Das Segment Th2 ist das erste Segment, das vollständig zum Rumpf gehört. Sein vorderer Ast zieht nicht mehr in das Armgeflecht, sondern als zweiter Zwischenrippennerv um den Brustkorb. Trotzdem meldet sich Th2 am Arm: Sein seitlicher Hautast, der N. intercostobrachialis, versorgt die Achselhöhle und die Innenseite des Oberarms. Er ist der Nerv, der bei Eingriffen in der Achselhöhle am häufigsten verletzt wird. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt dieser Seite: Die häufigste Störung des Segments Th2 entsteht nicht an der Wirbelsäule, sondern im Operationsgebiet der Achsel.
Inhalt
Auf einen Blick
- Austritt: Der Spinalnerv Th2 verlässt den Wirbelkanal durch das Zwischenwirbelloch Th2/Th3. Ab Th1 tritt jeder Nerv unterhalb seines gleichnamigen Wirbels aus — an der Halswirbelsäule ist es umgekehrt. [B]
- Vorderer Ast: Er wird zum zweiten Zwischenrippennerv (N. intercostalis II). Ein regelhafter Anteil am Armgeflecht besteht nicht — anders als bei Th1. [B]
- Der Nerv, der Th2 kenntlich macht: Der N. intercostobrachialis zweigt als seitlicher Hautast im zweiten Zwischenrippenraum ab und versorgt Achselhöhle und Innenseite des Oberarms. Er ist in rund 99 Prozent der Achselhöhlen vorhanden, sein Verlauf schwankt jedoch erheblich. [B]
- Kennpunkt: die Kuppe der Achselhöhle. So führt ihn der internationale Untersuchungsstandard für Rückenmarksverletzungen (ISNCSCI). [B]
- Kein Kennmuskel, kein Reflex: Th2 versorgt keinen Muskel, der sich einzeln prüfen ließe, und hat keinen Eigenreflex. Die Untersuchung stützt sich auf das Gefühl und auf die Tastuntersuchung von Rippe und Wirbelgelenk. [B]
- Der Sprung im Hautgebiet: Auf der vorderen Brustwand grenzt das Th2-Gebiet unmittelbar an das von C4. Die Segmente C5 bis Th1 liegen dazwischen — aber am Arm, nicht am Rumpf. Wer am Rumpf durchzählt, verfehlt die Höhe um fünf Etagen. [B]
- Vegetativ ein Schlüsselsegment: Th2 ist eines der obersten Segmente mit vorgeschalteten sympathischen Fasern. Über den Grenzstrang erreichen sie Kopf, Arm und Herz. Das unterscheidet Th2 grundlegend von allen Hals- und allen unteren Lendensegmenten. [B]
- Häufigste Störung: nicht das Wurzelsyndrom, sondern die Schädigung des N. intercostobrachialis bei einer Operation in der Achselhöhle. [B]
- Wichtigste Abgrenzung: Brustschmerz mit Ausstrahlung in Achsel oder Arm ist bis zum Beweis des Gegenteils ein Fall für die Herzdiagnostik, nicht für die Segmentbehandlung (siehe Kapitel 09).
Kapitel 01
Anatomie des Segments Th2
Die Brustwirbelsäule ist der am wenigsten bewegliche Abschnitt der Wirbelsäule. Der Brustkorb schient sie. Genau das prägt das Segment Th2: Es ist knöchern gut geführt, seine Bandscheibe ist niedrig, und Bandscheibenvorfälle sind hier eine Seltenheit. Die Beschwerden dieses Segments kommen deshalb meist von anderen Strukturen als von der Bandscheibe.
1.1 Drei Bedeutungen von „Th2“
Der Ausdruck „Th2“ steht für drei verschiedene Dinge. Sie liegen nicht auf gleicher Höhe, und das Verwechseln dieser drei Bedeutungen ist die häufigste Fehlerquelle bei Höhenangaben an der Brustwirbelsäule.
- Der Wirbel Th2 — der zweite Brustwirbel. Er trägt die zweite Rippe mit und ist der Bezugspunkt jeder Höhenangabe im Bildbefund.
- Das Rückenmarkssegment Th2 — der Abschnitt des Rückenmarks, aus dem die Wurzelfäden des zweiten Brustnervs hervorgehen. Es liegt nicht in Höhe des Wirbels Th2, sondern etwa eine bis zwei Etagen höher. In der oberen Brustwirbelsäule beträgt der Versatz rund zwei Segmente; er nimmt nach unten weiter zu. [B]
- Der Spinalnerv Th2 — er entsteht im Zwischenwirbelloch zwischen Th2 und Th3 und ist die klinisch entscheidende Größe. Alles, was über „Th2-Beschwerden“ gesagt wird, betrifft ihn.
Warum der Versatz praktisch zählt. Eine Raumforderung in Höhe des Wirbelkörpers Th2 trifft das Rückenmark auf Höhe der Segmente Th3 bis Th4. Sie erzeugt daher nicht ein Th2-Bild, sondern eine Querschnittsymptomatik unterhalb dieser Höhe. Die Wurzel Th2 selbst wird nur im Zwischenwirbelloch Th2/Th3 oder unmittelbar davor getroffen. [B]
1.2 Die Zählregel
An der Halswirbelsäule verlässt jeder Nerv den Kanal oberhalb des gleichnamigen Wirbels. C8 hat keinen gleichnamigen Wirbel und tritt zwischen C7 und Th1 aus. Ab Th1 kehrt sich die Regel um: Jeder Nerv tritt unterhalb seines gleichnamigen Wirbels aus. Der Spinalnerv Th2 verlässt den Kanal daher durch das Foramen Th2/Th3. [B]
| Ort des Befundes | Getroffene Wurzel | Erläuterung |
|---|---|---|
| Foramen Th2/Th3 | Th2 | Der Austrittsort der Wurzel Th2. Enge entsteht hier vor allem durch das Rippenköpfchen und die Gelenkfortsätze, seltener durch Bandscheibengewebe |
| Etage Th1/Th2, seitlich im Zwischenwirbelloch | Th1 | Zum Vergleich: die austretende Wurzel dieser Etage. Ein Befund dieser Höhe erzeugt Beschwerden an Unterarminnenseite und Hand, nicht am Rumpf |
| Etage Th1/Th2 oder Th2/Th3, breitbasig nach hinten | Rückenmark, nicht einzelne Wurzel | Hier liegt das Rückenmark unmittelbar dahinter und der Kanal ist eng. Ein solcher Befund erzeugt Zeichen einer Rückenmarksschädigung, siehe Kapitel 09 |
| „Bandscheibenvorfall Th2“ ohne Angabe der Etage | unbestimmt | Eine Höhenangabe ohne Nennung beider Wirbel ist an der Brustwirbelsäule nicht verwertbar |
1.3 Der Wirbel Th2 und sein Bewegungssegment
Th2 ist ein typischer Brustwirbel mit einer Besonderheit: Er liegt noch im Übergang von der Hals- zur Brustwirbelsäule. Die Gelenkflächen richten sich hier von der schrägen Halsstellung in die annähernd senkrechte, frontale Stellung der Brustwirbelsäule aus. Diese Stellung begrenzt Beugung und Streckung und begünstigt die Drehung. [B]
- Bandscheibe Th2/Th3 — sie gehört zu den niedrigsten der Wirbelsäule. Das Verhältnis von Bandscheibenhöhe zu Wirbelkörperhöhe ist hier kleiner als in jedem anderen Abschnitt. Entsprechend gering ist der Bewegungsausschlag je Etage. [B]
- Wirbelgelenke Th2/Th3 — ihre Flächen stehen annähernd frontal und leicht nach hinten geneigt. Sie erlauben Drehung, bremsen aber das Gleiten nach vorn.
- Rippen-Wirbel-Gelenke — die zweite Rippe verbindet sich über zwei Gelenke mit der Wirbelsäule: mit den Wirbelkörpern Th1 und Th2 (Articulatio capitis costae) und mit dem Querfortsatz von Th2 (Articulatio costotransversaria). Jede Bewegung des Segments ist damit zugleich eine Bewegung der Rippe. [B]
- Zwischenwirbelloch Th2/Th3 — es ist klein, und das Rippenköpfchen liegt unmittelbar davor. Der Spinalnerv füllt es nur zu einem geringen Teil aus; anders als an der Lendenwirbelsäule ist der Wurzeldurchmesser hier gering.
- Der Wirbelkanal — er ist in der Brustwirbelsäule enger als in Hals- und Lendenwirbelsäule, und das Rückenmark füllt ihn dort stärker aus. Schon eine kleine Raumforderung kann deshalb Rückenmarkszeichen erzeugen. [B]
Häufiger Irrtum: die Brustwirbelsäule sei „unbeweglich“. Sie ist gering beweglich je Etage, aber über zwölf Etagen summiert sich das. Der wesentliche Unterschied liegt nicht im Fehlen der Bewegung, sondern in ihrer Kopplung: Der Brustkorb koppelt jede Wirbelbewegung an eine Rippenbewegung. Wer an dieser Höhe behandelt, behandelt immer beides. [I]
1.4 Der zervikothorakale Übergang
Th1 bis Th3 bilden zusammen mit C7 den Übergang von der beweglichen Hals- zur geschienten Brustwirbelsäule. An solchen Übergängen treffen unterschiedliche Steifigkeiten aufeinander. Das erklärt, weshalb Beschwerden dieser Gegend häufig sind, obwohl die Bandscheibenvorfälle es nicht sind. [I]
Praktisch bedeutsam ist die Nachbarschaft nach oben: Beschwerden, die im oberen Rücken und zwischen den Schulterblättern wahrgenommen werden, stammen häufiger aus der unteren Halswirbelsäule als aus der Brustwirbelsäule selbst. Der Ort der Wahrnehmung ist an dieser Stelle ein besonders schlechter Zeiger auf den Ort der Ursache (siehe Kapitel 05). [B]
Kapitel 02
Nervenversorgung
Der Spinalnerv Th2 ist kurz. Wenige Millimeter nach dem Austritt aus dem Zwischenwirbelloch teilt er sich auf. Aus dieser Aufteilung ergibt sich alles, was das Segment klinisch ausmacht.
2.1 Die Aufteilung des Spinalnervs
- Ramus anterior — er wird zum N. intercostalis II, dem zweiten Zwischenrippennerv. Er zieht im Zwischenrippenraum nach vorn und versorgt die Zwischenrippenmuskeln, das Rippenfell und die Haut der vorderen und seitlichen Brustwand.
- Ramus posterior — er zieht nach hinten, versorgt die tiefe Rückenmuskulatur und die Wirbelgelenke und endet als Hautast neben der Wirbelsäule.
- Rami communicantes — die Verbindung zum Grenzstrang. Th2 besitzt einen weißen Verbindungsast mit vorgeschalteten sympathischen Fasern. Das ist der entscheidende Unterschied zu allen Halssegmenten (siehe Kapitel 04). [B]
- Ramus meningeus — ein rückläufiger Ast zu den Hüllen des Rückenmarks, zum hinteren Längsband und zum äußeren Faserring der Bandscheibe.
