Das Segment Th10 liegt dort, wo der Brustkorb nach unten offen wird. Der zehnte Brustwirbel trägt die letzte Rippe des Rippenbogens, und der zehnte Interkostalnerv verlässt den Zwischenrippenraum, um in die Bauchwand einzutreten. Klinisch ist Th10 vor allem als Höhenmarke bekannt: Das Dermatom Th10 liegt in Nabelhöhe. Diese eine Merkregel trägt einen großen Teil der neurologischen Höhenbestimmung am Rumpf — und sie wird zugleich häufig überdehnt.
Inhalt
- 07 Untersuchung
- 08 Behandlungsansätze
- 09 Warnzeichen
- 10 Häufige Fragen
- 11 Grundlage und Quellen
Auf einen Blick
- Zählregel der Brustwirbelsäule: Die Wurzel Th10 verlässt den Wirbelkanal unterhalb des zehnten Brustwirbels, durch das Loch Th10/Th11. Das ist die gleiche Regel wie in der Lende und die umgekehrte zum Hals.
- Drei verschiedene Orte: Wirbel Th10, Rückenmarkssegment Th10 und Spinalnerv Th10 liegen nicht übereinander. Das Rückenmarkssegment Th10 liegt etwa in Höhe des Wirbelkörpers Th7 — rund drei Etagen weiter oben.
- Dermatom: Ein Gürtel in Nabelhöhe. Th10 ist der Bezugspunkt der neurologischen Höhenbestimmung am Rumpf.
- Kein Kennmuskel, kein Eigenreflex: Es gibt für Th10 weder einen einzeln prüfbaren Muskel noch einen Muskeleigenreflex. Prüfbar sind der Bauchhautreflex (Fremdreflex) und das Beevor-Zeichen.
- Die zehnte Rippe ist eine falsche Rippe. Sie erreicht das Brustbein nicht unmittelbar, sondern hängt knorpelig an der neunten. Diese lose Verbindung ist der Grund für das Rippengleitsyndrom.
- Sympathikus: Th10 liegt innerhalb des sympathischen Ursprungsgebiets (Th1 bis L2) und speist den Nervus splanchnicus minor.
- Aber die Richtung zählt: Dass Beschwerden aus Bauchorganen in das Segment Th10 einstrahlen, ist gut belegt. Dass eine Behandlung des Segments umgekehrt ein Organ beeinflusst, ist es nicht.
- Die häufigste übersehene Ursache: Nicht die Bandscheibe, sondern die Bauchwand. Das Einklemmungssyndrom des vorderen Hautasts (ACNES) betrifft die Nerven Th7 bis Th12 und wird regelmäßig für ein Bauchorganleiden gehalten.
- Bandscheibenvorfall: In der Brustwirbelsäule selten. Symptomatische Vorfälle machen unter einem Prozent aller Bandscheibenvorfälle aus.
Kapitel 01
Anatomie des Segments Th10
1.1 Drei Dinge heißen „Th10“
Der Ausdruck bezeichnet drei Strukturen an drei verschiedenen Orten. Wer sie gleichsetzt, landet bei jeder Höhenangabe mehrere Etagen daneben. Das ist am Brustabschnitt kein Randproblem, sondern der häufigste Fehler überhaupt.
- Der Wirbel Th10 — ein Knochen. Sein Dornfortsatz ist von außen tastbar, wenn auch nicht zuverlässig zählbar.
- Das Rückenmarkssegment Th10 — ein Abschnitt des Rückenmarks. [B] Es liegt nicht hinter dem Wirbel Th10, sondern etwa drei Etagen höher, in Höhe des Wirbelkörpers Th7. Grund ist das ungleiche Längenwachstum von Wirbelsäule und Rückenmark.
- Der Spinalnerv Th10 — ein Nerv. Er entsteht aus dem Segment Th10, läuft im Wirbelkanal schräg nach unten und verlässt ihn erst durch das Zwischenwirbelloch Th10/Th11.
| Struktur | Lage | Was eine Schädigung hier bedeutet |
|---|---|---|
| Wirbel Th10 | Höhe des zehnten Brustwirbelkörpers | Bruch, Entzündung, Absiedlung — mechanisches und knöchernes Problem |
| Rückenmarkssegment Th10 | etwa Höhe Wirbelkörper Th7 | Rückenmarksschaden mit Ausfall unterhalb der Läsion, nicht nur in einem Gürtel |
| Spinalnerv Th10 | Zwischenwirbelloch Th10/Th11 | gürtelförmiger Schmerz oder Gefühlsstörung in einem Band, meist einseitig |
| Wirbelkanal in Höhe Wirbel Th10 | hier verlaufen die Rückenmarkssegmente L1 und L2 | eine Raumforderung in dieser Höhe trifft die Steuerung von Hüftbeugung und Beckenorganen, nicht das Th10-Band |
Zur Sprache. „Blockierung des Segments Th10“ meint in aller Regel ein Bewegungssegment. Ein Bewegungssegment besteht immer aus zwei Wirbeln und dem, was dazwischen liegt; es heißt deshalb Th9/Th10 oder Th10/Th11, nie „Th10“. Eine Wurzel heißt Th10. Beide Angaben treffen benachbarte, aber nicht dieselben Dinge.
1.2 Die Zählregel des Brustabschnitts
Von Th1 abwärts bis zum Kreuzbein tritt jede Wurzel unterhalb des gleichnamigen Wirbels aus. Die Wurzel Th10 verlässt den Kanal also durch das Loch zwischen dem zehnten und dem elften Brustwirbel. Am Hals gilt die umgekehrte Regel: Dort tritt die Wurzel oberhalb ihres Namenswirbels aus. Der Wechsel findet an der Wurzel C8 statt, für die es keinen achten Halswirbel gibt. [B]
Warum das hier weniger folgenreich ist als in der Lende. In der Lende entscheidet die Zählregel darüber, welche von zwei Wurzeln ein Bandscheibenvorfall trifft. Im Brustabschnitt sind Bandscheibenvorfälle so selten, dass diese Unterscheidung praktisch kaum vorkommt. Die Zählregel bleibt trotzdem wichtig — für das Lesen von Bildbefunden und für die Verständigung über Höhenangaben.
1.3 Der Wirbel Th10 und seine Rippengelenke
Der zehnte Brustwirbel steht am Übergang von der typischen zur atypischen Bauform. Ein typischer Brustwirbel — Th2 bis Th9 — trägt an jeder Seite des Wirbelkörpers zwei halbe Gelenkflächen, oben und unten, sodass ein Rippenkopf immer zwischen zwei Wirbeln steht. Dazu kommt eine Gelenkfläche am Querfortsatz. [B]
- Bei Th10 verschmelzen die beiden Halbflächen am Wirbelkörper meist zu einer einzigen vollständigen Gelenkfläche. Die zehnte Rippe steht dann nicht mehr zwischen zwei Wirbeln, sondern an einem. [B]
- Ob Th10 am Querfortsatz noch eine Gelenkfläche für die Rippe trägt, wechselt von Mensch zu Mensch. Bei Th11 und Th12 fehlt sie regelhaft. [B]
- Praktische Folge: Die klassischen Rippengelenkbefunde — Druckschmerz über dem Rippenwinkel, Schmerz bei tiefer Einatmung — sind bei Th10 noch zu erwarten, unterhalb davon immer weniger. [I]
Vorn gehört die zehnte Rippe zu den falschen Rippen. Sie erreicht das Brustbein nicht unmittelbar, sondern schließt sich über Knorpel an die neunte Rippe an und bildet mit ihr den unteren Rand des Rippenbogens. Diese Verbindung ist bindegewebig und beweglich, nicht knöchern. [B]
Warum das klinisch zählt. Eine anatomische Untersuchung an Leichen fand die zehnte Rippe in der großen Mehrzahl der Fälle deutlich beweglich, in einem erheblichen Teil sogar ohne feste knorpelige Verbindung zur neunten. Genau darauf beruht das Rippengleitsyndrom — siehe Abschnitt 6.3.
1.4 Beweglichkeit der Etage
Die Brustwirbelsäule ist der steifste Abschnitt der Wirbelsäule. Rippen und Brustbein bilden einen Ring, und die Gelenkflächen stehen annähernd in der Frontalebene. Nach unten hin ändert sich das Verhältnis: Die Drehfähigkeit nimmt ab, die Beugefähigkeit nimmt zu. In der Etage Th10/Th11 ist die Drehung bereits deutlich geringer als im mittleren Brustabschnitt, die Beugung dagegen größer. [B]
Th10 liegt damit am oberen Rand der Zone, in der sich die Bauweise ändert. Der eigentliche Umschlag findet ein bis zwei Etagen tiefer statt, meist an Th12. Th10 gehört noch zum steifen Teil, spürt aber bereits die Kräfte, die von unten kommen. [I]
1.5 Was Beweglichkeitsbefunde bedeuten — und was nicht
Tastbefunde am Brustabschnitt sind wenig verlässlich. Die Übereinstimmung zwischen zwei Untersuchenden bei der Frage, welche Etage sich schlechter bewegt, ist in Untersuchungen zur Segmenthöhenbestimmung durchweg schwach. Ein einzelner Befund „Th10 blockiert“ trägt deshalb keine Diagnose. Er kann ein Hinweis sein, mehr nicht. [I]
Häufige Überdehnung. Aus einem Bewegungsbefund an Th10 wird gelegentlich auf eine Störung der Niere, des Magens oder des Darms geschlossen. Dafür gibt es keine Beleglage. Die belegte Richtung ist die umgekehrte: Ein erkranktes Organ kann Schmerz und Muskelspannung in das zugehörige Segment senden (Abschnitt 4.4).
