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Segment – Th6

Das Segment Th6 liegt in der Mitte der Brustwirbelsäule. Sein Spinalnerv verlässt den Wirbelkanal zwischen dem sechsten und dem siebten Brustwirbel und zieht als sechster Zwischenrippennerv um den Brustkorb bis in die Magengrube. Zwei Eigenschaften heben dieses Segment aus der Reihe der Brustsegmente heraus. Erstens ist es die mittlere der drei Höhenmarken des Rumpfes — Brustwarze für Th4, Schwertfortsatz für Th6, Nabel für Th10. Zweitens ist Th6 die Schwellenhöhe der autonomen Dysreflexie: Rückenmarksschädigungen auf dieser Höhe und darüber können lebensbedrohliche Blutdruckkrisen auslösen, tiefer gelegene in aller Regel nicht. Keine andere einzelne Höhenangabe der Brustwirbelsäule hat eine so scharfe klinische Folge.

Auf einen Blick

  • Austritt: Der Spinalnerv Th6 verlässt den Wirbelkanal durch das Zwischenwirbelloch Th6/Th7. Ab Th1 tritt jede Wurzel unterhalb ihres gleichnamigen Wirbels aus — anders als an der Halswirbelsäule. [B]
  • Höhenmarke: Der Kennpunkt nach ISNCSCI liegt in der Medioklavikularlinie auf Höhe des Schwertfortsatzansatzes, im sechsten Zwischenrippenraum. Das ist der mittlere der drei ohne Hilfsmittel auffindbaren Bezugspunkte am Rumpf. [B]
  • Autonome Dysreflexie: Th6 ist die Schwellenhöhe. Bei Rückenmarksschädigung auf oder oberhalb dieser Höhe kann ein Reiz unterhalb der Schädigung — meist volle Blase oder voller Darm — eine plötzliche Blutdruckkrise auslösen. Grund ist der N. splanchnicus major aus Th5 bis Th9, der das größte Blutgefäßgebiet des Körpers steuert. [B] Siehe Abschnitt 4.3 und Kapitel 09.
  • Vegetativ: Th6 gehört zum Ursprungsgebiet des N. splanchnicus major. Seine Fasern werden nicht im Grenzstrangknoten Th6 umgeschaltet, sondern erst im Ganglion coeliacum im Bauchraum. Damit hat Th6 — anders als Th1 bis Th4 — Anteil an der Versorgung der Oberbauchorgane. [B]
  • Kein Kennmuskel: Für Th2 bis L1 sieht der ISNCSCI-Standard keinen prüfbaren Kennmuskel (im Standard englisch key muscle) vor. Die Kraftprüfung setzt erst bei L2 wieder ein. [B]
  • Erster möglicher Reflexbezug der Reihe: Nach deutschsprachiger Darstellung bildet Th6 die obere Grenze des Reflexbogens der Bauchhautreflexe; englischsprachige Werke setzen diese Grenze zwei bis drei Etagen tiefer an. [I] Es handelt sich in beiden Fällen um Fremdreflexe, nicht um Eigenreflexe; einen eigenen Muskeleigenreflex hat Th6 nicht. [B]
  • Schmerzkarte: Th6 ist das am besten belegte Brustsegment dieser Reihe. In der Untersuchung von Dreyfuss 1994 wurden beide Wirbelgelenke der Etage gezielt gereizt — Th5/Th6 rechts und Th6/Th7 links. Der ausgelöste Schmerz blieb einseitig und hinten. [B]
  • Dermatomverlauf: Hinten liegt das Hautband etwa in Höhe des Dornfortsatzes Th6, vorn auf Höhe des Schwertfortsatzansatzes — und der liegt hinten in Höhe des Wirbelkörpers Th9. Das Hautband fällt von hinten nach vorn also um rund drei Wirbelhöhen ab. [B]
  • Wurzelsyndrom: Selten. Rund drei Viertel aller thorakalen Bandscheibenvorfälle liegen unterhalb der Etage Th7/Th8, mit Häufungsgipfel bei Th11/Th12. [B]
  • Vor jeder segmentalen Einordnung: Oberbauch und Herz abklären. Auf dieser Höhe treffen der Schmerzweg der Oberbauchorgane und der des Herzens zusammen. Siehe Abschnitt 6.4 und Kapitel 09.

Kapitel 01

Anatomie des Segments Th6

1.1 Drei Bedeutungen von „Th6“

Der Ausdruck „Th6“ steht für drei verschiedene Dinge. An der mittleren Brustwirbelsäule liegen sie weiter auseinander als an jeder anderen Stelle der Wirbelsäule. Wer sie vermengt, ordnet Bildbefunde um zwei bis drei Etagen falsch zu.