2.2 Der N. intercostobrachialis — der Nerv, der Th2 ausmacht
Etwa in der mittleren Achsellinie gibt der zweite Zwischenrippennerv einen kräftigen seitlichen Hautast ab. Dieser durchbohrt die Zwischenrippenmuskeln und den M. serratus anterior, tritt in die Achselhöhle ein und zieht zur Innenseite des Oberarms. Er heißt N. intercostobrachialis und ist ein reiner Gefühlsnerv. [B]
| Merkmal | Angabe | Grundlage |
|---|---|---|
| Vorhandensein | in rund 99 % der untersuchten Achselhöhlen | Zusammenfassende Auswertung von 23 Arbeiten mit 1 883 Achselhöhlen [B] |
| Ursprungshöhe | Th2 in rund 82 %, Th2 und Th3 gemeinsam in rund 8 %, Th3 in rund 5 %, Beteiligung von Th1 in rund 4 % | dieselbe Auswertung; eine zweite Auswertung von 16 Arbeiten nennt für den reinen Th2-Ursprung rund 91 % [B] |
| Aufzweigung | einzelner Stamm rund 52 %, Zweiteilung rund 30 %, mehrere Äste rund 15 % | ebenda; die Streuung zwischen den Arbeiten ist erheblich [B] |
| Verbindung zum Armgeflecht | in rund 41 % eine Verbindung, meist zum N. cutaneus brachii medialis | zusammenfassende Auswertung von 16 Arbeiten [B] |
| Versorgungsgebiet | Achselhöhle, seitliche Brustwand, Ausläufer der Brustdrüse, hintere und innere Seite des Oberarms | anatomische Standardwerke [B] |
| Motorischer Anteil | keiner | reiner Hautnerv; eine Schwäche ist nie durch ihn erklärbar [B] |
Warum die Streuung der Verlaufsangaben klinisch zählt. Ein Nerv, dessen Aufzweigung in jedem zweiten Fall vom Regelfall abweicht, lässt sich bei einer Operation nicht nach Schema schonen. Genau darin liegt der Grund, weshalb Gefühlsstörungen nach Eingriffen in der Achselhöhle so häufig sind (siehe Kapitel 06). [I]
2.3 Der Ramus posterior und sein langer Hautast
Der hintere Ast von Th2 teilt sich in einen inneren und einen äußeren Ast. Der innere Hautast ist an dieser Höhe ungewöhnlich lang: Er durchbohrt die tiefe Rückenmuskulatur und den M. trapezius und erreicht die Haut über dem oberen inneren Schulterblattrand, in Einzelfällen bis in die Gegend der Schulterhöhe. [B]
Auf seinem Weg biegt er nahezu im rechten Winkel durch die Muskulatur. Genau diese Winkelung gilt als Erklärungsansatz für die Notalgia paraesthetica, einen umschriebenen Juckreiz mit Missempfindung neben dem Schulterblatt (siehe Kapitel 06). [I]
2.4 Was Th2 nicht versorgt
Die Abgrenzung nach oben ist an dieser Stelle wichtiger als die Zuordnung selbst. Drei Gebiete werden regelmäßig irrtümlich Th2 zugeschrieben.
| Beschwerde oder Gebiet | Tatsächliche Zuordnung | Warum die Verwechslung entsteht |
|---|---|---|
| Gefühlsstörung an Kleinfinger und Unterarminnenseite | C8 und Th1 | Th1 und Th2 sind Nachbarn, ihre Gebiete liegen aber weit auseinander — Th1 am Arm, Th2 an Achsel und Rumpf |
| Schwäche der kleinen Handmuskeln | C8 und Th1 | Th2 hat keinen prüfbaren Muskel; eine Handschwäche schließt Th2 als Ursache aus |
| Schmerz zwischen den Schulterblättern | meist untere Halswirbelsäule, C5 bis C7 | Der Ort der Wahrnehmung liegt in Höhe der Brustwirbelsäule, die Quelle jedoch höher (siehe Kapitel 05) |
| Schwäche beim Anheben der Schulterblätter oder beim Vorheben des Arms | N. dorsalis scapulae (C4–C5), N. thoracicus longus (C5–C7) | Beide Nerven verlaufen in der Nachbarschaft; der N. intercostobrachialis durchbohrt sogar den M. serratus anterior, ohne ihn zu versorgen |
2.5 Wurzel oder peripherer Nerv — die entscheidende Trennung
| Merkmal | Wurzel Th2 (radikulär) | N. intercostobrachialis (peripher) |
|---|---|---|
| Ort der Schädigung | Zwischenwirbelloch Th2/Th3 oder unmittelbar davor | Achselhöhle, seltener Brustwand |
| Auslöser | sehr selten Bandscheibe, häufiger Knochenbefund, Entzündung, Tumor | meist Operation in der Achselhöhle, seltener Trauma oder Bestrahlung |
| Gefühlsstörung | gürtelförmig vom Rücken über die Achsel zur vorderen Brustwand | Achselhöhle und Innenseite des Oberarms, ohne Ausdehnung auf den Rücken |
| Rückenschmerz | meist vorhanden, oft bewegungsabhängig | fehlt in der Regel |
| Vegetative Begleitzeichen | möglich, bei hoher Schädigung auch Horner-Zeichen | keine |
Kapitel 03
Muskeln
Dieses Kapitel beginnt mit einer Feststellung, die den ganzen Abschnitt prägt: Th2 hat keinen Kennmuskel und keinen Eigenreflex. Das ist keine Lücke in der Darstellung, sondern eine Eigenschaft des Segments. Alle Brustsegmente teilen sie. [B]
Was der internationale Untersuchungsstandard dazu sagt. Der ISNCSCI — der weltweit verwendete Standard zur Einstufung von Rückenmarksverletzungen — prüft die Kraft an zehn Kennmuskeln (im Standard englisch key muscles) je Körperseite: fünf am Arm für C5 bis Th1, fünf am Bein für L2 bis S1. Für die Segmente Th2 bis L1 ist kein Muskel vorgesehen. Die Höhe einer Schädigung wird in diesem Bereich allein über das Gefühl bestimmt. [B]
3.1 Woran Th2 beteiligt ist
- Mm. intercostales des zweiten Zwischenrippenraums — sie spannen den Zwischenrippenraum und wirken an der Atmung mit. Einzeln prüfbar sind sie nicht.
- Tiefe Rückenmuskulatur in Höhe Th2 — Mm. multifidi und Mm. rotatores werden über den hinteren Ast versorgt. Diese Muskeln arbeiten segmentnah und werden überwiegend von der jeweils eigenen Etage versorgt. [B]
- Mm. levatores costarum — kurze Muskeln vom Querfortsatz zur nächsten Rippe, ebenfalls aus dem hinteren Ast.
- M. serratus posterior superior — er liegt unter dem Rautenmuskel und wird aus den oberen Zwischenrippennerven versorgt, Th2 gehört dazu. Seine Funktion ist umstritten; als Atemhilfsmuskel wird er beschrieben, gemessen ist wenig. [I]
3.2 Was nicht zu Th2 gehört — und warum das oft verwechselt wird
| Muskel | Tatsächliche Versorgung | Bedeutung für die Untersuchung |
|---|---|---|
| M. trapezius | N. accessorius (XI), sensibel C3–C4 | Der wichtigste Muskel der oberen Rückengegend hat mit Th2 nichts zu tun |
| Mm. rhomboidei | N. dorsalis scapulae aus C4–C5 | Schmerz „zwischen den Schulterblättern“ betrifft häufig dieses Gebiet — Quelle ist die Halswirbelsäule |
| M. serratus anterior | N. thoracicus longus aus C5–C7 | Der N. intercostobrachialis durchbohrt diesen Muskel, versorgt ihn aber nicht. Eine abstehende Schulterblattkante ist kein Th2-Zeichen |
| Kleine Handmuskeln | N. ulnaris und N. medianus aus C8 und Th1 | Eine Handschwäche spricht gegen Th2 und für die Etage darüber |
| Zwerchfell | N. phrenicus aus C3–C5 | Die tragende Atemmuskulatur stammt aus der Halswirbelsäule; die Brustsegmente liefern nur die Zwischenrippenmuskeln |
3.3 Folge für die Untersuchung
Weil die Kraftprüfung ausfällt, verschiebt sich das Gewicht vollständig auf drei andere Zugänge: die Prüfung des Gefühls, die Tastuntersuchung von Rippe und Wirbelgelenk und die gezielte Suche nach Warnzeichen. Kapitel 07 führt das aus.
Berichtigung eines verbreiteten Musters. In Tabellen, die jedem Segment einen „Kennmuskel“ zuordnen, findet sich für Th2 gelegentlich der M. serratus anterior oder ein Rautenmuskel. Beides ist falsch. Beide Muskeln stammen aus der unteren Halswirbelsäule. Für Th2 existiert kein einzeln prüfbarer Muskel — wer einen angibt, füllt eine Tabellenspalte, nicht einen Befund. [B]
Kapitel 04
Vegetative Bezüge
Hier unterscheidet sich Th2 grundlegend von den Hals- und den unteren Lendensegmenten. Diese haben keine vorgeschalteten sympathischen Fasern. Th2 hat sie. Das Segment gehört damit zu den wenigen, bei denen eine vegetative Zuordnung nicht nur behauptet, sondern anatomisch belegt ist.
4.1 Der Ursprung: der Nucleus intermediolateralis
Die vorgeschalteten sympathischen Zellen liegen im Seitenhorn des Rückenmarks, im Nucleus intermediolateralis. Dieser Zellsäule reicht von Th1 bis etwa L2. Th2 ist damit das zweite Segment überhaupt mit sympathischem Ausgang. Seine Fasern verlassen den Spinalnerv über den weißen Verbindungsast und treten in den Grenzstrang ein. [B]
| Weg im Grenzstrang | Ziel | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|
| aufsteigend zum Ganglion cervicale superius | Auge, Lidheber, Schweißdrüsen und Gefäße des Gesichts | Ein Ausfall erzeugt das Horner-Zeichen. Der Hauptanteil stammt aus Th1, ein Anteil aus Th2 [B] |
| aufsteigend zum Ganglion stellatum und weiter über graue Verbindungsäste in das Armgeflecht | Schweißdrüsen und Gefäße der Hand | Grundlage des Eingriffs bei übermäßigem Handschweiß [B] |
| über die Ganglien Th1 bis Th4/Th5 zum Herzen | Herzmuskel und Herzkranzgefäße | Die schmerzleitenden Fasern des Herzens laufen denselben Weg zurück — Grundlage des übertragenen Herzschmerzes [B] |
| über den grauen Verbindungsast zurück in den Spinalnerv Th2 | Schweißdrüsen, Gefäße und Haarmuskeln im eigenen Hautgebiet | Jedes Segment versorgt so sein eigenes Hautgebiet |
Der Schluss, der hier nicht gilt. Aus der Tatsache, dass Th2 an der sympathischen Versorgung des Herzens beteiligt ist, folgt nicht, dass eine Behandlung an Th2 auf das Herz wirkt. Belegt ist die Richtung vom Organ zur Körperwand: Reize aus dem Herzen werden in der Körperwand wahrgenommen. Die Gegenrichtung — eine Behandlung der Körperwand verändere die Herzfunktion — ist nicht belegt. [B] für die erste Richtung, [H] für die zweite.
4.2 Hand und Gesicht: die Arbeitsteilung zwischen Th1 und Th2
Die Fasern für Auge und Gesicht stammen ganz überwiegend aus Th1. Die Fasern für Schweißbildung und Gefäßweite der Hand stammen aus Th2 und den darunter liegenden Segmenten. Diese Trennung ist der Grund für die heutige Vorgehensweise bei der Operation wegen übermäßigen Handschweißes. [B]
4.3 Der Eingriff am Grenzstrang — und warum er heute unterhalb von Th2 ansetzt
Bei schwerem, anders nicht beherrschbarem Handschweiß wird der Grenzstrang endoskopisch durchtrennt. Lange galt das Ganglion Th2 als Ziel. Die vorliegenden Untersuchungsreihen sprechen inzwischen dagegen.