Kapitel 02
Nervenversorgung des Segments Th10
2.1 Vier Äste, vier Aufgaben
Der Spinalnerv Th10 entsteht aus einer vorderen und einer hinteren Wurzel und teilt sich unmittelbar nach dem Austritt aus dem Zwischenwirbelloch. Er ist danach als solcher nur wenige Millimeter lang. [B]
| Ast | Verlauf | Versorgt |
|---|---|---|
| Ramus dorsalis (hinterer Ast) | zieht nach hinten zwischen die Querfortsätze | die tiefe Rückenmuskulatur der Etage, die Wirbelgelenke Th9/Th10 und Th10/Th11 und die Haut neben der Wirbelsäule |
| Ramus ventralis (vorderer Ast) = Nervus intercostalis X | läuft am Unterrand der zehnten Rippe, verlässt den Zwischenrippenraum am Rippenbogen und tritt in die Bauchwand ein | Zwischenrippenmuskeln, seitliche und vordere Bauchwandmuskeln, das Bauchfell von außen und die Haut des Gürtels |
| Ramus communicans | verbindet den Spinalnerv mit dem Grenzstrang | vegetative Fasern in beide Richtungen — Th10 gehört zum sympathischen Ursprungsgebiet (Kapitel 04) |
| Ramus meningeus (Nervus sinuvertebralis) | tritt in den Wirbelkanal zurück | hinteres Längsband, äußere Bandscheibenschichten, Rückenmarkshäute |
2.2 Der Interkostalnerv Th10 und sein Bauchwandanteil
Der zehnte Interkostalnerv gehört zu den thorakoabdominalen Nerven. Er beginnt im Zwischenrippenraum, verlässt ihn aber am Rippenbogen und läuft dann in der Schicht zwischen dem inneren schrägen und dem queren Bauchmuskel weiter nach vorn und unten. Auf diesem Weg gibt er zwei Hautäste ab. [B]
- Ramus cutaneus lateralis — tritt etwa in der mittleren Achsellinie durch die Muskulatur und versorgt die Haut der seitlichen Rumpfwand. [B]
- Ramus cutaneus anterior — durchbohrt die vordere Blattschicht der Rektusscheide nahe dem seitlichen Rand des geraden Bauchmuskels und versorgt die Haut vorn, bis zur Mittellinie. [B]
Die klinisch wichtigste Engstelle der ganzen Seite. Der vordere Hautast verlässt die Bauchwand durch einen engen bindegewebigen Kanal am Rand des geraden Bauchmuskels. Wird er dort eingeklemmt, entsteht ein umschriebener, sehr heftiger Bauchwandschmerz, der regelmäßig für ein Leiden eines Bauchorgans gehalten wird. Das Bild heißt ACNES — Einklemmungssyndrom des vorderen Hautasts. Siehe Abschnitt 6.2 und das Carnett-Zeichen in Abschnitt 7.3.
2.3 Der hintere Ast
Der hintere Ast teilt sich in einen medialen und einen lateralen Zweig. Der mediale versorgt die tiefe Rückenmuskulatur und die Gelenkkapseln, der laterale zieht durch die Muskulatur zur Haut. Wichtig ist die Gelenkversorgung: Jedes Wirbelgelenk erhält Äste aus zwei Höhen — aus dem eigenen und aus dem darüberliegenden Segment. Ein einzelner Nervenausfall macht ein Gelenk deshalb nicht gefühllos. [B]
Daraus folgt eine praktische Regel: Der Schmerz eines Wirbelgelenks wird nicht dort gespürt, wo das Gelenk liegt, sondern in einem Gebiet, das sich mehrere Zentimeter nach unten und zur Seite verschiebt. Was am unteren Rippenbogen wehtut, kann aus einer Etage weiter oben kommen. [I]
2.4 Engstellen im Verlauf
| Ort | Was dort einengt | Wie sich das äußert |
|---|---|---|
| Zwischenwirbelloch Th10/Th11 | Bandscheibenvorfall, Knochenanbau, Absiedlung, Wirbelbruch | gürtelförmiger Schmerz, einseitig, bei Husten und Pressen stärker |
| Rippengelenke und Rippenwinkel | Gelenkreizung, Rippenbruch, Verwachsungen nach Eingriffen | atemabhängiger, umschrieben tastbarer Schmerz |
| Rippenbogen (Übergang in die Bauchwand) | Gleiten der zehnten Rippe über die neunte | stechender Schmerz am unteren Rippenrand, oft mit Knacken |
| Rand des geraden Bauchmuskels | Einklemmung des vorderen Hautasts im Faszienkanal | punktförmiger Bauchwandschmerz, Carnett-Zeichen positiv |
| Narben nach Bauch- oder Brustkorbeingriffen | Durchtrennung oder Einbindung des Nervs in Narbengewebe | brennender Dauerschmerz im Versorgungsgebiet, oft mit Gefühlsminderung |
Kapitel 03
Muskeln mit Anteilen aus Th10
3.1 Th10 hat keinen Kennmuskel
Ein Kennmuskel ist ein Muskel, der überwiegend aus einer einzigen Wurzel versorgt wird und dessen Schwäche deshalb auf diese Wurzel zeigt. Für Th10 gibt es keinen. Alle Muskeln mit Th10-Anteil erhalten Fasern aus mehreren benachbarten Höhen. Der Ausfall einer einzelnen Brustwurzel bleibt an der Kraft in aller Regel unbemerkt. [B]
Das ist kein Mangel der Untersuchung, sondern eine Eigenschaft der Bauwand: Sie ist eine flächige Muskelplatte, die von vielen Nerven nebeneinander versorgt wird. Erst wenn drei bis fünf benachbarte Wurzeln zugleich ausfallen, wird die Schwäche sichtbar — und dann als Vorwölbung der Bauchwand. [I]
3.2 Was Th10 tatsächlich erreicht
| Muskel | Segmentale Anteile | Aufgabe |
|---|---|---|
| Musculi intercostales externi und interni (10. Zwischenrippenraum) | Th10 | heben und senken die Rippen, spannen den Zwischenrippenraum bei der Atmung |
| Musculus obliquus externus abdominis (schräger äußerer Bauchmuskel) | Th5 bis Th12 | Drehung und Seitneigung des Rumpfes, Bauchpresse |
| Musculus obliquus internus abdominis (schräger innerer Bauchmuskel) | Th7 bis L1 | Drehung zur eigenen Seite, Seitneigung, Bauchpresse |
| Musculus transversus abdominis (querer Bauchmuskel) | Th7 bis Th12 | spannt die Bauchwand quer, wirkt auf den Bauchinnendruck |
| Musculus rectus abdominis (gerader Bauchmuskel), Abschnitt in Nabelhöhe | Th7 bis Th12 | Rumpfbeugung; die Abschnitte zwischen den Zwischensehnen werden getrennt versorgt |
| Musculus serratus posterior inferior | Th9 bis Th12 | zieht die unteren Rippen nach unten und hinten |
| Musculi levatores costarum und subcostales | Th10 und Nachbarn | kleine Rippenheber und -senker, atemunterstützend |
| Tiefe Rückenmuskulatur der Etage (Musculi multifidi, Rotatores) | Th10 über den hinteren Ast | Feinsteuerung und Sicherung der Etage |
3.3 Der eine sichtbare Befund: die Bauchwandvorwölbung
Fallen mehrere benachbarte Brustwurzeln auf einer Seite aus, erschlafft der zugehörige Teil der seitlichen Bauchwand und wölbt sich vor. Das Bild sieht aus wie ein Bruch, ist aber keiner: Die Faszie ist unversehrt, es fehlt lediglich die Muskelspannung. Der Fachausdruck lautet Pseudohernie. Belegte Ursachen sind Gürtelrose, Zuckerkrankheit, Bandscheibenvorfälle des unteren Brustabschnitts, Rippenbrüche und Verletzungen bei Eingriffen. [B]
Warum das hierher gehört. Die Vorwölbung ist der einzige Befund, an dem eine motorische Störung der unteren Brustsegmente von außen zu sehen ist. Wer sie kennt, erspart Betroffenen häufig eine Reihe erfolgloser Untersuchungen des Bauchraums.
3.4 Was sich prüfen lässt
- Bauchhautreflex — ein Fremdreflex. [B] Bestreichen der Bauchhaut von außen zur Mitte löst eine Anspannung der gleichseitigen Bauchmuskeln aus. Der Reflex fehlt auch bei Gesunden häufig, vor allem bei Übergewicht, nach Bauchoperationen und nach Schwangerschaften. Die Etage in Nabelhöhe wird deutschsprachig den Segmenten Th9 bis Th11 zugeordnet; englischsprachige Werke führen meist gar keine mittlere Etage, sondern nur eine obere und eine untere. [I]
- Beevor-Zeichen — bei Schwäche der unteren Bauchmuskeln wandert der Nabel beim Aufrichten aus der Rückenlage nach oben, weil der obere Anteil des geraden Bauchmuskels überwiegt. Das Zeichen wird Läsionen der Wurzeln Th10 bis Th12 oder des Rückenmarks in diesen Segmenten zugeordnet. Bei einseitiger Schwäche wandert der Nabel zur gesunden Seite. [B]
- Beide Prüfungen sind grobe Werkzeuge. Sie zeigen an, dass etwas in einem Höhenbereich nicht stimmt, nicht welches Segment betroffen ist. [I]
3.5 Triggerpunkte — Herkunft und Grenzen
Die Schmerzkarten myofaszialer Triggerpunkte nach Travell und Simons beschreiben für die Bauch- und Zwischenrippenmuskulatur Übertragungsmuster, die sich mit dem Gürtel von Th10 teilweise decken. Diese Karten beruhen auf klinischer Beobachtung, nicht auf anatomischer Vermessung; die Zuverlässigkeit der Punktbestimmung zwischen zwei Untersuchenden ist in Übersichtsarbeiten wiederholt als schwach beschrieben worden. Sie sind hier als historisches Modell aufgeführt, nicht als Beleg. [H]
Kapitel 04
Vegetative Bezüge
4.1 Th10 liegt im Ursprungsgebiet des Sympathikus
Die Vorläuferzellen des Sympathikus liegen im Nucleus intermediolateralis, einer Zellsäule im Seitenhorn des Rückenmarks. Diese Säule reicht von Th1 bis etwa L2. Th10 liegt also mitten darin. Über den weißen Verbindungsast erreichen die Fasern den Grenzstrang. [B]
Ein Teil der Fasern wird dort umgeschaltet, ein anderer läuft ohne Umschaltung hindurch und bildet die Nervi splanchnici — die Eingeweidenerven, die in den Bauchraum ziehen. Th10 speist gemeinsam mit Th11 den Nervus splanchnicus minor, der am Ganglion aorticorenale endet. [B]
| Eingeweidenerv | Herkunft | Ziel |
|---|---|---|
| Nervus splanchnicus major | etwa Th5 bis Th9 | Ganglion coeliacum — Magen, Leber, Milz, Bauchspeicheldrüse, Nebennierenmark |
| Nervus splanchnicus minor | etwa Th10 und Th11 | Ganglion aorticorenale — Niere, Nebenniere, oberer Harnleiter, mittlerer Darmabschnitt |
| Nervus splanchnicus imus | Th12, nicht bei allen Menschen angelegt | Plexus renalis — Niere |
4.2 Wohin diese Fasern reichen — und wohin nicht
- Erreicht werden über den Nervus splanchnicus minor vor allem Niere, Nebenniere und der Darmabschnitt bis etwa zur linken Kolonflexur. [B]
- Nicht erreicht werden aus Th10: die Beckenorgane in ihrer parasympathischen Steuerung. Blasenentleerung, Mastdarmentleerung und Erektion sind parasympathisch aus S2 bis S4 gesteuert. Aus dem Brustabschnitt kommt dorthin nichts. [B]
- Die Katecholamine stammen aus dem Nebennierenmark, und dieses wird überwiegend über den Nervus splanchnicus major aus höheren Segmenten erreicht. Eine Zuschreibung an Th10 allein trägt nicht. [B]
4.3 Der Unterschied zwischen Wurzel und Rückenmark
Vegetative Ausfälle entstehen nicht durch Reizung einer einzelnen Brustwurzel, sondern durch Schädigung des Rückenmarks. Der Grund liegt in der Anatomie: Die vegetativen Bahnen laufen im Rückenmark längs. Eine Querschnittsläsion unterbricht sie; eine Wurzel enthält nur den kleinen Anteil einer Höhe. [B]
Die praktisch wichtigste Folgerung. Treten bei Beschwerden im unteren Brustbereich Blasen- oder Mastdarmstörungen auf, ist das kein Segmentbefund. Es spricht für eine Schädigung des Rückenmarks — und das ist ein Notfall. Siehe Kapitel 09.
