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Segment – S4

Das Segment S4 ist das unterste, das noch am sakralen Parasympathikus beteiligt ist, und das unterste, das noch Fasern an den Schamnerv abgibt. Sein Gebiet ist der Beckenboden und die unmittelbare Umgebung des Afters. Am Bein hat es keinen Anteil mehr. In der neurologischen Beurteilung von Rückenmarksschädigungen hat S4 eine besondere Stellung: An der Prüfung dieses Gebiets entscheidet sich, ob eine Schädigung als vollständig oder unvollständig gilt.

Auf einen Blick

  • Austritt: Der vordere Ast verlässt das Kreuzbein durch das vierte vordere, der hintere Ast durch das vierte hintere Kreuzbeinloch. Beide Öffnungen sind klein. [B]
  • Untere Grenze zweier Systeme: S4 ist das letzte Segment mit Anteil am sakralen Parasympathikus (S2 bis S4) und das letzte mit Anteil am Schamnerv (S2 bis S4). [B]
  • Kein Anteil am Bein. Weder Muskel noch Hautgebiet unterhalb des Gesäßes gehören zu S4. Wer dieses Segment am Bein sucht, findet nichts.
  • Dermatom: Die unmittelbare Umgebung des Afters. In der standardisierten Untersuchung nach ASIA werden S4 und S5 zu einem gemeinsamen Prüfpunkt am Übergang von Haut zu Schleimhaut zusammengefasst. [B]
  • Die Prüfung, an der sich die Einstufung entscheidet: Tiefe Druckempfindung im Analkanal und willkürliches Anspannen des äußeren Schließmuskels. Sind sie erhalten, gilt eine Rückenmarksschädigung als unvollständig — unabhängig davon, wie ausgeprägt die Lähmung darüber ist. [B]
  • Steißbeingeflecht: Aus Anteilen von S4, S5 und dem Steißbeinnerv entsteht ein kleines Geflecht, das die Haut über dem Steißbein versorgt. [B]
  • Isoliert praktisch nie: Eine Schädigung allein der Wurzel S4 kommt kaum vor. Betroffen ist S4 beim Cauda-equina-Syndrom, beim Conus-Syndrom, bei Kreuzbeinbrüchen, Tumoren und nach Eingriffen im kleinen Becken.
  • Häufigste Verwechslung: Eine Kontinenzstörung durch örtliche Verletzung des Schließmuskels wird für eine Nervenschädigung gehalten — oder umgekehrt. Getrennt wird über Gefühl, Reflexe und den Ultraschall des Schließmuskels.

Kapitel 01

Anatomie des Segments S4

1.1 Drei Bedeutungen von „S4“

  • Der Wirbel S4 — der vierte Kreuzbeinwirbel, beim Erwachsenen mit den übrigen verschmolzen. Sein hinterer Bogen ist häufig unvollständig; von hier aus beginnt nach unten der Kreuzbeinschlitz. [B]
  • Das Rückenmarkssegment S4 — es liegt im Conus medullaris hinter den Wirbelkörpern Th12 und L1. In ihm liegen der unterste Teil des sakralen parasympathischen Kerns und ein Teil des Onuf-Kerns für die äußeren Schließmuskeln. [B]
  • Der Spinalnerv S4 — er entsteht im Kreuzbeinkanal, ohne umgebenden Duralsack, und teilt sich dort in seinen vorderen und seinen hinteren Ast.

Der Abstand zwischen Name und Ort ist hier am größten. Zwischen dem Rückenmarkssegment S4 und dem gleichnamigen Kreuzbeinwirbel liegen mehr als 20 Zentimeter. Eine Schädigung „auf Höhe S4“ kann deshalb zweierlei bedeuten: eine Schädigung des Rückenmarksendes hinter Th12/L1 oder eine Schädigung der Wurzel tief im Kreuzbein. Beide erzeugen Beschwerden im selben Gebiet und werden an ganz verschiedenen Stellen gesucht.

1.2 Der Kreuzbeinschlitz und die Steißbeinhörner

Nach unten hin schließen sich die hinteren Bögen der Kreuzbeinwirbel nicht mehr vollständig. Es entsteht der Kreuzbeinschlitz (Hiatus sacralis), der seitlich von den beiden Kreuzbeinhörnern begrenzt und von einer Bandplatte verschlossen wird. Über diese Öffnung ist der sakrale Epiduralraum von außen erreichbar — die anatomische Grundlage der Kaudalanästhesie. [B]

HöheGröße der ÖffnungBedeutung
Drittes KreuzbeinlochDeutlich kleiner als S1Führender Anteil an Beckenboden und Beckenorganen; Zugang der sakralen Neuromodulation
Viertes KreuzbeinlochKleinFast ausschließlich Beckenboden, Schließmuskeln und Haut um den After
KreuzbeinschlitzOffen nach untenZugang zum sakralen Epiduralraum; hier verlassen die untersten Wurzeln den Kanal
Die unteren Öffnungen des Kreuzbeins. Auffällig ist die Abnahme: Was am ersten Kreuzbeinloch noch zum Fuß zieht, versorgt am vierten nur noch den Beckenboden.

1.3 Steißbein und Steißbeingeflecht

Das Steißbein besteht meist aus drei bis fünf verschmolzenen Rudimenten und ist über ein straffes Gelenk mit dem Kreuzbein verbunden. Es dient mehreren Bändern und Anteilen des Beckenbodens als Ansatz. [B] Aus Fasern von S4 und S5 sowie dem Steißbeinnerv entsteht ein kleines Geflecht, aus dem die Nn. anococcygei hervorgehen; sie versorgen die Haut zwischen After und Steißbein. [B]

Warum das für Steißbeinschmerz wichtig ist. Der Schmerz beim Sitzen, der als Kokzygodynie bezeichnet wird, hat mehrere mögliche Quellen: das Kreuzbein-Steißbein-Gelenk selbst, die ansetzenden Bänder und Muskeln, seltener die genannten Nerven. Eine Zuordnung zu einem einzelnen Segment ist nicht belegt und wird hier nicht behauptet. [I]

1.4 Formvarianten

  • Perineurale Zysten. Am häufigsten an S2 und S3, seltener tiefer. Häufiger Nebenbefund ohne Beschwerden. [I]
  • Kreuzbeinvarianten. Zahl der Wirbel, Weite des Kanals und Beginn des Kreuzbeinschlitzes schwanken. Vor einem Eingriff wird die Zählung abgeglichen, nicht vorausgesetzt.
  • Kreuzbeinfehlbildungen. Fehlanlagen des unteren Kreuzbeins sind selten, gehen aber regelhaft mit Störungen von Blase, Enddarm und Beckenboden einher — weil genau die zugehörigen Wurzeln fehlen. [B]
  • Angebundenes Rückenmark (Tethered cord). Bleibt das untere Ende des Rückenmarks fixiert, betrifft das zuerst die untersten sakralen Funktionen. Der Verdacht gehört fachärztlich geklärt. [B]

Kapitel 02

Nervenversorgung

2.1 Die Wege der S4-Fasern

WegFasernZiel
N. pudendus (Schamnerv, S2 bis S4)Willkürlich und GefühlÄußerer Afterschließmuskel, äußerer Blasenschließmuskel, Dammmuskeln, Haut von Damm und äußeren Geschlechtsteilen
Nn. splanchnici pelvici (Beckennerven, S2 bis S4)Vorgeschaltet parasympathischBlasenmuskel, absteigender Dickdarm und Mastdarm, Schwellkörper
Direkte Äste an den BeckenbodenWillkürlichM. levator ani und M. coccygeus; der Zuleitungsweg ist umstritten (Abschnitt 3.1)
Steißbeingeflecht (S4, S5, Steißbeinnerv)GefühlHaut zwischen After und Steißbein
Hinterer Ast von S4Gefühl und willkürlichHaut über dem unteren Kreuzbein, kleine Muskelanteile
Die Wege der S4-Fasern. Anders als bei S1 bis S3 fehlt hier jede Zeile mit Bezug zum Bein. [B]