- Eine randomisierte Untersuchung an 232 Personen verglich die alleinige Durchtrennung bei Th3 mit der ausgedehnten Durchtrennung von Th2 bis Th4. Schweres Ausgleichsschwitzen an anderen Körperstellen trat bei 3 Prozent gegenüber 10 Prozent auf; die Zufriedenheit war in der Th3-Gruppe höher. [B]
- Eine zusammenfassende Auswertung mehrerer Reihen kommt zum selben Ergebnis: Die Durchtrennung bei Th3 senkt das Risiko für Ausgleichsschwitzen gegenüber Th2 deutlich, besonders für die schweren Ausprägungen. [B]
- Eine große Verlaufsreihe verglich Th2–Th4 mit Th3–Th5. Ausgleichsschwitzen sank von 17,1 auf 4,9 Prozent. Die Verfasser führen sowohl das schwere Ausgleichsschwitzen als auch die Mehrzahl der Schädigungen des Ganglion stellatum darauf zurück, dass die Durchtrennung bei Th2 begonnen wurde. [B]
Was daraus folgt. Th2 ist das Segment, dessen Schonung bei diesem Eingriff heute angestrebt wird. Die ältere Angabe, der Eingriff erfolge „an Th2“, beschreibt einen überholten Stand. Die Aussage bleibt richtig, dass die Fasern für die Hand über diese Höhe verlaufen — falsch wird sie erst als Angabe über das heutige Vorgehen. [B]
4.4 Die Kuntz-Verbindung
Nicht alle sympathischen Fasern zum Arm laufen durch den Grenzstrang. Bereits 1927 beschrieb Kuntz eine unmittelbare Verbindung vom zweiten Zwischenrippennerv zum Armgeflecht. Sie erklärt, weshalb eine Durchtrennung des Grenzstrangs nicht immer zur vollständigen Unterbrechung führt.
| Untersuchung | Befund | Einordnung |
|---|---|---|
| Anatomische Zergliederung von 66 Grenzsträngen an 39 Körperspendern | Verbindung an 68,2 % der Seiten, beidseits bei 48,1 % der Spender; das Ganglion Th2 lag in 50 % im zweiten Zwischenrippenraum | Die Verbindung ist die Regel, nicht die Ausnahme [B] |
| Vergleich von Spiegelung und Zergliederung an 33 Brusthöhlen | bei der Spiegelung in 12,1 % erkannt, bei der Zergliederung in 66,7 % | Erklärt die Kluft zwischen operativer und anatomischer Literatur: Die Fasern sind vorhanden, aber im Situs schlecht sichtbar [B] |
| Übersichtsarbeit zur Frage, ob der Kuntz-Nerv als eigene Struktur existiert | Die anatomische Abweichung am Ganglion Th2 ist häufig; ob sie in jedem Fall der ursprünglichen Beschreibung entspricht, ist strittig | Der Name bezeichnet eine Gruppe von Abweichungen, keine einheitliche Struktur [I] |
Was Th2 nicht steuert. In Zuordnungstabellen aus der populären Literatur werden dem Segment Th2 regelmäßig Organe zugewiesen — Lunge, Bronchien, Schilddrüse, gelegentlich der Magen. Belegt ist der sympathische Weg zu Herz, Gefäßen und Schweißdrüsen von Kopf, Arm und Brustwand. [B] Eine segmentale „Zuständigkeit“ von Th2 für ein einzelnes Bauchorgan besteht nicht; die Versorgung der Bauchorgane beginnt tiefer und läuft über die Nn. splanchnici. [B]
4.5 Zuflüsse zum Seitenhorn und was daraus folgt
Die sympathischen Ursprungszellen im Nucleus intermediolateralis sind die letzte Umschaltstelle im Rückenmark, bevor ein sympathischer Befehl den Körper erreicht. Sie arbeiten nicht selbstständig. Was sie weitergeben, hängt von drei Zuflüssen ab.
Zufluss aus dem Gehirn. Fünf Zellgruppen versorgen die gesamte sympathische Ausfuhr: der Nucleus paraventricularis des Hypothalamus, die A5-Zellgruppe, die hintere Raphe sowie die vordere seitliche und die vordere mittige verlängerte Medulla. Sie gelten als der beherrschende Zufluss. [B]
Zufluss aus dem eigenen Segment. Schaltzellen in der Nähe der Ursprungszellen leiten Meldungen aus Organen, Haut und Muskeln weiter. Eingeweidefasern erreichen die Ursprungszellen in der Regel nicht unmittelbar, sondern über solche Zwischenzellen. Das ist der Weg, den Kapitel 05 für die Zonen beschreibt. [B]
Zufluss aus anderen Rückenmarkshöhen. Im Tierversuch stammen 8 bis 20 von 100 erregenden Kontakten an den Brust-Ursprungszellen von Schaltzellen des Lendenmarks, die zum Gehprogramm gehören. Der Zufluss ist nach Höhen geordnet. [B]
Was hinausgeht. Die Ursprungszellen des Segments Th2 geben ihre Erregung über die vordere Wurzel und den weißen Verbindungsast an den Grenzstrang ab. Sympathische Wirkungen sind unter anderem: Engstellung der Gefäße, Schweißbildung, Aufrichten der Haare, Wirkungen an inneren Organen und Ausschüttung aus dem Nebennierenmark. Welche davon auf Th2 entfallen, steht oben in diesem Kapitel. [B]
Aus der Verrechnung dieser Zuflüsse folgt zweierlei. Ein Reiz aus einem Organ ist nur ein Eingang unter mehreren und wird mit der Steuerung aus dem Gehirn verrechnet. Und aus einem Befund an der Körperoberfläche lässt sich nicht auf eine einzelne Etage zurückschließen. [I]
Wie stark der Zufluss aus dem Gehirn wiegt, zeigt sich nach einer Querschnittlähmung. Unterhalb der Verletzung gehen die Bahnen aus dem Gehirn zu den Ursprungszellen weitgehend verloren. Blutdruckregelung, Blasen- und Darmsteuerung sind danach gestört, während die Ursprungszellen selbst weiterarbeiten. [B]
Quellen zu diesem Abschnitt
- Strack AM, Sawyer WB, Hughes JH, Platt KB, Loewy AD: A general pattern of CNS innervation of the sympathetic outflow demonstrated by transneuronal pseudorabies viral infections. Brain Res 1989;491:156–162. — Grundlage der fünf Zellgruppen in Hypothalamus und Hirnstamm.
- Llewellyn-Smith IJ: Anatomy of synaptic circuits controlling the activity of sympathetic preganglionic neurons. J Chem Neuroanat 2009;38:231–239. — Grundlage der Zuflüsse aus Gehirn und Rückenmark.
- Chacon C, Nwachukwu CV, Shahsavani N, Cowley KC, Chopek JW: Lumbar V3 interneurons provide direct excitatory synaptic input onto thoracic sympathetic preganglionic neurons. Front Neural Circuits 2023;17:1235181. — Grundlage des Zuflusses aus anderen Rückenmarkshöhen.
- Llewellyn-Smith IJ: Effects of spinal cord injury on synaptic inputs to sympathetic preganglionic neurons. Prog Brain Res 2006;152:11–26. — Grundlage der Aussage zum Verlust der Bahnen aus dem Gehirn nach Querschnittlähmung.
- Wehrwein EA, Orer HS, Barman SM: Overview of the anatomy, physiology, and pharmacology of the autonomic nervous system. Compr Physiol 2016;6:1239–1278. — Grundlage der Aufzählung der sympathischen Wirkungen.
Offene Lücken
- Die Befunde zu den Zuflüssen stammen aus Tierversuchen an Ratten und Mäusen. Zahlen zum Anteil der einzelnen Zuflüsse beim Menschen liegen nicht vor.
- Von den fünf Arbeiten dieses Abschnitts wurden nur die Zusammenfassungen eingesehen. Der Abgleich mit den Volltexten steht vor Veröffentlichung aus.
Kapitel 05
Dermatom, Sklerotom, Reflexzonen
Das Hautgebiet von Th2 ist das anschaulichste Merkmal dieses Segments — und zugleich das am häufigsten falsch gezeichnete. Der Grund ist eine Besonderheit der Rumpfvorderseite.
5.1 Das Dermatom Th2 und der Sprung von C4
- Kennpunkt nach ISNCSCI: die Kuppe der Achselhöhle. Sie ist der festgelegte Prüfpunkt für Th2. [B]
- Weiteres Gebiet: Innenseite und Rückseite des oberen Oberarms, seitliche Brustwand in Höhe des zweiten Zwischenrippenraums, ein Streifen der vorderen Brustwand unterhalb des Schlüsselbeins sowie ein schmaler Streifen neben der Wirbelsäule im oberen Rücken.