Zur autonomen Dysreflexie: Diese gefährliche Blutdruckentgleisung nach Rückenmarksverletzung tritt regelhaft bei Läsionen oberhalb von Th6 auf, weil dann die Steuerung des großen Bauchgefäßgebiets von den übergeordneten Zentren abgeschnitten ist. Th10 liegt unterhalb dieser Schwelle; das Bild ist hier nicht typisch. [B]
4.4 Der belegte Weg: Organ reizt Segment
Die Richtung Organ zu Segment ist gut belegt und seit über hundert Jahren beschrieben. Schmerzfasern aus einem Bauchorgan treten über dieselben Hinterwurzeln in das Rückenmark ein wie Schmerzfasern aus Haut und Muskulatur des zugehörigen Gürtels. Das Gehirn kann die Herkunft nicht unterscheiden und ordnet den Schmerz der Körperwand zu. So entstehen die bekannten Übertragungsmuster: Nierenschmerz in der Flanke, Gallenschmerz unter dem rechten Rippenbogen. [B]
Die Umkehrung trägt nicht. Aus der belegten Richtung wird häufig geschlossen, eine Behandlung des Segments Th10 könne Niere, Nebenniere oder Darm beeinflussen. Für diese Gegenrichtung gibt es in der verwendeten Fachliteratur keine belastbaren Wirksamkeitsnachweise. Solange sie fehlen, bleibt jede solche Aussage eine Hypothese und ist auf dieser Seite als [H] gekennzeichnet.
4.5 Zuflüsse zum Seitenhorn und was daraus folgt
Die sympathischen Ursprungszellen im Nucleus intermediolateralis sind die letzte Umschaltstelle im Rückenmark, bevor ein sympathischer Befehl den Körper erreicht. Sie arbeiten nicht selbstständig. Was sie weitergeben, hängt von drei Zuflüssen ab.
Zufluss aus dem Gehirn. Fünf Zellgruppen versorgen die gesamte sympathische Ausfuhr: der Nucleus paraventricularis des Hypothalamus, die A5-Zellgruppe, die hintere Raphe sowie die vordere seitliche und die vordere mittige verlängerte Medulla. Sie gelten als der beherrschende Zufluss. [B]
Zufluss aus dem eigenen Segment. Schaltzellen in der Nähe der Ursprungszellen leiten Meldungen aus Organen, Haut und Muskeln weiter. Eingeweidefasern erreichen die Ursprungszellen in der Regel nicht unmittelbar, sondern über solche Zwischenzellen. Das ist der Weg, den Kapitel 05 für die Zonen beschreibt. [B]
Zufluss aus anderen Rückenmarkshöhen. Im Tierversuch stammen 8 bis 20 von 100 erregenden Kontakten an den Brust-Ursprungszellen von Schaltzellen des Lendenmarks, die zum Gehprogramm gehören. Der Zufluss ist nach Höhen geordnet. [B]
Was hinausgeht. Die Ursprungszellen des Segments Th10 geben ihre Erregung über die vordere Wurzel und den weißen Verbindungsast an den Grenzstrang ab. Sympathische Wirkungen sind unter anderem: Engstellung der Gefäße, Schweißbildung, Aufrichten der Haare, Wirkungen an inneren Organen und Ausschüttung aus dem Nebennierenmark. Welche davon auf Th10 entfallen, steht oben in diesem Kapitel. [B]
Aus der Verrechnung dieser Zuflüsse folgt zweierlei. Ein Reiz aus einem Organ ist nur ein Eingang unter mehreren und wird mit der Steuerung aus dem Gehirn verrechnet. Und aus einem Befund an der Körperoberfläche lässt sich nicht auf eine einzelne Etage zurückschließen. [I]
Wie stark der Zufluss aus dem Gehirn wiegt, zeigt sich nach einer Querschnittlähmung. Unterhalb der Verletzung gehen die Bahnen aus dem Gehirn zu den Ursprungszellen weitgehend verloren. Blutdruckregelung, Blasen- und Darmsteuerung sind danach gestört, während die Ursprungszellen selbst weiterarbeiten. [B]
Quellen zu diesem Abschnitt
- Strack AM, Sawyer WB, Hughes JH, Platt KB, Loewy AD: A general pattern of CNS innervation of the sympathetic outflow demonstrated by transneuronal pseudorabies viral infections. Brain Res 1989;491:156–162. — Grundlage der fünf Zellgruppen in Hypothalamus und Hirnstamm.
- Llewellyn-Smith IJ: Anatomy of synaptic circuits controlling the activity of sympathetic preganglionic neurons. J Chem Neuroanat 2009;38:231–239. — Grundlage der Zuflüsse aus Gehirn und Rückenmark.
- Chacon C, Nwachukwu CV, Shahsavani N, Cowley KC, Chopek JW: Lumbar V3 interneurons provide direct excitatory synaptic input onto thoracic sympathetic preganglionic neurons. Front Neural Circuits 2023;17:1235181. — Grundlage des Zuflusses aus anderen Rückenmarkshöhen.
- Llewellyn-Smith IJ: Effects of spinal cord injury on synaptic inputs to sympathetic preganglionic neurons. Prog Brain Res 2006;152:11–26. — Grundlage der Aussage zum Verlust der Bahnen aus dem Gehirn nach Querschnittlähmung.
- Wehrwein EA, Orer HS, Barman SM: Overview of the anatomy, physiology, and pharmacology of the autonomic nervous system. Compr Physiol 2016;6:1239–1278. — Grundlage der Aufzählung der sympathischen Wirkungen.
Offene Lücken
- Die Befunde zu den Zuflüssen stammen aus Tierversuchen an Ratten und Mäusen. Zahlen zum Anteil der einzelnen Zuflüsse beim Menschen liegen nicht vor.
- Von den fünf Arbeiten dieses Abschnitts wurden nur die Zusammenfassungen eingesehen. Der Abgleich mit den Volltexten steht vor Veröffentlichung aus.