  • Der Wirbel Th6 — der sechste Brustwirbel. Er ist der Bezugspunkt jeder Höhenangabe in Röntgen-, Schnitt- und Operationsbefunden.
  • Das Rückenmarkssegment Th6 — der Abschnitt des Rückenmarks, aus dem die Wurzelfäden des sechsten Brustnervs hervorgehen. Es liegt nicht hinter dem Wirbel Th6, sondern etwa zwei Wirbelhöhen weiter oben, hinter den Wirbelkörpern Th3 und Th4. [B]
  • Der Spinalnerv Th6 — er entsteht im Zwischenwirbelloch zwischen Th6 und Th7 und setzt sich als sechster Zwischenrippennerv fort. Alles, was klinisch über „Th6-Beschwerden“ gesagt wird, betrifft ihn oder das Rückenmarkssegment, nie den Wirbel allein.

Die Umrechnung in beide Richtungen. Für die obere und mittlere Brustwirbelsäule gilt als Faustregel: Wirbelhöhe plus zwei ergibt die Segmenthöhe. Hinter dem Wirbel Th6 liegen demnach die Rückenmarkssegmente Th8 und Th9. Weiter unten wächst der Abstand auf drei bis vier Etagen an. Umgekehrt heißt das: Wird bei der Untersuchung eine Gefühlsgrenze auf Segmenthöhe Th6 gefunden, ist die Ursache in Höhe des Wirbels Th3 oder Th4 zu suchen. [B]

1.2 Die Zählregel ab Th1

An der Halswirbelsäule tritt jede Wurzel oberhalb ihres gleichnamigen Wirbels aus. Ab dem ersten Brustwirbel kehrt sich das um: Jede Wurzel tritt unterhalb ihres gleichnamigen Wirbels aus. Der Spinalnerv Th6 verlässt den Kanal also durch das Zwischenwirbelloch Th6/Th7. [B]

Ort der EinengungGetroffene StrukturErläuterung
Zwischenwirbelloch Th6/Th7Wurzel Th6Die austretende Wurzel. Hier wirken knöcherne Anbauten, seitliche Vorfälle und Veränderungen des Rippenköpfchengelenks
Bandscheibe Th5/Th6, seitlich (foraminal)Wurzel Th5Zum Vergleich: die austretende Wurzel der darüberliegenden Etage
Bandscheibe Th6/Th7, breitbasig nach hinten (medial)Rückenmark, nicht die WurzelDer klinisch entscheidende Unterschied zur Lendenwirbelsäule: Hier liegt Rückenmark hinter der Bandscheibe. Ein mittiger Vorfall erzeugt kein Wurzelsyndrom, sondern Zeichen einer Rückenmarksschädigung — siehe Kapitel 09
Enge des Kanals über mehrere EtagenRückenmarkDer Wirbelkanal ist in der mittleren Brustwirbelsäule am engsten; schon geringe Raumforderungen wirken sich aus
Die Zählregel ab Th1 ist der Halswirbelsäule entgegengesetzt. Der zweite Unterschied wiegt klinisch schwerer: An der Brustwirbelsäule liegt hinter der Bandscheibe das Rückenmark, nicht die Cauda equina.

1.3 Der Wirbel Th6 und seine sechs Gelenkverbindungen

Der sechste Brustwirbel ist ein Brustwirbel im Regelbau — er trägt alle Merkmale, an denen diese Wirbelgruppe erkannt wird, ohne die Sonderformen der Übergangsbereiche. Er verbindet sich nicht nur mit den Nachbarwirbeln, sondern auch mit den Rippen, und zwar an vier zusätzlichen Stellen: [B]

  • Zwei Zwischenwirbelgelenke oben und zwei unten (Facettengelenke). Ihre Gelenkflächen stehen annähernd senkrecht und in der Frontalebene. Diese Stellung erlaubt Drehung, begrenzt aber Beugung und Streckung.
  • Zwei Rippenkopfgelenke (Articulationes capitis costae). Das Köpfchen der sechsten Rippe greift über die Bandscheibe Th5/Th6 hinweg und berührt beide Wirbelkörper — es liegt also an zwei Wirbeln zugleich an.
  • Zwei Rippenhöckergelenke (Articulationes costotransversariae) zwischen Rippenhöcker und Querfortsatz.

Die sechste Rippe ist eine echte Rippe: Sie erreicht das Brustbein über einen eigenen Rippenknorpel. Ab der achten Rippe ist das nicht mehr der Fall. Praktisch bedeutet das, dass die Etage Th6 sowohl hinten an den Wirbelgelenken als auch vorn am Rippen-Brustbein-Übergang eine tastbare Schmerzquelle haben kann. [B]

Aus diesen Verbindungen folgt die geringe Beweglichkeit der Brustwirbelsäule. Der Brustkorb wirkt wie eine Schiene: Jede Bewegung eines Brustwirbels ist zugleich eine Bewegung zweier Rippen. Deshalb äußert sich eine Bewegungsstörung dieser Etage häufig als Rippenschmerz und nicht als Wirbelschmerz. [B]

1.4 Höhenbestimmung: zwei tastbare Punkte am Brustbein

Die Höhe am Rücken abzuzählen führt regelmäßig zu Fehlern von ein bis zwei Etagen. Die Dornfortsätze der Brustwirbelsäule sind so stark nach unten geneigt, dass sie nicht in Höhe ihres eigenen Wirbelkörpers liegen. Am Brustbein stehen dagegen zwei verlässliche Punkte zur Verfügung: [B]