2.2 Die untere Grenze von Schamnerv und Beckennerven

S4 ist an beiden großen sakralen Bahnen beteiligt, und zwar als unterstes Segment. Diese Stellung erklärt zwei Beobachtungen aus der Praxis:

  • Eine Schädigung von S4 allein bleibt oft unbemerkt. Weil S2 und S3 dieselben Bahnen speisen, kann ihr Anteil den Ausfall teilweise auffangen. Ausgeprägte Störungen entstehen erst, wenn mehrere der drei Segmente betroffen sind. [I]
  • Bei einer Schädigung von oben her ist S4 zuletzt betroffen. Deshalb ist die Prüfung dieses Gebiets so aussagekräftig: Was hier noch erhalten ist, zeigt, dass die Verbindung zum Rückenmark nicht vollständig unterbrochen ist (Abschnitt 7.2). [B]

2.3 Wo S4 bedrängt werden kann

OrtUrsacheBesonderheit
Wirbelkanal in Höhe L4/L5 oder L5/S1Großer mittiger Bandscheibenvorfall, enger WirbelkanalTrifft S4 nie allein — immer im Verbund (Cauda-equina-Syndrom)
Conus medullaris (Th12/L1)Tumor, Durchblutungsstörung, EntzündungFrüh und beidseits ausgeprägte Beckenstörungen bei geringer Beinlähmung
Unteres KreuzbeinBruch, Tumor, Metastase, FehlbildungTrifft die untersten Wurzeln unmittelbar im Knochenkanal
Kleines BeckenEingriffe, Bestrahlung, Geburt, TumorenTrifft meist Geflecht oder Schamnerv
Sitzbeinstachel und Alcock-KanalEngstellen des SchamnervsErzeugt Damm- und Analschmerz ohne Blasenentleerungsstörung
Angriffspunkte, von oben nach unten. Die erste und die zweite Zeile sind Notfälle (Kapitel 09).

2.4 Wurzel, Geflecht oder Nerv

BefundWurzeln S4 und NachbarnN. pudendus alleinÖrtlicher Schließmuskeldefekt
SeitigkeitHäufig beidseitsMeist einseitigÖrtlich begrenzt
Gefühl um den AfterGestörtGestört im Gebiet des NervsUnauffällig
BeckenbodenreflexeAbgeschwächt oder erloschenKönnen abgeschwächt seinErhalten
BlasenentleerungHäufig gestörtIn der Regel ungestörtUngestört
Bildgebung des SchließmuskelsMuskel unauffällig aufgebautUnauffälligUmschriebener Defekt nachweisbar
Drei Ursachen derselben Beschwerde. Die letzte Zeile ist der entscheidende Zusatz gegenüber den höheren Segmenten: Eine Kontinenzstörung kann rein muskulär sein, und der Ultraschall des Schließmuskels zeigt das. [B]

Kapitel 03

Muskeln

3.1 Nur noch Beckenboden und Schließmuskeln

MuskelAufgabeNervSegmente
Äußerer AfterschließmuskelWillkürlicher Verschluss des AnalkanalsN. pudendus, N. rectalis inferiorS2 bis S4
Äußerer BlasenschließmuskelWillkürlicher Verschluss der HarnröhreN. pudendus, Nn. perinealesS2 bis S4
M. levator ani mit puborektaler SchlingeTrägt die Beckenorgane, hält den EnddarmwinkelDirekte sakrale Äste und/oder N. pudendus — umstrittenS3 bis S5
M. coccygeusErgänzt die Beckenbodenplatte nach hintenDirekte sakrale ÄsteS3, S4
DammmuskelnStützen den Damm, beteiligt an Erektion und EjakulationN. pudendusS2 bis S4
Alle Muskeln mit Anteil aus S4. Keiner davon liegt am Bein, und keiner wird in Kraftgraden geprüft. [B]

Der Widerspruch zur Versorgung des Beckenbodens bleibt bestehen. Ein Teil der Untersuchungen findet direkte Äste aus den vorderen Ästen S3 bis S5, ein anderer sieht den Schamnerv als Hauptquelle, viele beschreiben eine doppelte Versorgung. Für die Praxis ändert das wenig — geprüft wird die willkürliche Anspannung. Für Segmenttabellen ändert es viel: Eine eindeutige Zuordnung „Beckenboden = Segment X“ ist nicht belegt.

3.2 Die zwei Anteile der Kontinenz

Kontinenz beruht nicht auf einem Muskel, sondern auf zwei Anteilen, die zusammenwirken. [B]

AnteilWirkungSteuerungAusfall bemerkbar als
Innerer Schließmuskel (glatte Muskulatur)Dauerhafter RuheverschlussUnwillkürlichUngewollter Abgang in Ruhe, besonders von Luft und flüssigem Stuhl
Äußerer Schließmuskel und puborektale SchlingeWillkürlicher Verschluss, EnddarmwinkelWillkürlich über S2 bis S4Kein Aufhalten möglich, wenn der Drang einsetzt
Die beiden Anteile des Verschlusses. Bei einer Schädigung der sakralen Segmente fällt der willkürliche Anteil aus, während der unwillkürliche zunächst bestehen bleibt — das erklärt, warum viele Betroffene den Drang nicht mehr aufhalten können, ohne dass in Ruhe etwas abgeht. [I]

3.3 Abgrenzung zu den Nachbarsegmenten

PrüfungS2S3S4S5
Beinbefunde (Kraft, Reflexe)MöglichFehlenFehlenFehlen
Gefühl KniekehleGestörtUnauffälligUnauffälligUnauffällig
Gefühl Gesäßfalte, SitzbeinhöckerKann gestört seinGestörtUnauffälligUnauffällig
Gefühl unmittelbar um den AfterUnauffälligKann gestört seinGestörtGestört
Willkürliche Anspannung des SchließmuskelsKann abgeschwächt seinAbgeschwächtAbgeschwächtKaum beteiligt
BlasenentleerungKann gestört seinRegelhaft gestörtRegelhaft gestörtNicht beteiligt
Der Abstieg durch die sakralen Segmente. S4 ist das unterste, das noch Blasen- und Darmentleerung mitträgt; S5 trägt nur noch Gefühl.

Kapitel 04

Vegetative und viszerale Bezüge

4.1 Die untere Grenze des sakralen Parasympathikus

Teil des vegetativen NervensystemsUrsprung im RückenmarkGilt für S4?
Sympathikus (Seitenhorn)Th1 bis etwa L2Nein. Weit oberhalb
Sakraler Parasympathikus (Nucleus parasympathicus sacralis)S2 bis S4Ja — als unterstes beteiligtes Segment [B]
Willkürliche Versorgung der äußeren Schließmuskeln (Onuf-Kern)S2 bis S4Ja, über den N. pudendus [B]
Graue Verbindungsäste vom GrenzstrangAuf allen HöhenJa — für Gefäße, Schweißdrüsen und Haarmuskeln des eigenen Hautgebiets
Die vegetative Bilanz des Segments S4. Unterhalb dieser Höhe endet die Beteiligung an den Organen: S5 und der Steißbeinnerv führen nur noch Gefühlsfasern.