Kapitel 05
Dermatom, Sklerotom und Reflexzonen
5.1 Das Dermatom Th10
Das Dermatom Th10 ist ein schräg von hinten oben nach vorn unten verlaufender Gürtel, dessen vorderer Anteil in Nabelhöhe liegt. Der Nabel gilt als Bezugspunkt für Th10 und wird in der neurologischen Untersuchung als Höhenmarke des Rumpfes verwendet. [B]
| Höhenmarke | Zugeordnetes Dermatom |
|---|---|
| Brustwarze | Th4 |
| Unterer Rand des Brustbeins | Th6 bis Th7 |
| Rippenbogen | Th8 bis Th9 |
| Nabel | Th10 |
| Mitte zwischen Nabel und Leiste | Th11 |
| Leistenband | Th12 bis L1 |
- Überlappung. Benachbarte Dermatome überschneiden sich stark. Der Ausfall einer einzelnen Brustwurzel führt deshalb häufig zu keiner messbaren Gefühlsstörung. Erst der Ausfall mehrerer benachbarter Wurzeln erzeugt ein sicher abgrenzbares Gebiet. [B]
- Hinten und vorn. Der Gürtel beginnt neben den Dornfortsätzen, läuft über die seitliche Rumpfwand und endet an der Mittellinie des Bauches. Hinterer und vorderer Anteil liegen nicht auf gleicher Höhe: Ein Punkt der Rückenhaut gehört zu einem Segment, das vorn deutlich tiefer erscheint. [B]
- Praktische Folge. Wer die Höhe eines Gürtelrose-Ausschlags am Rücken abliest und daraus vorn auf dieselbe Etage schließt, liegt regelmäßig daneben. [I]
5.2 Reflexe
Für Th10 gibt es keinen Muskeleigenreflex. Prüfbar ist nur der Bauchhautreflex als Fremdreflex (Abschnitt 3.4). Sein Fehlen auf einer Seite kann auf eine Schädigung des Reflexbogens oder auf eine Schädigung der absteigenden Bahnen hinweisen — die Unterscheidung leistet der Reflex allein nicht. [B]
5.3 Sklerotom: die tiefen Gewebe
Zum Versorgungsgebiet von Th10 gehören außer der Haut auch tiefe Strukturen: der Wirbelkörper Th10 mit seiner Knochenhaut, die Bandscheiben Th9/Th10 und Th10/Th11, die Kapseln der Wirbelgelenke dieser Etagen, die Rippengelenke der zehnten Rippe und die zugehörige Muskulatur. [B]
Experimentelle Arbeiten, in denen Wirbelgelenke des Brustabschnitts gezielt gereizt wurden, zeigen: Der ausgelöste Schmerz wird nicht am Ort des Gelenks gespürt, sondern in einem Feld, das ein bis drei Etagen tiefer und seitlich davon liegt. Für Th10 heißt das: Ein Gelenkschmerz dieser Etage kann am unteren Rippenbogen oder in der seitlichen Flanke ankommen. [B]
5.4 Historische Zonenmodelle
Um 1900 beschrieben Henry Head und James Mackenzie unabhängig voneinander Hautfelder, in denen sich Erkrankungen innerer Organe durch Überempfindlichkeit und Muskelspannung bemerkbar machen. Elisabeth Dicke leitete daraus in den 1920er Jahren ein Behandlungsverfahren ab. Die Beobachtung, dass Organschmerz in bestimmte Hautfelder einstrahlt, ist tragfähig und wird bis heute genutzt. Die daraus abgeleiteten Behandlungsansprüche sind es nicht: Die Zonenkarten sind nie mit heutigen Maßstäben überprüft worden, und ihre Grenzen sind zwischen den Autoren uneinheitlich. [H]
Mackenzie ist nicht McKenzie. James Mackenzie (1853 bis 1925) war ein schottischer Internist und beschrieb die reflektorischen Zonen. Robin McKenzie (1931 bis 2013) war ein neuseeländischer Physiotherapeut und entwickelte in den 1970er Jahren ein Behandlungsverfahren aus wiederholten Bewegungen. Die beiden Namen werden in Ratgeberliteratur regelmäßig verwechselt. Sie haben inhaltlich nichts miteinander zu tun.
5.5 „Enterotom“ und „Viszerotom“
Diese Ausdrücke tauchen in Ratgebern und Ausbildungsunterlagen als vermeintliche Gegenstücke zum Dermatom auf. Sie sind in den verwendeten anatomischen Standardwerken nicht geführt. Was sie bezeichnen wollen — die segmentale Zuordnung innerer Organe über ihre Schmerzfasern — ist beschrieben, aber unter anderen Namen und mit weit größerer Streubreite, als die Wortbildung nahelegt. [H]
5.6 Erklärungswege über das Rückenmark
Dieser Abschnitt ordnet ein, auf welchem Weg ein Organreiz Haut, Unterhaut und Muskeln verändern kann. Belegt ist nur ein Teil davon.
Reize aus einem Organ erreichen das Rückenmark über Eingeweidefasern. Diese enden im Hinterhorn, dem Eingangsbereich des Rückenmarks für Empfindungen. Im selben Segment können sie die sympathischen Ursprungszellen im Nucleus intermediolateralis erregen. Diese Zellsäule im Seitenhorn reicht von Th1 bis etwa L2; das Segment Th10 gehört dazu. Über den Grenzstrang steuern diese Zellen unter anderem Hautgefäße und Schweißdrüsen. [B]
Dass sich Unterhaut und Muskeln im Übertragungsgebiet eines Organs messbar verändern, ist beim Menschen gezeigt. Bei Gallensteinen mit Koliken war die Unterhaut im Übertragungsgebiet dicker und der Muskel dünner als auf der Gegenseite. Ohne Koliken fanden sich diese Unterschiede nicht. [B]
Die Autoren dieser Untersuchung vermuten, dass Überempfindlichkeit und Gewebeveränderung auf verschiedenen Wegen entstehen. [I]
Auf welchem Weg die Veränderungen entstehen, ist beim Menschen nicht geklärt. Tierversuche nennen drei Kandidaten: gegabelte Empfindungsfasern, Verschaltungen zwischen Empfindungsfasern im Rückenmark und den sympathischen Reflex über das Seitenhorn. [B]
Gegabelte Empfindungsfaser. Bei Ratten sind Schmerzfasern nachgewiesen, die sich teilen und mit einem Ast die Haut, mit dem anderen ein Organ versorgen. Bei Entzündungen von Dickdarm, Blase oder Magen trat in der Haut Flüssigkeit aus. Im Dickdarmmodell reagierten diese Fasern verstärkt auf Hautreize. [B]
Hinterwurzelreflex. Hier läuft eine Erregung vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser. An deren Ende setzt sie Botenstoffe frei, die eine vom Nerv ausgelöste Schwellung und Rötung hervorrufen, eine neurogene Entzündung. Im Tierversuch erklärt dieser Reflex einen erheblichen Teil der Gelenkschwellung bei Arthritis und der Hautrötung nach Einspritzen von Capsaicin. [B]
Dass einer dieser beiden Wege die Zonen bei Organleiden erzeugt, ist nicht gezeigt. Beide setzen kein Seitenhorn voraus und kämen deshalb in allen Segmenten in Frage. [I]
Konvergenz im Hinterhorn. Fast alle Schaltzellen der zweiten Stufe im Hinterhorn erhalten Eingänge aus den Eingeweiden und zugleich aus Haut und Muskeln. Dieses Zusammenlaufen gilt seit Langem als Grundlage dafür, dass Organschmerz an der Körperoberfläche gespürt wird. [B]
Die Konvergenz erklärt die Überempfindlichkeit einer Zone, für sich allein aber keine tastbare Gewebeveränderung. Welcher der genannten Wege beim Menschen überwiegt, ist offen. [I]
Die Bindegewebsmassage erklärt ihre Zonen mit einer Reflexwirkung über das vegetative Nervensystem, also mit dem Weg über das Seitenhorn. Nachgewiesen ist diese Erklärung nicht, und ob die Tastbefunde nach Dicke den gemessenen Veränderungen entsprechen, ist offen. [I]
Skelettmuskeln werden ausschließlich über die motorischen Vorderhornzellen erregt. Das vegetative Nervensystem, zu dem das Seitenhorn gehört, steuert Eingeweide, Gefäße und Drüsen, aber nicht die Skelettmuskeln. [B]
Ein zweites Modell führt Verspannungen der Körperwand bei Organreiz auf Reflexe über diese Vorderhornzellen zurück. Die Körperwand umfasst Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ. Tierversuche stützen das Modell; beim Menschen ist es nicht gesichert. [I]
Ob der Sympathikus die Muskelspannung beim Menschen unmittelbar verändert, ist ungeklärt. Im Tierversuch veränderte ein Sympathikusreiz die Empfindlichkeit der Muskelspindeln, der Längenfühler im Muskel. Beim Menschen blieb die Spindelentladung in einer Untersuchung unverändert; in einer anderen war der Dehnungsreflex verstärkt. Die Befunde widersprechen sich. [I]
Alle genannten Wege beschreiben die Richtung vom Organ zur Körperwand. Dass eine Behandlung von Haut oder Muskeln über diese Wege ein Organ beeinflusst, ist damit nicht belegt. [H]
Kapitel 06
Beschwerdebilder mit Bezug zu Th10
6.1 Wie häufig ist was
Die Reihenfolge dieser Aufstellung folgt der Häufigkeit, nicht der Bekanntheit. Das ist wichtig, weil die bekannteste Ursache — der Bandscheibenvorfall — im Brustabschnitt zugleich die seltenste ist. [I]
| Ursache | Häufigkeit | Leitbefund |
|---|---|---|
| Muskuläre und gelenkbezogene Beschwerden der Etage | häufig | bewegungs- und atemabhängiger Schmerz, kein Nervenausfall |
| Einklemmung des vorderen Hautasts (ACNES) | häufiger als angenommen | punktförmiger Bauchwandschmerz, Carnett-Zeichen positiv |
| Rippengleitsyndrom der zehnten Rippe | unterschätzt | stechender Schmerz am unteren Rippenrand, Hakengriff positiv |
| Gürtelrose und Nervenschmerz danach | häufig, altersabhängig zunehmend | einseitiger Gürtelschmerz, Bläschen im Dermatom |
| Osteoporotischer Wirbelbruch | im höheren Lebensalter häufig | plötzlicher Schmerz, Klopfschmerz über dem Dorn, Größenverlust |
| Thorakale Radikulopathie bei Zuckerkrankheit | selten | brennender Gürtelschmerz, oft mit Gewichtsverlust, Bauchwandvorwölbung |
| Bandscheibenvorfall Th10/Th11 | sehr selten | Gürtelschmerz, bei mittiger Lage Zeichen einer Rückenmarksschädigung |
| Einstrahlung aus Bauchorganen | muss ausgeschlossen werden | vom Bewegen unabhängiger Schmerz, Begleitzeichen des Organs |
6.2 Das Einklemmungssyndrom des vorderen Hautasts (ACNES)
Der vordere Hautast eines der thorakoabdominalen Nerven Th7 bis Th12 wird beim Durchtritt durch die Rektusscheide eingeklemmt. Es entsteht ein umschriebener, oft sehr heftiger Bauchwandschmerz. Erhebungen aus gastroenterologischen Sprechstunden beziffern den Anteil an chronischen Bauchschmerzen auf ein Zehntel bis ein Drittel der Fälle; unter Menschen, die mit akuten Bauchschmerzen in die Notaufnahme kommen, liegt der Anteil bei etwa zwei Prozent. [B]
- Leitbefund: Der Schmerz lässt sich mit einer Fingerkuppe auf ein Feld von wenigen Quadratzentimetern eingrenzen, meist am seitlichen Rand des geraden Bauchmuskels. [B]
- Carnett-Zeichen: Der Druckschmerz nimmt zu, wenn die Bauchmuskeln angespannt werden. Bei einem Schmerz aus dem Bauchraum nimmt er ab, weil die angespannte Muskulatur das Organ abschirmt. [B]
- Begleitbeschwerden: Etwa die Hälfte der Betroffenen berichtet zusätzlich über Blähgefühl, Übelkeit oder verändertes Stuhlverhalten. Diese Beschwerden führen die Suche regelmäßig in die falsche Richtung. [B]
- Die Verwechslungsgefahr ist erheblich. Ein Schmerz aus Th11 auf der rechten Seite kann wie eine Blinddarmentzündung aussehen, ein Schmerz aus Th10 bis Th12 wie ein Harnleiterstein. [I]
6.3 Das Rippengleitsyndrom
Die achte bis zehnte Rippe erreichen das Brustbein nicht unmittelbar. Ist ihre knorpelige Verbindung untereinander gelockert, gleitet eine Rippenspitze unter die darüberliegende und reizt den dort verlaufenden Zwischenrippennerv. Es entsteht ein stechender Schmerz am unteren Rippenrand, häufig mit einem hör- oder tastbaren Knacken. [B]
Der Untersuchungsgriff heißt Hakengriff: Die Finger werden unter den Rippenbogen gelegt und nach vorn oben gezogen. Wird der bekannte Schmerz dadurch ausgelöst, gilt das als richtungweisend. Bildgebende Verfahren sind meist unauffällig; die Erkennung ist eine Untersuchungsleistung, keine Bildleistung. [B]
6.4 Gürtelrose und Nervenschmerz danach
Die Gürtelrose entsteht durch Wiederaufflammen des Windpocken-Erregers in einem Spinalganglion. Sie ist überwiegend am Rumpf lokalisiert und betrifft in der Regel ein einzelnes Dermatom. Der Ausschlag ist einseitig und überschreitet die Mittellinie nicht. [B]
- Der Schmerz geht dem Ausschlag oft um Tage voraus. In dieser Zeit wird er regelmäßig für ein Herz-, Gallen- oder Nierenleiden gehalten. [B]
- Eine Schwäche der Bauchwand mit sichtbarer Vorwölbung kann als seltene Folge auftreten. Beschrieben ist eine Verdünnung des inneren schrägen und des queren Bauchmuskels bei erhaltener Faszie — also eine Scheinhernie, kein Bruch. [B]
- Der Nervenschmerz nach abgeheilter Gürtelrose ist kein Segmentproblem im mechanischen Sinn und spricht auf manuelle Verfahren nicht an. [I]
Leitlinienstand. Die deutsche Leitlinie zur Gürtelrose (AWMF 013-023) war bis zum 23. Mai 2024 gültig und ist seither abgelaufen; im Leitlinienregister wird sie als abgelaufen geführt. Für die Behandlung ist der aktuelle Stand über die zuständigen Fachgesellschaften zu klären. Diese Seite gibt keine Behandlungsempfehlung.
