Th12 ist der Wirbel, an dem die Wirbelsäule ihre Bauweise wechselt. Seine oberen Gelenkflächen sind noch brustwirbelartig gestellt, seine unteren schon lendenwirbelartig — an ihm dreht sich die Bewegungsrichtung um. Der zwölfte Brustnerv trägt als einziger Brustnerv einen eigenen Namen: Nervus subcostalis, weil unter ihm keine dreizehnte Rippe mehr folgt. Und im Wirbelkanal auf dieser Höhe liegt nicht mehr das Segment Th12, sondern das Endstück des Rückenmarks. Diese drei Besonderheiten bestimmen alles Weitere.
Inhalt
- 07 Untersuchung
- 08 Behandlungsansätze
- 09 Warnzeichen
- 10 Häufige Fragen
- 11 Grundlage und Quellen
Auf einen Blick
- Zählregel: Die Wurzel Th12 verlässt den Wirbelkanal unterhalb des zwölften Brustwirbels, durch das Loch Th12/L1.
- Der Übergangswirbel. Th12 ist der häufigste Ort, an dem sich die Ausrichtung der Wirbelgelenke von der Frontal- in die Sagittalebene dreht. Seine oberen und unteren Gelenkpaare stehen dann unterschiedlich.
- Drei verschiedene Orte: Das Rückenmarkssegment Th12 liegt etwa in Höhe des Wirbelkörpers Th9. Im Wirbelkanal hinter dem Wirbel Th12 liegt dagegen bereits das Endstück des Rückenmarks mit den Segmenten L5 und den beginnenden Kreuzbeinsegmenten.
- Deshalb: Eine Schädigung „in Höhe Th12“ ist keine Wurzelstörung, sondern eine Rückenmarksschädigung — das Epiconus-Syndrom. Das ist der wichtigste Punkt dieser Seite.
- Nervus subcostalis: Der einzige Brustnerv mit eigenem Namen. Er läuft unter der zwölften Rippe, quer über den Musculus quadratus lumborum und dann in die Bauchwand.
- Th12 gehört zum Plexus lumbalis. Der Lendennervengeflecht wird aus Th12 bis L4 gebildet; Th12 gibt einen Verbindungsast an den Nervus iliohypogastricus ab.
- Dermatom: Vorn ein Streifen über dem Leistenband, hinten über dem oberen Gesäß. Der hintere Anteil kreuzt den Beckenkamm — Grundlage des thorakolumbalen Übergangssyndroms.
- Sympathikus: Th12 liegt im Ursprungsgebiet (Th1 bis L2) und kann den Nervus splanchnicus imus zur Niere abgeben. Dieser Nerv ist nicht bei allen Menschen angelegt.
- Bruchzone: Th12 liegt in der Mitte des thorakolumbalen Übergangs — der häufigsten Bruchstelle der ganzen Wirbelsäule.
Kapitel 01
Anatomie des Segments Th12
1.1 Drei Dinge heißen „Th12“ — und hier liegt der größte Abstand
Wirbel, Rückenmarkssegment und Spinalnerv tragen denselben Namen und liegen an drei verschiedenen Orten. Bei Th12 ist der Abstand am größten und die Verwechslung am folgenschwersten.
- Der Wirbel Th12 — der letzte Brustwirbel, gebaut als Übergangsstück zwischen zwei Bauweisen.
- Das Rückenmarkssegment Th12 — [B] liegt etwa in Höhe des Wirbelkörpers Th9, also rund drei Etagen oberhalb des gleichnamigen Wirbels.
- Der Spinalnerv Th12 — verlässt den Wirbelkanal durch das Zwischenwirbelloch Th12/L1 und heißt von da an Nervus subcostalis.
Der wichtigste Satz dieser Seite. Im Wirbelkanal auf Höhe des Wirbels Th12 liegt nicht das Segment Th12. Dort liegt das Endstück des Rückenmarks: die Segmente L4 und L5 und der Beginn der Kreuzbeinsegmente. Eine Raumforderung, ein Bruch oder eine Verletzung „in Höhe Th12“ trifft deshalb die Steuerung von Beinen, Blase, Mastdarm und Sexualfunktion — nicht den Gürtel über der Leiste. Der Fachausdruck für dieses Bild lautet Epiconus-Syndrom. Es ist ein Notfall, keine Segmentbeschwerde. Siehe Kapitel 09.
| Struktur | Lage | Was eine Schädigung hier bedeutet |
|---|---|---|
| Wirbel Th12 | zwölfter Brustwirbelkörper | Bruch, Entzündung, Absiedlung — die häufigste Bruchhöhe der Wirbelsäule |
| Rückenmarkssegment Th12 | etwa Höhe Wirbelkörper Th9 | Rückenmarksschaden mit Ausfall unterhalb der Läsion |
| Spinalnerv Th12 (Nervus subcostalis) | Zwischenwirbelloch Th12/L1 | Schmerz und Gefühlsstörung über Leistenband und oberem Gesäß, meist einseitig, ohne sicheren Kraftverlust |
| Wirbelkanal in Höhe Wirbel Th12 | hier liegt der Epiconus — die Segmente L4, L5 und die beginnenden Kreuzbeinsegmente | Schwäche in beiden Beinen, Blasen- und Mastdarmstörung, Reithosengefühl — Notfall |
Zur Sprache. „Blockierung Th12“ meint in aller Regel ein Bewegungssegment. Ein Bewegungssegment besteht immer aus zwei Wirbeln und dem, was dazwischen liegt; es heißt deshalb Th11/Th12 oder Th12/L1, nie „Th12“. Eine Wurzel heißt Th12. Beide Angaben treffen benachbarte, aber nicht dieselben Dinge.
1.2 Der Übergangswirbel
[B] Th12 ist in den meisten Fällen der Wirbel, an dem die Ausrichtung der Wirbelgelenke umschlägt. Seine oberen Gelenkfortsätze sind noch nach Art der Brustwirbel gestellt, annähernd in der Frontalebene; sie lassen Drehung zu. Seine unteren Gelenkfortsätze sind bereits nach Art der Lendenwirbel gestellt, annähernd in der Sagittalebene; sie lassen Beugung und Streckung zu und sperren die Drehung.
- [I] Th12 ist damit der Drehpunkt zwischen zwei Bewegungswelten. Was von oben als Drehung kommt, endet hier; was von unten als Beugung kommt, endet hier ebenfalls.
- [B] Der Ort dieses Umschlags ist nicht bei allen Menschen gleich. Er kann eine Etage höher oder tiefer liegen. Auch ein einzelner Wirbel mit unterschiedlich gestellten Gelenkpaaren auf beiden Seiten kommt vor.
- [B] Der Wirbelkörper Th12 ähnelt in Größe und Form bereits einem Lendenwirbel. Er trägt eine vollständige Gelenkfläche für die zwölfte Rippe und hat kein Rippengelenk am Querfortsatz.
1.3 Die zwölfte Rippe
[B] Die zwölfte Rippe endet frei. Sie erreicht weder das Brustbein noch den Rippenbogen und hat kein Gelenk am Querfortsatz. Ihre Länge schwankt erheblich: Sie kann kräftig ausgebildet sein oder auf einen Stummel verkürzt, in seltenen Fällen fehlt sie ganz.
- [B] An der zwölften Rippe setzen das Zwerchfell und Bandzüge an, über die der Musculus quadratus lumborum verläuft.
- [B] Die zwölfte Rippe kreuzt hinten das Nierenlager. Der Rückstoßraum des Rippenfells reicht in dieser Höhe nach unten. Beides ist bei kräftigem Druck in der Flanke zu bedenken.
- [I] Eine kurze zwölfte Rippe ist eine Normvariante, keine Erkrankung. Sie erklärt aber, warum die Abzählung der Rippen von unten unzuverlässig ist.
1.4 Die Bruchstelle
[B] Der Übergang Th11 bis L2 ist die häufigste Bruchstelle der Wirbelsäule. Zwischen 60 und 75 Prozent aller osteoporotischen Wirbelkörperbrüche liegen hier; bei Unfallbrüchen ist es ebenfalls die Hauptregion. Th12 liegt in der Mitte dieser Zone.
[I] Der Grund ist mechanisch und folgt unmittelbar aus Abschnitt 1.2: Scherkräfte aus einem beweglichen Abschnitt treffen auf einen durch Rippen versteiften. Der Übergangswirbel nimmt diese Kräfte auf, ohne sie ausweichen lassen zu können.