4.2 Was bei einem Ausfall der sakralen Segmente geschieht

FunktionBei erhaltener VersorgungBei Ausfall von S2 bis S4
BlasenentleerungBlasenmuskel zieht sich zusammen, Verschluss öffnetBlasenmuskel untätig; Entleerung nur durch Pressen oder Katheter, hoher Restharn
HarndrangWird als Füllungsgefühl wahrgenommenWird nicht oder verändert wahrgenommen
StuhlentleerungMastdarm treibt an, Beckenboden gibt nachErschwerte Entleerung, oft nur mit Nachhelfen
VerschlussWillkürlich verstärkbarWillkürlicher Anteil fehlt; ungewollter Abgang bei Drang
ErektionReflektorisch über die Beckennerven auslösbarBei Schädigung der sakralen Segmente selbst nicht mehr auslösbar
Folgen eines Ausfalls der sakralen Segmente. Wichtig ist die Unterscheidung zur Schädigung oberhalb des sakralen Zentrums: Dort bleiben reflektorische Abläufe erhalten, hier fallen sie aus. [B]

Der Punkt, der über Jahre entscheidet. Eine schlecht entleerte Blase schädigt auf Dauer die Nieren, und zwar schmerzlos. Deshalb gehört zu jeder bleibenden sakralen Schädigung eine geregelte Verlaufskontrolle — auch dann, wenn es der betroffenen Person gut geht. [B]

4.3 Die Richtung der Aussage

Belegt ist: Die Segmente S2 bis S4 steuern über die Beckennerven und den Schamnerv Blase, Enddarm und Sexualfunktion; ihr Ausfall stört diese Funktionen. [B] Nicht belegt ist die Umkehrung, dass eine Behandlung von Haut, Bindegewebe oder Muskulatur über dem Kreuzbein in Höhe S4 diese Organfunktionen steuern könne. [H] Wirksam ist dagegen die Übung des Beckenbodens selbst — sie wirkt über den Muskel, nicht über eine Segmentzone.

Kapitel 05

Dermatom, Sklerotom, Reflexzonen

5.1 Das Dermatom S4

Das Dermatom S4 umfasst die unmittelbare Umgebung des Afters und angrenzende Anteile des Damms. Die sakralen Dermatome sind hier ringförmig um den After angeordnet: Je tiefer das Segment, desto näher am Afterrand. [B]

OrtZuordnungAussagekraft
Übergang von Haut zu Schleimhaut am AfterS4 und S5 gemeinsamGemeinsamer Prüfpunkt der standardisierten Untersuchung nach ASIA [B]
Umgebung des Afters, äußerer RingS4Gestört bei Schädigung von S4; dient zusammen mit dem inneren Ring der Höhenzuordnung
Damm und SitzbeinbereichS3Gegenprobe nach oben
Gesäßfalte und OberschenkelrückseiteS2Bei reiner S4-Schädigung unauffällig
Prüforte und ihre Abgrenzung. Die Prüfung erfolgt im Seitenvergleich, nach Erklärung und mit ausdrücklichem Einverständnis.

Warum gerade dieses kleine Gebiet so wichtig ist. Bei einer Schädigung des Rückenmarks von oben her fallen die tiefsten Segmente zuletzt aus. Ein erhaltenes Gefühl am Afterrand zeigt deshalb, dass die Verbindung nicht vollständig unterbrochen ist — mit erheblichen Folgen für Einstufung und Aussichten (Abschnitt 7.2). [B]

5.2 Sklerotom und Schmerzkarten

  • Sklerotom. Die Zuordnung von Knochen, Bändern und Kapseln zu Segmenten stammt aus Reizversuchen der Jahre 1939 und 1944 — historisch bedeutsam, methodisch nur eingeschränkt überprüfbar. [H]
  • Steißbein und Beckenboden. Für diese Region liegen keine Reizkarten mit vergleichbarer Methodik vor, wie sie für Wirbelgelenke und Kreuzbein-Darmbein-Gelenk vorliegen. Die Lücke wird benannt und nicht durch Übertragung aus anderen Regionen gefüllt.
  • Was daraus folgt. Ein Schmerz am Steißbein oder im Analbereich lässt sich über seinen Ort keinem Segment zuordnen. Eingeordnet wird er über die begleitenden Befunde — Gefühl, Schließmuskelspannung, Entleerung. [I]

5.3 Die Zonenmodelle — was davon trägt

ModellWas es behauptetBewertung für S4
Head-Zonen (ab 1893)Hautgebiete, die bei Organerkrankungen überempfindlich werdenFür Blase und Enddarm werden Zonen im sakralen Bereich angegeben; die Beobachtungsrichtung verläuft vom Organ zur Haut [H]
Reflexzonen nach James Mackenzie (um 1900)Reflektorische Muskelanspannung bei OrganerkrankungenAn der Rumpfmuskulatur beschrieben; für den Beckenboden ohne belegte Aussage [H]
Bindegewebszonen nach Dicke (1929)Tastbare Veränderungen des UnterhautgewebesBeobachtungsbasiert, ohne überprüfbare Zuordnung zu einem Segment [H]
Historische Zonenmodelle und ihr Aussagewert für S4. Die belegte Verbindung zwischen diesem Segment und den Beckenorganen verläuft über Beckennerven und Schamnerv — nicht über die Haut und nicht in umgekehrter Richtung.

Eine Unterscheidung, die an diesem Segment oft verwischt wird. Dass ein Beckenbodentraining Kontinenzstörungen bessern kann, ist belegt. [B] Dass eine Behandlung der Haut über dem Kreuzbein die Blase steuert, ist es nicht. [H] Beides wird gelegentlich unter demselben Begriff „Segmenttherapie“ geführt; der Unterschied liegt darin, dass im ersten Fall der Muskel selbst geübt wird.

5.4 Erklärungswege über das Rückenmark

Dieser Abschnitt ordnet ein, auf welchem Weg ein Organreiz Haut, Unterhaut und Muskeln verändern kann. Belegt ist nur ein Teil davon.

Reize aus einem Organ können im Rückenmark sympathische Ursprungszellen erregen. Diese Zellen liegen im Nucleus intermediolateralis, einer Zellsäule im Seitenhorn, und nur in den Segmenten Th1 bis etwa L2. Das Segment S4 besitzt in der Regel keine. Die sympathischen Fasern für seine Haut stammen aus unteren Brust- und oberen Lendensegmenten und erreichen den Spinalnerv über den Grenzstrang. [B]

Dass sich Unterhaut und Muskeln im Übertragungsgebiet eines Organs messbar verändern, ist beim Menschen gezeigt. Bei Gallensteinen mit Koliken war die Unterhaut im Übertragungsgebiet dicker und der Muskel dünner als auf der Gegenseite. Ohne Koliken fanden sich diese Unterschiede nicht. [B]

Die Autoren dieser Untersuchung vermuten, dass Überempfindlichkeit und Gewebeveränderung auf verschiedenen Wegen entstehen. [I]

Auf welchem Weg die Veränderungen entstehen, ist beim Menschen nicht geklärt. Tierversuche nennen drei Kandidaten: gegabelte Empfindungsfasern, Verschaltungen zwischen Empfindungsfasern im Rückenmark und den sympathischen Reflex über das Seitenhorn. [B]

Gegabelte Empfindungsfaser. Bei Ratten sind Schmerzfasern nachgewiesen, die sich teilen und mit einem Ast die Haut, mit dem anderen ein Organ versorgen. Bei Entzündungen von Dickdarm, Blase oder Magen trat in der Haut Flüssigkeit aus. Im Dickdarmmodell reagierten diese Fasern verstärkt auf Hautreize. [B]

Hinterwurzelreflex. Hier läuft eine Erregung vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser. An deren Ende setzt sie Botenstoffe frei, die eine vom Nerv ausgelöste Schwellung und Rötung hervorrufen, eine neurogene Entzündung. Im Tierversuch erklärt dieser Reflex einen erheblichen Teil der Gelenkschwellung bei Arthritis und der Hautrötung nach Einspritzen von Capsaicin. [B]

Dass einer dieser beiden Wege die Zonen bei Organleiden erzeugt, ist nicht gezeigt. Beide setzen kein Seitenhorn voraus und kämen deshalb auch für S4 in Frage. [I]

Konvergenz im Hinterhorn. Fast alle Schaltzellen der zweiten Stufe im Hinterhorn erhalten Eingänge aus den Eingeweiden und zugleich aus Haut und Muskeln. Dieses Zusammenlaufen gilt seit Langem als Grundlage dafür, dass Organschmerz an der Körperoberfläche gespürt wird. [B]

Die Konvergenz erklärt die Überempfindlichkeit einer Zone, für sich allein aber keine tastbare Gewebeveränderung. Welcher der genannten Wege beim Menschen überwiegt, ist offen. [I]