6.5 Thorakale Radikulopathie bei Zuckerkrankheit
Eine selten erkannte, aber gut beschriebene Ursache brennender Rumpfschmerzen. In einer Fallserie betraf sie überwiegend Männer mittleren Alters, meist die rechte Bauchseite, und erfasste drei bis fünf benachbarte Wurzeln zwischen Th6 und Th12. Häufig besteht zugleich ein deutlicher Gewichtsverlust, der nicht auf eine entgleiste Stoffwechsellage zurückgeht. Der Verlauf ist günstig: Innerhalb von drei bis zwölf Monaten bildet sich das Bild vollständig zurück. [B]
6.6 Der Bandscheibenvorfall des Brustabschnitts
Symptomatische Bandscheibenvorfälle der Brustwirbelsäule sind selten. Sie machen weniger als ein Prozent aller festgestellten Bandscheibenvorfälle aus; die Häufigkeit wird mit etwa einem Fall auf eine Million Menschen im Jahr angegeben. Bei Kernspinuntersuchungen ohne Beschwerden finden sich dagegen in elf bis siebenunddreißig Prozent der Fälle Vorwölbungen — mehr als sieben von zehn thorakalen Vorfällen bleiben stumm. [B]
- Verteilung: Etwa drei Viertel liegen unterhalb der Etage Th7/Th8; die häufigste einzelne Etage ist Th11/Th12. Vorfälle oberhalb von Th3/Th4 sind Einzelfälle. [B]
- Lage: Anders als in der Lende liegen thorakale Vorfälle überwiegend mittig oder mittig-seitlich. Sie treffen deshalb eher das Rückenmark als eine einzelne Wurzel. [B]
- Verkalkung: Ein erheblicher Teil der thorakalen Vorfälle ist verkalkt oder verknöchert. Das ändert die Behandlungslage grundlegend. [B]
Die Folgerung für die Praxis. Weil thorakale Vorfälle meist mittig liegen, ist das führende Warnzeichen nicht der Gürtelschmerz, sondern die Rückenmarkssymptomatik: Gangunsicherheit, Schwäche beider Beine, gesteigerte Reflexe an den Beinen, Blasenstörung. Siehe Kapitel 09.
6.7 Bildbefunde ohne Beschwerden
Verschleißbefunde der Wirbelsäule sind bei Beschwerdefreien häufig und nehmen mit dem Lebensalter regelmäßig zu. Ein Bildbefund in Höhe Th10 belegt deshalb für sich genommen keine Ursache. Er wird erst dann zur Erklärung, wenn Beschwerden, Untersuchung und Bild zusammenpassen. [B]
Kapitel 07
Untersuchung
7.1 Erster Schritt: die Ausschlussfragen
Vor jeder segmentalen Einordnung stehen die Fragen, die andere Ursachen ausschließen. Am unteren Brustabschnitt betrifft das mehr Organe als anderswo. [I]
Vor jeder weiteren Untersuchung zu klären
- Ist der Schmerz von Bewegung und Atmung unabhängig? Dann spricht er eher für eine Ursache im Bauch- oder Brustraum.
- Gibt es Begleitzeichen? Fieber, Gewichtsverlust, Blut im Urin, Übelkeit, Gelbfärbung, Nachtschweiß.
- Besteht eine Krebserkrankung in der Vorgeschichte? Der Brustabschnitt ist der häufigste Ort von Wirbelsäulenabsiedlungen.
- Besteht eine Osteoporose oder eine längere Kortisonbehandlung?
- Gab es einen Sturz oder eine Stauchung?
- Bestehen Zeichen einer Rückenmarksschädigung? Gangunsicherheit, Beinschwäche, Blasenstörung, Reithosengefühl.
7.2 Zweiter Schritt: sehen und tasten
- Sehen: Steht die Bauchwand auf einer Seite vor? Das ist der einzige von außen sichtbare motorische Befund dieser Höhe. [I]
- Höhenbestimmung: Der untere Winkel des Schulterblattes liegt bei aufrechter Haltung etwa in Höhe des siebten Brustwirbels, der Rippenbogen etwa in Höhe des zehnten. Beide Marken streuen erheblich; sie geben eine Region an, keine Etage. [I]
- Klopfschmerz über einem Dornfortsatz spricht bei entsprechender Vorgeschichte für einen Wirbelbruch oder eine Entzündung. Ein fehlender Klopfschmerz schließt beides nicht aus. [B]
- Rippen abtasten: Der Rippenwinkel und der untere Rippenrand werden getrennt geprüft. Ein umschriebener Druckschmerz am Rippenrand lenkt auf das Rippengleitsyndrom. [I]
7.3 Dritter Schritt: die zwei Prüfungen, die hier zählen
| Prüfung | Vorgehen | Bedeutung |
|---|---|---|
| Carnett-Zeichen | Druck auf den schmerzhaftesten Punkt, dann Anspannen der Bauchmuskeln bei gleichem Druck | Schmerz nimmt zu: Ursache in der Bauchwand. Schmerz nimmt ab: Ursache eher im Bauchraum |
| Hakengriff | Finger unter den Rippenbogen legen, nach vorn oben ziehen | Auslösung des bekannten Schmerzes spricht für das Rippengleitsyndrom |
| Bauchhautreflex | Bestreichen der Bauchhaut von außen nach innen, drei Etagen getrennt | einseitiges Fehlen weist auf eine Störung hin, ohne die Höhe zu sichern |
| Beevor-Zeichen | Aufrichten aus der Rückenlage ohne Zuhilfenahme der Arme, Nabel beobachten | Wanderung des Nabels nach oben oder zur Seite zeigt eine Schwäche der unteren Bauchwand |
| Gefühlsprüfung im Gürtel | Vergleich rechts gegen links auf gleicher Höhe, dann Höhe gegen Höhe | Seitenunterschiede sind aussagekräftiger als absolute Angaben |
7.4 Vierter Schritt: Abgrenzung nach außen
| Verwechselt mit | Was dagegen spricht |
|---|---|
| Herzerkrankung | Beschwerden im unteren Brustabschnitt sind selten kardial; bei Druck hinter dem Brustbein, Ausstrahlung in Arm oder Kiefer, Luftnot oder Kaltschweißigkeit hat die Abklärung des Herzens jedoch Vorrang vor jeder segmentalen Überlegung |
| Nieren- oder Harnleiterstein | wellenförmiger, bewegungsunabhängiger Schmerz mit Unruhe; Betroffene liegen nicht still, während sie es bei Bauchwandschmerz meist tun |
| Gallenblase, Magen, Bauchspeicheldrüse | Bezug zu Mahlzeiten, Übelkeit, Begleitbefunde im Labor; Carnett-Zeichen negativ |
| Rippenfell und Lunge | atemabhängiger Schmerz mit Husten, Fieber oder Luftnot; Auskultationsbefund |
| Bauchschlagader | reißender, tiefer Schmerz mit Kreislaufschwäche — Notfall |
| Bauchwandbruch | tastbare Faszienlücke; bei der Scheinhernie fehlt sie |
7.5 Wann Bildgebung sinnvoll ist
- Bei Warnzeichen aus Kapitel 09 — dann unverzüglich. [I]
- Bei Verdacht auf einen Wirbelbruch, bei Osteoporose oder nach einem Sturz. [I]
- Bei Zeichen einer Rückenmarksschädigung — dann Kernspintomographie, nicht Röntgen. [I]
- Nicht sinnvoll ist eine Bildgebung bei bewegungsabhängigen Rückenbeschwerden ohne Warnzeichen. Sie findet dann regelmäßig Verschleißbefunde, die die Beschwerden nicht erklären, und verschiebt die Aufmerksamkeit. [I]
Kapitel 08
Behandlungsansätze
8.1 Was gut belegt ist
- Aufklärung und Beruhigung. Die Erklärung, dass ein Bauchwandschmerz aus einem Nerv der Bauchwand stammt und kein Organleiden ist, beendet in vielen Fällen eine Kette weiterer Untersuchungen. Sie ist Teil der Behandlung, nicht ihre Vorstufe. [B]
- Bewegung und Aktivität. Für Rückenbeschwerden ohne Warnzeichen ist aktives Vorgehen der Schonung überlegen. Die Art der Bewegung ist dabei weniger wichtig als ihre Regelmäßigkeit. [B]
- Örtliche Betäubung beim Einklemmungssyndrom. Die Einspritzung eines örtlichen Betäubungsmittels an den schmerzhaften Punkt dient beim ACNES zugleich der Sicherung der Diagnose und der Behandlung. [B]
8.2 Was plausibel, aber schwächer belegt ist
- Manuelle Verfahren am Brustabschnitt. Sie können kurzfristig Schmerz und Bewegungseinschränkung bessern. Die Belegdichte ist geringer als für Hals- und Lendenabschnitt, und die Wirkung ist kurzfristig. [I]
- Übungen für die Rumpfmuskulatur. Sinnvoll bei muskulärer Beteiligung; ein Beleg für eine überlegene Wirkung eines bestimmten Übungsprogramms fehlt. [I]
- Wärme und Entspannungsverfahren. Nebenwirkungsarm, subjektiv oft hilfreich, ohne belastbaren Nachweis einer über die Schmerzlinderung hinausgehenden Wirkung. [I]
8.3 Was für dieses Segment besonders zu bedenken ist
Vor manueller Behandlung in dieser Höhe
- Osteoporose ausschließen. Der untere Brustabschnitt ist ein bevorzugter Ort osteoporotischer Wirbelbrüche. Kräftige Techniken sind bei bekannter oder vermuteter Osteoporose nicht angezeigt.