1.5 Beweglichkeit und was Bewegungsbefunde bedeuten
[B] Die Etage Th12/L1 zeigt in Bewegungsuntersuchungen größere Winkel- und Verschiebebewegungen als die beiden Etagen darüber. Sie ist damit die beweglichste des Übergangsbereichs.
[I] Die Übereinstimmung zwischen zwei Untersuchenden bei der Frage, welche Etage sich schlechter bewegt, ist trotzdem schwach. Ein Befund „Th12 blockiert“ trägt keine Diagnose. Er kann ein Hinweis sein — und er ist an dieser Etage vor allem ein Anlass, zuerst nach einem Bruch und nach Zeichen einer Rückenmarksschädigung zu fragen.
Kapitel 02
Nervenversorgung des Segments Th12
2.1 Der Nervus subcostalis
[B] Der vordere Ast des zwölften Brustnervs heißt Nervus subcostalis — „Unterrippennerv“. Der Name rührt daher, dass unter ihm keine dreizehnte Rippe folgt: Er läuft nicht in einem Zwischenrippenraum, sondern unterhalb der letzten Rippe. Sein Weg ist entsprechend anders als der aller übrigen Brustnerven.
- [B] Er verläuft zunächst hinter dem seitlichen Bandbogen des Zwerchfells und quer über den Musculus quadratus lumborum.
- [B] Dann durchbohrt er die hintere Bauchwand und läuft zwischen dem queren und dem inneren schrägen Bauchmuskel nach vorn und unten.
- [B] Er gibt einen Ramus cutaneus lateralis ab, der den Beckenkamm überquert und die Haut über dem oberen, vorderen Gesäßbereich versorgt.
- [B] Er sendet einen Verbindungsast an den Nervus iliohypogastricus und gehört damit zum Plexus lumbalis, der aus Th12 bis L4 gebildet wird.
| Ast | Verlauf | Versorgt |
|---|---|---|
| Ramus dorsalis (hinterer Ast) | zieht nach hinten, sein lateraler Zweig läuft weit nach unten und kreuzt den Beckenkamm | tiefe Rückenmuskulatur, Wirbelgelenke Th11/Th12 und Th12/L1, Haut über dem hinteren Beckenkamm und dem oberen Gesäß |
| Ramus ventralis = Nervus subcostalis | unter der zwölften Rippe, über den Quadratus lumborum, dann in die Bauchwand | Quadratus lumborum (anteilig), Bauchwandmuskeln, Haut über Leistenband und oberem Gesäß |
| Ramus communicans | verbindet den Spinalnerv mit dem Grenzstrang | vegetative Fasern; Th12 kann den Nervus splanchnicus imus abgeben (Kapitel 04) |
| Ramus meningeus (Nervus sinuvertebralis) | tritt in den Wirbelkanal zurück | hinteres Längsband, äußere Bandscheibenschichten, Rückenmarkshäute |
2.2 Der hintere Ast: die Nerven über dem Beckenkamm
[B] Der laterale Zweig des hinteren Astes von Th12 zieht durch die Rückenmuskulatur nach unten und außen und erreicht die Haut über dem hinteren Beckenkamm. Eine anatomische Untersuchung an siebenunddreißig Leichenpräparaten fand die Haut des unteren Rückens in etwa sechs von zehn Fällen aus den lateralen Ästen von Th12 und L1 versorgt, in gut einem Viertel zusätzlich aus L2, im Rest mit einem Anschluss aus L3.
[B] Dieselbe Untersuchung beschreibt, wie der am weitesten innen gelegene dieser Nerven den Beckenkamm durch eine feste knöchern-sehnige Pforte etwa sieben bis acht Zentimeter von der Mittellinie entfernt überquert. In zwei Fällen war der Nerv dort eingeengt.
Warum dieser Abschnitt so ausführlich ist. Er ist die anatomische Grundlage für ein Beschwerdebild, das regelmäßig anderswo gesucht wird: Schmerz über dem Beckenkamm und im oberen Gesäß, der nicht aus dem Kreuz-Darmbein-Gelenk und nicht aus einer Lendenwurzel stammt, sondern aus dem Übergang Th12/L1. Siehe Abschnitt 6.2.
2.3 Der vordere Weg und seine Engstelle
[B] Wie die übrigen unteren Brustnerven gibt der Nervus subcostalis einen vorderen Hautast ab, der die Rektusscheide nahe dem seitlichen Rand des geraden Bauchmuskels durchbohrt. Diese Pforte ist eng.
Einklemmung des vorderen Hautasts. Wird der Nerv hier eingeengt, entsteht ein punktförmiger, oft sehr heftiger Bauchwandschmerz. Ein Schmerz aus Th11 und Th12 verläuft schräg und ähnelt dem Schmerz eines Harnleitersteins. Das Syndrom heißt ACNES; das entscheidende Untersuchungszeichen ist das Carnett-Zeichen (Abschnitt 7.3).
2.4 Engstellen im Verlauf
| Ort | Was dort einengt | Wie sich das äußert |
|---|---|---|
| Wirbelkanal in Höhe Th12 | Bruch, mittiger Bandscheibenvorfall, Raumforderung — hier liegt der Epiconus | beidseitige Beinschwäche, Blasen- und Mastdarmstörung, Reithosengefühl — Notfall |
| Zwischenwirbelloch Th12/L1 | Vorfall im Nervenaustrittsloch, Knochenanbau, Wirbelbruch | Schmerz über Leistenband und oberem Gesäß, ohne sicheren Kraftverlust |
| Wirbelgelenke Th12/L1 | Gelenkreizung im Übergangsbereich | Schmerz, der nicht am Gelenk, sondern am Beckenkamm, in der Flanke oder in der Leiste gespürt wird |
| Pforte am hinteren Beckenkamm, sieben bis acht Zentimeter von der Mittellinie | Einengung des lateralen Hautasts beim Durchtritt | umschriebener Druckschmerz am Beckenkamm, Ausstrahlung ins obere Gesäß |
| Verlauf über den Quadratus lumborum | Vernarbung nach Eingriffen, Bluterguss, Verletzung bei Zugängen zur Niere | brennender Schmerz in Flanke und Leiste, Bauchwandvorwölbung |
| Rand des geraden Bauchmuskels | Einklemmung des vorderen Hautasts | punktförmiger Bauchwandschmerz, Carnett-Zeichen positiv |
Kapitel 03
Muskeln mit Anteilen aus Th12
3.1 Th12 hat keinen Kennmuskel
[B] Kein Muskel wird überwiegend aus Th12 versorgt. Der Musculus quadratus lumborum kommt dem am nächsten, erhält seine Fasern aber aus Th12 bis L4 und lässt sich einzeln kaum prüfen. Ein isolierter Ausfall der Wurzel Th12 bleibt an der Kraft in aller Regel unbemerkt.
3.2 Was Th12 tatsächlich erreicht
| Muskel | Segmentale Anteile | Aufgabe |
|---|---|---|
| Musculus quadratus lumborum | Th12 bis L4 | zieht die zwölfte Rippe nach unten, neigt den Rumpf zur Seite, stabilisiert die Lende |
| Musculus obliquus externus abdominis | Th5 bis Th12 | Drehung und Seitneigung, Bauchpresse |
| Musculus obliquus internus abdominis | Th7 bis L1 | Drehung zur eigenen Seite, Seitneigung, Bauchpresse |
| Musculus transversus abdominis | Th7 bis Th12 | spannt die Bauchwand quer, wirkt auf den Bauchinnendruck |
| Musculus rectus abdominis, unterster Abschnitt | Th7 bis Th12 | Rumpfbeugung; die Abschnitte werden getrennt versorgt |
| Musculus serratus posterior inferior | Th9 bis Th12 | zieht die unteren Rippen nach unten und hinten |
| Musculus pyramidalis | Th12 | kleiner, nicht bei allen Menschen angelegter Muskel vor dem unteren Rectus abdominis |
| Tiefe Rückenmuskulatur der Etage | Th12 über den hinteren Ast | Feinsteuerung und Sicherung des Übergangs |
Nicht aus Th12: das Zwerchfell. Die zwölfte Rippe ist eine Ansatzstelle des Zwerchfells, aber seine Nervenversorgung stammt aus dem Nervus phrenicus und damit aus den Halssegmenten C3 bis C5. Eine Zuschreibung der Zwerchfellsteuerung an Th12 trägt nicht. Ebenso wenig gehört der Musculus psoas major hierher — er wird aus L1 bis L3 versorgt.