TastpunktWas dort ansetztVerwendung für Th6
Brustbeinwinkel (Angulus sterni, Louis-Winkel)Querleiste zwischen Handgriff und Körper des Brustbeins; hier setzt die zweite Rippe anAusgangspunkt zum Abzählen: vier Zwischenrippenräume nach unten ergeben den sechsten
Schwertfortsatzansatz (Articulatio xiphosternalis)Übergang vom Körper des Brustbeins zum Schwertfortsatz; tastbare Stufe am unteren BrustbeinendeUnmittelbare Höhenmarke: Der Kennpunkt Th6 liegt in der Medioklavikularlinie auf dieser Höhe
Zwei Punkte, zwei Wege zum selben Ergebnis. Der zweite ist schneller, der erste ist bei kräftigem Fettpolster oder nach Brustbeinoperationen zuverlässiger.

Tastpunkt und Wirbelhöhe sind zweierlei. Der Schwertfortsatzansatz liegt nach Schnittbilduntersuchungen hinten in Höhe des Wirbelkörpers Th9 — in der größten vorliegenden Reihe traf die Ebene am häufigsten den Wirbel Th9, an zweiter Stelle die Bandscheibe Th8/Th9, bei Frauen im Mittel etwas höher als bei Männern. Der Kennpunkt Th6 liegt also vorn auf einer Höhe, hinter der ein ganz anderer Wirbel steht. Das ist kein Widerspruch, sondern die Folge des schrägen Dermatomverlaufs (siehe Abschnitt 5.1) — es ist aber eine verlässliche Fehlerquelle, wenn ein Tastbefund vorn ohne Umrechnung auf eine Wirbelhöhe übertragen wird. [B]

1.5 Die Blutversorgung des Rückenmarks auf dieser Höhe

Die mittlere Brustwirbelsäule gilt als der am schlechtesten durchblutete Abschnitt des Rückenmarks. Die Zahl der zuführenden Wurzelarterien ist hier am geringsten, ihr Durchmesser am kleinsten und der Abstand zwischen den einspeisenden Gefäßen am größten. Der Abschnitt zwischen Th4 und Th9 wird in der Fachliteratur als kritische Gefäßzone geführt; Th6 liegt in seiner Mitte. [B]

Was an dieser Angabe belegt ist und was nicht. Belegt ist der anatomische Befund: wenige und dünne Zuflüsse in der mittleren Brustwirbelsäule. Nicht ebenso gesichert ist die daraus abgeleitete Folgerung, dass Sauerstoffmangel des Rückenmarks vorwiegend hier auftritt. Eine Untersuchung an Verstorbenen nach Kreislaufstillstand fand die Schäden überwiegend im Lenden- und Kreuzbeinmark, nicht im Brustmark. Die Zone ist anatomisch beschrieben, ihre klinische Vorrangstellung ist strittig. [I]

Praktisch bleibt die Angabe bedeutsam, weil sie das Vorgehen bei Eingriffen in dieser Höhe bestimmt: Bei Operationen an der mittleren Brustwirbelsäule und an der Aorta wird die Durchblutung des Rückenmarks eigens überwacht.

Kapitel 02

Nervenversorgung

2.1 Der Spinalnerv und seine Aufteilung

Der Spinalnerv Th6 entsteht im Zwischenwirbelloch aus der vorderen (motorischen) und der hinteren (sensiblen) Wurzel. Unmittelbar danach teilt er sich in vier Anteile, die getrennte Wege nehmen. [B]

AstVerlaufVersorgt
Ramus posterior (hinterer Ast)Zieht nach hinten zwischen den Querfortsätzen hindurch, teilt sich in einen inneren und einen äußeren ZweigAutochthone Rückenmuskulatur dieser Etage; Haut neben der Wirbelsäule; über den inneren Zweig die Wirbelgelenke Th5/Th6 und Th6/Th7, über den äußeren Zweig die Rippen-Querfortsatz-Gelenke
Ramus anterior (vorderer Ast)Setzt sich als N. intercostalis VI im sechsten Zwischenrippenraum fortZwischenrippenmuskeln, Rippenfell, Haut der Brustwand seitlich und vorn bis zur Magengrube
Ramus meningeus (Nervus sinuvertebralis)Kehrt durch das Zwischenwirbelloch in den Wirbelkanal zurückHintere Bandscheibenanteile, hinteres Längsband, Rückenmarkshäute — die Grundlage des tiefen, schwer zu ortenden Rückenschmerzes
Rami communicantesWeißer Ast zum Grenzstrang, grauer Ast zurück zum SpinalnervVerbindung zum vegetativen Nervensystem. Auf dieser Höhe der Beginn des Weges zu den Oberbauchorganen — siehe Kapitel 04
Vier Äste, vier Zuständigkeiten. Der hintere Ast erklärt den örtlichen Rückenschmerz, der vordere den gürtelförmigen Schmerz nach vorn, der Rückläufer den tiefen Schmerz ohne genaue Ortsangabe, der Verbindungsast den Bezug zum Oberbauch.