Die Bindegewebsmassage erklärt ihre Zonen mit einer Reflexwirkung über das vegetative Nervensystem, also mit dem Weg über das Seitenhorn. Nachgewiesen ist diese Erklärung nicht, und ob die Tastbefunde nach Dicke den gemessenen Veränderungen entsprechen, ist offen. Für eine Zone im Bereich von S4 könnte der Weg über das Seitenhorn ohnehin nur über andere Segmente führen. [I]

Skelettmuskeln werden ausschließlich über die motorischen Vorderhornzellen erregt. Das vegetative Nervensystem, zu dem das Seitenhorn gehört, steuert Eingeweide, Gefäße und Drüsen, aber nicht die Skelettmuskeln. [B]

Ein zweites Modell führt Verspannungen der Körperwand bei Organreiz auf Reflexe über diese Vorderhornzellen zurück. Die Körperwand umfasst Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ. Tierversuche stützen das Modell; beim Menschen ist es nicht gesichert. [I]

Ob der Sympathikus die Muskelspannung beim Menschen unmittelbar verändert, ist ungeklärt. Im Tierversuch veränderte ein Sympathikusreiz die Empfindlichkeit der Muskelspindeln, der Längenfühler im Muskel. Beim Menschen blieb die Spindelentladung in einer Untersuchung unverändert; in einer anderen war der Dehnungsreflex verstärkt. Die Befunde widersprechen sich. [I]

Alle genannten Wege beschreiben die Richtung vom Organ zur Körperwand. Dass eine Behandlung von Haut oder Muskeln über diese Wege ein Organ beeinflusst, ist damit nicht belegt. [H]

Kapitel 06

Beschwerdebilder

6.1 In welchen Bildern S4 vorkommt

BildOrtKennzeichen
Cauda-equina-SyndromWurzelbündel unterhalb von L2Heftiger Schmerz, dann Störung von Blase, Enddarm und Gefühl im Reithosenbereich
Conus-SyndromRückenmarksende hinter Th12/L1Rasch, beidseits, schmerzärmer; Beckenstörungen früh und ausgeprägt
Schädigung im unteren Kreuzbein oder im kleinen BeckenUnterhalb von S2Keine Beinbefunde; Kontinenz, Gefühl um den After und Entleerung stehen im Vordergrund
Rückenmarksschädigung oberhalb (Querschnittlähmung)Oberhalb des sakralen ZentrumsS4 dient als Prüfgebiet für die Frage, ob die Schädigung vollständig ist (Abschnitt 7.2)
Die vier Zusammenhänge, in denen S4 klinisch auffällt. Die ersten beiden sind Notfälle (Kapitel 09), die letzte betrifft die Einstufung, nicht die Ursache.

6.2 Wie häufig eine isolierte S4-Schädigung ist

Sie kommt praktisch nicht als eigenes Krankheitsbild vor. Unterhalb von L5/S1 gibt es keine Bandscheiben, und im Kreuzbeinkanal liegen die untersten Wurzeln so eng beieinander, dass eine Schädigung fast immer mehrere zugleich betrifft. [B] Belastbare Häufigkeitszahlen liegen nicht vor; diese Lücke wird benannt.

6.3 Ursachen, bei denen S4 betroffen ist

  • Großer mittiger Bandscheibenvorfall in Höhe L4/L5 oder L5/S1. Häufigste Ursache eines Cauda-equina-Syndroms. [B]
  • Kreuzbeinfraktur und Beckenverletzung. Ein Bruch, der die unteren Lochreihen kreuzt, kann die untersten Wurzeln unmittelbar schädigen; bei Osteoporose entsteht er auch ohne Sturz. [B]
  • Tumoren und Metastasen im Kreuzbein. Kennzeichnend ist ein über Monate zunehmender tiefer Schmerz, häufig mit Beckenfunktionsstörungen.
  • Eingriffe und Bestrahlung im kleinen Becken. Sie können Geflecht oder Schamnerv schädigen, teils mit zeitlichem Abstand.
  • Geburtsbedingte Schädigung. Eine Dehnungsschädigung von Beckenboden oder Schamnerv ist eine anerkannte Ursache späterer Kontinenzprobleme. [B]
  • Gürtelrose im Sakralbereich. Der Schmerz geht dem Ausschlag um Tage voraus; bei sakralem Befall kann eine vorübergehende Blasenentleerungsstörung auftreten. [B]
  • Fehlbildungen des unteren Kreuzbeins und angebundenes Rückenmark. Sie betreffen regelhaft genau diese Funktionen. [B]

6.4 Was sonst so aussieht

Vortäuschendes BildWas dafür sprichtWas es von S4 trennt
Örtliche SchließmuskelverletzungNach Geburt oder Eingriff am After; umschriebener Defekt im UltraschallGefühl um den After und Beckenbodenreflexe erhalten
Beckenbodenschwäche und SenkungSenkungsgefühl, belastungsbedingter Harnverlust, Beschwerden im StehenKein Gefühlsausfall, kein Restharn, Reflexe erhalten
Gestörtes Zusammenspiel bei der StuhlentleerungPressen ohne Erfolg, Gefühl der unvollständigen Entleerung, Nachhelfen nötigGefühl und Reflexe unauffällig; der Beckenboden spannt beim Pressen an, statt nachzugeben
Steißbeinschmerz (Kokzygodynie)Schmerz beim Sitzen und beim Aufstehen aus dem SitzenÖrtlich begrenzt, ohne Gefühls- oder Funktionsstörung
Neuralgie des SchamnervsBrennender Schmerz im Sitzen, im Liegen geringer, kein nächtliches AufwachenBlasenentleerung in der Regel ungestört; kein messbarer Gefühlsausfall
Erkrankungen von Enddarm und AnalkanalBlutung, Schmerz beim Stuhlgang, tastbarer BefundNeurologischer Befund unauffällig; gehört proktologisch abgeklärt
Differenzierung. Die dritte Zeile beschreibt eine funktionelle Störung, die häufig verkannt wird: Der Beckenboden spannt beim Pressen an, statt nachzugeben. Sie ist keine Nervenschädigung und wird mit Rückmeldeverfahren behandelt. [B]

Die Reihenfolge, die den Unterschied macht. Bei jedem dieser Bilder wird zuerst geprüft, ob Gefühl um den After, Schließmuskelspannung, willkürliche Anspannung und Blasenentleerung in Ordnung sind. Erst wenn diese unauffällig sind, ist die Suche nach einer der örtlichen Erklärungen sinnvoll. [I]

6.5 Verlauf

Beim Cauda- und beim Conus-Syndrom bestimmt der Zeitpunkt der Entlastung die Erholung wesentlich mit; eine bereits vollständig ausgefallene Blasenfunktion hat schlechtere Aussichten als eine beginnende Störung. [B] Für Kontinenzstörungen ohne Nervenschädigung gilt anderes: Angeleitetes Training über Monate, bei Bedarf mit Rückmeldeverfahren, ist wirksam. [B] Zahlen zu Erholungswahrscheinlichkeiten schwanken zwischen den Untersuchungsreihen erheblich und werden hier nicht angegeben.

Kapitel 07

Untersuchung

7.1 Was die Vorgeschichte klären muss

  • Enddarm: Wird der Stuhldrang bemerkt? Lässt er sich aufhalten? Geht ungewollt Luft oder Stuhl ab? Ist die Entleerung nur mit Nachhelfen möglich?
  • Blase: verzögerter Beginn, Pressen nötig, Restharngefühl, Verlust des Harndrangs?
  • Gefühl um den After und am Damm: verändert beim Sitzen, beim Abwischen, beim Stuhlgang?
  • Sexualfunktion: neu aufgetretene Veränderungen.
  • Zeitverlauf: seit wann, zunehmend oder gleichbleibend? Die Dauer ist bei sakralen Störungen der wichtigste Einzelfaktor.
  • Vorgeschichte: Geburten und Dammverletzungen, Eingriffe am After oder im Becken, Bestrahlung, Unfall, Tumorerkrankung, Zuckerkrankheit.