3.3 Die Bauchwandvorwölbung
[B] Fallen mehrere benachbarte Wurzeln auf einer Seite aus, erschlafft der zugehörige Teil der Bauchwand und wölbt sich vor, ohne dass eine Faszienlücke besteht. Diese Scheinhernie ist beschrieben nach Gürtelrose, bei Zuckerkrankheit, bei Bandscheibenvorfällen des unteren Brust- und oberen Lendenabschnitts, nach Rippenbrüchen und nach Eingriffen.
[B] Die segmentale Zuordnung der Bauchwandmuskeln erklärt, warum eine Störung in dieser Höhe sichtbar wird: äußerer schräger Bauchmuskel Th5 bis Th12, innerer schräger Bauchmuskel Th7 bis L1, querer Bauchmuskel Th7 bis Th12.
3.4 Was sich prüfen lässt
- [B] Bauchhautreflex, untere Etage. Bestreichen der Bauchhaut unterhalb des Nabels von außen zur Mitte. Der Reflex fehlt auch bei Gesunden häufig. Die untere Etage wird den Segmenten Th11 bis Th12 zugeordnet, nach anderen Darstellungen Th11 bis L1; der gesamte Reflexbogen umfasst Th6 bis Th12. [I]
- [B] Beevor-Zeichen. Wandert der Nabel beim Aufrichten aus der Rückenlage nach oben, ist der untere Anteil des geraden Bauchmuskels geschwächt. Das Zeichen wird Läsionen der Wurzeln Th10 bis Th12 oder des Rückenmarks in diesen Segmenten zugeordnet.
- [I] Seitneigung im Stehen. Eine schwache Seitneigung kann auf den Quadratus lumborum hinweisen, prüft aber Th12 nicht isoliert.
Der Kremasterreflex gehört nicht zu Th12. Er wird über L1 und L2 vermittelt, ist nur bei Männern prüfbar und fehlt schon bei Gesunden häufig. Als Prüfung für Th12 ist er ungeeignet.
3.5 Triggerpunkte — Herkunft und Grenzen
[H] Die Schmerzkarten myofaszialer Triggerpunkte nach Travell und Simons beschreiben für den Quadratus lumborum Übertragungsmuster in Flanke, Beckenkamm und Gesäß, die sich mit dem Gebiet von Th12 weitgehend decken. Die Karten beruhen auf klinischer Beobachtung; die Zuverlässigkeit der Punktbestimmung zwischen zwei Untersuchenden ist wiederholt als schwach beschrieben worden. Sie sind hier als Modell aufgeführt, nicht als Beleg — und die anatomische Erklärung über den hinteren Ast (Abschnitt 2.2) kommt ohne sie aus.
Kapitel 04
Vegetative Bezüge
4.1 Th12 liegt am unteren Rand des sympathischen Ursprungsgebiets
[B] Die Zellsäule, aus der die sympathischen Fasern stammen — der Nucleus intermediolateralis im Seitenhorn des Rückenmarks — reicht von Th1 bis etwa L2. Th12 liegt darin, aber nahe an ihrem unteren Ende. Unterhalb von L2 gibt es keine eigenen sympathischen Ursprungszellen mehr; die Beckenorgane werden sympathisch aus höher gelegenen Segmenten über absteigende Bahnen erreicht.
| Eingeweidenerv | Herkunft | Ziel |
|---|---|---|
| Nervus splanchnicus major | etwa Th5 bis Th9 | Ganglion coeliacum — Magen, Leber, Milz, Bauchspeicheldrüse, Nebennierenmark |
| Nervus splanchnicus minor | etwa Th10 und Th11 | Ganglion aorticorenale — Niere, Nebenniere, oberer Harnleiter, mittlerer Darmabschnitt |
| Nervus splanchnicus imus | Th12 — nicht bei allen Menschen angelegt | Plexus renalis — Niere |
4.2 Wohin diese Fasern reichen — und wohin nicht
- [B] Erreicht wird über den Nervus splanchnicus imus, sofern er angelegt ist, das Nervengeflecht um die Nierengefäße.
- [B] Nicht erreicht werden aus Th12 die parasympathisch gesteuerten Funktionen der Beckenorgane. Blasenentleerung, Mastdarmentleerung und Erektion werden aus S2 bis S4 gesteuert.
- [B] Nicht erreicht werden aus Th12 Magen, Leber und Gallenblase in ihrer Hauptversorgung; diese liegt deutlich höher.
- [I] Weil der Nerv unbeständig ist, sind vegetative Zuschreibungen an Th12 noch zurückhaltender zu behandeln als an den Segmenten darüber.
4.3 Der Unterschied zwischen Wurzel und Rückenmark — hier entscheidend
[B] Vegetative Ausfälle entstehen nicht durch Reizung einer einzelnen Brustwurzel, sondern durch Schädigung des Rückenmarks. An dieser Etage fällt beides räumlich zusammen: Im Wirbelkanal hinter dem Wirbel Th12 liegt der Epiconus — jener Abschnitt des Rückenmarks, in dem die Steuerzentren für Blase, Mastdarm und Sexualfunktion auf engstem Raum liegen.
Die Folgerung. Blasen- oder Mastdarmstörung, Reithosengefühl oder beidseitige Beinbeschwerden bei Beschwerden am thorakolumbalen Übergang sind kein Segmentbefund, sondern ein Notfall. Es besteht der Verdacht auf eine Schädigung von Epiconus oder Conus medullaris. Siehe Kapitel 09.
[B] Zur autonomen Dysreflexie: Diese Blutdruckentgleisung nach Rückenmarksverletzung tritt regelhaft bei Läsionen oberhalb von Th6 auf. Th12 liegt deutlich unterhalb dieser Schwelle; das Bild ist hier nicht typisch.
4.4 Der belegte Weg: Organ reizt Segment
[B] Schmerzfasern aus Niere und Harnleiter treten über dieselben Hinterwurzeln in das Rückenmark ein wie Schmerzfasern aus Haut und Muskulatur der Flanke. Das Gehirn kann die Herkunft nicht unterscheiden und ordnet den Schmerz der Körperwand zu. So entsteht der Flankenschmerz bei Nierenerkrankungen und der schräg zur Leiste ziehende Schmerz bei einem Harnleiterstein — beides Muster, die dem Verlauf von Th11 und Th12 folgen.
Die Umkehrung trägt nicht. Aus dieser belegten Richtung wird geschlossen, eine Behandlung des Segments Th12 könne die Niere beeinflussen. Für diese Gegenrichtung fehlen in der verwendeten Fachliteratur Wirksamkeitsnachweise. Erschwerend kommt hinzu, dass der beteiligte Eingeweidenerv nicht bei allen Menschen angelegt ist. Die Aussage bleibt eine Hypothese und ist als [H] gekennzeichnet.
Kapitel 05
Dermatom, Sklerotom und Reflexzonen
5.1 Das Dermatom Th12
[B] Das Dermatom Th12 hat zwei Anteile, die weit auseinanderliegen und deshalb oft nicht zusammen gedacht werden.
- [B] Vorn: ein schräger Streifen oberhalb und entlang des Leistenbandes, unterhalb des Th11-Gürtels.
- [B] Hinten: über den lateralen Ast des hinteren Astes ein Feld über dem hinteren Beckenkamm und dem oberen Gesäß.
- [I] Folge: Ein und dieselbe Wurzel kann Schmerz in der Leiste und über dem Gesäß erzeugen. Wer nur den vorderen Anteil kennt, ordnet den hinteren einer Lendenwurzel oder dem Kreuz-Darmbein-Gelenk zu.
| Höhenmarke | Zugeordnetes Dermatom |
|---|---|
| Nabel | Th10 |
| Mitte zwischen Nabel und Leiste | Th11 |
| Über dem Leistenband, oberes Gesäß | Th12 |
| Leiste und oberer, innerer Oberschenkel | L1 |
| Oberschenkelvorderseite | L2 und L3 |
5.2 Reflexe
[B] Für Th12 gibt es keinen Muskeleigenreflex. Prüfbar ist die untere Etage des Bauchhautreflexes als Fremdreflex. Der Kremasterreflex gehört zu L1 und L2, nicht zu Th12.
5.3 Sklerotom: die tiefen Gewebe
[B] Zum Versorgungsgebiet von Th12 gehören der Wirbelkörper Th12 mit seiner Knochenhaut, die Bandscheiben Th11/Th12 und Th12/L1, die Kapseln der Wirbelgelenke dieser Etagen, das Gelenk der zwölften Rippe und — über den hinteren Ast — die Knochenhaut am hinteren Beckenkamm.