2.2 Der sechste Zwischenrippennerv — der letzte reine Brustwandnerv

Der N. intercostalis VI zieht im sechsten Zwischenrippenraum nach vorn. Auf dem größten Teil seines Weges liegt er in der Rinne an der Unterseite der sechsten Rippe, geschützt zwischen innerer und innerster Zwischenrippenmuskelschicht. Die Reihenfolge im Gefäß-Nerven-Bündel lautet von oben nach unten: Vene, Arterie, Nerv. Wer eine Punktion am Oberrand der unteren Rippe ansetzt, umgeht das Bündel. [B]

  • Ramus cutaneus lateralis — tritt in der mittleren Achsellinie durch die Muskulatur und teilt sich in einen vorderen und einen hinteren Zweig. Der vordere Zweig erreicht bei der Frau den unteren Rand der Brustdrüse.
  • Ramus cutaneus anterior — der Endast; tritt neben dem unteren Brustbeinende an die Oberfläche und versorgt die Haut über der Magengrube.
  • Muskeläste — an die Zwischenrippenmuskeln des sechsten Raumes, an die Mm. levatores costarum, die Mm. subcostales und den M. transversus thoracis.
  • Sensible Äste — an das Rippenfell der Innenseite der Brustwand. Deshalb wird eine Reizung des Rippenfells als scharfer, atemabhängiger Schmerz an der Brustwand empfunden.

Th6 markiert eine Grenze im Verlauf der Zwischenrippennerven. Die Nerven Th1 bis Th6 bleiben im Zwischenrippenraum und enden an der vorderen Brustwand. Ab Th7 verlassen die Zwischenrippennerven den Raum, überqueren den Rippenbogen und ziehen zwischen den Bauchmuskeln weiter — sie versorgen dann Bauchwandmuskulatur und Bauchhaut. Th6 ist damit der unterste Nerv, der ausschließlich die Brustwand versorgt. [B] Die genaue Lage der Grenze wird in den Lehrwerken leicht unterschiedlich beschrieben; einzelne Darstellungen lassen bereits Endäste aus Th6 die oberste Bauchhaut erreichen. [I]

2.3 Was Th6 nicht versorgt

Vier Zuordnungen begegnen in Sekundärquellen regelmäßig und treffen für Th6 nicht zu:

Häufige ZuordnungTatsächlich
Haut und Muskeln der BauchwandWerden von den Zwischenrippennerven Th7 bis Th11 sowie vom N. subcostalis (Th12) versorgt. Th6 endet an der Brustwand
N. intercostobrachialis (Haut der Achsel und der Arminnenseite)Stammt aus Th2, seltener aus Th3. Th6 hat daran keinen Anteil
ZwerchfellMotorisch und überwiegend sensibel über den N. phrenicus aus C3 bis C5. Nur der äußere Rand des Zwerchfells erhält sensible Fasern aus den unteren Zwischenrippennerven — nicht aus Th6
Brustwarze und WarzenhofWerden überwiegend von den Hautästen aus Th4 und Th5 versorgt. Th6 erreicht allenfalls den unteren Rand der Brustdrüse
Diese vier Abgrenzungen entscheiden darüber, welche Beschwerden dem Segment Th6 zugeschrieben werden dürfen und welche nicht. Die erste ist die wichtigste: Bauchwandbeschwerden gehören nicht zu Th6.

Kapitel 03

Muskeln

3.1 Kein Kennmuskel — und warum das kein Mangel der Seite ist

Für die Segmente Th2 bis L1 sieht der internationale Standard zur Einstufung von Rückenmarksschädigungen (ISNCSCI) keinen Kennmuskel vor. Der Grund liegt in der Bauweise des Rumpfes: Jeder Zwischenrippenmuskel wird von genau einem Nerv versorgt, aber der Ausfall eines einzelnen Zwischenrippenraums bleibt ohne prüfbare Auswirkung, weil die Nachbarräume die Aufgabe übernehmen. Es gibt keine Bewegung, die nur mit Th6 gelingt. [B]

Die Höhenbestimmung einer Rückenmarksschädigung erfolgt am Rumpf deshalb ausschließlich über die Sensibilität. Die Kraftprüfung setzt erst wieder bei L2 ein. Für Th6 kommt möglicherweise ein zweiter Anhaltspunkt hinzu, den Th1 bis Th5 nicht haben: die Bauchhautreflexe. Ob Th6 an ihrem Reflexbogen beteiligt ist, geben die Werke unterschiedlich an (Abschnitt 3.3).