- Der Sprung: Auf der vorderen Brustwand grenzt Th2 unmittelbar an C4. Die Segmente C5 bis Th1 fehlen dort — sie sind mit der Armknospe ausgewandert und finden sich am Arm wieder. [B]
Die praktische Folge des Sprungs. Wer an der vorderen Brustwand von oben nach unten durchzählt und dabei C4 als „Hals“ und den nächsten Streifen als „C5“ bezeichnet, verfehlt die Höhe um fünf Segmente. Der Streifen unterhalb des Schlüsselbeins gehört zu Th2. Diese Verwechslung ist die häufigste Fehlerquelle bei der Höhenbestimmung am Rumpf. [B]
Für alle Dermatomkarten gilt außerdem eine grundsätzliche Einschränkung: Die verbreiteten Karten gehen auf unterschiedliche Untersuchungsverfahren zurück und widersprechen einander an vielen Stellen. Eine kritische Durchsicht der zugrunde liegenden Arbeiten kam zu dem Ergebnis, dass keine der gebräuchlichen Karten durchgehend belegt ist und die Überlappung benachbarter Segmente erheblich unterschätzt wird. [B]
5.2 Das Wirbelgelenk Th2/Th3 — was gemessen ist
Für die Wirbelgelenke der Brustwirbelsäule liegen zwei Untersuchungsreihen vor. Die eine wurde an gesunden Freiwilligen durchgeführt und beginnt weiter unten. Die andere wurde an Personen mit Rückenschmerz durchgeführt und umfasst ausdrücklich die Etagen von C7/Th1 bis Th2/Th3. Für das Gelenk Th2/Th3 existiert damit eine gemessene Karte. [B]
- Angegebenes Gebiet: die Gegend des oberen inneren Schulterblattrandes und der Übergang zum Nacken, ohne Ausstrahlung in den Arm. [B]
- Belastbarkeit: Die Reihe umfasst 15 Personen und 21 Gelenke über alle untersuchten Etagen hinweg; auf Th2/Th3 entfallen davon wenige. Die Karte ist ein Hinweis, keine belastbare Zuordnung. [I]
- Überlappung: Die Gebiete benachbarter Etagen überschneiden sich stark. Aus dem Ort der Wahrnehmung lässt sich die Etage nicht bestimmen. [B]
5.3 Sklerotom
Das Sklerotom umfasst die tiefen Gewebe, die aus derselben Anlage stammen: Wirbelkörper und Bogen von Th2, die zugehörigen Bänder, die Rippen-Wirbel-Gelenke der zweiten Rippe, die zweite Rippe selbst und das Rippenfell in diesem Bereich. Schmerz aus diesen Geweben ist dumpf, schlecht zu lokalisieren und wird häufig weiter von der Quelle entfernt wahrgenommen als Hautschmerz. [I]
5.4 Zonenmodelle — was trägt und was nicht
| Modell | Aussage zu Th2 | Belegstand |
|---|---|---|
| Head-Zonen (Henry Head, um 1893) | Für das Herz beschreibt das Modell eine Zone, die die Segmente Th1 bis Th4 einschließt | Historisches Modell aus systematischer Krankenbeobachtung. Für das Herz stimmt es mit dem heute bekannten Verlauf der schmerzleitenden Fasern überein; für die meisten übrigen Organe ist es nicht bestätigt [H] |
| Reflexzonen nach James Mackenzie (um 1900) | beschreibt Muskelverspannung und Druckempfindlichkeit im zugehörigen Segment bei Organerkrankung | Historisches Modell derselben Zeit. Als Beobachtung nachvollziehbar, als Grundlage einer Behandlung nicht belegt [H] |
| „McKenzie-Zonen“ | kommt in keinem der beiden Modelle vor | Der Ausdruck entsteht durch Verwechslung. James Mackenzie beschrieb Reflexzonen um 1900; Robin McKenzie entwickelte in den 1970er Jahren ein Bewegungsverfahren. Beide haben miteinander nichts zu tun [B] |
| Enterotome und Viszerotome mit Zuordnung einzelner Organe zu Th2 | Zuordnungen zu Lunge, Bronchien oder Schilddrüse | Ohne anatomische Grundlage. Die Bauchorgane werden über die Nn. splanchnici aus tieferen Segmenten versorgt [B] |
5.5 Notalgia paraesthetica
Ein umschriebener, oft einseitiger Juckreiz neben oder unterhalb des Schulterblattes, meist begleitet von Missempfindungen und einem dunkler verfärbten Hautfleck durch jahrelanges Reiben. Als Ursache wird eine Reizung der hinteren Äste der Segmente Th2 bis Th6 angenommen — begründet mit dem rechtwinkligen Verlauf dieser Äste durch die Rückenmuskulatur. [I]
Der Beleg ist begrenzt. Eine vergleichende Untersuchung fand die erwartete Übereinstimmung zwischen Bildbefund und Beschwerdeort nur bei etwa der Hälfte der Betroffenen — beim verwandten Krankheitsbild am Unterarm dagegen fast durchgehend. Die Einordnung als Wurzelreizung ist damit eine plausible, aber nicht gesicherte Erklärung. [I]
5.6 Erklärungswege über das Rückenmark
Dieser Abschnitt ordnet ein, auf welchem Weg ein Organreiz Haut, Unterhaut und Muskeln verändern kann. Belegt ist nur ein Teil davon.
Reize aus einem Organ erreichen das Rückenmark über Eingeweidefasern. Diese enden im Hinterhorn, dem Eingangsbereich des Rückenmarks für Empfindungen. Im selben Segment können sie die sympathischen Ursprungszellen im Nucleus intermediolateralis erregen. Diese Zellsäule im Seitenhorn reicht von Th1 bis etwa L2; das Segment Th2 gehört dazu. Über den Grenzstrang steuern diese Zellen unter anderem Hautgefäße und Schweißdrüsen. [B]
Dass sich Unterhaut und Muskeln im Übertragungsgebiet eines Organs messbar verändern, ist beim Menschen gezeigt. Bei Gallensteinen mit Koliken war die Unterhaut im Übertragungsgebiet dicker und der Muskel dünner als auf der Gegenseite. Ohne Koliken fanden sich diese Unterschiede nicht. [B]
Die Autoren dieser Untersuchung vermuten, dass Überempfindlichkeit und Gewebeveränderung auf verschiedenen Wegen entstehen. [I]
Auf welchem Weg die Veränderungen entstehen, ist beim Menschen nicht geklärt. Tierversuche nennen drei Kandidaten: gegabelte Empfindungsfasern, Verschaltungen zwischen Empfindungsfasern im Rückenmark und den sympathischen Reflex über das Seitenhorn. [B]
Gegabelte Empfindungsfaser. Bei Ratten sind Schmerzfasern nachgewiesen, die sich teilen und mit einem Ast die Haut, mit dem anderen ein Organ versorgen. Bei Entzündungen von Dickdarm, Blase oder Magen trat in der Haut Flüssigkeit aus. Im Dickdarmmodell reagierten diese Fasern verstärkt auf Hautreize. [B]
Hinterwurzelreflex. Hier läuft eine Erregung vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser. An deren Ende setzt sie Botenstoffe frei, die eine vom Nerv ausgelöste Schwellung und Rötung hervorrufen, eine neurogene Entzündung. Im Tierversuch erklärt dieser Reflex einen erheblichen Teil der Gelenkschwellung bei Arthritis und der Hautrötung nach Einspritzen von Capsaicin. [B]
Dass einer dieser beiden Wege die Zonen bei Organleiden erzeugt, ist nicht gezeigt. Beide setzen kein Seitenhorn voraus und kämen deshalb in allen Segmenten in Frage. [I]
Konvergenz im Hinterhorn. Fast alle Schaltzellen der zweiten Stufe im Hinterhorn erhalten Eingänge aus den Eingeweiden und zugleich aus Haut und Muskeln. Dieses Zusammenlaufen gilt seit Langem als Grundlage dafür, dass Organschmerz an der Körperoberfläche gespürt wird. [B]
Die Konvergenz erklärt die Überempfindlichkeit einer Zone, für sich allein aber keine tastbare Gewebeveränderung. Welcher der genannten Wege beim Menschen überwiegt, ist offen. [I]
Die Bindegewebsmassage erklärt ihre Zonen mit einer Reflexwirkung über das vegetative Nervensystem, also mit dem Weg über das Seitenhorn. Nachgewiesen ist diese Erklärung nicht, und ob die Tastbefunde nach Dicke den gemessenen Veränderungen entsprechen, ist offen. [I]
Skelettmuskeln werden ausschließlich über die motorischen Vorderhornzellen erregt. Das vegetative Nervensystem, zu dem das Seitenhorn gehört, steuert Eingeweide, Gefäße und Drüsen, aber nicht die Skelettmuskeln. [B]
Ein zweites Modell führt Verspannungen der Körperwand bei Organreiz auf Reflexe über diese Vorderhornzellen zurück. Die Körperwand umfasst Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ. Tierversuche stützen das Modell; beim Menschen ist es nicht gesichert. [I]
Ob der Sympathikus die Muskelspannung beim Menschen unmittelbar verändert, ist ungeklärt. Im Tierversuch veränderte ein Sympathikusreiz die Empfindlichkeit der Muskelspindeln, der Längenfühler im Muskel. Beim Menschen blieb die Spindelentladung in einer Untersuchung unverändert; in einer anderen war der Dehnungsreflex verstärkt. Die Befunde widersprechen sich. [I]
Alle genannten Wege beschreiben die Richtung vom Organ zur Körperwand. Dass eine Behandlung von Haut oder Muskeln über diese Wege ein Organ beeinflusst, ist damit nicht belegt. [H]
Kapitel 06
Beschwerdebilder
Die Reihenfolge dieses Kapitels folgt der Häufigkeit, nicht der Systematik. Das Wurzelsyndrom, das bei Hals- und Lendensegmenten am Anfang stünde, steht bei Th2 am Ende — weil es selten ist.
6.1 Schädigung des N. intercostobrachialis
Die mit Abstand häufigste Störung dieses Segments entsteht im Operationsgebiet der Achselhöhle. Der Nerv wird bei der Ausräumung der Achsellymphknoten, bei der Entfernung des Wächterlymphknotens oder bei der Brustentfernung durchtrennt, gequetscht oder später durch Narbengewebe eingeengt.
- Beschwerdebild: Taubheit, Brennen, Kribbeln oder einschießender Schmerz an Achselhöhle und Innenseite des Oberarms. Häufig besteht gleichzeitig ein Gefühlsverlust und eine Überempfindlichkeit im selben Gebiet. [B]
- Häufigkeit anhaltender Schmerzen nach Brustkrebsoperation: Eine zusammenfassende Auswertung von 187 Beobachtungsstudien mit rund 298 000 Betroffenen ergab einen gebündelten Anteil von 35 Prozent (Vertrauensbereich 32 bis 39 Prozent) für Schmerzen, die länger als drei Monate anhielten. Die mittlere Stärke lag bei 3,9 von 10 auf einer Schätzskala. [B]
- Zeitverlauf: Dieselbe Auswertung fand Häufigkeit und Stärke über mehr als zwei Jahre hinweg unverändert. Ein Rückgang von selbst ist danach nicht zu erwarten, sobald sich der Zustand einmal eingestellt hat. [B]
- Einfluss der Operationsart: Die Ausräumung der Achsellymphknoten geht mit einem höheren Anteil anhaltender Schmerzen einher als der eingeschränkte Eingriff. [B]
- Schonung des Nervs: Eine zusammenfassende Auswertung von drei randomisierten und vier weiteren Untersuchungen ergab für die Schonung gegenüber der Durchtrennung ein deutlich geringeres Risiko einer Gefühlsstörung (Quotenverhältnis 0,31; Vertrauensbereich 0,17 bis 0,57). Überwiegend handelte es sich um ein Nachlassen des Gefühls, nicht um Überempfindlichkeit. [B]
Warum die Schonung trotzdem nicht immer gelingt. Der Nerv zweigt sich in etwa jedem zweiten Fall auf, bevor er die Achselhöhle durchquert, und sein Verlauf schwankt erheblich (siehe Abschnitt 2.2). Auch bei angestrebter Schonung kann ein Ast unbemerkt durchtrennt werden. [I]
6.2 Gürtelrose und Nervenschmerz danach
Die Brustsegmente sind das häufigste Befallsgebiet der Gürtelrose. Die Angaben schwanken je nach untersuchter Bevölkerung zwischen etwa 40 und 70 Prozent aller Fälle; der Schwerpunkt liegt im mittleren Brustbereich. [B]
- Vorlaufphase: Bei einem großen Teil der Betroffenen geht dem Ausschlag ein Schmerz von zwei bis fünf Tagen voraus. In dieser Zeit ist die Verwechslung mit einer Segmentbeschwerde, einer Rippenreizung oder einer Herzerkrankung besonders naheliegend. [B]
- Gürtelförmige Ausbreitung: einseitig, die Mittellinie nicht überschreitend. Dieses Merkmal unterscheidet die Gürtelrose zuverlässig von einer peripheren Nervenschädigung. [B]
- Sonderfall ohne Ausschlag: Ein Schmerz im Segmentverlauf ohne jeden Hautbefund ist beschrieben. Er lässt sich klinisch nicht sichern. [I]