[B] Experimentelle Reizungen von Wirbelgelenken des Übergangsbereichs erzeugen Schmerzfelder, die deutlich unterhalb der gereizten Etage liegen: in Flanke, Leiste, über dem Beckenkamm und im oberen Gesäß. Für Th12 heißt das: Der Ort des Schmerzes und der Ort der Ursache liegen eine Handbreit oder mehr auseinander.
Was nicht zu Th12 gehört. Das Kreuz-Darmbein-Gelenk wird aus L5 bis S3 versorgt, nicht aus Th12. Dass ein Schmerz über dem Gelenk aus Th12 stammen kann, ändert daran nichts — die Haut darüber und das Gelenk darunter gehören zu verschiedenen Segmenten. Genau diese Überlagerung macht die Zuordnung an dieser Stelle so fehleranfällig.
5.4 Historische Zonenmodelle
[H] Henry Head und James Mackenzie beschrieben um 1900 Hautfelder, in denen sich Erkrankungen innerer Organe durch Überempfindlichkeit und Muskelspannung bemerkbar machen. Elisabeth Dicke leitete daraus in den 1920er Jahren ein Behandlungsverfahren ab. Die zugrunde liegende Beobachtung ist tragfähig; die daraus abgeleiteten Behandlungsansprüche sind nie mit heutigen Maßstäben überprüft worden, und die Zonengrenzen sind zwischen den Autoren uneinheitlich.
Mackenzie ist nicht McKenzie. James Mackenzie (1853 bis 1925), schottischer Internist, beschrieb die reflektorischen Zonen. Robin McKenzie (1931 bis 2013), neuseeländischer Physiotherapeut, entwickelte in den 1970er Jahren ein Verfahren aus wiederholten Bewegungen. Die Namen werden regelmäßig verwechselt; die Sachen haben nichts miteinander zu tun. An dieser Seite kommt eine dritte Verwechslung hinzu: Robert Maigne (1923 bis 2012), französischer Arzt, beschrieb das thorakolumbale Übergangssyndrom — auch er ist keiner der beiden anderen.
5.5 „Enterotom“ und „Viszerotom“
[H] Diese Ausdrücke sind in den verwendeten anatomischen Standardwerken nicht geführt. Was sie bezeichnen wollen — die segmentale Zuordnung innerer Organe über ihre Schmerzfasern — ist beschrieben, aber unter anderen Namen und mit weit größerer Streubreite, als die Wortbildung nahelegt.
Kapitel 06
Beschwerdebilder mit Bezug zu Th12
6.1 Wie häufig ist was
| Ursache | Häufigkeit | Leitbefund |
|---|---|---|
| Beschwerden des thorakolumbalen Übergangs | häufig, oft nicht erkannt | Schmerz am Beckenkamm, in der Flanke oder in der Leiste bei Druckschmerz am Übergang |
| Osteoporotischer Wirbelbruch | im höheren Lebensalter häufig | plötzlicher Schmerz ohne erinnerbaren Anlass, Klopfschmerz über dem Dorn |
| Muskuläre Beschwerden des Quadratus lumborum | häufig | einseitiger Flankenschmerz, verstärkt bei Seitneigung |
| Einklemmung des vorderen Hautasts (ACNES) | häufiger als angenommen | punktförmiger Bauchwandschmerz, Carnett-Zeichen positiv |
| Gürtelrose und Nervenschmerz danach | häufig, altersabhängig zunehmend | einseitiger Gürtelschmerz, Bläschen im Dermatom |
| Unfallbruch am Übergang | die Hauptregion der Wirbelbrüche | Sturz aus Höhe, axiale Stauchung, Verkehrsunfall |
| Bandscheibenvorfall Th12/L1 | selten | meist Zeichen einer Schädigung von Epiconus oder Conus, nicht Gürtelschmerz |
| Thorakale Radikulopathie bei Zuckerkrankheit | selten | brennender Schmerz, Gewichtsverlust, Bauchwandvorwölbung |
| Absiedlung eines Tumors | selten, aber folgenschwer | Nacht- und Ruheschmerz, Krebserkrankung in der Vorgeschichte |
| Einstrahlung aus Niere und Harnleiter | muss ausgeschlossen werden | wellenförmiger, bewegungsunabhängiger Schmerz, Blut im Urin |
6.2 Das thorakolumbale Übergangssyndrom
[B] Die anatomische Grundlage ist belegt und in Abschnitt 2.2 dargestellt: Die lateralen Hautäste der hinteren Äste von Th12 und L1 überqueren den Beckenkamm durch eine feste knöchern-sehnige Pforte etwa sieben bis acht Zentimeter von der Mittellinie entfernt. In anatomischen Untersuchungen wurde der Nerv dort eingeengt gefunden.
[I] Daraus wurde ein Beschwerdebild abgeleitet, das nach dem französischen Arzt Robert Maigne benannt ist. Es wird in zwei Formen beschrieben: eine zentrale, ausgehend von den Wirbelgelenken des Übergangs Th12/L1, und eine periphere, ausgehend von der Einengung des Nervs am Beckenkamm. Beide erzeugen ähnliche Beschwerden und können nebeneinander bestehen.
| Merkmal | Beschreibung | Beleglage |
|---|---|---|
| Schmerzort | Beckenkamm, oberes Gesäß, seitliche Flanke, teils Leiste und oberer Oberschenkel | [I] aus der beschriebenen Nervenanatomie abgeleitet |
| Druckpunkt am Beckenkamm | umschriebener Druckschmerz etwa sieben bis acht Zentimeter von der Mittellinie | [I] in Übersichtsarbeiten als verlässlichstes Zeichen benannt |
| Druckschmerz am Übergang Th12/L1 | Schmerzauslösung durch Druck auf die Wirbelgelenke der Etage | [I] |
| Fehlende Wurzelspannungszeichen | Lasègue-Zeichen und andere Dehnungstests bleiben negativ | [I] |
| Unauffällige Bildgebung | Röntgen und Kernspin zeigen meist keinen erklärenden Befund | [I] |
| Wirksamkeit gezielter Behandlung | in Übersichtsarbeiten beschrieben, aber ohne kontrollierte Studien | [H] Lücke |
Warum das trotzdem hierher gehört. Das Beschwerdebild erklärt eine häufige Beobachtung: Schmerz über dem Beckenkamm und im oberen Gesäß, ohne Befund an Lendenwirbelsäule oder Kreuz-Darmbein-Gelenk. Wer die Möglichkeit kennt, sucht die Ursache eine Etage höher als gewohnt. Wer sie nicht kennt, behandelt weiter an der falschen Stelle.
6.3 Der Wirbelbruch
[B] Th12 liegt in der Mitte der häufigsten Bruchzone der Wirbelsäule. Zwischen 60 und 75 Prozent aller osteoporotischen Wirbelkörperbrüche liegen zwischen Th11 und L2; auch bei Unfallbrüchen ist dies die Hauptregion.
- [B] Ein osteoporotischer Bruch kann ohne erkennbaren Anlass auftreten — beim Husten, beim Anheben einer Tasche, beim Aufrichten aus dem Bett.
- [I] Leitbefunde: plötzlich einsetzender, umschriebener Rückenschmerz, Klopfschmerz über einem Dornfortsatz, Verstärkung beim Aufrichten, Nachlassen im Liegen, später Größenverlust und Rundrückenbildung.
- [B] Beim Unfallbruch dieser Höhe besteht wegen der Lage des Epiconus ein besonderes Risiko für neurologische Ausfälle. Die Untersuchung auf Beinschwäche, Gefühlsstörung und Blasenfunktion gehört deshalb an den Anfang.
6.4 Bandscheibenvorfall und Rückenmark
[B] Thorakale Bandscheibenvorfälle sind selten: unter einem Prozent aller Vorfälle, etwa ein Fall auf eine Million Menschen im Jahr. Sie liegen zu etwa drei Vierteln unterhalb der Etage Th7/Th8, mit Th11/Th12 als häufigster Etage. Anders als in der Lende liegen sie überwiegend mittig und treffen deshalb eher das Rückenmark als eine Wurzel.