3.2 Muskeln mit Anteil aus Th6

MuskelNervAufgabe
Mm. intercostales externi, interni und intimi des 6. RaumesN. intercostalis VIHalten den Zwischenrippenraum unter Spannung, wirken an der Rippenbewegung beim Atmen mit
Mm. levatores costarumN. intercostalis VI (nach anderen Darstellungen R. posterior)Heben die Rippe; die Zuordnung des versorgenden Astes wird in der Literatur nicht einheitlich angegeben [I]
Mm. subcostalesN. intercostalis VIÜberspringen einen oder zwei Zwischenrippenräume an der Innenseite der hinteren Brustwand; in der mittleren und unteren Brustwand am kräftigsten ausgebildet
M. transversus thoracis (Anteil)N. intercostalis VIZieht von der Brustbeininnenseite zu den Rippenknorpeln, wirkt bei der Ausatmung mit
Autochthone Rückenmuskulatur der Etage (Mm. multifidi, rotatores, semispinalis, longissimus, iliocostalis)R. posterior des Spinalnervs Th6Aufrichtung und Feineinstellung der Etage. Die Mm. rotatores sind gerade im Brustabschnitt am kräftigsten ausgebildet
Kein Muskel dieser Liste lässt sich einzeln prüfen. Der Wert der Tabelle liegt darin, zu zeigen, welche Strukturen bei einer Reizung des Segments mitbetroffen sein können — nicht darin, eine Kraftprüfung zu begründen.

Zwei Muskeln, die häufig fälschlich zu Th6 gezählt werden. Der M. serratus posterior superior wird von den Zwischenrippennerven II bis V versorgt und reicht nicht bis Th6. Der M. serratus posterior inferior gehört den Etagen Th9 bis Th12 an. Zwischen beiden liegt Th6 in einer Lücke — an dieser Höhe gibt es keinen der beiden Hilfsatemmuskeln. [B]

3.3 Reflexe: Th6 und die strittige obere Grenze des Bauchhautreflexes

Einen prüfbaren Muskeleigenreflex hat das Segment Th6 nicht — wie kein anderes Brustsegment. Ob es Anteil an einem Fremdreflex hat, hängt davon ab, welchem Werk man folgt. Deutschsprachige Darstellungen führen den Reflexbogen der Bauchhautreflexe ab Th6 und weisen dem Segment damit die obere Grenze zu. Englischsprachige Standardwerke setzen die obere Etage erst bei Th8 oder Th9 an; Th6 hätte danach keinen Anteil. Die Abweichung verläuft zwischen den Lehrtraditionen, nicht zufällig zwischen einzelnen Büchern. [I]

EtageOrt der ReizungAngabe deutschsprachiger WerkeAngabe englischsprachiger Werke
Oberedicht unterhalb des RippenbogensTh6 bis Th9Th8 bis Th9; nach anderer Angabe Th9 bis Th10
Mittlerein NabelhöheTh9 bis Th11meist keine eigene Etage geführt
Untereoberhalb des LeistenbandesTh11 bis Th12; einzelne Darstellungen bis L1Th11 bis Th12
AussagekraftVerwertbar sind allein der Seitenvergleich und die Höhenstufung. Das Fehlen an sich ist kein Segmentbefund: Der Reflex fehlt auch bei Gesunden häufig und erlischt zudem bei Schädigungen oberhalb der geprüften Höhe. [B]
Die Stufung der Etagen ist der eigentliche Nutzen: Sie erlaubt eine grobe Höhenzuordnung am Rumpf, dort wo die Kraftprüfung ausfällt. Die Segmentgrenzen der Etagen sind in der Literatur nicht einheitlich: Deutschsprachige und englischsprachige Standardwerke setzen die obere Grenze systematisch verschieden an. Eine Untersuchung, die diese Grenze misst statt sie zu setzen, liegt nicht vor. Die Angaben stehen deshalb als Interpretation, nicht als gesicherter Wert. [I]

Praktisch gebraucht wird das so: Ist der obere Bauchhautreflex erhalten und sind der mittlere und der untere erloschen, spricht das für eine Schädigung des Rückenmarks zwischen diesen Höhen. Der Befund ergänzt die Suche nach der Gefühlsgrenze, ersetzt sie aber nicht.

Grenze der Aussagekraft. Fehlende Bauchhautreflexe allein sind kein Beweis einer Rückenmarksschädigung. Sie fehlen auch bei kräftiger Bauchdecke, nach Bauchoperationen, bei Übergewicht, bei schlaffer Bauchwand nach Schwangerschaften und im höheren Lebensalter. Aussagekräftig wird der Befund erst im Seitenvergleich, in der Höhenstufung und zusammen mit den Zeichen der langen Bahnen (siehe Kapitel 07). [B]

Kapitel 04

Vegetative Bezüge

4.1 Th6 speist den großen Eingeweidenerv

Das Seitenhorn des Rückenmarks — der Zellhaufen, aus dem die vorgeschalteten sympathischen Fasern hervorgehen — reicht von Th1 bis etwa L2. Th6 liegt mitten in diesem Bereich, und zwar in dem Abschnitt, aus dem der N. splanchnicus major hervorgeht: Er entspringt aus den Grenzstrangknoten Th5 bis Th9. Damit unterscheidet sich Th6 grundlegend von Th1 bis Th4, die keinen Eingeweidenerv an den Bauchraum abgeben. [B]