Zur Form. Diese Fragen betreffen den Intimbereich. Sie werden sachlich gestellt, mit dem Hinweis, wozu sie dienen. Wer sie auslässt, erfährt die entscheidenden Befunde oft erst, wenn der Schaden bleibend ist.

7.2 Die Prüfung, an der sich die Einstufung entscheidet

In der standardisierten neurologischen Untersuchung von Rückenmarksschädigungen nach ASIA entscheiden zwei Prüfungen am Segment S4 und S5 darüber, ob eine Schädigung als vollständig oder unvollständig eingestuft wird: die tiefe Druckempfindung im Analkanal und das willkürliche Anspannen des äußeren Schließmuskels. Sind eine oder beide erhalten, gilt die Schädigung als unvollständig. [B]

PrüfungWas sie zeigtBedeutung
Berührungs- und Schmerzempfindung am Übergang Haut/SchleimhautErhaltene Gefühlsbahn aus dem untersten SegmentPrüfpunkt S4/S5 [B]
Tiefe Druckempfindung im AnalkanalErhaltene tiefe EmpfindungTeil der Entscheidung vollständig / unvollständig
Willkürliches Anspannen des SchließmuskelsErhaltene willkürliche Bahn bis S2 bis S4Teil der Entscheidung vollständig / unvollständig
Ruhespannung des SchließmuskelsUnwillkürlichen GrundtonusErgänzend; nicht Teil der Einstufung
Die sakrale Prüfung. Sie dauert wenige Minuten und hat unter allen Untersuchungen bei einer Rückenmarksschädigung die größte Tragweite für die Einschätzung des weiteren Verlaufs.

7.3 Reflexe

ReflexAuslösungSegmente
AnalreflexBestreichen der Haut neben dem AfterAngaben schwanken zwischen S2 bis S4 und S4 bis S5
Bulbocavernosus-ReflexReiz an der Eichel oder der Klitoris; Antwort des BeckenbodensS2 bis S4 [B]
AchillessehnenreflexSchlag auf die AchillessehneS1, S2 — Gegenprobe; bei reiner S4-Schädigung unauffällig
Reflexe der untersten Segmente. Die Segmentzuordnung des Analreflexes wird in den Standardwerken uneinheitlich angegeben; dieser Widerspruch bleibt stehen. Beide Beckenbodenreflexe sind auch bei Gesunden nicht immer sicher auslösbar. [I]

7.4 Weitere Untersuchungen

  • Restharnmessung. Mit Ultraschall oder Einmalkatheter; macht eine Entleerungsstörung sichtbar, bevor sie bemerkt wird. [B]
  • Ultraschall des Schließmuskels. Zeigt umschriebene Defekte und trennt damit die muskuläre von der nervalen Ursache einer Kontinenzstörung. [B]
  • Anorektale Druckmessung. Beurteilt Ruhedruck, Kneifdruck und das Zusammenspiel beim Pressen; erkennt die funktionelle Entleerungsstörung aus Abschnitt 6.4.
  • Nadelmessung am Schließmuskel. Kann eine Nervenschädigung sichern; sie ist spezialisierten Fragen vorbehalten. [B]
  • Leitungszeit des Schamnervs. Stark untersucherabhängig, trennt Betroffene und Gesunde nur unzuverlässig; ein Einzelbefund trägt keine Entscheidung. [I]

7.5 Bildgebung

Bei Verdacht auf ein Conus- oder Cauda-Syndrom ist die Kernspintomographie dringlich und das Verfahren der Wahl; der Untersuchungsbereich muss das Kreuzbein einschließen. [B] Für örtliche Fragen an Beckenboden und Schließmuskel ist der Ultraschall führend, nicht das Kernspinbild. Nebenbefunde wie perineurale Zysten erklären Beschwerden nur, wenn Höhe, Seite und Untersuchungsbefund zusammenpassen. [B]

Kapitel 08

Behandlungsansätze

Dieser Abschnitt ordnet ein, welche Wege bei Beschwerden mit Bezug zum Segment S4 gegangen werden. Er ersetzt keine ärztliche Beurteilung. Auch hier gilt: Der erste Schritt ist die Abklärung.

LageWas geschiehtKennzeichnung
Neue Störung von Blase, Enddarm oder Gefühl im ReithosenbereichSofortige Klinikvorstellung. Keine manuelle Behandlung, kein Abwarten[B]
Bestätigte Schädigung durch RaumforderungEntlastung durch einen Eingriff; der Zeitpunkt bestimmt die Erholung wesentlich mit[B]
Stuhlinkontinenz ohne NervenschädigungAngeleitetes Beckenbodentraining, Rückmeldeverfahren, Stuhlregulierung[B]
Umschriebener SchließmuskeldefektProktologische Beurteilung; operative Wiederherstellung in ausgewählten Fällen[B]
Funktionelle Entleerungsstörung (Beckenboden spannt beim Pressen an)Rückmeldeverfahren mit Übungsbehandlung[B]
Anhaltende Stuhlinkontinenz nach erfolgloser BehandlungSakrale Neuromodulation über das dritte Kreuzbeinloch; das vierte dient als Ausweichhöhe[B]
Bleibende BlasenfunktionsstörungNeuro-urologische Betreuung mit regelmäßiger Kontrolle; Ziel ist der Schutz der Nieren[B]
SteißbeinschmerzZunächst entlastendes Sitzen, Übungsbehandlung, Schmerzbehandlung; Eingriffe bleiben Ausnahmen und sind schwach belegt[I]
Segmentbehandlung der Körperwand mit dem Ziel, Blase oder Darm zu steuernNicht belegt (Abschnitt 4.3)[H]
Wege bei Beschwerden mit Bezug zu S4, geordnet nach Dringlichkeit. Die erste Zeile hat Vorrang vor allen übrigen.

Was an diesem Segment zusätzlich zählt. Kontinenzstörungen werden aus Scham häufig jahrelang verschwiegen, obwohl für viele Formen wirksame Behandlungen bestehen. Die Frage danach gehört deshalb zur Untersuchung, und ihre Beantwortung ist der erste Behandlungsschritt. [I]

Kapitel 09

Warnzeichen — wann Behandlung unterbleibt

Sofort in die Klinik — keine manuelle Behandlung, kein Abwarten:

  • Cauda- oder Conus-Zeichen: erschwerte Blasenentleerung oder Harnverhalt, ungewollter Harn- oder Stuhlabgang, verändertes Gefühl im Reithosenbereich, neu aufgetretene Störung der Sexualfunktion, beidseitige Beinschwäche
  • Neu bemerkter Verlust des Harn- oder Stuhldrangs — auch ohne Schmerzen
  • Neu aufgetretener Ausfall des willkürlichen Anspannens am After
  • Heftiger Kreuzschmerz mit neurologischen Ausfällen unter gerinnungshemmender Behandlung
  • Fieber mit Becken- oder Rückenschmerz und neurologischen Ausfällen

Zeitnahe ärztliche Abklärung vor jeder Behandlung:

  • Blut im Stuhl, veränderte Stuhlgewohnheiten oder Blutungen ohne erkennbare Ursache
  • Über Wochen zunehmender tiefer Becken-, Damm- oder Steißbeinschmerz
  • Gürtelrose im Damm-, Gesäß- oder Genitalbereich, besonders mit Blasenentleerungsstörung
  • Neu aufgetretene Kontinenzstörung nach Geburt, nach einem Eingriff am After oder nach Bestrahlung im Becken
  • Ruhe- und Nachtschmerz, ungewollter Gewichtsverlust, Tumorerkrankung in der Vorgeschichte
  • Tiefer Kreuz- oder Steißbeinschmerz bei Osteoporose, auch ohne Sturz
  • Bei Kindern: Hautveränderung über dem Kreuzbein zusammen mit Blasenstörung oder Fußdeformität

Erhöhte Vorsicht ist geboten bei: Osteoporose, Tumorerkrankung, gerinnungshemmender Behandlung, Immunschwäche, Zustand nach Eingriff oder Bestrahlung im kleinen Becken, bekannter Blasen- oder Darmfunktionsstörung und bei Zuckerkrankheit.