6.3 Rippen- und Wirbelgelenke
Die zweite Rippe verbindet sich über zwei Gelenke mit der Wirbelsäule. Beide sind, wie die Wirbelgelenke selbst, mit Nervenendigungen ausgestattet und kommen als Schmerzquelle in Betracht. Der Schmerz ist meist bewegungs- und atemabhängig und lässt sich durch Druck auf die betroffene Stelle auslösen. [I]
Die Zuordnung eines solchen Befundes zu einer bestimmten Etage gelingt durch Tastuntersuchung nicht zuverlässig. Die Übereinstimmung verschiedener Untersucher bei der segmentalen Zuordnung an der Brustwirbelsäule ist gering. [I]
6.4 Notalgia paraesthetica
Der umschriebene Juckreiz neben dem Schulterblatt, ausführlich in Abschnitt 5.5. Er ist häufiger als seine Bekanntheit vermuten lässt und wird oft als Hauterkrankung behandelt, obwohl kein eigenständiger Hautbefund vorliegt — der dunkle Fleck entsteht durch das Reiben. [B]
6.5 Das Wurzelsyndrom Th2
Es ist selten. Bandscheibenvorfälle der Brustwirbelsäule machen je nach Zählweise zwischen 0,15 und 4 Prozent aller operationsbedürftigen Bandscheibenvorfälle aus. Rund drei Viertel liegen unterhalb von Th8, der Schwerpunkt bei Th11/Th12. Vorfälle der Etage Th1/Th2 oder Th2/Th3 sind Einzelfallberichte. [B]
- Beschwerdebild bei Reizung der Wurzel Th2: gürtelförmiger Schmerz vom oberen Rücken über die Achselhöhle zur vorderen Brustwand, dazu Gefühlsstörung im gleichen Streifen. Eine Schwäche gehört nicht dazu. [I]
- Häufigere Ursachen als die Bandscheibe: Wirbelkörperbruch bei verminderter Knochendichte, Tumorabsiedlung, entzündlicher Befall, Bestrahlungsfolge, Zuckerkrankheit mit Beteiligung der Rumpfnerven. [B]
- Warum Häufigkeitsangaben fehlen: Zum Wurzelsyndrom Th2 liegen Fallberichte vor, keine Reihen. Aus Fallberichten lassen sich keine Raten ableiten. Diese Lücke wird hier benannt, nicht geschätzt. [I]
6.6 Abgrenzung
| Erwägung | Was dafür spricht | Vorgehen |
|---|---|---|
| Akutes Herzgeschehen | Druck oder Enge hinter dem Brustbein, Ausstrahlung in Achsel, Arm, Hals oder Kiefer, Luftnot, Übelkeit, Schweißausbruch, Beschwerden bei Belastung | Sofortige Abklärung. Kein Befund an der Brustwirbelsäule schließt dies aus |
| Einriss der Hauptschlagader | schlagartig einsetzender, reißender Schmerz zwischen den Schulterblättern, Blutdruckunterschied zwischen den Armen | Sofortige Abklärung |
| Lungenembolie | plötzliche Luftnot, atemabhängiger Brustschmerz, schneller Puls, vorausgegangene Ruhigstellung oder Operation | Sofortige Abklärung |
| Tumor der Lungenspitze (Pancoast) | Schulter- und Armschmerz, Horner-Zeichen, Handschwäche, Gewichtsverlust, Rauchvorgeschichte | Zeitnahe Abklärung mit Bildgebung |
| Wurzelsyndrom C8 oder Th1 | Gefühlsstörung an Kleinfinger und Unterarminnenseite, Schwäche der kleinen Handmuskeln | Handkraft prüfen; ein Handbefund spricht gegen Th2 |
| Engpass am oberen Brustkorbeingang | belastungsabhängige Beschwerden im Arm, Verstärkung beim Anheben, Beteiligung von C8 und Th1 | Gefäß- und Nervenanteile getrennt beurteilen |
| Gürtelrose vor dem Ausschlag | brennender einseitiger Schmerz im Segmentverlauf, Berührungsempfindlichkeit | Haut über zwei bis fünf Tage kontrollieren |
| Erkrankung der Rippen oder des Brustbeins | umschriebener Druckschmerz, Schwellung des Rippen-Brustbein-Übergangs | gezielte Tastuntersuchung |
| Absiedlung im Wirbelkörper | Nachtschmerz, Ruheschmerz, Gewichtsverlust, Tumorvorgeschichte | Zeitnahe Abklärung, siehe Kapitel 09 |
Kapitel 07
Untersuchung
Weil Kraftprüfung und Reflex ausfallen, ist die Untersuchung des Segments Th2 kürzer und zugleich anspruchsvoller als bei anderen Segmenten. Sie stützt sich auf drei Zugänge und beginnt mit dem Ausschluss.
7.1 Reihenfolge
- Erstens: Ausschluss. Warnzeichen erfragen und prüfen (siehe Kapitel 09). Bei Brustschmerz mit Ausstrahlung geht die Herzabklärung jeder anderen Überlegung voran.
- Zweitens: Gefühl. Seitenvergleich am Kennpunkt und Abgrenzung des betroffenen Gebiets.
- Drittens: Tastbefund. Rippe, Rippen-Wirbel-Gelenk, Wirbelgelenk, Muskulatur.
- Viertens: Abgrenzung nach oben. Handkraft und Halswirbelsäule prüfen, um C8 und Th1 auszuschließen.
7.2 Prüfung des Gefühls
- Kennpunkt Th2: die Kuppe der Achselhöhle, seitenvergleichend mit stumpfer und spitzer Berührung. [B]
- Ausdehnung bestimmen: Reicht die Störung über die Achselhöhle hinaus nach hinten bis neben die Wirbelsäule, spricht das für die Wurzel. Bleibt sie auf Achsel und Oberarminnenseite begrenzt, für den N. intercostobrachialis. [I]
- Nach Überempfindlichkeit suchen: Bei Nervenschmerz nach Operation liegen Gefühlsverlust und Schmerz bei leichter Berührung häufig im selben Gebiet nebeneinander. Ein Wattebausch genügt zur Prüfung. [B]
- Grenze zur Mittellinie beachten: Eine streng einseitige, an der Mittellinie endende Störung passt zu Segment oder Nerv; eine beidseitige, in Höhe eines Streifens beginnende Störung weist auf das Rückenmark. [B]
7.3 Was ausfällt — und was an seine Stelle tritt
| Übliches Untersuchungsmittel | Bei Th2 | Ersatz |
|---|---|---|
| Kennmuskel | nicht vorhanden | Handkraft prüfen, um C8 und Th1 auszuschließen; ein auffälliger Handbefund verweist auf die Etage darüber |
| Eigenreflex | nicht vorhanden | Bauchhautreflexe geben nur für tiefere Etagen Auskunft und ersetzen ihn nicht |
| Nervendehnungszeichen | für die Brustsegmente nicht belegt | Bewegungsprüfung der oberen Brustwirbelsäule mit Rippenkontakt |
| Bildgebung als Suchverfahren | nicht sinnvoll ohne Warnzeichen | gezielte Bildgebung bei Warnzeichen oder bei Zeichen einer Rückenmarksschädigung |
7.4 Tastuntersuchung
- Zweite Rippe: Sie ist unterhalb des Schlüsselbeins am Übergang zum Brustbein gut tastbar und dient als Zählhilfe für die Rippen darunter.
- Rippen-Wirbel-Übergang: Druck neben den Dornfortsätzen in Höhe Th2 und Th3, seitenvergleichend.
- Atemabhängigkeit prüfen: Verstärkt tiefe Einatmung oder Husten den Schmerz, spricht das für eine Beteiligung von Rippe oder Rippenfell. [I]
- Vorsicht bei verminderter Knochendichte: Ein umschriebener Klopfschmerz über einem Dornfortsatz ist bei entsprechender Vorgeschichte ein Warnzeichen und kein Behandlungsziel. [B]
7.5 Zusatzuntersuchungen
- Elektrophysiologie: Für die Rumpfsegmente ist sie deutlich weniger aussagekräftig als an Arm und Bein. Eine Nadeluntersuchung der segmentnahen Rückenmuskulatur kann eine Wurzelschädigung stützen; für den N. intercostobrachialis ist kein routinemäßiges Messverfahren etabliert. [I]
- Bildgebung: nur bei Warnzeichen, bei Zeichen einer Rückenmarksschädigung oder wenn sich aus dem Ergebnis eine Folge ergibt. In der Brustwirbelsäule finden sich Bandscheibenvorwölbungen bei Beschwerdefreien häufig — die Angaben reichen von etwa 11 bis 37 Prozent. Ein Bildbefund allein erklärt daher keine Beschwerde. [B]
- Herzdiagnostik: bei jedem Brustschmerz mit Ausstrahlung, unabhängig vom Tastbefund an der Wirbelsäule. [B]
Kapitel 08
Behandlungsansätze
Dieses Kapitel ordnet ein, was für die Beschwerden dieses Segments belegt ist. Es ersetzt keine Behandlung und keine ärztliche Entscheidung. Die Reihenfolge richtet sich nach der Ursache, nicht nach dem Ort der Wahrnehmung.
8.1 Nach Schädigung des N. intercostobrachialis
- Vorbeugen wirkt am stärksten. Der belastbarste Befund dieses Kapitels betrifft nicht die Behandlung, sondern die Operation: Die Schonung des Nervs senkt das Risiko einer bleibenden Gefühlsstörung deutlich. [B]
- Nervenschmerz wird als Nervenschmerz behandelt. Die Beschwerden nach Achseloperation sind überwiegend neuropathisch. Sie folgen damit den allgemeinen Grundsätzen zur Behandlung von Nervenschmerz und nicht denen zur Behandlung von Muskelschmerz. Auswahl und Dosierung gehören in ärztliche Hand. [B]
- Nervenblockaden: Eine systematische Durchsicht fand nur sieben Untersuchungen mit insgesamt 135 Personen zu Blockaden bei anhaltendem Schmerz nach Brustkrebsbehandlung — und keine, die den N. intercostobrachialis selbst zum Ziel hatte. Die Aussagekraft wurde als gering, die Wirksamkeit als nicht entschieden bewertet. [B]
- Bewegung der Schulter erhalten: Eine schmerzbedingte Schonhaltung führt zu Einsteifung. Das ist eine Folgekomplikation, keine Nervenerkrankung, und ihr lässt sich vorbeugen. [I]
8.2 Bei Gürtelrose
Die früh begonnene ursächliche Behandlung ist bei entsprechendem Befund die entscheidende Maßnahme; sie ist Gegenstand der Fachleitlinie. Die Schmerzbehandlung folgt den Grundsätzen für Nervenschmerz. Bei Beteiligung des Auges oder bei abwehrgeschwächten Personen ist die Behandlung dringlich. [B]
8.3 Bei Beschwerden von Rippe und Wirbelgelenk
Vertretbar und begründet
- Aufklärung über den gutartigen Verlauf der meisten Beschwerden dieser Gegend
- Erhalt der Alltagsbewegung; keine Schonung über wenige Tage hinaus
- Bewegungsübungen für die obere Brustwirbelsäule und die Rippen, mit Betonung der Atmung
- Befundgestützte manuelle Behandlung als zeitlich begrenzter Versuch, mit vereinbartem Überprüfungszeitpunkt
- Prüfung von Arbeitsplatz und Haltungsgewohnheiten bei anhaltenden Beschwerden
- Erneute Untersuchung, wenn sich das Beschwerdebild ändert
Nicht belegt oder abzuraten
- Behandlung an Th2 zur Beeinflussung von Herz, Lunge oder Schilddrüse
- Segmentbehandlung bei ungeklärtem Brustschmerz vor der Herzabklärung
- Wiederholte Bildgebung ohne neue Fragestellung
- Kräftige Techniken bei verminderter Knochendichte oder Tumorvorgeschichte
- Dauerbehandlung ohne festgelegten Überprüfungszeitpunkt
- Zuordnung von Beschwerden zu Organen anhand von Segmenttabellen
Zum Belegstand der manuellen Behandlung an der Brustwirbelsäule. Die vorliegenden Untersuchungen betreffen überwiegend Nackenbeschwerden, bei denen an der Brustwirbelsäule mitbehandelt wurde. Für umschriebene Beschwerden der oberen Brustwirbelsäule selbst ist die Datenlage dünn, die berichteten Wirkungen sind kurzfristig und klein. Das schließt einen Behandlungsversuch nicht aus, verlangt aber einen vorher vereinbarten Zeitpunkt, an dem über die Fortsetzung entschieden wird. [I]
8.4 Bei Notalgia paraesthetica
Die Beschwerde ist gutartig und hartnäckig. Belegt ist wenig: Die vorliegenden Arbeiten sind klein, uneinheitlich und selten vergleichend angelegt. Behandelt wird der Juckreiz, nicht der Hautfleck — dieser ist Folge des Reibens und bildet sich zurück, wenn das Reiben nachlässt. [I]
8.5 Zum Eingriff am Grenzstrang
Er kommt allein bei schwerem, mit anderen Mitteln nicht beherrschbarem Schwitzen in Betracht und ist eine fachärztliche Entscheidung. Für diese Seite ist nur ein Punkt wesentlich: Das Ganglion Th2 wird heute nach Möglichkeit geschont, weil sein Einbeziehen das Ausgleichsschwitzen und die Gefahr einer Schädigung des Ganglion stellatum erhöht (siehe Abschnitt 4.3). [B]
Kapitel 09
Warnzeichen
Kein anderes Segment dieser Reihe liegt so nah an Beschwerden, die keinen Aufschub dulden. Der Grund ist die Nachbarschaft: Das Hautgebiet von Th2 deckt genau die Gegend ab, in der Herzschmerz wahrgenommen wird.