Warum Th12/L1 anders zu lesen ist als jede andere Etage. Auf dieser Höhe endet das Rückenmark. Der Conus medullaris liegt bei etwa der Hälfte der Menschen in Höhe des Wirbelkörpers L1, mit einer Streubreite von Th12 bis L2. Eine Raumforderung in Höhe Th12/L1 trifft deshalb das Endstück des Rückenmarks, in dem die Steuerzentren für Blase, Mastdarm und Sexualfunktion auf engstem Raum liegen — nicht eine einzelne Wurzel. Das führende Zeichen ist nicht der Gürtelschmerz, sondern die Blasenstörung.
6.5 Gürtelrose und Nervenschmerz danach
[B] Die Gürtelrose entsteht durch Wiederaufflammen des Windpocken-Erregers in einem Spinalganglion. Sie ist überwiegend am Rumpf lokalisiert, betrifft in der Regel ein einzelnes Dermatom und überschreitet die Mittellinie nicht. Der Schmerz geht dem Ausschlag oft um Tage voraus.
[B] Eine Schwäche der Bauchwand mit sichtbarer Vorwölbung kann als seltene Folge auftreten: Beschrieben ist eine Verdünnung des inneren schrägen und des queren Bauchmuskels bei erhaltener Faszie.
Leitlinienstand. Die deutsche Leitlinie zur Gürtelrose (AWMF 013-023) war bis zum 23. Mai 2024 gültig und ist seither abgelaufen; im Leitlinienregister wird sie als abgelaufen geführt. Für die Behandlung ist der aktuelle Stand über die zuständigen Fachgesellschaften zu klären. Diese Seite gibt keine Behandlungsempfehlung.
6.6 Bildbefunde ohne Beschwerden
[B] Verschleißbefunde der Wirbelsäule sind bei Beschwerdefreien häufig und nehmen mit dem Lebensalter regelmäßig zu. Bei thorakalen Bandscheibenvorfällen ist der Anteil stummer Befunde besonders hoch: In Kernspinuntersuchungen ohne Beschwerden finden sich in elf bis siebenunddreißig Prozent der Fälle Vorwölbungen. Ein Bildbefund in Höhe Th12 belegt für sich genommen keine Ursache.
Kapitel 07
Untersuchung
7.1 Erster Schritt: die Ausschlussfragen
Vor jeder weiteren Untersuchung zu klären
- Bestehen Zeichen einer Schädigung von Epiconus oder Conus? Blasen- oder Mastdarmstörung, Reithosengefühl, beidseitige Beinschwäche. An dieser Etage steht diese Frage an erster Stelle und duldet keinen Aufschub.
- Besteht eine Osteoporose oder eine längere Kortisonbehandlung? Th11 bis L2 ist die häufigste Bruchstelle der Wirbelsäule.
- Gab es einen Sturz oder eine Stauchung?
- Besteht eine Krebserkrankung in der Vorgeschichte?
- Ist der Schmerz von Bewegung unabhängig? Dann spricht er eher für eine Ursache im Bauchraum.
- Gibt es Begleitzeichen? Fieber, Gewichtsverlust, Blut im Urin, Übelkeit, Nachtschweiß.
7.2 Zweiter Schritt: sehen und tasten
- [I] Sehen: Steht die Bauchwand auf einer Seite vor? Besteht ein verstärkter Rundrücken oder ein Größenverlust?
- [B] Klopfschmerz über einem Dornfortsatz spricht bei entsprechender Vorgeschichte für einen Wirbelbruch oder eine Entzündung.
- [I] Der Punkt am Beckenkamm: Druck etwa sieben bis acht Zentimeter seitlich der Mittellinie auf den hinteren Beckenkamm. Ein umschriebener Druckschmerz dort lenkt auf den Übergang Th12/L1, nicht auf die Lendenwirbelsäule.
- [I] Die zwölfte Rippe ist unterschiedlich lang. Die Abzählung der Rippen von unten ist deshalb unzuverlässig.
- [I] Nierenlager: Ein Klopfschmerz in der Flanke gehört zur Abgrenzung gegen Nierenerkrankungen — kräftiger Druck in dieser Region ist wegen der Nachbarschaft von Niere und Rippenfellrückstoßraum nicht angezeigt.
7.3 Dritter Schritt: die Prüfungen, die hier zählen
| Prüfung | Vorgehen | Bedeutung |
|---|---|---|
| Blasen- und Mastdarmfunktion, Reithosengefühl | gezielte Frage nach Harnverhalt, unbemerktem Urinabgang, fehlendem Stuhldrang, Taubheit am Damm | der wichtigste Befund dieser Etage — bei Auffälligkeit sofortige ärztliche Abklärung |
| Reflexe und Kraft der Beine | Patellarsehnen- und Achillessehnenreflex, Zehen- und Fersenstand, Pyramidenbahnzeichen | abgeschwächte oder gesteigerte Reflexe unterhalb der Etage weisen auf eine Rückenmarksbeteiligung |
| Carnett-Zeichen | Druck auf den schmerzhaftesten Punkt, dann Anspannen der Bauchmuskeln bei gleichem Druck | Zunahme: Bauchwand. Abnahme: eher Bauchraum |
| Druckpunkt am hinteren Beckenkamm | punktueller Druck sieben bis acht Zentimeter seitlich der Mittellinie | richtungweisend für das thorakolumbale Übergangssyndrom |
| Bauchhautreflex, untere Etage | Bestreichen unterhalb des Nabels von außen nach innen | einseitiges Fehlen weist auf eine Störung hin, ohne die Höhe zu sichern |
| Gefühlsprüfung Leiste und oberes Gesäß | beide Anteile des Dermatoms getrennt prüfen, Seitenvergleich | der hintere Anteil wird regelmäßig vergessen |
7.4 Vierter Schritt: Abgrenzung nach außen
| Verwechselt mit | Was dagegen spricht |
|---|---|
| Lendenwurzelsyndrom | beim Übergangssyndrom bleiben Dehnungstests negativ, und der Druckpunkt liegt am Beckenkamm, nicht im Verlauf einer Beinwurzel |
| Störung des Kreuz-Darmbein-Gelenks | das Gelenk wird aus L5 bis S3 versorgt; ein Druckschmerz sieben bis acht Zentimeter seitlich der Mittellinie liegt oberhalb davon |
| Hüftgelenkserkrankung | Hüftbewegungen lösen die Beschwerden aus; beim Übergangssyndrom tun sie das nicht |
| Nieren- oder Harnleiterstein | wellenförmiger, bewegungsunabhängiger Schmerz mit Unruhe, Blut im Urin |
| Leistenbruch | tastbare Lücke, Vorwölbung beim Pressen; beim Nervenschmerz fehlt beides |
| Bauchschlagader | reißender, tiefer Schmerz mit Kreislaufschwäche — Notfall |
7.5 Wann Bildgebung sinnvoll ist
- [I] Bei Zeichen einer Schädigung von Epiconus oder Conus — dann unverzüglich und als Kernspintomographie.
- [I] Bei Bruchverdacht, bei Osteoporose oder nach einem Sturz.
- [I] Bei Krebserkrankung in der Vorgeschichte und neuem Rückenschmerz.
- [I] Nicht sinnvoll beim Verdacht auf ein Übergangssyndrom ohne Warnzeichen: Die Bildgebung ist dabei regelhaft unauffällig, und die dabei gefundenen Verschleißbefunde erklären die Beschwerden meist nicht.
Kapitel 08
Behandlungsansätze
8.1 Was gut belegt ist
- [B] Aufklärung und Beruhigung. Die Erklärung, dass ein Schmerz am Beckenkamm aus dem Übergang Th12/L1 stammen kann und weder aus der Bandscheibe noch aus dem Kreuz-Darmbein-Gelenk, beendet häufig eine Kette erfolgloser Behandlungen an der falschen Stelle.
- [B] Bewegung und Aktivität. Für Rückenbeschwerden ohne Warnzeichen ist aktives Vorgehen der Schonung überlegen.
- [B] Örtliche Betäubung beim Einklemmungssyndrom. Die Einspritzung eines örtlichen Betäubungsmittels an den schmerzhaften Punkt dient beim ACNES zugleich der Sicherung der Diagnose und der Behandlung.
8.2 Was plausibel, aber schwächer belegt ist
- [I] Manuelle Verfahren am Übergang Th12/L1. Sie können kurzfristig Schmerz und Bewegungseinschränkung bessern. Die Belegdichte ist geringer als für Hals- und Lendenabschnitt.