Für die untersten Segmente gilt eine zusätzliche Regel: Ihre Störungen sind schmerzlos möglich. Ein Verlust des Harndrangs oder des willkürlichen Verschlusses ohne jeden Schmerz ist kein beruhigender, sondern ein besonders ernst zu nehmender Befund. [I]

Kapitel 10

Häufige Fragen

Warum wird bei einer Rückenmarksschädigung ausgerechnet am After untersucht?

Weil sich dort entscheidet, ob die Verbindung zum Rückenmark vollständig unterbrochen ist. Die untersten Segmente fallen bei einer Schädigung von oben her zuletzt aus. Bleiben die tiefe Druckempfindung im Analkanal oder das willkürliche Anspannen des Schließmuskels erhalten, gilt die Schädigung als unvollständig — und das ändert die Einschätzung des weiteren Verlaufs erheblich. Die Untersuchung dauert wenige Minuten und hat unter allen Prüfungen die größte Tragweite.

Ich verliere ungewollt Stuhl. Kommt das vom Nerv oder vom Muskel?

Beides ist möglich, und die Unterscheidung ist mit wenigen Untersuchungen zu treffen. Für eine Nervenschädigung sprechen ein verändertes Gefühl um den After, erloschene Beckenbodenreflexe und eine gestörte Blasenentleerung. Für eine örtliche Muskelverletzung — etwa nach einer Geburt oder einem Eingriff — sprechen ein umschriebener Defekt im Ultraschall bei erhaltenem Gefühl und erhaltenen Reflexen. Beide Formen sind behandelbar, aber auf verschiedenen Wegen.

Hat S4 ein Gebiet am Bein?

Nein. Weder ein Muskel noch ein Hautgebiet unterhalb des Gesäßes gehört zu S4. Das Segment versorgt Beckenboden, äußere Schließmuskeln und die unmittelbare Umgebung des Afters und ist am sakralen Parasympathikus beteiligt. Wer es über Kraftgrade oder Reflexe am Bein sucht, findet nichts — genau deshalb bleiben Schädigungen dieses Segments bei einer reinen Beinuntersuchung unerkannt.

Was ist der Unterschied zwischen S4 und S5?

S4 ist das unterste Segment, das noch an der Steuerung von Blase und Enddarm beteiligt ist und noch Fasern an den Schamnerv abgibt. S5 trägt praktisch nur noch Gefühl aus dem innersten Ring um den After und der Haut bis zum Steißbein. Praktisch heißt das: Eine Störung von Entleerung und Verschluss weist auf S2 bis S4, ein reiner Gefühlsausfall unmittelbar am Afterrand auf die tiefste Höhe.

Ich habe Schmerzen am Steißbein beim Sitzen. Ist das eine Nervenwurzel?

In der Regel nicht. Der Schmerz beim Sitzen hat meist andere Quellen: das Kreuzbein-Steißbein-Gelenk, die ansetzenden Bänder und Muskeln oder eine Fehlbelastung beim Sitzen. Eine Zuordnung zu einem einzelnen Segment ist nicht belegt. Anders liegt es, wenn zusätzlich das Gefühl um den After verändert ist oder Blase und Enddarm nicht mehr richtig arbeiten — dann geht es nicht mehr um das Steißbein, sondern um die Nervenwurzeln, und die Abklärung ist dringlich.

Kann eine Behandlung am unteren Kreuzbein die Blase beeinflussen?

Belegt ist die eine Richtung: Die Segmente S2 bis S4 steuern Blase und Enddarm, und ihr Ausfall stört diese Funktionen. Die Umkehrung — dass eine Behandlung von Haut, Bindegewebe oder Muskulatur über dem Kreuzbein diese Organe steuere — ist nicht belegt. Wirksam ist dagegen die Übung des Beckenbodens selbst, ebenso Rückmeldeverfahren bei gestörter Entleerung und, bei sonst erfolgloser Behandlung, die sakrale Neuromodulation, bei der eine Elektrode unmittelbar an die Nervenwurzel gelegt wird.

Warum entleert sich der Darm nicht, obwohl ich presse?

Eine häufige Ursache ist ein gestörtes Zusammenspiel: Der Beckenboden spannt beim Pressen an, statt nachzugeben, sodass der Weg verschlossen bleibt. Das ist keine Nervenschädigung und lässt sich mit Rückmeldeverfahren und Übungsbehandlung angehen. Eine andere Ursache ist der Ausfall der sakralen Segmente selbst, bei dem der antreibende Teil fehlt. Unterschieden wird über Gefühl, Reflexe und die anorektale Druckmessung.

Was bedeuten die Kennzeichnungen [B], [I] und [H] im Text?

Sie machen die Beleglage einer Aussage sichtbar. [B] steht für anatomisch oder klinisch belegt — gedeckt durch Standardwerke, begutachtete Originalarbeiten oder Leitlinien. [I] steht für eine nachvollziehbare Deutung, die über das Belegte hinausgeht. [H] steht für ein Modell, das historisch bedeutsam, methodisch aber nur eingeschränkt überprüfbar ist. Wo eine Angabe fehlt, ist die Lücke benannt und nicht durch eine plausible Vermutung ersetzt worden.

Kapitel 11

Grundlage und Quellen

Verwendet wurden ausschließlich belegte Fachquellen: Standardwerke der Anatomie und der klinischen Neurologie, Originalarbeiten und Übersichtsarbeiten aus begutachteten Fachzeitschriften sowie Leitlinien der Fachgesellschaften. Populäre Darstellungen, Webportale, Anbieterseiten und unbelegte Sekundärquellen sind nicht herangezogen worden. Aussagen ohne volle Deckung sind als Interpretation [I] oder als Hypothese [H] gekennzeichnet. Offene Punkte stehen gesammelt in Abschnitt 11.7.

11.1 Anatomie

  • Schünke M, Schulte E, Schumacher U: Prometheus. LernAtlas der Anatomie — Bände „Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem“ sowie „Innere Organe“. Thieme. — Grundlage der Angaben zu unterem Kreuzbein, Kreuzbeinschlitz, Steißbein, Beckenboden und Beckengeflechten in den Kapiteln 01 bis 04.
  • Standring S (Hrsg.): Gray’s Anatomy. The Anatomical Basis of Clinical Practice. Elsevier. — Grundlage der Faseranteile von N. pudendus, Nn. splanchnici pelvici und Steißbeingeflecht, der Lage von Nucleus parasympathicus sacralis und Onuf-Kern sowie der Darstellung des Widerspruchs zur Versorgung des M. levator ani (Abschnitt 3.1).
  • Bähr M, Frotscher M: Duus‘ Neurologisch-topische Diagnostik. Thieme. — Grundlage der Angaben zum Ende von Rückenmark und Duralsack sowie zur Unterscheidung von Conus- und Cauda-Syndrom (Abschnitt 6.1).
  • Rohen JW, Yokochi C, Lütjen-Drecoll E: Anatomie des Menschen. Photographischer Atlas. Schattauer. — zur topographischen Kontrolle am unteren Kreuzbein und im Beckenboden.