Sofort ärztlich abklären lassen. Druck, Enge oder Brennen hinter dem Brustbein, besonders mit Ausstrahlung in Achsel, Arm, Hals oder Kiefer — dazu Luftnot, Übelkeit, Schweißausbruch oder Beschwerden, die unter Belastung zunehmen. Ein tastbarer Befund an Rippe oder Wirbelsäule schließt eine Herzursache nicht aus. Beide können gleichzeitig vorliegen.
Ebenso sofort: schlagartig einsetzender, reißender Schmerz zwischen den Schulterblättern; plötzliche Luftnot mit atemabhängigem Brustschmerz; Brustschmerz nach längerer Ruhigstellung oder Operation.
Zeichen einer Rückenmarksschädigung — dringend abklären. In Höhe der oberen Brustwirbelsäule liegt das Rückenmark eng im Kanal. Auf eine Schädigung weisen hin: zunehmende Schwäche beider Beine, Gangunsicherheit, ein Gefühl wie ein enger Gurt um den Brustkorb, eine beidseitige Gefühlsgrenze in Höhe eines Streifens, gesteigerte Reflexe an den Beinen sowie neu aufgetretene Störungen von Blase oder Mastdarm.
Warnzeichen für eine Erkrankung im Wirbelkörper. Nachtschmerz, der zum Aufstehen zwingt; Schmerz in völliger Ruhe; ungewollter Gewichtsverlust; Fieber oder Nachtschweiß; bekannte Tumorerkrankung; verminderte Knochendichte mit neuem, umschriebenem Klopfschmerz; erstmalige Beschwerden vor dem 20. oder nach dem 55. Lebensjahr; anhaltende Beschwerden nach längerer Behandlung mit Kortison.
Warnzeichen der Lungenspitze. Schulter- und Armschmerz zusammen mit hängendem Oberlid und enger Pupille auf derselben Seite (Horner-Zeichen), Schwäche der kleinen Handmuskeln, Gewichtsverlust, Rauchvorgeschichte. Diese Verbindung weist auf einen Tumor der Lungenspitze hin und verlangt eine zeitnahe Bildgebung. Die Beschwerden beginnen häufig als Schulterschmerz und werden zunächst orthopädisch behandelt.
Warnzeichen nach Krebsbehandlung. Ein neuer Schmerz im Bereich einer Operationsnarbe oder eines bestrahlten Gebiets, ein neu tastbarer Knoten in der Achselhöhle, eine zunehmende Schwellung des Arms oder eine neu aufgetretene Schwäche der Hand. Ein seit der Operation bestehender, unveränderter Schmerz ist etwas anderes als ein neu hinzugekommener.
Die Regel für dieses Segment. Erst ausschließen, dann zuordnen. Ein Befund an Rippe oder Wirbelgelenk erklärt eine Beschwerde nur dann, wenn die gefährlichen Ursachen abgeklärt sind. Die Reihenfolge ist nicht umkehrbar.
Kapitel 10
Häufige Fragen
Ich habe Schmerzen in der Achselhöhle und an der Oberarminnenseite nach einer Brustoperation. Kommt das von der Wirbelsäule?
Sehr wahrscheinlich nicht. Dieses Gebiet wird vom N. intercostobrachialis versorgt, einem Ast des zweiten Zwischenrippennervs, der die Achselhöhle durchquert. Er ist der bei Eingriffen in der Achselhöhle am häufigsten betroffene Nerv. Kennzeichnend ist, dass die Störung auf Achsel und Oberarminnenseite begrenzt bleibt und den Rücken nicht erreicht. Rückenschmerz fehlt meist ganz. Ein neu hinzugekommener Schmerz im Narbenbereich gehört dagegen ärztlich abgeklärt.
Warum steht bei Th2 kein Kennmuskel in den Tabellen?
Weil es keinen gibt. Th2 versorgt Zwischenrippenmuskeln und tiefe Rückenmuskeln — beides Muskeln, die sich einzeln nicht prüfen lassen. Der internationale Untersuchungsstandard sieht für die Segmente Th2 bis L1 ausdrücklich keinen Kennmuskel vor und bestimmt die Höhe in diesem Bereich allein über das Gefühl. Wo für Th2 ein Kennmuskel angegeben wird, stammt er aus der unteren Halswirbelsäule und gehört nicht zu diesem Segment.
Auf der Brust liegt bei mir ein tauber Streifen direkt unter dem Schlüsselbein. Ist das C5?
Nein, das ist das Gebiet von Th2. Auf der vorderen Brustwand grenzen C4 und Th2 unmittelbar aneinander. Die Segmente C5 bis Th1 liegen dazwischen — aber am Arm, nicht am Rumpf. Sie sind in der Entwicklung mit der Armknospe ausgewandert. Wer am Rumpf durchzählt, als wären die Segmente lückenlos, verfehlt die Höhe um fünf Etagen. Diese Verwechslung ist die häufigste Fehlerquelle bei der Höhenbestimmung am Brustkorb.
Kann eine Behandlung an Th2 auf Herz oder Lunge wirken?
Belegt ist nur eine Richtung. Die schmerzleitenden Fasern des Herzens laufen gemeinsam mit den sympathischen Fasern über die Segmente Th1 bis etwa Th4/Th5. Deshalb wird Herzschmerz in Brustwand, Achsel und Arminnenseite wahrgenommen. Die umgekehrte Richtung — eine Behandlung der Körperwand verändere die Herzfunktion — ist nicht belegt. Praktisch wichtiger ist die Folgerung daraus: Ein Brustschmerz mit Ausstrahlung gehört zuerst zur Herzabklärung, auch dann, wenn sich an der Rippe ein Druckpunkt findet.
Bei mir juckt eine handtellergroße Stelle unter dem Schulterblatt seit Jahren. Salben helfen nicht.
Das beschriebene Muster passt zur Notalgia paraesthetica. Sie gilt als Reizung der hinteren Äste der Segmente Th2 bis Th6, die auf ihrem Weg nahezu im rechten Winkel durch die Rückenmuskulatur biegen. Der dunklere Fleck an der betroffenen Stelle entsteht durch jahrelanges Reiben und ist keine eigenständige Hauterkrankung — das erklärt, weshalb Salben gegen Hautkrankheiten nicht wirken. Der Belegstand ist begrenzt: In einer vergleichenden Untersuchung passte der Bildbefund nur bei etwa der Hälfte der Betroffenen zum Beschwerdeort.
Im Befund steht „Bandscheibenvorfall Th2/Th3“. Wie ernst ist das?
Ein solcher Befund ist ungewöhnlich. Bandscheibenvorfälle der Brustwirbelsäule machen einen sehr kleinen Anteil aller Vorfälle aus, und rund drei Viertel von ihnen liegen unterhalb von Th8. Zugleich sind Vorwölbungen in der Brustwirbelsäule bei Beschwerdefreien häufig — die Angaben reichen von etwa 11 bis 37 Prozent. Ein Bildbefund allein erklärt deshalb keine Beschwerde. Entscheidend ist, ob Zeichen einer Rückenmarksschädigung vorliegen: Gangunsicherheit, Beinschwäche, ein Gürtelgefühl um den Brustkorb oder Störungen von Blase und Mastdarm. Diese Zeichen verlangen eine rasche Abklärung, der reine Bildbefund nicht.
Ich soll wegen starken Handschwitzens operiert werden und habe von „Th2“ gelesen. Stimmt das noch?
Es beschreibt einen überholten Stand. Die Fasern für die Schweißbildung der Hand verlaufen tatsächlich über diese Höhe. Der Eingriff setzt heute jedoch nach Möglichkeit unterhalb von Th2 an. In einer randomisierten Untersuchung trat schweres Ausgleichsschwitzen nach dem tieferen Vorgehen bei 3 Prozent auf gegenüber 10 Prozent nach dem ausgedehnten; die Zufriedenheit war höher. Auch die Gefahr, das Ganglion stellatum zu schädigen, wird auf das Einbeziehen von Th2 zurückgeführt. Die Entscheidung über Höhe und Ausmaß trifft die operierende Fachabteilung.
Kapitel 11
Grundlage und Quellen
Verwendet wurden ausschließlich belegte Fachquellen: Standardwerke der Anatomie und der klinischen Neurologie, Originalarbeiten und zusammenfassende Auswertungen aus begutachteten Fachzeitschriften sowie Leitlinien der Fachgesellschaften mit Registernummer. Populäre Darstellungen, Webportale, Anbieterseiten und unbelegte Sekundärquellen sind nicht herangezogen worden. Historisch bedeutsame, methodisch aber begrenzte Werke sind mit [H] gekennzeichnet und als Modellreferenz ausgewiesen, nicht als Beleg behandelt. Aussagen ohne volle Deckung in den verwendeten Werken sind als Interpretation [I] gekennzeichnet.
Benannte Lücken dieser Seite. Erstens: Zum Wurzelsyndrom Th2 liegen nur Fallberichte vor; Häufigkeitsangaben lassen sich daraus nicht ableiten. Zweitens: Die gemessene Schmerzkarte des Wirbelgelenks Th2/Th3 stammt aus einer kleinen Reihe (15 Personen, 21 Gelenke über alle untersuchten Etagen). Drittens: Für die manuelle Behandlung umschriebener Beschwerden der oberen Brustwirbelsäule fehlen aussagekräftige vergleichende Untersuchungen. Diese Lücken sind benannt und nicht durch Schätzungen gefüllt.
11.1 Anatomie
- Schünke M, Schulte E, Schumacher U: Prometheus. LernAtlas der Anatomie, Bände „Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem“ sowie „Innere Organe“. Thieme. — Grundlage der Angaben zu Wirbel- und Rippengelenken, zur Aufteilung des Spinalnervs, zum Verlauf der Zwischenrippennerven und zum Grenzstrang in den Kapiteln 01 bis 04.