ZielgebietWegBelegt?
Oberbauchorgane (Magen, Zwölffingerdarm, Leber, Gallenwege, Bauchspeicheldrüse, Milz, oberer Dünndarm)Über den N. splanchnicus major aus den Knoten Th5 bis Th9 durch das Zwerchfell zum Ganglion coeliacum; dort erst Umschaltung— anatomisch gesichert; zugleich der Weg, auf dem Oberbauchschmerz die Körperwand erreicht [B]
NebennierenmarkFasern des N. splanchnicus major erreichen es ohne Umschaltung— anatomisch gesichert; die einzige Stelle des Körpers, an der vorgeschaltete Fasern unmittelbar am Erfolgsorgan enden [B]
Gefäßgebiet des Bauchraums (Splanchnikusgebiet)Über denselben Nerv zu den Widerstandsgefäßen von Magen-Darm-Trakt, Leber und Milz— Grundlage der autonomen Dysreflexie, siehe 4.3 [B]
Haut und Gefäße der eigenen EtageGrauer Verbindungsast zurück zum Spinalnerv Th6— betrifft die Brustwand, kein Organ [B]
HerzÜber die Nn. cardiaci thoracici aus den Knoten Th1 bis etwa Th4/Th5Nur randständig über Th6. Der Hauptzustrom liegt höher
Schweißdrüsen und Gefäße der HandAufsteigend im Grenzstrang zu den HalsknotenNicht über Th6. Die Handfasern stammen aus Th2 bis Th4
Die ersten drei Zeilen sind das, was Th6 vor den höheren Brustsegmenten auszeichnet. Die letzten beiden grenzen es gegen sie ab.

Warum „Th6 = Magen“ trotzdem nicht stimmt. Der N. splanchnicus major bündelt die Fasern aus fünf Etagen, bevor er ein Organ erreicht. Aus dem Bündel lässt sich keine einzelne Etage zurückrechnen. Belegt ist, dass Th6 einen Beitrag zur Versorgung der Oberbauchorgane leistet; nicht belegt ist eine Zuordnung einzelner Organe zu einzelnen Etagen. Damit entfällt die Grundlage der Viszerotom-Tabellen, ohne dass der belegte Schmerzweg bestritten wird. [I]

Die Umschaltung liegt nicht im Brustkorb. Die Fasern aus Th6 ziehen durch den Grenzstrangknoten Th6 hindurch, ohne dort umgeschaltet zu werden. Sie sammeln sich mit den Fasern der Nachbaretagen zum N. splanchnicus major, durchbohren das Zwerchfell und werden erst im Ganglion coeliacum auf das zweite Neuron umgeschaltet. Das ist der Grund, weshalb ein Eingriff am Grenzstrangknoten Th6 etwas anderes bewirkt als ein Eingriff an den Knoten Th2 bis Th4. [B]

4.2 Richtung der Aussage

Belegt ist die Richtung vom Organ zur Körperwand. Dass Gallenkolik, Magengeschwür und Bauchspeicheldrüsenentzündung Schmerz in der Magengrube und zwischen den Schulterblättern erzeugen, beruht auf der gemeinsamen Umschaltung von Organ- und Hautfasern im Hinterhorn der Segmente Th5 bis Th9. Dieser Weg ist gesichert. [B]

Die Gegenrichtung ist eine Hypothese. Dass sich durch Behandlung der Brustwand oder des Wirbelgelenks Th6 die Tätigkeit von Magen, Galle oder Bauchspeicheldrüse beeinflussen ließe, folgt aus der Anatomie nicht. Vergleichende Untersuchungen, die eine solche Wirkung belegen, liegen für dieses Segment nicht vor. Auf dieser Seite wird die Gegenrichtung als Hypothese geführt. [H]

4.3 Die Schwellenhöhe Th6: autonome Dysreflexie

Bei Menschen mit einer Rückenmarksschädigung auf Höhe Th6 oder darüber kann ein Reiz unterhalb der Schädigung eine plötzliche, mitunter lebensbedrohliche Blutdruckkrise auslösen. Bei tiefer gelegenen Schädigungen tritt das in aller Regel nicht auf. Die Höhe Th6 ist damit keine Zahl unter anderen, sondern eine klinische Grenze. [B]

Der Grund liegt genau in dem, was Abschnitt 4.1 beschreibt. Der N. splanchnicus major steuert das größte Blutgefäßgebiet des Körpers. Liegt die Schädigung oberhalb seines Ursprungs, erreichen die dämpfenden Bahnen aus dem Hirnstamm dieses Gebiet nicht mehr. Ein Reiz unterhalb der Schädigung löst dann über den erhaltenen Rückenmarksreflex eine ungebremste Engstellung dieser Gefäße aus — der Blutdruck steigt schlagartig. Liegt die Schädigung unterhalb von Th6, bleibt genug dämpfender Einfluss erhalten. [B]