11.2 Klinik, Untersuchung, Leitlinien

  • American Spinal Injury Association / ISCoS: International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury (ISNCSCI). — Grundlage des gemeinsamen Prüfpunkts S4/S5, der tiefen Druckempfindung im Analkanal und des willkürlichen Anspannens als Entscheidungskriterien für vollständig oder unvollständig (Abschnitte 5.1 und 7.2).
  • Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie: Neuro-urologische Versorgung querschnittgelähmter Patienten, S2k, AWMF-Registernummer 179-001, Stand 30.09.2021. — Grundlage der Aussagen zu Diagnostik, Restharn und Verlaufskontrolle in den Kapiteln 07 und 08. Hinweis zur Gültigkeit: gültig bis 29.09.2026; vor Veröffentlichung ist auf eine Nachfolgefassung zu prüfen.
  • Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie: Neurogene Darmfunktionsstörung bei Querschnittlähmung, S2k, AWMF-Registernummer 179-004. — Grundlage der Aussagen zum Darmmanagement in Kapitel 08. Hinweis zur Gültigkeit: im AWMF-Register als abgelaufen geführt (Stand 10/2024).
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Leitlinie Diagnostik und Therapie von neurogenen Blasenstörungen, AWMF-Registernummer 030/121. — Grundlage der Unterscheidung von überaktivem und untätigem Blasenmuskel in Abschnitt 4.2. Hinweis zur Gültigkeit: war bis zum 5. Januar 2025 gültig und ist abgelaufen.
  • Mumenthaler M, Stöhr M, Müller-Vahl H: Läsionen peripherer Nerven und radikuläre Syndrome. Thieme. — Grundlage der Angaben zu Schädigungen des N. pudendus, zur Abgrenzung Wurzel gegen Nerv und zu den sakralen Reflexen.
  • Preston DC, Shapiro BE: Electromyography and Neuromuscular Disorders. Clinical–Electrophysiologic Correlations. Elsevier. — Grundlage der Aussagen zur Nadelmessung am Schließmuskel und zur zurückhaltenden Bewertung der Leitungszeitmessung (Abschnitt 7.4).

11.3 Originalarbeiten und Übersichtsarbeiten

  • Übersichtsarbeit zum Workshop der International Continence Society 2023 zur sakralen Neuromodulation, veröffentlicht 2024. — Grundlage der Angaben zu Zugangshöhen und geprüften Antworten; danach ist das dritte Kreuzbeinloch die Zielhöhe und das vierte die Ausweichhöhe (Kapitel 08).
  • Übersichtsarbeit zur sakralen Neuromodulation bei Stuhlinkontinenz, Gastroenterology Report, 2014. — Grundlage der Unterscheidung der Antworten von S2, S3 und S4 während des Eingriffs.
  • Labat JJ, Riant T, Robert R et al.: Diagnostic criteria for pudendal neuralgia by pudendal nerve entrapment (Nantes criteria). Neurourology and Urodynamics, 2008. — Grundlage der Kriterien zur Neuralgie des Schamnervs in Abschnitt 6.4.
  • Lee MWL, McPhee RW, Stringer MD: An evidence-based approach to human dermatomes. Clinical Anatomy, 2008. — Grundlage der Aussage zur Unschärfe der Dermatomkarten.
  • Kellgren JH (1939) sowie Inman VT, Saunders JBdeCM (1944): Reizversuche an Bändern und Knochenhaut zur Kartierung tiefen Schmerzes. — Grundlage der Sklerotomangaben in Abschnitt 5.2, dort als [H] gekennzeichnet.

11.4 Eingeschränkt verwendete und nicht verwendete Quellen

  • Eingeschränkt: Historische Zonenmodelle nach Head, Mackenzie und Dicke — ausschließlich als [H] gekennzeichnet und ohne Ableitung von Aussagen (Abschnitt 5.3).
  • Nicht verwendet: Segmenttabellen ohne Belegangabe, Organzuordnungskarten aus dem populären Schrifttum, Anbieter- und Forenseiten. Angaben, nach denen eine Behandlung der Körperwand in Höhe S4 Blase, Darm oder Sexualfunktion steuere, stammen aus dieser Gruppe und sind nicht übernommen worden.

11.5 Berichtigte Angaben zum Segment S4

Verbreitete AngabeBerichtigung
S4 habe ein Dermatom oder einen Muskel am BeinWeder Muskel noch Hautgebiet unterhalb des Gesäßes gehören zu S4 (Kapitel 03 und Abschnitt 5.1)
Ein Bandscheibenvorfall „S3/S4“ als UrsacheUnterhalb von L5/S1 gibt es beim Erwachsenen keine Bandscheiben. S4 wird weiter oben als Teil der Cauda equina oder im Kreuzbein selbst getroffen (Abschnitte 6.2 und 6.3)
Der sakrale Parasympathikus reiche bis S5Er umfasst S2 bis S4. S5 und der Steißbeinnerv führen nur noch Gefühlsfasern (Abschnitt 4.1)
Kontinenz beruhe auf dem äußeren Schließmuskel alleinSie beruht auf innerem und äußerem Anteil samt puborektaler Schlinge; bei sakraler Schädigung fällt der willkürliche Anteil aus (Abschnitt 3.2)
Eine Stuhlinkontinenz sei stets nerval bedingtEin umschriebener Schließmuskeldefekt erzeugt dasselbe Bild bei erhaltenem Gefühl und erhaltenen Reflexen; der Ultraschall trennt beides (Abschnitte 2.4 und 6.4)
Erfolgloses Pressen bei der Stuhlentleerung sei ein Zeichen der NervenschädigungHäufiger ist ein gestörtes Zusammenspiel, bei dem der Beckenboden beim Pressen anspannt statt nachzugeben (Abschnitt 6.4)
Der M. levator ani werde eindeutig vom Schamnerv versorgtDie Quellen widersprechen einander; beschrieben sind auch direkte sakrale Äste und eine doppelte Versorgung (Abschnitt 3.1)
Steißbeinschmerz sei ein Segmentzeichen von S4Eine Zuordnung zu einem einzelnen Segment ist nicht belegt; die Quellen des Schmerzes sind meist Gelenk, Bänder und Muskelansätze (Abschnitte 1.3 und 5.2)
Eine Behandlung am unteren Kreuzbein steuere Blase oder DarmBelegt ist nur die Richtung Nervenbahn → Organ; die Umkehrung ist nicht belegt (Abschnitt 4.3)
Das Rückenmarkssegment S4 liege in Höhe des vierten KreuzbeinwirbelsEs liegt im Conus medullaris hinter Th12/L1 — mehr als 20 Zentimeter höher (Abschnitt 1.1)
Fehlender Analreflex beweise eine Schädigung von S4Der Reflex ist auch bei Gesunden nicht immer auslösbar, und seine Segmentzuordnung wird uneinheitlich angegeben (Abschnitt 7.3)
Verbreitete Angaben zum Segment S4 und der belegte Sachstand. Hinweis: Der Text einer bisherigen Seitenfassung lag bei dieser Erstellung nicht vor; die Tabelle ist vor Veröffentlichung mit der bisherigen Fassung abzugleichen. Die fünfte und die sechste Zeile sind praktisch am folgenreichsten, weil sie über den Behandlungsweg entscheiden.

11.6 Abgrenzung zu den Nachbarseiten

  • Gegenüber S2: Dort beginnt der sakrale Parasympathikus, und Beinbefunde sind noch möglich.
  • Gegenüber S3: Dort liegt der Schwerpunkt an Beckenboden und Beckenorganen; S3 ist die Zielhöhe der sakralen Neuromodulation.
  • Gegenüber S5 und dem Steißbeinnerv: Dort bleibt nur noch Gefühl; Entleerung und Verschluss sind nicht mehr beteiligt. Diese Abgrenzung wird auf der Seite zu S5 fortgeführt.