- Standring S (Hrsg.): Gray’s Anatomy. The Anatomical Basis of Clinical Practice. Elsevier. — Grundlage der Angaben zum N. intercostobrachialis, zur Ausdehnung des Nucleus intermediolateralis, zu den sympathischen Wegen zu Kopf, Arm und Herz sowie zu den hinteren Ästen der Brustnerven.
- Bogduk N: Clinical Anatomy of the Lumbar Spine and Sacrum sowie Arbeiten desselben Verfassers zur segmentalen Innervation der Wirbelgelenke. — Grundlage der Angaben zum Bewegungssegment und zur Versorgung der Wirbelgelenke über den Ramus medialis in Kapitel 01 und Abschnitt 6.3.
- Rohen JW, Yokochi C, Lütjen-Drecoll E: Anatomie des Menschen. Photographischer Atlas. Schattauer. — zur topographischen Kontrolle der Lagebeziehungen in der Achselhöhle und am zervikothorakalen Übergang.
- Bähr M, Frotscher M: Duus’ Neurologisch-topische Diagnostik. Thieme. — Grundlage der Angaben zur Lage der Rückenmarkssegmente gegenüber den Wirbeln in Abschnitt 1.1 und zur Höhenbestimmung bei Rückenmarksschädigung in Kapitel 09.
- White AA, Panjabi MM: Clinical Biomechanics of the Spine. Lippincott. — Grundlage der Angaben zur eingeschränkten Beweglichkeit und zur Kopplung von Wirbel- und Rippenbewegung in Abschnitt 1.3.
11.2 Klinik, Untersuchung, Leitlinien
- Mumenthaler M, Stöhr M, Müller-Vahl H: Läsionen peripherer Nerven und radikuläre Syndrome. Thieme. — Grundlage der Dermatomangaben, der Abgrenzung Wurzel gegen peripheren Nerv und der Beschreibung der Schädigung des N. intercostobrachialis.
- Preston DC, Shapiro BE: Electromyography and Neuromuscular Disorders. Elsevier. — Grundlage der Einordnung der elektrophysiologischen Untersuchung an den Rumpfsegmenten in Abschnitt 7.5.
- American Spinal Injury Association: International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury (ISNCSCI). — Grundlage des Kennpunkts Achselkuppe und der Feststellung, dass für Th2 bis L1 kein Kennmuskel vorgesehen ist (Abschnitte 3.1, 5.1 und 7.2).
- Deutsche Dermatologische Gesellschaft: S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Zoster und der Postzosterneuralgie, AWMF-Registernummer 013-023. — Grundlage der Aussagen zu Gürtelrose und Nervenschmerz danach in den Abschnitten 6.2 und 8.2. Hinweis zur Gültigkeit: Die Fassung vom 24.05.2019 war bis zum 23.05.2024 gültig und ist abgelaufen; die Leitlinie wird überarbeitet. Vor Veröffentlichung ist auf eine Nachfolgefassung zu prüfen.
- S1-Leitlinie Definition und Therapie der primären Hyperhidrose, AWMF-Registernummer 013-059, Stand Juli 2023. — herangezogen zur Einordnung der Behandlungswege bei übermäßigem Schwitzen in Abschnitt 8.5. Hinweis: Das Ablaufdatum ist vor Veröffentlichung zu prüfen.
- S3-Leitlinie Früherkennung, Diagnose, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms, AWMF-Registernummer 032-045OL. — herangezogen zur Einordnung der Achselchirurgie und der Warnzeichen nach Krebsbehandlung in den Abschnitten 6.1 und Kapitel 09. Die Leitlinie wird fortlaufend aktualisiert.
- S3-Leitlinie Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Lungenkarzinoms, AWMF-Registernummer 020-007OL. — Grundlage der Warnzeichen zum Tumor der Lungenspitze in Kapitel 09. Die Leitlinie wird fortlaufend aktualisiert.
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Leitlinie Zervikale Radikulopathie, AWMF-Registernummer 030/082. — herangezogen allein zur Abgrenzung gegenüber C8 und Th1 in Abschnitt 2.4. Hinweis zur Gültigkeit: abgelaufen; die verwendete Aussage betrifft die klinische Beschreibung der Wurzelsyndrome.
11.3 Originalarbeiten und zusammenfassende Auswertungen
- Merlicco G et al. (Hrsg. der Auswertung): Anatomical variants of the intercostobrachial nerve and its preservation during surgery — a systematic review and meta-analysis. World Journal of Surgical Oncology, 2024. — Grundlage der Angaben zu Vorkommen (98,9 %), Ursprungshöhe (Th2 81,8 %) und Aufzweigung in Abschnitt 2.2; 23 Arbeiten, 1 883 Achselhöhlen.
- Loukas M et al.: Origin, branching, and communications of the intercostobrachial nerve — a meta-analysis. 2017. — zweite Auswertung derselben Fragestellung; 16 Arbeiten, 1 567 Achselhöhlen; Grundlage der Angaben zum Th2-Ursprung (90,6 %) und zur Verbindung mit dem Armgeflecht (41,3 %) in Abschnitt 2.2.
- Abdullah TI et al.: Anatomical variants of the intercostobrachial nerve encountered during axillary dissection sowie die darauf aufbauende zusammenfassende Auswertung zur Schonung des Nervs. — Grundlage des Quotenverhältnisses 0,31 für Gefühlsstörungen bei Schonung gegenüber Durchtrennung in Abschnitt 6.1.
- Wang L et al.: Prevalence and intensity of persistent post-surgical pain following breast cancer surgery — a systematic review and meta-analysis of observational studies. British Journal of Anaesthesia, 2020. — Grundlage der Angabe von 35 Prozent anhaltender Schmerzen und der Feststellung, dass Häufigkeit und Stärke über zwei Jahre stabil bleiben (Abschnitt 6.1); 187 Studien, rund 298 000 Betroffene.
- Wijayasinghe N et al.: Neural blockade for persistent pain after breast cancer surgery — a systematic review. — Grundlage der Aussage zur unentschiedenen Wirksamkeit von Blockaden in Abschnitt 8.1; sieben Untersuchungen, 135 Personen.
- Fukui S, Ohseto K, Shiotani M et al.: Distribution of referred pain from the thoracic zygapophyseal joints and dorsal rami. The Clinical Journal of Pain, 1997. — Grundlage der gemessenen Schmerzkarte für das Gelenk Th2/Th3 in Abschnitt 5.2; 15 Personen, 21 Gelenke.
- Lee MWL, McPhee RW, Stringer MD: An evidence-based approach to human dermatomes. Clinical Anatomy, 2008. — Grundlage der Aussage zur Widersprüchlichkeit der Dermatomkarten in Abschnitt 5.1.
- Li X, Tu YR, Lin M et al.: Endoscopic thoracic sympathectomy for palmar hyperhidrosis — a randomized control trial comparing T3 and T2–4 ablation. The Annals of Thoracic Surgery, 2008. — Grundlage der Angaben 3 % gegenüber 10 % schweres Ausgleichsschwitzen in Abschnitt 4.3; 232 Personen.
- Schmidt J, Bechara FG, Altmeyer P et al.: Endoscopic thoracic sympathectomy for severe hyperhidrosis — impact of restrictive denervation on compensatory sweating. The Annals of Thoracic Surgery, 2006. — Grundlage der Angaben 17,1 % gegenüber 4,9 % in Abschnitt 4.3.
- Zusammenfassende Auswertung zur Wahl der Durchtrennungshöhe Th2, Th3 oder Th4 bei Handschweiß. Scientific Reports, 2017. — Grundlage der Aussage, dass die Durchtrennung bei Th3 das Risiko für Ausgleichsschwitzen gegenüber Th2 senkt (Abschnitt 4.3).
- Chung IH, Oh CS, Koh KS et al.: Anatomic variations of the T2 nerve root (including the nerve of Kuntz) and their implications for sympathectomy. The Journal of Thoracic and Cardiovascular Surgery, 2002. — Grundlage der Angaben 68,2 % der Seiten und 48,1 % beidseits in Abschnitt 4.4; 39 Körperspender, 66 Grenzstränge.
- Bischof G et al.: Thoracoscopic and anatomic landmarks of Kuntz’s nerve — implications for sympathetic surgery. The Annals of Thoracic Surgery, 2008. — Grundlage des Vergleichs 12,1 % gegenüber 66,7 % in Abschnitt 4.4; 33 Brusthöhlen.
- Übersichtsarbeit Does the nerve of Kuntz exist? Interactive CardioVascular and Thoracic Surgery, 2011. — Grundlage der Einordnung des Namens als Sammelbezeichnung für eine Gruppe von Abweichungen (Abschnitt 4.4).
- Vergleichende Untersuchung zu Brachioradialem Pruritus und Notalgia paraesthetica mit Abgleich von Bildbefund und Beschwerdeort. Acta Dermato-Venereologica. — Grundlage der Aussage, dass die Übereinstimmung bei Notalgia paraesthetica nur etwa die Hälfte der Fälle betrifft (Abschnitte 5.5 und 8.4).
- Übersichtsarbeiten zur Häufigkeit und Höhenverteilung thorakaler Bandscheibenvorfälle sowie zur Häufigkeit von Bandscheibenbefunden bei Beschwerdefreien. — Grundlage der Angaben 0,15 bis 4 Prozent, drei Viertel unterhalb Th8, Schwerpunkt Th11/Th12 sowie 11 bis 37 Prozent bei Beschwerdefreien (Abschnitte 6.5 und 7.5).
11.4 Historische Modelle
- Head H: Arbeiten zur Verteilung übertragener Organschmerzen an der Körperoberfläche, ab 1893. [H] — als Modellreferenz in Abschnitt 5.4 genannt. Für das Herz deckt sich das Modell mit dem heutigen anatomischen Kenntnisstand; für die meisten übrigen Organe ist es nicht bestätigt.
- Mackenzie J: Arbeiten zu Reflexzonen bei Organerkrankungen, um 1900. [H] — als Modellreferenz in Abschnitt 5.4 genannt. Nicht zu verwechseln mit Robin McKenzie, der in den 1970er Jahren ein Bewegungsverfahren entwickelte. Ein Begriff „McKenzie-Zonen“ existiert in keinem der beiden Zusammenhänge.
- Kuntz A: Distribution of the sympathetic rami to the brachial plexus. Archives of Surgery, 1927. — Erstbeschreibung der nach ihm benannten Verbindung. Historisch, aber durch neuere anatomische Reihen bestätigt und deshalb nicht als bloße Modellreferenz geführt (Abschnitt 4.4).
11.5 Fachbegriffe
- Dermatom — das Hautgebiet, das von einem einzelnen Rückenmarkssegment versorgt wird.
- Sklerotom — die tiefen Gewebe (Knochen, Bänder, Gelenkkapseln), die aus derselben Anlage stammen wie ein Segment.
- Kennmuskel — ein Muskel, dessen Kraft stellvertretend für ein Segment geprüft wird. Für Th2 nicht vorhanden.
- Kennpunkt — die festgelegte Hautstelle, an der das Gefühl eines Segments geprüft wird. Für Th2 die Kuppe der Achselhöhle.
- Ramus anterior / posterior — vorderer und hinterer Ast des Spinalnervs.
- Rami communicantes — Verbindungsäste zwischen Spinalnerv und Grenzstrang; der weiße führt vorgeschaltete, der graue nachgeschaltete sympathische Fasern.