- Absiedlungen bedenken. Die Brustwirbelsäule ist der häufigste Ort von Wirbelsäulenabsiedlungen. Bei Krebserkrankung in der Vorgeschichte gilt neuer Rückenschmerz bis zum Beweis des Gegenteils als abklärungsbedürftig.
- Rückenmark bedenken. Thorakale Bandscheibenvorfälle liegen überwiegend mittig. Zeichen einer Rückenmarksschädigung beenden jede manuelle Behandlung.
8.4 Was nicht belegt ist
- Dass eine Behandlung des Segments Th10 Niere, Nebenniere, Magen oder Darm in ihrer Funktion beeinflusst. Für diese Richtung fehlen Wirksamkeitsnachweise. [H]
- Dass sich aus einem Tastbefund an Th10 auf eine Organerkrankung schließen lässt. [H]
- Dass Bindegewebszonen nach Dicke eine Organwirkung entfalten, die über die Schmerzlinderung hinausgeht. [H]
- Diese Aufzählung bedeutet nicht, dass die genannten Verfahren schaden. Sie bedeutet, dass die behauptete Wirkung nicht nachgewiesen ist und deshalb nicht als Tatsache benannt werden darf. [I]
Kapitel 09
Warnzeichen — wann Behandlung unterbleibt
Der untere Brustabschnitt hat mehr ernste Nachbarn als jeder andere Abschnitt der Wirbelsäule: das Rückenmark, das hier ohne Ausweichraum liegt, die häufigste Region für Wirbelsäulenabsiedlungen und ein Hautgebiet, in das Beschwerden aus mehreren Bauchorganen einstrahlen. Die folgenden Zeichen beenden jede manuelle oder übende Behandlung.
Sofort — Notaufnahme, nicht abwarten
- Zeichen einer Rückenmarksschädigung — zunehmende Schwäche beider Beine, Gangunsicherheit, gesteigerte Reflexe an den Beinen, ein Gefühlsniveau am Rumpf, unterhalb dessen alles anders empfunden wird.
- Neu aufgetretene Blasen- oder Mastdarmstörung — Harnverhalt, unbemerkter Urinabgang, fehlender Stuhldrang. Zusammen mit Rückenschmerz ist das ein Notfall.
- Gefühlsstörung im Reithosenbereich — taubes Gefühl an Damm, Oberschenkelinnenseiten oder um den After.
- Reißender, tiefer Rücken- oder Bauchschmerz mit Kreislaufschwäche, besonders bei älteren Menschen mit Bluthochdruck oder Rauchervorgeschichte — Verdacht auf eine Erkrankung der Bauchschlagader.
- Schwerer Rückenschmerz nach Unfall — Sturz aus Höhe, Verkehrsunfall, axiale Stauchung.
- Akuter Bauch — brettharte Bauchdecke, Abwehrspannung, Fieber, Erbrechen.
Zeitnah — ärztliche Abklärung innerhalb weniger Tage
- Bruchverdacht: neuer umschriebener Schmerz mit Klopfschmerz über einem Dornfortsatz bei bekannter Osteoporose, nach längerer Kortisonbehandlung oder im höheren Lebensalter.
- Krebserkrankung in der Vorgeschichte und neuer Rückenschmerz, besonders bei Nacht- oder Ruheschmerz.
- Fieber, Nachtschweiß, ungewollter Gewichtsverlust zusammen mit Rückenschmerz — Verdacht auf Entzündung oder Tumor.
- Neu aufgetretene Vorwölbung der Bauchwand ohne tastbare Faszienlücke — Abklärung auf Nervenschädigung, nicht auf Bruch.
- Einseitiger Gürtelschmerz mit Hautausschlag — Gürtelrose; die Behandlung ist zeitkritisch.
- Flankenschmerz mit Blut im Urin, Fieber oder Übelkeit — Verdacht auf Nieren- oder Harnleitererkrankung.
Kapitel 10
Häufige Fragen
Stimmt es, dass der Nabel auf Höhe Th10 liegt?
Das Dermatom Th10 wird dem Nabel zugeordnet, ja — als Merkhilfe der neurologischen Höhenbestimmung. Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens streuen die Dermatomkarten verschiedener Autoren um ein bis zwei Segmente. Zweitens meint die Angabe die Haut, nicht den Wirbel: Der Wirbel Th10 liegt weit oberhalb des Nabels, etwa in Höhe des unteren Schulterblattwinkels bis knapp darunter. Wer vom Nabel aus auf die Wirbelhöhe schließt, liegt mehrere Etagen daneben.
Im Befund steht „Bandscheibenvorfall Th10/Th11“. Ist die Wurzel Th10 betroffen?
Nicht notwendig — und meistens ist das gar nicht die entscheidende Frage. In der Brustwirbelsäule liegen Vorfälle überwiegend mittig oder mittig-seitlich; sie treffen deshalb eher das Rückenmark als eine einzelne Wurzel. Ein seitlicher Vorfall im Nervenaustrittsloch Th10/Th11 trifft die austretende Wurzel Th10 und macht einen gürtelförmigen Schmerz. Ein mittiger Vorfall derselben Etage engt den Kanal ein — und dort verlaufen in dieser Höhe die Rückenmarkssegmente L1 und L2. Die Folgen betreffen dann die Beine und die Beckenorgane, nicht den Gürtel.
Kann ein blockiertes Segment Th10 meine Verdauung stören?
Belegt ist die umgekehrte Richtung: Ein erkranktes Bauchorgan kann Schmerz und Muskelspannung in das zugehörige Hautgebiet senden. Diese Beobachtung ist über hundert Jahre alt und tragfähig. Für die Gegenrichtung — dass eine Behandlung des Segments die Organfunktion verändert — fehlen in der belegten Fachliteratur Wirksamkeitsnachweise. Es ist anatomisch nicht ausgeschlossen, weil Th10 tatsächlich vegetative Fasern zu Bauchorganen abgibt. Es ist aber nicht nachgewiesen, und der Unterschied zwischen „anatomisch denkbar“ und „nachgewiesen“ ist an dieser Stelle der ganze Punkt.
Ich habe einen sehr genau begrenzten Schmerzpunkt an der Bauchwand. Alle Untersuchungen waren unauffällig. Was kann das sein?
Das ist die Beschreibung, die am besten zum Einklemmungssyndrom des vorderen Hautasts passt. Der Nerv wird beim Durchtritt durch die Bauchmuskelscheide eingeengt; der Schmerz lässt sich mit einer Fingerkuppe eingrenzen. Das entscheidende Untersuchungszeichen heißt Carnett-Zeichen: Nimmt der Druckschmerz beim Anspannen der Bauchmuskeln zu, spricht das für die Bauchwand; nimmt er ab, für den Bauchraum. Erhebungen aus Magen-Darm-Sprechstunden ordnen einem Zehntel bis einem Drittel der chronischen Bauchschmerzen diese Ursache zu. Sie wird regelmäßig übersehen, weil sie in vielen Lehrbüchern fehlt.
Meine Bauchwand steht auf einer Seite vor. Ist das ein Bruch?
Nicht unbedingt. Wenn keine Lücke in der Bauchwandfaszie tastbar ist und die Bildgebung keinen Bruch zeigt, kommt eine Scheinhernie in Betracht: Die Muskulatur erschlafft, weil ihre Nervenversorgung gestört ist. Beschriebene Ursachen sind Gürtelrose, Zuckerkrankheit, Bandscheibenvorfälle des unteren Brustabschnitts, Rippenbrüche und Verletzungen bei Operationen. Die Abgrenzung gehört in ärztliche Hand — vor allem, weil ein echter Bruch anders behandelt wird.
Warum finde ich für Th10 keinen Kennmuskel und keinen Reflex?
Weil kein Muskel überwiegend aus Th10 versorgt wird. Die Bauchwand ist eine flächige Muskelplatte, in die viele Nerven nebeneinander einstrahlen; jeder einzelne trägt nur einen Teil. Erst wenn drei bis fünf benachbarte Wurzeln zugleich ausfallen, wird die Schwäche sichtbar. Aus demselben Grund gibt es keinen Muskeleigenreflex. Prüfbar sind nur der Bauchhautreflex als Fremdreflex und das Beevor-Zeichen — beides grobe Werkzeuge, die eine Region anzeigen, nicht eine Etage.