11.7 Offene Punkte und benannte Lücken

  • Leitlinienlage. Von den herangezogenen Leitlinien ist nur 179-001 gültig, und das nur noch bis 29.09.2026. 179-004 und 030/121 sind abgelaufen. Eine gültige deutsche Leitlinie zum Cauda-equina-Syndrom war nicht auffindbar; ebenso wenig eine gültige deutsche Leitlinie zur Stuhlinkontinenz Erwachsener. Der Registerstand ist vor Veröffentlichung erneut zu prüfen.
  • Versorgung des M. levator ani. Die Quellen widersprechen einander (Abschnitt 3.1).
  • Segmentzuordnung des Analreflexes. Uneinheitliche Angaben in den Standardwerken (Abschnitt 7.3).
  • Häufigkeit einer isolierten S4-Schädigung. Belastbare Zahlen liegen nicht vor (Abschnitt 6.2).
  • Erholungsaussichten nach Cauda- und Conus-Schädigung. Die Angaben schwanken erheblich; es wird keine Zahl genannt (Abschnitt 6.5).
  • Steißbeinschmerz. Zu Ursachen und Behandlung liegen keine Untersuchungen mit belastbarer Methodik in ausreichender Zahl vor; die Aussagen in Kapitel 08 sind als [I] gekennzeichnet.
  • Schmerzkarten für Damm, Beckenboden und Steißbein. Untersuchungen mit vergleichbarer Methodik zu den vorliegenden Gelenkkarten fehlen (Abschnitt 5.2).
  • Einzelnachweise zur Leitungszeitmessung des Schamnervs und zur anorektalen Druckmessung. Die Aussagen folgen dem übereinstimmenden Stand der Standardwerke; Einzelnachweise aus begutachteten Zeitschriften sind vor Veröffentlichung zu ergänzen.

11.8 Quellen und Änderungsvermerk zu den neuen Abschnitten

Quellen zu diesem Abschnitt

  • Jänig W: Spinal cord integration of visceral sensory systems and sympathetic nervous system reflexes. Prog Brain Res 1986;67:255–277. — Grundlage des Reflexwegs von den Eingeweidefasern zu den sympathischen Ursprungszellen.
  • Wehrwein EA, Orer HS, Barman SM: Overview of the anatomy, physiology, and pharmacology of the autonomic nervous system. Compr Physiol 2016;6:1239–1278. — Grundlage der Aussage, dass das vegetative Nervensystem alle Körperteile außer der Skelettmuskulatur steuert.
  • Stifani N: Motor neurons and the generation of spinal motor neuron diversity. Front Cell Neurosci 2014;8:293. — Grundlage der Aufgabenteilung zwischen motorischen Vorderhornzellen (Skelettmuskel) und vegetativen Ursprungszellen (glatte Muskulatur, Drüsen).
  • Giamberardino MA, Affaitati G, Lerza R, Lapenna D, Costantini R, Vecchiet L: Relationship between pain symptoms and referred sensory and trophic changes in patients with gallbladder pathology. Pain 2005;114:239–249. — Messung von Unterhaut- und Muskeldicke im Übertragungsgebiet beim Menschen.
  • Wesselmann U, Lai J: Mechanisms of referred visceral pain: uterine inflammation in the adult virgin rat results in neurogenic plasma extravasation in the skin. Pain 1997;73:309–317. — Tierbefund zu Hautveränderungen im Übertragungsgebiet und den drei möglichen Entstehungswegen.
  • Fang Y, Han S, Li X, Xie Y, Zhu B, Gao X, Ma C: Cutaneous hypersensitivity as an indicator of visceral inflammation via C-nociceptor axon bifurcation. Neurosci Bull 2021;37:45–54. — Tierbefund zu gegabelten Schmerzfasern zwischen Organ und Haut sowie zur Konvergenz im Hinterhorn.
  • Willis WD Jr: Dorsal root potentials and dorsal root reflexes: a double-edged sword. Exp Brain Res 1999;124:395–421. — Übersicht zum Hinterwurzelreflex und zur neurogenen Entzündung.
  • Holey LA, Dixon J: Connective tissue manipulation: a review of theory and clinical evidence. J Bodyw Mov Ther 2014;18(1):112–118. — Grundlage der Einordnung der Bindegewebsmassage als Erklärungsmodell.
  • Giamberardino MA: Referred muscle pain/hyperalgesia and central sensitisation. J Rehabil Med 2003;Suppl 41:85–88. — Grundlage des Modells der Reflexe zur Muskulatur.
  • Roatta S, Windhorst U, Ljubisavljevic M, Johansson H, Passatore M: Sympathetic modulation of muscle spindle afferent sensitivity to stretch in rabbit jaw closing muscles. J Physiol 2002;540:237–248. — Tierbefund zur Muskelspindel.
  • Macefield VG, Sverrisdottir YB, Wallin BG: Resting discharge of human muscle spindles is not modulated by increases in sympathetic drive. J Physiol 2003;551:1005–1011. — Befund am Menschen ohne Spindelveränderung.
  • Hjortskov N, Skotte J, Hye-Knudsen C, Fallentin N: Sympathetic outflow enhances the stretch reflex response in the relaxed soleus muscle in humans. J Appl Physiol 2005;98:1366–1370. — Befund am Menschen mit verstärktem Dehnungsreflex.

Offene Lücken

  • Welche Ursprungssegmente die Haut von Arm und Bein sympathisch versorgen, geben Fachwerke unterschiedlich an. Die Seite nennt deshalb keinen Zahlenbereich. Gray’s Anatomy stand für diese Bearbeitung nicht zur Verfügung. Die Seite bleibt deshalb bei der zahlenfreien Angabe, bis das Werk eingesehen ist.
  • Von Fang et al. 2021 und Willis 1999 wurden nur die Zusammenfassungen eingesehen. Der Abgleich mit den Volltexten steht vor Veröffentlichung aus.
  • Eine Untersuchung, die beim Menschen den Entstehungsweg der Veränderungen im Übertragungsgebiet klärt, wurde nicht gefunden. Ebenso wurde keine Untersuchung gefunden, die Tastbefunde nach Dicke mit gemessenen Gewebedicken vergleicht.

Fachbegriffe

  • Hinterhorn — Eingangsbereich des Rückenmarks für Empfindungen.
  • Nucleus intermediolateralis — Zellsäule im Seitenhorn mit den sympathischen Ursprungszellen, Th1 bis etwa L2.
  • Gegabelte Empfindungsfaser — Nervenfaser, die mit zwei Ästen Organ und Haut zugleich versorgt.
  • Hinterwurzelreflex — Erregung, die vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser zur Haut läuft.
  • Neurogene Entzündung — Schwellung und Rötung durch Botenstoffe aus Nervenenden.
  • Konvergenz — Zusammenlaufen von Fasern aus Organ und Körperoberfläche auf dieselbe Schaltzelle.
  • Vorderhornzellen — Nervenzellen im Vorderhorn, die die Skelettmuskeln erregen.
  • Körperwand — Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ.
  • Muskelspindel — Fühler im Muskel, der die Muskellänge misst.
  • Dehnungsreflex — Muskelzuckung auf plötzliche Dehnung, etwa beim Sehnenklopfen.

Änderungsvermerk

  • Fassung V 0.4: Abschnitt 5.4 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu.
  • Warum: Die Zonen- und Muskelbefunde des Segments sind jetzt nach Entstehungsweg getrennt und belegt; alternative Wege ohne Seitenhorn stehen gleichrangig daneben.
  • Ersetzt: V 0.3.

Verwandte Segmente

Segment S2 · Segment S3 · Segment S5 · Nervus pudendus · Segment S1

Hinweis. Dieser Beitrag dient der fachlichen Information. Er ersetzt keine Untersuchung, Diagnose oder Behandlung durch qualifizierte Fachpersonen. Bei neu aufgetretenen Störungen von Blase oder Mastdarm, verändertem Gefühl im Reithosenbereich, neu aufgetretener Störung der Sexualfunktion oder zunehmender Beinschwäche ist eine sofortige ärztliche Abklärung erforderlich.

Fassung V 0.1. Geändert: Erstfassung der Segmentseite S4 nach dem Elf-Kapitel-Aufbau der Reihe. Grund: Fortführung der Kreuzbeinreihe nach S3. Ersetzt: keine frühere Fassung dieser Datei; eine bestehende Seitenfassung auf nerven.wiki ist vor Veröffentlichung abzugleichen (Abschnitt 11.5).

Segment S4 · V 0.4 · Stand: September 2026. Geändert: Abschnitt 5.4 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu; Quellen, Lücken und Fachbegriffe in Kapitel 11 ergänzt. Warum: Die Entstehung der Zonen- und Muskelbefunde ist jetzt nach Weg getrennt, belegt und um die Wege ohne Seitenhorn ergänzt. Ersetzt: V 0.3 derselben Seite.