- [I] Übungen, die Brust- und Lendenabschnitt wieder aufeinander abstimmen. In Übersichtsarbeiten zum Übergangssyndrom als sinnvoll beschrieben; kontrollierte Studien fehlen.
- [I] Behandlung des Quadratus lumborum. Bei muskulärer Beteiligung sinnvoll; ein Wirksamkeitsnachweis über die Schmerzlinderung hinaus fehlt.
- [I] Wärme und Entspannungsverfahren. Nebenwirkungsarm, subjektiv oft hilfreich, ohne belastbaren Nachweis.
8.3 Was für diese Etage besonders zu bedenken ist
Vor manueller Behandlung an Th12
- Zuerst Epiconus und Conus ausschließen. Blasenstörung, Reithosengefühl oder beidseitige Beinschwäche beenden jede Behandlung und führen zur sofortigen ärztlichen Abklärung.
- Osteoporose ausschließen. Th11 bis L2 ist die häufigste Bruchstelle der Wirbelsäule. Kräftige Techniken sind bei bekannter oder vermuteter Osteoporose nicht angezeigt.
- Absiedlungen bedenken. Bei Krebserkrankung in der Vorgeschichte gilt neuer Rückenschmerz bis zum Beweis des Gegenteils als abklärungsbedürftig.
- Niere und Rippenfell liegen nah. Kräftiger Druck in der Flanke unterhalb der zwölften Rippe ist nicht angezeigt.
8.4 Was nicht belegt ist
- [H] Dass eine Behandlung des Segments Th12 die Nierenfunktion beeinflusst. Der beteiligte Eingeweidenerv ist zudem nicht bei allen Menschen angelegt.
- [H] Dass sich aus einem Tastbefund an Th12 auf eine Organerkrankung schließen lässt.
- [H] Dass Bindegewebszonen nach Dicke eine Organwirkung entfalten, die über die Schmerzlinderung hinausgeht.
- [H] Lücke: Für die Wirksamkeit der beim thorakolumbalen Übergangssyndrom vorgeschlagenen Behandlungen liegen keine kontrollierten Studien vor. Die vorhandenen Arbeiten sind Übersichten und Fallserien.
Kapitel 09
Warnzeichen — wann Behandlung unterbleibt
Th12 ist die Etage mit den ernstesten Nachbarn. Hier endet das Rückenmark, hier bricht die Wirbelsäule am häufigsten, und in dieses Gebiet strahlen Beschwerden aus Niere, Harnleiter und Bauchschlagader ein. Die folgenden Zeichen beenden jede manuelle oder übende Behandlung.
Sofort — Notaufnahme, nicht abwarten
- Neu aufgetretene Blasen- oder Mastdarmstörung — Harnverhalt, unbemerkter Urinabgang, fehlender Stuhldrang. Zusammen mit Rückenschmerz ist das der Leitbefund einer Schädigung von Epiconus oder Conus medullaris. An dieser Etage ist es das wichtigste Zeichen überhaupt.
- Gefühlsstörung im Reithosenbereich — taubes Gefühl an Damm, Oberschenkelinnenseiten oder um den After, auch beim Abwischen bemerkbar.
- Zunehmende Schwäche beider Beine oder rasch fortschreitender Kraftverlust.
- Schwerer Rückenschmerz nach Unfall — Sturz aus Höhe, Verkehrsunfall, axiale Stauchung. Der thorakolumbale Übergang ist die Hauptregion der Unfallbrüche, und das Rückenmarksende liegt unmittelbar daneben.
- Reißender, tiefer Rücken- oder Bauchschmerz mit Kreislaufschwäche, besonders bei älteren Menschen mit Bluthochdruck oder Rauchervorgeschichte — Verdacht auf eine Erkrankung der Bauchschlagader.
- Akuter Bauch — brettharte Bauchdecke, Abwehrspannung, Fieber, Erbrechen.
Zeitnah — ärztliche Abklärung innerhalb weniger Tage
- Bruchverdacht: neuer umschriebener Schmerz mit Klopfschmerz über einem Dornfortsatz bei bekannter Osteoporose, nach längerer Kortisonbehandlung oder im höheren Lebensalter — auch ohne erinnerbaren Anlass.
- Krebserkrankung in der Vorgeschichte und neuer Rückenschmerz, besonders bei Nacht- oder Ruheschmerz.
- Fieber, Nachtschweiß, ungewollter Gewichtsverlust zusammen mit Rückenschmerz.
- Neu aufgetretene Vorwölbung der Bauchwand ohne tastbare Faszienlücke — Abklärung auf Nervenschädigung, nicht auf Bruch.
- Einseitiger Gürtelschmerz mit Hautausschlag — Gürtelrose; die Behandlung ist zeitkritisch.
- Flankenschmerz mit Blut im Urin, Fieber oder Übelkeit — Verdacht auf Nieren- oder Harnleitererkrankung.
Kapitel 10
Häufige Fragen
Im Befund steht „Höhe Th12“. Betrifft das die Wurzel Th12?
Fast nie. Auf Höhe des Wirbels Th12 liegt im Wirbelkanal nicht das Segment Th12, sondern das Endstück des Rückenmarks — die Segmente L4 und L5 und der Beginn der Kreuzbeinsegmente. Eine Raumforderung oder ein Bruch in dieser Höhe trifft deshalb die Steuerung von Beinen, Blase und Mastdarm. Das Segment Th12 selbst liegt rund drei Etagen weiter oben, etwa in Höhe des Wirbelkörpers Th9. Nur ein Vorfall im Nervenaustrittsloch Th12/L1 selbst trifft die Wurzel Th12 — und der macht einen Schmerz über Leistenband und oberem Gesäß, keine Beinbeschwerden.
Ich habe Schmerzen über dem Beckenkamm, aber an der Lendenwirbelsäule wurde nichts gefunden. Kann das von Th12 kommen?
Das ist möglich, und die Anatomie dahinter ist belegt. Der äußere Hautast des hinteren Astes von Th12 zieht weit nach unten und überquert den Beckenkamm durch eine feste knöchern-sehnige Pforte, etwa sieben bis acht Zentimeter von der Mittellinie entfernt. In anatomischen Untersuchungen wurde der Nerv dort eingeengt gefunden. Das daraus abgeleitete Beschwerdebild heißt thorakolumbales Übergangssyndrom. Wichtig ist die Abstufung: Die Anatomie ist belegt, das Beschwerdebild ist gut beschrieben, aber kontrollierte Studien zur Behandlung fehlen. Wer davon spricht, sollte diese Grenze mitnennen.
Warum heißt der zwölfte Brustnerv anders als alle übrigen?
Weil unter ihm keine dreizehnte Rippe folgt. Die Nerven Th1 bis Th11 laufen jeweils in einem Zwischenrippenraum und heißen deshalb Zwischenrippennerven. Der zwölfte läuft unterhalb der letzten Rippe und heißt Nervus subcostalis — Unterrippennerv. Der Name ist keine Formsache: Der Nerv nimmt tatsächlich einen anderen Weg, quer über den Musculus quadratus lumborum, und er ist als einziger Brustnerv am Lendennervengeflecht beteiligt.
Steuert Th12 mein Zwerchfell? Die zwölfte Rippe ist doch eine Ansatzstelle.
Nein. Der Ansatz und die Nervenversorgung sind zwei verschiedene Dinge. Das Zwerchfell wird vom Nervus phrenicus versorgt, der aus den Halssegmenten C3 bis C5 stammt. Das ist entwicklungsgeschichtlich begründet: Das Zwerchfell entsteht weit oben und wandert während der Entwicklung nach unten, seinen Nerv nimmt es mit. Dass es an der zwölften Rippe ansetzt, ändert daran nichts.
Ich bin über siebzig und habe seit gestern plötzlich Rückenschmerzen, ohne gestürzt zu sein. Muss das abgeklärt werden?
Ja. Der Übergang zwischen Th11 und L2 ist die häufigste Bruchstelle der Wirbelsäule; zwischen 60 und 75 Prozent aller osteoporotischen Wirbelkörperbrüche liegen hier. Ein solcher Bruch entsteht häufig ohne erinnerbaren Anlass. Ein plötzlich einsetzender, umschriebener Rückenschmerz in dieser Höhe im höheren Lebensalter gehört deshalb abgeklärt, bevor manuell behandelt wird.
Kann eine Behandlung von Th12 auf meine Niere wirken?