MerkmalAngabe
Betroffene SchädigungshöheTh6 und höher. Einzelfälle sind bis Th10 berichtet; unterhalb davon gilt das Auftreten als unwahrscheinlich
HäufigkeitIn Übersichtsarbeiten werden Spannen von 48 bis 90 % der Betroffenen mit Schädigung auf oder oberhalb Th6 genannt. Die Spanne ist so breit, weil die Definition uneinheitlich ist [I]
Messtechnische UntersuchungIn einer Reihe mit 24-Stunden-Blutdruckmessung an 28 Personen mit Schädigung oberhalb Th6 traten bei 26 Personen Ereignisse auf, im Mittel etwa sechs je Messtag — auch bei Personen ohne Beschwerden
Übliche AuslöserVolle Blase, voller Darm, eingeklemmter Katheter, Druckstelle, eingewachsener Zehnagel, enge Kleidung, Knochenbruch, Eingriffe unterhalb der Schädigungshöhe
Zeichen oberhalb der SchädigungPochender Kopfschmerz, Gesichtsrötung, Schwitzen, verstopfte Nase, Gänsehaut
Zeichen unterhalb der SchädigungBlasse, kalte Haut, Gänsehaut
KreislaufPlötzlicher Blutdruckanstieg, häufig mit verlangsamtem Puls. Als Schwelle wird meist ein Anstieg des oberen Wertes um 20 bis 40 mmHg über den für die Person üblichen Wert angegeben [I]
BedeutungNotfall. Unbehandelt sind Hirnblutung, Krampfanfall und Todesfälle beschrieben
Die Zeile zur Häufigkeit ist ausdrücklich als Spanne aus Übersichtsarbeiten geführt: Eine einheitliche Falldefinition liegt nicht vor, weshalb die Zahlen zwischen den Reihen erheblich streuen.

Warum das auf einer Segmentseite steht. Die autonome Dysreflexie ist der einzige Fall dieser Seitenreihe, in dem eine Segmenthöhe unmittelbar über einen Notfall entscheidet. Wer mit Menschen mit Querschnittlähmung arbeitet, muss die Höhenangabe kennen: Ab Th6 aufwärts ist bei plötzlichem Kopfschmerz mit Gesichtsrötung und hohem Blutdruck sofort ärztliche Hilfe erforderlich, und der auslösende Reiz — meist die volle Blase — ist zu suchen. Eine Behandlungsanweisung gibt diese Seite nicht; dafür bestehen eigene Leitlinien (siehe Kapitel 11).

4.4 Warum Th6 kein „Organsegment“ ist

Aus den belegten Wegen folgt eine enge Grenze. Th6 hat Anteil an der sympathischen Versorgung der Oberbauchorgane. Daraus folgt nicht, dass sich Beschwerden dieser Organe segmental behandeln ließen, und erst recht nicht, dass umgekehrt jedes Magen- oder Gallenleiden ein Th6-Zeichen erzeugte.

Umgekehrt gilt eine harte klinische Regel: Weil der Weg vom Oberbauch zur Körperwand belegt ist, müssen bei Schmerzen in dieser Höhe die Oberbauchorgane zuerst abgeklärt werden — auch dann, wenn sich ein Rippen- oder Wirbelgelenk druckschmerzhaft tasten lässt. Ein tastbarer Befund schließt eine Organursache nicht aus. Siehe Kapitel 09.

4.5 Zuflüsse zum Seitenhorn und was daraus folgt

Die sympathischen Ursprungszellen im Nucleus intermediolateralis sind die letzte Umschaltstelle im Rückenmark, bevor ein sympathischer Befehl den Körper erreicht. Sie arbeiten nicht selbstständig. Was sie weitergeben, hängt von drei Zuflüssen ab.

Zufluss aus dem Gehirn. Fünf Zellgruppen versorgen die gesamte sympathische Ausfuhr: der Nucleus paraventricularis des Hypothalamus, die A5-Zellgruppe, die hintere Raphe sowie die vordere seitliche und die vordere mittige verlängerte Medulla. Sie gelten als der beherrschende Zufluss. [B]

Zufluss aus dem eigenen Segment. Schaltzellen in der Nähe der Ursprungszellen leiten Meldungen aus Organen, Haut und Muskeln weiter. Eingeweidefasern erreichen die Ursprungszellen in der Regel nicht unmittelbar, sondern über solche Zwischenzellen. Das ist der Weg, den Kapitel 05 für die Zonen beschreibt. [B]

Zufluss aus anderen Rückenmarkshöhen. Im Tierversuch stammen 8 bis 20 von 100 erregenden Kontakten an den Brust-Ursprungszellen von Schaltzellen des Lendenmarks, die zum Gehprogramm gehören. Der Zufluss ist nach Höhen geordnet. [B]

Was hinausgeht. Die Ursprungszellen des Segments Th6 geben ihre Erregung über die vordere Wurzel und den weißen Verbindungsast an den Grenzstrang ab. Sympathische Wirkungen sind unter anderem: Engstellung der Gefäße, Schweißbildung, Aufrichten der Haare, Wirkungen an inneren Organen und Ausschüttung aus dem Nebennierenmark. Welche davon auf Th6 entfallen, steht oben in diesem Kapitel. [B]