- Nucleus intermediolateralis — die Zellsäule im Seitenhorn des Rückenmarks, aus der die vorgeschalteten sympathischen Fasern stammen; sie reicht von Th1 bis etwa L2.
- Grenzstrang — die Kette sympathischer Nervenknoten beiderseits der Wirbelsäule.
- Ganglion stellatum — der unterste Halsknoten des Grenzstrangs, meist mit dem ersten Brustknoten verschmolzen.
- Horner-Zeichen — hängendes Oberlid, enge Pupille und vermindertes Schwitzen einer Gesichtshälfte bei Unterbrechung der sympathischen Bahn.
- N. intercostobrachialis — der seitliche Hautast des zweiten Zwischenrippennervs; er versorgt Achselhöhle und Oberarminnenseite.
- Notalgia paraesthetica — umschriebener Juckreiz mit Missempfindung neben dem Schulterblatt.
- ISNCSCI — internationaler Standard zur neurologischen Einstufung von Rückenmarksverletzungen.
- Ausgleichsschwitzen — vermehrtes Schwitzen an anderen Körperstellen nach Durchtrennung des Grenzstrangs.
11.6 Berichtigungen gegenüber der bisherigen Fassung
| Bisherige Aussage | Belegter Sachstand |
|---|---|
| Der Eingriff bei übermäßigem Handschweiß erfolge „an Th2 bis Th4“ | Die Fasern verlaufen über diese Höhe, das Vorgehen setzt heute jedoch nach Möglichkeit unterhalb von Th2 an. Randomisierte und zusammenfassende Auswertungen zeigen weniger Ausgleichsschwitzen und weniger Schädigungen des Ganglion stellatum (Abschnitt 4.3) |
| Th2 sei ohne vegetative Bedeutung, weil kein Organ zugeordnet ist | Th2 besitzt einen weißen Verbindungsast und beteiligt sich an der sympathischen Versorgung von Kopf, Arm und Herz. Das unterscheidet es grundlegend von den Hals- und unteren Lendensegmenten (Kapitel 04) |
| Zuordnung von Lunge, Bronchien oder Schilddrüse zum Segment Th2 | Ohne anatomische Grundlage. Belegt ist der Weg zu Herz, Gefäßen und Schweißdrüsen; die Bauchorgane werden über die Nn. splanchnici aus tieferen Segmenten versorgt (Abschnitt 4.4) |
| Behandlung an Th2 wirke auf Herz oder Lunge | Belegt ist allein die Richtung vom Organ zur Körperwand. Die Gegenrichtung ist als Hypothese gekennzeichnet [H] (Abschnitt 4.1) |
| M. serratus anterior oder Rautenmuskel als Kennmuskel von Th2 | Beide stammen aus der unteren Halswirbelsäule (C4–C7). Th2 hat keinen einzeln prüfbaren Muskel; der internationale Standard sieht für Th2 bis L1 keinen vor (Abschnitt 3.2) |
| Der Streifen unterhalb des Schlüsselbeins gehöre zu C5 | Er gehört zu Th2. Auf der vorderen Brustwand grenzen C4 und Th2 unmittelbar aneinander (Abschnitt 5.1) |
| „McKenzie-Zonen“ des Segments Th2 | Existiert in keinem der beiden Modelle, die diesen Namen tragen. James Mackenzie und Robin McKenzie werden verwechselt (Abschnitt 5.4) |
| Für das Wirbelgelenk Th1/Th2 und Th2/Th3 existiere keine gemessene Schmerzkarte | Für Th2/Th3 liegt eine Karte aus einer Patientenreihe vor. Ihre Fallzahl ist klein; sie ist als Hinweis gekennzeichnet, nicht als belastbare Zuordnung (Abschnitt 5.2) |
| Der N. intercostobrachialis versorge den M. serratus anterior, den er durchbohrt | Er ist ein reiner Gefühlsnerv ohne motorischen Anteil (Abschnitte 2.2 und 3.2) |
| Brustschmerz mit tastbarem Rippenbefund sei damit als Segmentbeschwerde erklärt | Ein Tastbefund schließt eine Herzursache nicht aus. Beide können nebeneinander bestehen; die Herzabklärung geht voran (Kapitel 09) |
11.7 Quellen und Änderungsvermerk zu den neuen Abschnitten
Quellen zu diesem Abschnitt
- Jänig W: Spinal cord integration of visceral sensory systems and sympathetic nervous system reflexes. Prog Brain Res 1986;67:255–277. — Grundlage des Reflexwegs von den Eingeweidefasern zu den sympathischen Ursprungszellen.
- Wehrwein EA, Orer HS, Barman SM: Overview of the anatomy, physiology, and pharmacology of the autonomic nervous system. Compr Physiol 2016;6:1239–1278. — Grundlage der Aussage, dass das vegetative Nervensystem alle Körperteile außer der Skelettmuskulatur steuert.
- Stifani N: Motor neurons and the generation of spinal motor neuron diversity. Front Cell Neurosci 2014;8:293. — Grundlage der Aufgabenteilung zwischen motorischen Vorderhornzellen (Skelettmuskel) und vegetativen Ursprungszellen (glatte Muskulatur, Drüsen).
- Giamberardino MA, Affaitati G, Lerza R, Lapenna D, Costantini R, Vecchiet L: Relationship between pain symptoms and referred sensory and trophic changes in patients with gallbladder pathology. Pain 2005;114:239–249. — Messung von Unterhaut- und Muskeldicke im Übertragungsgebiet beim Menschen.
- Wesselmann U, Lai J: Mechanisms of referred visceral pain: uterine inflammation in the adult virgin rat results in neurogenic plasma extravasation in the skin. Pain 1997;73:309–317. — Tierbefund zu Hautveränderungen im Übertragungsgebiet und den drei möglichen Entstehungswegen.
- Fang Y, Han S, Li X, Xie Y, Zhu B, Gao X, Ma C: Cutaneous hypersensitivity as an indicator of visceral inflammation via C-nociceptor axon bifurcation. Neurosci Bull 2021;37:45–54. — Tierbefund zu gegabelten Schmerzfasern zwischen Organ und Haut sowie zur Konvergenz im Hinterhorn.
- Willis WD Jr: Dorsal root potentials and dorsal root reflexes: a double-edged sword. Exp Brain Res 1999;124:395–421. — Übersicht zum Hinterwurzelreflex und zur neurogenen Entzündung.
- Holey LA, Dixon J: Connective tissue manipulation: a review of theory and clinical evidence. J Bodyw Mov Ther 2014;18(1):112–118. — Grundlage der Einordnung der Bindegewebsmassage als Erklärungsmodell.
- Giamberardino MA: Referred muscle pain/hyperalgesia and central sensitisation. J Rehabil Med 2003;Suppl 41:85–88. — Grundlage des Modells der Reflexe zur Muskulatur.
- Roatta S, Windhorst U, Ljubisavljevic M, Johansson H, Passatore M: Sympathetic modulation of muscle spindle afferent sensitivity to stretch in rabbit jaw closing muscles. J Physiol 2002;540:237–248. — Tierbefund zur Muskelspindel.
- Macefield VG, Sverrisdottir YB, Wallin BG: Resting discharge of human muscle spindles is not modulated by increases in sympathetic drive. J Physiol 2003;551:1005–1011. — Befund am Menschen ohne Spindelveränderung.
- Hjortskov N, Skotte J, Hye-Knudsen C, Fallentin N: Sympathetic outflow enhances the stretch reflex response in the relaxed soleus muscle in humans. J Appl Physiol 2005;98:1366–1370. — Befund am Menschen mit verstärktem Dehnungsreflex.
Offene Lücken
- Welche Ursprungssegmente die Haut von Arm und Bein sympathisch versorgen, geben Fachwerke unterschiedlich an. Die Seite nennt deshalb keinen Zahlenbereich. Gray’s Anatomy stand für diese Bearbeitung nicht zur Verfügung. Die Seite bleibt deshalb bei der zahlenfreien Angabe, bis das Werk eingesehen ist.
- Von Fang et al. 2021 und Willis 1999 wurden nur die Zusammenfassungen eingesehen. Der Abgleich mit den Volltexten steht vor Veröffentlichung aus.
- Eine Untersuchung, die beim Menschen den Entstehungsweg der Veränderungen im Übertragungsgebiet klärt, wurde nicht gefunden. Ebenso wurde keine Untersuchung gefunden, die Tastbefunde nach Dicke mit gemessenen Gewebedicken vergleicht.
Fachbegriffe
- Hinterhorn — Eingangsbereich des Rückenmarks für Empfindungen.
- Nucleus intermediolateralis — Zellsäule im Seitenhorn mit den sympathischen Ursprungszellen, Th1 bis etwa L2.
- Gegabelte Empfindungsfaser — Nervenfaser, die mit zwei Ästen Organ und Haut zugleich versorgt.
- Hinterwurzelreflex — Erregung, die vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser zur Haut läuft.
- Neurogene Entzündung — Schwellung und Rötung durch Botenstoffe aus Nervenenden.
- Konvergenz — Zusammenlaufen von Fasern aus Organ und Körperoberfläche auf dieselbe Schaltzelle.
- Vorderhornzellen — Nervenzellen im Vorderhorn, die die Skelettmuskeln erregen.
- Körperwand — Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ.
- Muskelspindel — Fühler im Muskel, der die Muskellänge misst.
- Dehnungsreflex — Muskelzuckung auf plötzliche Dehnung, etwa beim Sehnenklopfen.
Änderungsvermerk
- Fassung V 0.5: Begriff „Schlüsselmuskel“ durchgehend durch „Kennmuskel“ ersetzt (3 Stellen).
- Warum: Die Serie verwendet einen einzigen Begriff für die Muskeln, an denen die Kraft eines Segments geprüft wird. Die Mehrheit der Seiten sagte bereits Kennmuskel; die Entscheidung fiel für diesen Begriff.
- Ersetzt: V 0.4.
- Fassung V 0.4: Abschnitt 5.6 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu.
- Fassung V 0.4: Abschnitt 4.5 „Zuflüsse zum Seitenhorn und was daraus folgt“ neu.
- Warum: Die Zonen- und Muskelbefunde des Segments sind jetzt nach Entstehungsweg getrennt und belegt; alternative Wege ohne Seitenhorn stehen gleichrangig daneben.
- Ersetzt: V 0.3.
Verwandte Segmente
Segment Th1 · Segment Th3 · Segment C8 · Segment C7 · Nervus ulnaris
Hinweis. Dieser Beitrag dient der fachlichen Information. Er ersetzt keine Untersuchung, Diagnose oder Behandlung durch qualifizierte Fachpersonen. Bei Brustschmerz mit Ausstrahlung in Achselhöhle, Arm, Hals oder Kiefer, bei plötzlicher Luftnot, bei zunehmender Beinschwäche oder einem Gürtelgefühl um den Brustkorb, bei neuem Schmerz im Bereich einer Operationsnarbe nach Krebsbehandlung oder bei einer neu tastbaren Schwellung in der Achselhöhle ist eine ärztliche Abklärung erforderlich — in den erstgenannten Fällen unverzüglich.
Segment Th2 · V 0.5 · Stand: September 2026. Geändert: Begriff „Schlüsselmuskel“ durchgehend durch „Kennmuskel“ ersetzt. Warum: ein einheitlicher Begriff in der ganzen Serie. Ersetzt: V 0.4 derselben Seite.