Ist es normal, dass mein Bauchhautreflex fehlt?
Häufig, ja. Der Bauchhautreflex fehlt auch bei Gesunden regelmäßig — bei Übergewicht, nach Bauchoperationen, nach Schwangerschaften und mit zunehmendem Alter. Aussagekräftig ist deshalb weniger sein Fehlen als ein Seitenunterschied: Wenn er auf einer Seite auslösbar ist und auf der anderen nicht, lohnt sich die weitere Abklärung.
Kapitel 11
Grundlage und Quellen
Verwendet wurden ausschließlich belegte Fachquellen: Standardwerke der Anatomie und der klinischen Neurologie, Originalarbeiten und Übersichten aus begutachteten Fachzeitschriften sowie Leitlinien der Fachgesellschaften mit Angabe ihrer Gültigkeit. Populäre Darstellungen, Webportale, Anbieterseiten und unbelegte Sekundärquellen sind nicht herangezogen worden. Aussagen ohne Deckung in diesen Werken sind im Text als Interpretation [I] oder als Hypothese [H] gekennzeichnet. Wo eine Angabe fehlt, ist die Lücke benannt und nicht durch eine plausible Vermutung ersetzt worden.
11.1 Anatomie und Biomechanik
- Schünke M, Schulte E, Schumacher U: Prometheus. LernAtlas der Anatomie — Bände „Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem“ und „Innere Organe“. Thieme. — Grundlage der Angaben zu Wirbelbau, Rippengelenken, Bauchwandschichten und Nervenverlauf in den Kapiteln 01 bis 03.
- Standring S (Hrsg.): Gray’s Anatomy. The Anatomical Basis of Clinical Practice. Elsevier. — Grundlage der Angaben zu den thorakoabdominalen Nerven, zum Grenzstrang und zu den Nervi splanchnici in den Kapiteln 02 und 04.
- Sobotta: Atlas der Anatomie des Menschen. Elsevier. — Bildgrundlage der topographischen Angaben.
- Rohen JW, Yokochi C, Lütjen-Drecoll E: Anatomie des Menschen. Photographischer Atlas. Schattauer. — Abgleich der Schichtverhältnisse der Bauchwand.
- White AA, Panjabi MM: Clinical Biomechanics of the Spine. Lippincott. — Grundlage der Angaben zu Bewegungsumfängen und zur Änderung der Gelenkflächenstellung in Abschnitt 1.4.
- Bogduk N: Clinical Anatomy of the Lumbar Spine and Sacrum. Elsevier. — Grundlage der Darstellung der Rami dorsales, ihrer medialen und lateralen Äste und des Nervus sinuvertebralis in Abschnitt 2.1 und 2.3.
11.2 Klinik, Untersuchung, Neurologie
- Mumenthaler M, Mattle H: Neurologie. Thieme. — Grundlage der Angaben zu Dermatomen, Reflexen und Wurzelsyndromen.
- Bähr M, Frotscher M: Duus‘ Neurologisch-topische Diagnostik. Thieme. — Grundlage der Angaben zur Höhenverschiebung zwischen Rückenmarkssegment und Wirbel in Abschnitt 1.1.
- Preston DC, Shapiro BE: Electromyography and Neuromuscular Disorders. Elsevier. — Grundlage der Angaben zur elektrophysiologischen Abgrenzung.
- Beitrag zum Beevor-Zeichen in Fortschritte der Neurologie · Psychiatrie (Thieme). — Grundlage der Zuordnung des Zeichens zu den Wurzeln Th10 bis Th12 in Abschnitt 3.4.
11.3 Bauchwandschmerz, Rippen, Nervenengpässe
- Übersichtsarbeiten zum Einklemmungssyndrom des vorderen Hautasts (ACNES) in begutachteten Fachzeitschriften. — Grundlage der Häufigkeitsangaben und der Beschreibung des Carnett-Zeichens in den Abschnitten 6.2 und 7.3.
- Übersichtsarbeit zum Rippengleitsyndrom mit anatomischer Untersuchung der Beweglichkeit der neunten und zehnten Rippe. — Grundlage der Abschnitte 1.3 und 6.3.
- Fallserie zur thorakalen Radikulopathie bei Zuckerkrankheit mit Beschreibung von Seitenbetonung, Segmentzahl und Verlauf. — Grundlage von Abschnitt 6.5.
- Fallserien und Übersichten zur Scheinhernie der Bauchwand nach Gürtelrose, bei Zuckerkrankheit und bei thorakalem Bandscheibenvorfall, mit Angabe der segmentalen Innervation der Bauchwandmuskeln. — Grundlage der Abschnitte 3.3 und 6.4.
11.4 Bandscheibenvorfall des Brustabschnitts
- Übersichtsarbeiten zur Häufigkeit, Höhenverteilung und Verkalkung thorakaler Bandscheibenvorfälle. — Grundlage der Angaben in Abschnitt 6.6: unter einem Prozent aller Vorfälle, etwa ein Fall auf eine Million Menschen im Jahr, drei Viertel unterhalb Th7/Th8, häufigste Etage Th11/Th12, elf bis siebenunddreißig Prozent stumme Befunde in der Kernspintomographie.
- Brinjikji W et al.: Systematische Übersicht zu Bildbefunden der Wirbelsäule bei Beschwerdefreien. American Journal of Neuroradiology. — Grundlage von Abschnitt 6.7.
11.5 Schmerzkarten der Wirbelgelenke
- Dreyfuss P et al.: Reizung thorakaler Wirbelgelenke bei Beschwerdefreien und die daraus entstehenden Schmerzfelder. — Grundlage von Abschnitt 5.3.
- Fukui S et al.: Schmerzkarten nach Reizung von Wirbelgelenken. — Ergänzende Grundlage von Abschnitt 5.3.
11.6 Leitlinien — mit Angabe der Gültigkeit
| Leitlinie | Registernummer | Stand und Gültigkeit |
|---|---|---|
| Diagnostik und Therapie des Zoster und der Postzosterneuralgie | AWMF 013-023 | Stand 24.05.2019, gültig bis 23.05.2024 — abgelaufen. Im Leitlinienregister als abgelaufen geführt. Auf dieser Seite wird deshalb keine Behandlungsempfehlung aus ihr abgeleitet |
| Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose | AWMF 183-001 | Fassung 2023 (Langfassung Version 2.1) liegt vor. Ein Ablaufdatum war über das Register nicht abrufbar — Lücke, vor Veröffentlichung zu prüfen |
| Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz | NVL, AWMF nvl-007 | als Grundlage der Aussagen zu Aktivität statt Schonung und zur Zurückhaltung bei Bildgebung; Gültigkeit vor Veröffentlichung zu prüfen |
11.7 Eingeschränkt verwendete Quellen
- Head H, Mackenzie J: Arbeiten zu den reflektorischen Zonen, um 1900. — Historisch bedeutsam, methodisch nach heutigen Maßstäben nicht überprüfbar. Verwendet als Modell, nicht als Beleg (Abschnitt 5.4). [H]
- Dicke E: Bindegewebsmassage. — Historisches Verfahren; die beanspruchte Organwirkung ist nicht belegt. [H]
- Travell J, Simons D: Myofascial Pain and Dysfunction. — Die Schmerzkarten beruhen auf klinischer Beobachtung; die Zuverlässigkeit der Punktbestimmung ist schwach. Verwendet als Modell (Abschnitt 3.5). [H]
- Nicht verwendet: Webportale, Lexikonseiten, Anbieter- und Praxisseiten, Ausbildungsskripte ohne Quellenangabe sowie Sekundärquellen ohne nachvollziehbaren Beleg.
11.8 Benannte Lücken
- Für die Wirksamkeit manueller Behandlung des unteren Brustabschnitts bei bauchwandbezogenen Beschwerden liegen keine belastbaren Studien vor.
- Für eine Beeinflussung von Nieren-, Nebennieren- oder Darmfunktion durch Behandlung des Segments Th10 liegen keine Wirksamkeitsnachweise vor.
- Das Ablaufdatum der Osteoporose-Leitlinie AWMF 183-001 war über das Leitlinienregister nicht abrufbar.
- Zur Häufigkeit des Rippengleitsyndroms in der Allgemeinbevölkerung liegen keine belastbaren Zahlen vor; die vorhandenen Angaben stammen aus Fallserien.
