und Muskeldicke im Übertragungsgebiet beim Menschen.
  • Wesselmann U, Lai J: Mechanisms of referred visceral pain: uterine inflammation in the adult virgin rat results in neurogenic plasma extravasation in the skin. Pain 1997;73:309–317. — Tierbefund zu Hautveränderungen im Übertragungsgebiet und den drei möglichen Entstehungswegen.
  • Fang Y, Han S, Li X, Xie Y, Zhu B, Gao X, Ma C: Cutaneous hypersensitivity as an indicator of visceral inflammation via C-nociceptor axon bifurcation. Neurosci Bull 2021;37:45–54. — Tierbefund zu gegabelten Schmerzfasern zwischen Organ und Haut sowie zur Konvergenz im Hinterhorn.
  • Willis WD Jr: Dorsal root potentials and dorsal root reflexes: a double-edged sword. Exp Brain Res 1999;124:395–421. — Übersicht zum Hinterwurzelreflex und zur neurogenen Entzündung.
  • Holey LA, Dixon J: Connective tissue manipulation: a review of theory and clinical evidence. J Bodyw Mov Ther 2014;18(1):112–118. — Grundlage der Einordnung der Bindegewebsmassage als Erklärungsmodell.
  • Giamberardino MA: Referred muscle pain/hyperalgesia and central sensitisation. J Rehabil Med 2003;Suppl 41:85–88. — Grundlage des Modells der Reflexe zur Muskulatur.
  • Roatta S, Windhorst U, Ljubisavljevic M, Johansson H, Passatore M: Sympathetic modulation of muscle spindle afferent sensitivity to stretch in rabbit jaw closing muscles. J Physiol 2002;540:237–248. — Tierbefund zur Muskelspindel.
  • Macefield VG, Sverrisdottir YB, Wallin BG: Resting discharge of human muscle spindles is not modulated by increases in sympathetic drive. J Physiol 2003;551:1005–1011. — Befund am Menschen ohne Spindelveränderung.
  • Hjortskov N, Skotte J, Hye-Knudsen C, Fallentin N: Sympathetic outflow enhances the stretch reflex response in the relaxed soleus muscle in humans. J Appl Physiol 2005;98:1366–1370. — Befund am Menschen mit verstärktem Dehnungsreflex.

Offene Lücken

  • Welche Ursprungssegmente die Haut von Arm und Bein sympathisch versorgen, geben Fachwerke unterschiedlich an. Die Seite nennt deshalb keinen Zahlenbereich. Gray’s Anatomy stand für diese Bearbeitung nicht zur Verfügung. Die Seite bleibt deshalb bei der zahlenfreien Angabe, bis das Werk eingesehen ist.
  • Von Fang et al. 2021 und Willis 1999 wurden nur die Zusammenfassungen eingesehen. Der Abgleich mit den Volltexten steht vor Veröffentlichung aus.
  • Eine Untersuchung, die beim Menschen den Entstehungsweg der Veränderungen im Übertragungsgebiet klärt, wurde nicht gefunden. Ebenso wurde keine Untersuchung gefunden, die Tastbefunde nach Dicke mit gemessenen Gewebedicken vergleicht.

Fachbegriffe

  • Hinterhorn — Eingangsbereich des Rückenmarks für Empfindungen.
  • Nucleus intermediolateralis — Zellsäule im Seitenhorn mit den sympathischen Ursprungszellen, Th1 bis etwa L2.
  • Gegabelte Empfindungsfaser — Nervenfaser, die mit zwei Ästen Organ und Haut zugleich versorgt.
  • Hinterwurzelreflex — Erregung, die vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser zur Haut läuft.
  • Neurogene Entzündung — Schwellung und Rötung durch Botenstoffe aus Nervenenden.
  • Konvergenz — Zusammenlaufen von Fasern aus Organ und Körperoberfläche auf dieselbe Schaltzelle.
  • Vorderhornzellen — Nervenzellen im Vorderhorn, die die Skelettmuskeln erregen.
  • Körperwand — Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ.
  • Muskelspindel — Fühler im Muskel, der die Muskellänge misst.
  • Dehnungsreflex — Muskelzuckung auf plötzliche Dehnung, etwa beim Sehnenklopfen.

Änderungsvermerk

  • Fassung V 0.4: Abschnitt 5.4 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu.
  • Warum: Die Zonen- und Muskelbefunde des Segments sind jetzt nach Entstehungsweg getrennt und belegt; alternative Wege ohne Seitenhorn stehen gleichrangig daneben.
  • Ersetzt: V 0.3.

Verwandte Segmente

Segment S1 · Segment S2 · Segment S4 · Segment S5 · Nervus pudendus

Hinweis. Dieser Beitrag dient der fachlichen Information. Er ersetzt keine Untersuchung, Diagnose oder Behandlung durch qualifizierte Fachpersonen. Bei neu aufgetretenen Störungen von Blase oder Mastdarm, verändertem Gefühl im Reithosenbereich, zunehmender Beinschwäche oder neu aufgetretener Störung der Sexualfunktion ist eine sofortige ärztliche Abklärung erforderlich.

Fassung V 0.1. Geändert: Erstfassung der Segmentseite S3 nach dem Elf-Kapitel-Aufbau der Reihe. Grund: Fortführung der Kreuzbeinreihe nach S2. Ersetzt: keine frühere Fassung dieser Datei; eine bestehende Seitenfassung auf nerven.wiki ist vor Veröffentlichung abzugleichen (Abschnitt 11.5).

Segment S3 · V 0.4 · Stand: September 2026. Geändert: Abschnitt 5.4 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu; Quellen, Lücken und Fachbegriffe in Kapitel 11 ergänzt. Warum: Die Entstehung der Zonen- und Muskelbefunde ist jetzt nach Weg getrennt, belegt und um die Wege ohne Seitenhorn ergänzt. Ersetzt: V 0.3 derselben Seite.