Belegt ist die umgekehrte Richtung: Eine erkrankte Niere oder ein Harnleiterstein sendet Schmerz in Flanke und Leiste, und dieses Muster folgt dem Verlauf von Th11 und Th12. Für die Gegenrichtung fehlen Wirksamkeitsnachweise. Bei Th12 kommt eine Besonderheit hinzu: Der Eingeweidenerv, über den Th12 die Niere überhaupt erreichen könnte — der Nervus splanchnicus imus — ist nicht bei allen Menschen angelegt. Eine Aussage, die für einen Teil der Menschen anatomisch gar nicht zutrifft, taugt nicht als allgemeine Regel.
Warum überlappen sich Th12 und L1 so stark?
Weil beide Nerven denselben Weg nehmen. Der Nervus subcostalis aus Th12 gibt einen Verbindungsast an den Nervus iliohypogastricus aus L1 ab; beide gehören zum Lendennervengeflecht, das aus Th12 bis L4 gebildet wird. Ihre Hautgebiete liegen deshalb unmittelbar nebeneinander und greifen ineinander. Praktisch heißt das: Eine sichere Trennung zwischen Th12 und L1 ist an der Gefühlsprüfung meist nicht zu leisten — und sie ist für die Behandlung in aller Regel auch nicht nötig.
Kapitel 11
Grundlage und Quellen
Verwendet wurden ausschließlich belegte Fachquellen: Standardwerke der Anatomie und der klinischen Neurologie, Originalarbeiten und Übersichten aus begutachteten Fachzeitschriften sowie Leitlinien der Fachgesellschaften mit Angabe ihrer Gültigkeit. Populäre Darstellungen, Webportale, Anbieterseiten und unbelegte Sekundärquellen sind nicht herangezogen worden. Aussagen ohne Deckung in diesen Werken sind als Interpretation [I] oder als Hypothese [H] gekennzeichnet. Wo eine Angabe fehlt, ist die Lücke benannt — das betrifft in diesem Beitrag vor allem die Wirksamkeitsbelege zum thorakolumbalen Übergangssyndrom.
11.1 Anatomie und Biomechanik
- Schünke M, Schulte E, Schumacher U: Prometheus. LernAtlas der Anatomie. Thieme. — Grundlage der Angaben zu Übergangswirbel, zwölfter Rippe, Bauchwandschichten und Nervenverlauf in den Kapiteln 01 bis 03.
- Standring S (Hrsg.): Gray’s Anatomy. The Anatomical Basis of Clinical Practice. Elsevier. — Grundlage der Angaben zum Nervus subcostalis, zum Plexus lumbalis, zum Grenzstrang und zu den Nervi splanchnici in den Kapiteln 02 und 04.
- Sobotta: Atlas der Anatomie des Menschen. Elsevier. — Bildgrundlage der topographischen Angaben, insbesondere zur Lage von Niere und Rippenfellrückstoßraum.
- Rohen JW, Yokochi C, Lütjen-Drecoll E: Anatomie des Menschen. Photographischer Atlas. Schattauer. — Abgleich der Schichtverhältnisse der hinteren Bauchwand.
- White AA, Panjabi MM: Clinical Biomechanics of the Spine. Lippincott. — Grundlage der Angaben zur Änderung der Gelenkflächenstellung und zu den Bewegungsumfängen in Abschnitt 1.2 und 1.5.
- Bogduk N: Clinical Anatomy of the Lumbar Spine and Sacrum. Elsevier. — Grundlage der Darstellung der Rami dorsales, ihrer medialen und lateralen Äste und des Nervus sinuvertebralis in Abschnitt 2.1 und 2.2.
- Lazareth JP, Guérin-Surville H: Anatomische Untersuchung an siebenunddreißig Leichenpräparaten zur Hautversorgung des unteren Rückens durch die lateralen Äste der Rami dorsales von Th12 und L1 sowie zur knöchern-sehnigen Pforte am Beckenkamm. — Grundlage von Abschnitt 2.2 und 6.2.
11.2 Lage von Conus medullaris und Epiconus
- Bähr M, Frotscher M: Duus‘ Neurologisch-topische Diagnostik. Thieme. — Grundlage der Angaben zur Höhenverschiebung zwischen Rückenmarkssegment und Wirbel sowie zur Abgrenzung von Epiconus- und Conus-Syndrom in Abschnitt 1.1 und 4.3.
- Erhebungen an Kernspinaufnahmen zur Lage des Conus medullaris. — Grundlage der Angabe in Abschnitt 6.4: bei etwa der Hälfte der Untersuchten in Höhe des Wirbelkörpers L1, mit einer Streubreite von Th12 bis L2.
11.3 Klinik, Untersuchung, Neurologie
- Mumenthaler M, Mattle H: Neurologie. Thieme. — Grundlage der Angaben zu Dermatomen, Reflexen und Wurzelsyndromen.
- Preston DC, Shapiro BE: Electromyography and Neuromuscular Disorders. Elsevier. — Grundlage der Angaben zur elektrophysiologischen Abgrenzung.
- Beitrag zum Beevor-Zeichen in Fortschritte der Neurologie · Psychiatrie (Thieme). — Grundlage der Zuordnung des Zeichens zu den Wurzeln Th10 bis Th12 in Abschnitt 3.4.
11.4 Thorakolumbales Übergangssyndrom
- Randhawa S, Garvin G, Roth M, Wozniak A, Miller T: Übersichtsarbeit zum Maigne-Syndrom als behandelbare, aber unterdiagnostizierte Ursache von Rückenschmerz. Journal of Back and Musculoskeletal Rehabilitation 2022. — Grundlage der Darstellung in Abschnitt 6.2, einschließlich der Unterscheidung von zentraler und peripherer Form.
- Maigne R: Diagnosis and Treatment of Pain of Vertebral Origin. Williams and Wilkins. — Erstbeschreibung; als historische Quelle geführt und im Text entsprechend gekennzeichnet.
- Anatomische Untersuchungen zur Einengung der oberen Gesäßnerven am Beckenkamm. — Grundlage der Angaben zur Überlagerung beider Bilder in Abschnitt 6.2.
11.5 Bandscheibenvorfall, Häufigkeit, Bildbefunde
- Übersichtsarbeiten zu Häufigkeit, Höhenverteilung und Verkalkung thorakaler Bandscheibenvorfälle. — Grundlage der Angaben in Abschnitt 6.4: unter einem Prozent aller Vorfälle, etwa ein Fall auf eine Million Menschen im Jahr, drei Viertel unterhalb Th7/Th8, häufigste Etage Th11/Th12, elf bis siebenunddreißig Prozent stumme Befunde.
- Brinjikji W et al.: Systematische Übersicht zu Bildbefunden der Wirbelsäule bei Beschwerdefreien. American Journal of Neuroradiology. — Grundlage von Abschnitt 6.6.
- Übersichtsarbeiten zum Einklemmungssyndrom des vorderen Hautasts (ACNES). — Grundlage der Angaben in Abschnitt 2.3 und der Beschreibung des Carnett-Zeichens in Abschnitt 7.3.
- Fallberichte und Übersichten zur Scheinhernie der Bauchwand mit Angabe der segmentalen Innervation der Bauchwandmuskeln. — Grundlage von Abschnitt 3.3.
11.6 Schmerzkarten der Wirbelgelenke
- Dreyfuss P et al.: Reizung thorakaler Wirbelgelenke bei Beschwerdefreien und die daraus entstehenden Schmerzfelder. — Grundlage von Abschnitt 5.3.
- Fukui S et al.: Schmerzkarten nach Reizung von Wirbelgelenken. — Ergänzende Grundlage von Abschnitt 5.3.
11.7 Leitlinien — mit Angabe der Gültigkeit
| Leitlinie | Registernummer | Stand und Gültigkeit |
|---|---|---|
| Diagnostik und Therapie des Zoster und der Postzosterneuralgie | AWMF 013-023 | Stand 24.05.2019, gültig bis 23.05.2024 — abgelaufen. Im Leitlinienregister als abgelaufen geführt. Auf dieser Seite wird keine Behandlungsempfehlung aus ihr abgeleitet |
| Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose | AWMF 183-001 | Fassung 2023 (Langfassung Version 2.1) liegt vor. Ein Ablaufdatum war über das Register nicht abrufbar — Lücke, vor Veröffentlichung zu prüfen |
| Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz | NVL, AWMF nvl-007 | als Grundlage der Aussagen zu Aktivität statt Schonung und zur Zurückhaltung bei Bildgebung; Gültigkeit vor Veröffentlichung zu prüfen |
11.8 Eingeschränkt verwendete Quellen
- [H] Head H, Mackenzie J: Arbeiten zu den reflektorischen Zonen, um 1900. — Historisch bedeutsam, methodisch nach heutigen Maßstäben nicht überprüfbar (Abschnitt 5.4).