11.9 Fachbegriffe
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Dermatom | Hautgebiet, das von einer einzelnen Rückenmarkswurzel versorgt wird |
| Sklerotom | tiefe Gewebe — Knochen, Bänder, Gelenkkapseln — derselben Herkunft |
| Ramus dorsalis / ventralis | hinterer und vorderer Ast des Spinalnervs |
| Nervus intercostalis | Zwischenrippennerv, der vordere Ast eines Brustspinalnervs |
| Thorakoabdominale Nerven | die unteren Zwischenrippennerven, die in die Bauchwand übertreten |
| Nervus sinuvertebralis | Ast, der in den Wirbelkanal zurücktritt und dortige Strukturen versorgt |
| Nucleus intermediolateralis | Zellsäule im Rückenmark, aus der die sympathischen Fasern stammen |
| Nervi splanchnici | Eingeweidenerven, die vom Grenzstrang in den Bauchraum ziehen |
| Ganglion aorticorenale | vegetative Schaltstelle an der Bauchschlagader in Nierenhöhe |
| ACNES | Einklemmungssyndrom des vorderen Hautasts eines Bauchwandnervs |
| Carnett-Zeichen | Prüfung zur Unterscheidung von Bauchwand- und Bauchraumschmerz |
| Beevor-Zeichen | Wanderung des Nabels bei Schwäche der unteren Bauchmuskeln |
| Pseudohernie | Vorwölbung der Bauchwand ohne Faszienlücke, durch Nervenschädigung |
| Radikulopathie | Störung einer Nervenwurzel |
| Myelopathie | Schädigung des Rückenmarks |
11.10 Berichtigte Angaben zum Segment Th10
| In Umlauf befindliche Aussage | Richtigstellung |
|---|---|
| Der Wirbel Th10 liege in Nabelhöhe | Der Nabel ist die Marke des Dermatoms Th10. Der Wirbel Th10 liegt weit höher. Haut- und Wirbelhöhe fallen am Rumpf auseinander (Abschnitt 1.1 und 5.1) |
| Rückenmarkssegment und Wirbel gleicher Nummer lägen übereinander | Das Rückenmarkssegment Th10 liegt etwa in Höhe des Wirbelkörpers Th7. Im Wirbelkanal auf Höhe des Wirbels Th10 verlaufen die Segmente L1 und L2 (Abschnitt 1.1) |
| Die Wurzel Th10 trete oberhalb des Wirbels Th10 aus | Das gilt nur am Hals. Ab Th1 tritt jede Wurzel unterhalb ihres gleichnamigen Wirbels aus, hier durch das Loch Th10/Th11 (Abschnitt 1.2) |
| Th10 versorge Magen, Leber und Gallenblase | Diese Organe werden überwiegend über den Nervus splanchnicus major aus etwa Th5 bis Th9 erreicht. Th10 speist den Nervus splanchnicus minor zu Niere, Nebenniere und mittlerem Darmabschnitt (Abschnitt 4.1) |
| Eine Behandlung von Th10 wirke auf Niere oder Verdauung | Belegt ist nur die Gegenrichtung: Organbeschwerden strahlen in das Segment ein. Für die Wirkrichtung Segment zu Organ fehlen Nachweise (Abschnitt 4.4 und 8.4) |
| Th10 steuere die Ausschüttung von Stresshormonen | Die Katecholamine stammen aus dem Nebennierenmark, das überwiegend aus höheren Segmenten über den Nervus splanchnicus major erreicht wird (Abschnitt 4.2) |
| Blasenstörungen seien ein Zeichen einer Th10-Blockierung | Blasen- und Mastdarmstörung sprechen für eine Schädigung des Rückenmarks und sind ein Notfall, kein Segmentbefund (Abschnitt 4.3 und Kapitel 09) |
| Es gebe einen Kennmuskel oder einen Reflex für Th10 | Beides fehlt. Prüfbar sind nur Bauchhautreflex und Beevor-Zeichen, und beide zeigen eine Region an, keine Etage (Abschnitt 3.1 und 3.4) |
| Ein Bandscheibenvorfall sei die naheliegende Ursache thorakaler Gürtelschmerzen | Im Brustabschnitt ist er die seltenste der genannten Ursachen. Häufiger sind Bauchwand, Rippen, Gürtelrose und Wirbelbruch (Abschnitt 6.1 und 6.6) |
| „MacKenzie-Zonen“, Enterotome und Viszerotome als eigenständige Strukturen des Segments | Keine anerkannten anatomischen Begriffe. Die Zonenmodelle nach Head, Mackenzie und Dicke sind als [H] gekennzeichnet; Mackenzie und McKenzie werden ausdrücklich unterschieden (Abschnitt 5.4 und 5.5) |
| Bauchwandvorwölbung sei immer ein Bruch | Ohne Faszienlücke handelt es sich um eine Scheinhernie durch Nervenschädigung. Belegte Ursachen sind Gürtelrose, Zuckerkrankheit, thorakaler Bandscheibenvorfall, Rippenbruch und Operationsfolgen (Abschnitt 3.3) |
11.11 Quellen und Änderungsvermerk zu den neuen Abschnitten
Quellen zu diesem Abschnitt
- Jänig W: Spinal cord integration of visceral sensory systems and sympathetic nervous system reflexes. Prog Brain Res 1986;67:255–277. — Grundlage des Reflexwegs von den Eingeweidefasern zu den sympathischen Ursprungszellen.
- Wehrwein EA, Orer HS, Barman SM: Overview of the anatomy, physiology, and pharmacology of the autonomic nervous system. Compr Physiol 2016;6:1239–1278. — Grundlage der Aussage, dass das vegetative Nervensystem alle Körperteile außer der Skelettmuskulatur steuert.
- Stifani N: Motor neurons and the generation of spinal motor neuron diversity. Front Cell Neurosci 2014;8:293. — Grundlage der Aufgabenteilung zwischen motorischen Vorderhornzellen (Skelettmuskel) und vegetativen Ursprungszellen (glatte Muskulatur, Drüsen).
- Giamberardino MA, Affaitati G, Lerza R, Lapenna D, Costantini R, Vecchiet L: Relationship between pain symptoms and referred sensory and trophic changes in patients with gallbladder pathology. Pain 2005;114:239–249. — Messung von Unterhaut- und Muskeldicke im Übertragungsgebiet beim Menschen.
- Wesselmann U, Lai J: Mechanisms of referred visceral pain: uterine inflammation in the adult virgin rat results in neurogenic plasma extravasation in the skin. Pain 1997;73:309–317. — Tierbefund zu Hautveränderungen im Übertragungsgebiet und den drei möglichen Entstehungswegen.
- Fang Y, Han S, Li X, Xie Y, Zhu B, Gao X, Ma C: Cutaneous hypersensitivity as an indicator of visceral inflammation via C-nociceptor axon bifurcation. Neurosci Bull 2021;37:45–54. — Tierbefund zu gegabelten Schmerzfasern zwischen Organ und Haut sowie zur Konvergenz im Hinterhorn.
- Willis WD Jr: Dorsal root potentials and dorsal root reflexes: a double-edged sword. Exp Brain Res 1999;124:395–421. — Übersicht zum Hinterwurzelreflex und zur neurogenen Entzündung.
- Holey LA, Dixon J: Connective tissue manipulation: a review of theory and clinical evidence. J Bodyw Mov Ther 2014;18(1):112–118. — Grundlage der Einordnung der Bindegewebsmassage als Erklärungsmodell.
- Giamberardino MA: Referred muscle pain/hyperalgesia and central sensitisation. J Rehabil Med 2003;Suppl 41:85–88. — Grundlage des Modells der Reflexe zur Muskulatur.
- Roatta S, Windhorst U, Ljubisavljevic M, Johansson H, Passatore M: Sympathetic modulation of muscle spindle afferent sensitivity to stretch in rabbit jaw closing muscles. J Physiol 2002;540:237–248. — Tierbefund zur Muskelspindel.
- Macefield VG, Sverrisdottir YB, Wallin BG: Resting discharge of human muscle spindles is not modulated by increases in sympathetic drive. J Physiol 2003;551:1005–1011. — Befund am Menschen ohne Spindelveränderung.
- Hjortskov N, Skotte J, Hye-Knudsen C, Fallentin N: Sympathetic outflow enhances the stretch reflex response in the relaxed soleus muscle in humans. J Appl Physiol 2005;98:1366–1370. — Befund am Menschen mit verstärktem Dehnungsreflex.
Offene Lücken
- Welche Ursprungssegmente die Haut von Arm und Bein sympathisch versorgen, geben Fachwerke unterschiedlich an. Die Seite nennt deshalb keinen Zahlenbereich. Gray’s Anatomy stand für diese Bearbeitung nicht zur Verfügung. Die Seite bleibt deshalb bei der zahlenfreien Angabe, bis das Werk eingesehen ist.
- Von Fang et al. 2021 und Willis 1999 wurden nur die Zusammenfassungen eingesehen. Der Abgleich mit den Volltexten steht vor Veröffentlichung aus.
- Eine Untersuchung, die beim Menschen den Entstehungsweg der Veränderungen im Übertragungsgebiet klärt, wurde nicht gefunden. Ebenso wurde keine Untersuchung gefunden, die Tastbefunde nach Dicke mit gemessenen Gewebedicken vergleicht.
Fachbegriffe
- Hinterhorn — Eingangsbereich des Rückenmarks für Empfindungen.
- Nucleus intermediolateralis — Zellsäule im Seitenhorn mit den sympathischen Ursprungszellen, Th1 bis etwa L2.
- Gegabelte Empfindungsfaser — Nervenfaser, die mit zwei Ästen Organ und Haut zugleich versorgt.
- Hinterwurzelreflex — Erregung, die vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser zur Haut läuft.
- Neurogene Entzündung — Schwellung und Rötung durch Botenstoffe aus Nervenenden.
- Konvergenz — Zusammenlaufen von Fasern aus Organ und Körperoberfläche auf dieselbe Schaltzelle.
- Vorderhornzellen — Nervenzellen im Vorderhorn, die die Skelettmuskeln erregen.
- Körperwand — Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ.
- Muskelspindel — Fühler im Muskel, der die Muskellänge misst.
- Dehnungsreflex — Muskelzuckung auf plötzliche Dehnung, etwa beim Sehnenklopfen.
Änderungsvermerk
- Fassung V 0.4: Abschnitt 5.6 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu.
- Fassung V 0.4: Abschnitt 4.5 „Zuflüsse zum Seitenhorn und was daraus folgt“ neu.
- Warum: Die Zonen- und Muskelbefunde des Segments sind jetzt nach Entstehungsweg getrennt und belegt; alternative Wege ohne Seitenhorn stehen gleichrangig daneben.
- Ersetzt: V 0.3.
Verwandte Segmente
Segment Th9 · Segment Th11 · Segment Th12 · Segment L1
Hinweis. Dieser Beitrag dient der fachlichen Information. Er ersetzt keine Untersuchung, Diagnose oder Behandlung durch qualifizierte Fachpersonen. Bei zunehmender Beinschwäche, Gangunsicherheit, neu aufgetretener Blasen- oder Mastdarmstörung, Gefühlsstörung im Reithosenbereich, bei Rückenschmerz nach einem Sturz oder bei bekannter Osteoporose ist eine unverzügliche ärztliche Abklärung erforderlich.
Segment Th10 · V 0.4 · Stand: September 2026. Geändert: Abschnitt 5.6 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu; Abschnitt 4.5 „Zuflüsse zum Seitenhorn und was daraus folgt“ neu; Quellen, Lücken und Fachbegriffe in Kapitel 11 ergänzt. Warum: Die Entstehung der Zonen- und Muskelbefunde ist jetzt nach Weg getrennt, belegt und um die Wege ohne Seitenhorn ergänzt. Ersetzt: V 0.3 derselben Seite.