- [H] Dicke E: Bindegewebsmassage. — Historisches Verfahren; die beanspruchte Organwirkung ist nicht belegt.
- [H] Travell J, Simons D: Myofascial Pain and Dysfunction. — Schmerzkarten aus klinischer Beobachtung; die Zuverlässigkeit der Punktbestimmung ist schwach (Abschnitt 3.5).
- Nicht verwendet: Webportale, Lexikonseiten, Anbieter- und Praxisseiten, Ausbildungsskripte ohne Quellenangabe sowie Sekundärquellen ohne nachvollziehbaren Beleg.
11.9 Benannte Lücken
- Für die Wirksamkeit der beim thorakolumbalen Übergangssyndrom vorgeschlagenen Behandlungen liegen keine kontrollierten Studien vor. Die vorhandenen Arbeiten sind Übersichten und Fallserien.
- Zur Häufigkeit des Übergangssyndroms in der Allgemeinbevölkerung liegen keine belastbaren Zahlen vor.
- Für eine Beeinflussung der Nierenfunktion durch Behandlung des Segments Th12 liegen keine Wirksamkeitsnachweise vor; zusätzlich ist der beteiligte Eingeweidenerv nicht bei allen Menschen angelegt.
- Das Ablaufdatum der Osteoporose-Leitlinie AWMF 183-001 war über das Leitlinienregister nicht abrufbar.
11.10 Fachbegriffe
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Dermatom | Hautgebiet, das von einer einzelnen Rückenmarkswurzel versorgt wird |
| Sklerotom | tiefe Gewebe — Knochen, Bänder, Gelenkkapseln — derselben Herkunft |
| Übergangswirbel | Wirbel, dessen obere und untere Gelenkflächen unterschiedlich ausgerichtet sind |
| Thorakolumbaler Übergang | Zone zwischen Th11 und L2, in der die Bauweise der Wirbelsäule wechselt |
| Nervus subcostalis | vorderer Ast des zwölften Brustnervs, unterhalb der letzten Rippe |
| Plexus lumbalis | Lendennervengeflecht aus Th12 bis L4 |
| Nervus iliohypogastricus | Nerv aus L1 mit Anteil aus Th12, versorgt Unterbauch und Hüftregion |
| Ramus dorsalis / ventralis | hinterer und vorderer Ast des Spinalnervs |
| Nervus sinuvertebralis | Ast, der in den Wirbelkanal zurücktritt und dortige Strukturen versorgt |
| Nucleus intermediolateralis | Zellsäule im Rückenmark, aus der die sympathischen Fasern stammen |
| Nervus splanchnicus imus | unbeständiger Eingeweidenerv aus Th12 zum Nierengeflecht |
| Conus medullaris | kegelförmiges Ende des Rückenmarks, meist in Höhe des Wirbelkörpers L1 |
| Epiconus | der Abschnitt des Rückenmarks unmittelbar oberhalb des Conus |
| ACNES | Einklemmungssyndrom des vorderen Hautasts eines Bauchwandnervs |
| Carnett-Zeichen | Prüfung zur Unterscheidung von Bauchwand- und Bauchraumschmerz |
| Beevor-Zeichen | Wanderung des Nabels bei Schwäche der unteren Bauchmuskeln |
| Pseudohernie | Vorwölbung der Bauchwand ohne Faszienlücke, durch Nervenschädigung |
| Radikulopathie | Störung einer Nervenwurzel |
| Myelopathie | Schädigung des Rückenmarks |
11.11 Berichtigte Angaben zum Segment Th12
| In Umlauf befindliche Aussage | Richtigstellung |
|---|---|
| Ein Befund „in Höhe Th12“ betreffe das Segment Th12 | Im Wirbelkanal auf Höhe des Wirbels Th12 liegt das Endstück des Rückenmarks — die Segmente L4, L5 und der Beginn der Kreuzbeinsegmente. Das Segment Th12 liegt etwa in Höhe des Wirbelkörpers Th9 (Abschnitt 1.1) |
| Eine Schädigung in Höhe Th12 sei ein Th12-Wurzelsyndrom | Sie ist eine Rückenmarksschädigung — das Epiconus-Syndrom — mit Beinschwäche, Blasen- und Mastdarmstörung. Ein Notfall (Abschnitt 1.1, 4.3 und Kapitel 09) |
| Die Wurzel Th12 trete oberhalb des Wirbels Th12 aus | Das gilt nur am Hals. Ab Th1 tritt jede Wurzel unterhalb ihres gleichnamigen Wirbels aus, hier durch das Loch Th12/L1 (Abschnitt 1.1) |
| Th12 versorge das Zwerchfell, weil dieses an der zwölften Rippe ansetzt | Das Zwerchfell wird vom Nervus phrenicus aus C3 bis C5 versorgt. Ansatz und Nervenversorgung sind zwei verschiedene Dinge (Abschnitt 3.2) |
| Der Musculus psoas major gehöre zu Th12 | Er wird aus L1 bis L3 versorgt. Zu Th12 gehört anteilig der Musculus quadratus lumborum (Th12 bis L4) (Abschnitt 3.2) |
| Der Kremasterreflex prüfe Th12 | Er wird über L1 und L2 vermittelt, ist nur bei Männern prüfbar und fehlt schon bei Gesunden häufig (Abschnitt 3.4 und 5.2) |
| Th12 gehöre nicht zum Lendennervengeflecht | Der Plexus lumbalis wird aus Th12 bis L4 gebildet; der Nervus subcostalis gibt einen Verbindungsast an den Nervus iliohypogastricus ab (Abschnitt 2.1) |
| Das Dermatom Th12 liege nur vorn über der Leiste | Über den lateralen Ast des hinteren Astes gehört auch die Haut über hinterem Beckenkamm und oberem Gesäß dazu (Abschnitt 5.1) |
| Schmerz über dem Beckenkamm komme vom Kreuz-Darmbein-Gelenk | Dieses Gelenk wird aus L5 bis S3 versorgt. Die Haut darüber kann aus Th12 und L1 stammen; die beiden gehören zu verschiedenen Segmenten (Abschnitt 5.3 und 6.2) |
| Eine Behandlung von Th12 wirke auf die Niere | Belegt ist nur die Gegenrichtung. Zudem ist der Nervus splanchnicus imus nicht bei allen Menschen angelegt (Abschnitt 4.4 und 8.4) |
| Das Maigne-Syndrom sei eine gesicherte Diagnose mit belegter Behandlung | Die anatomische Grundlage ist belegt, das Beschwerdebild gut beschrieben; kontrollierte Studien zur Behandlung fehlen. Die Abstufung wird ausdrücklich benannt (Abschnitt 6.2 und 8.4) |
| Maigne, Mackenzie und McKenzie seien dieselbe Person oder dieselbe Schule | Drei verschiedene Personen mit drei verschiedenen Gegenständen. Die Unterscheidung steht in Abschnitt 5.4 |
| „MacKenzie-Zonen“, Enterotome und Viszerotome als eigenständige Strukturen des Segments | Keine anerkannten anatomischen Begriffe. Die Zonenmodelle sind als [H] gekennzeichnet (Abschnitt 5.4 und 5.5) |
Verwandte Segmente
Segment Th11 · Segment L1 · Segment Th10 · Segment L2
Hinweis. Dieser Beitrag dient der fachlichen Information. Er ersetzt keine Untersuchung, Diagnose oder Behandlung durch qualifizierte Fachpersonen. Bei neu aufgetretener Blasen- oder Mastdarmstörung, Gefühlsstörung im Reithosenbereich, zunehmender Beinschwäche oder bei Rückenschmerz nach einem Sturz beziehungsweise bei bekannter Osteoporose ist eine unverzügliche ärztliche Abklärung erforderlich.
V 0.2 — Geändert: untere Reflexetage auf die Einheitsfassung der Reihe umgestellt, beide Lesarten (Th11 bis Th12 und Th11 bis L1) genannt, Grenzangabe von [B] auf [I] gesetzt (Abschnitt 3.4). Warum: die Seite führte allein die Lesart mit L1, während Th6, Th8 und Th9 allein die Lesart bis Th12 führten. Ersetzt: V 0.1 dieser Seite.
V 0.1