Aus der Verrechnung dieser Zuflüsse folgt zweierlei. Ein Reiz aus einem Organ ist nur ein Eingang unter mehreren und wird mit der Steuerung aus dem Gehirn verrechnet. Und aus einem Befund an der Körperoberfläche lässt sich nicht auf eine einzelne Etage zurückschließen. [I]

Wie stark der Zufluss aus dem Gehirn wiegt, zeigt sich nach einer Querschnittlähmung. Unterhalb der Verletzung gehen die Bahnen aus dem Gehirn zu den Ursprungszellen weitgehend verloren. Blutdruckregelung, Blasen- und Darmsteuerung sind danach gestört, während die Ursprungszellen selbst weiterarbeiten. [B]

Quellen zu diesem Abschnitt

  • Strack AM, Sawyer WB, Hughes JH, Platt KB, Loewy AD: A general pattern of CNS innervation of the sympathetic outflow demonstrated by transneuronal pseudorabies viral infections. Brain Res 1989;491:156–162. — Grundlage der fünf Zellgruppen in Hypothalamus und Hirnstamm.
  • Llewellyn-Smith IJ: Anatomy of synaptic circuits controlling the activity of sympathetic preganglionic neurons. J Chem Neuroanat 2009;38:231–239. — Grundlage der Zuflüsse aus Gehirn und Rückenmark.
  • Chacon C, Nwachukwu CV, Shahsavani N, Cowley KC, Chopek JW: Lumbar V3 interneurons provide direct excitatory synaptic input onto thoracic sympathetic preganglionic neurons. Front Neural Circuits 2023;17:1235181. — Grundlage des Zuflusses aus anderen Rückenmarkshöhen.
  • Llewellyn-Smith IJ: Effects of spinal cord injury on synaptic inputs to sympathetic preganglionic neurons. Prog Brain Res 2006;152:11–26. — Grundlage der Aussage zum Verlust der Bahnen aus dem Gehirn nach Querschnittlähmung.
  • Wehrwein EA, Orer HS, Barman SM: Overview of the anatomy, physiology, and pharmacology of the autonomic nervous system. Compr Physiol 2016;6:1239–1278. — Grundlage der Aufzählung der sympathischen Wirkungen.

Offene Lücken

  • Die Befunde zu den Zuflüssen stammen aus Tierversuchen an Ratten und Mäusen. Zahlen zum Anteil der einzelnen Zuflüsse beim Menschen liegen nicht vor.
  • Von den fünf Arbeiten dieses Abschnitts wurden nur die Zusammenfassungen eingesehen. Der Abgleich mit den Volltexten steht vor Veröffentlichung aus.

Kapitel 05

Dermatom, Sklerotom, Reflexzonen

5.1 Das Dermatom Th6 — die mittlere Höhenmarke

Das Hautgebiet des Segments Th6 zieht als schmales Band gürtelförmig um den Brustkorb. Hinten liegt es neben der Wirbelsäule etwa in Höhe des Dornfortsatzes Th6, verläuft nach vorn deutlich abfallend und erreicht vorn die Höhe des Schwertfortsatzansatzes. [B]

  • Kennpunkt nach ISNCSCI: Medioklavikularlinie auf Höhe des Schwertfortsatzansatzes, im sechsten Zwischenrippenraum. Er ist der mittlere der drei Bezugspunkte, die ohne Hilfsmittel auffindbar sind — Brustwarze (Th4), Schwertfortsatz (Th6), Nabel (Th10).
  • Der schräge Verlauf: Hinten Dornfortsatz Th6, vorn eine Höhe, hinter der der Wirbelkörper Th9 steht. Das Band fällt von hinten nach vorn um rund drei Wirbelhöhen ab. Wer das Band waagerecht denkt, verschätzt sich vorn um zwei bis drei Etagen.
  • Nachbarschaft: Th4 liegt auf der Mamillenlinie, Th10 in Nabelhöhe. Die Etagen dazwischen teilen den Abstand annähernd gleichmäßig auf; die Kennpunkte Th5, Th7, Th8 und Th9 sind im ISNCSCI-Standard ausdrücklich als Zwischenpunkte zwischen Schwertfortsatz und Nabel bestimmt.
  • Überlappung: Benachbarte Dermatome greifen am Rumpf um ein bis zwei Segmente ineinander. Der Ausfall einer einzelnen Wurzel erzeugt deshalb meist kein vollständiges Gefühlsloch, sondern nur eine abgeschwächte Empfindung. Für eine nachweisbare Lücke müssen in der Regel zwei benachbarte Wurzeln ausfallen. [B]

Die Höhenangabe ist keine Ortsangabe. Liegt die Gefühlsgrenze auf Höhe des Schwertfortsatzes, ist das Rückenmarkssegment Th6 die unterste noch intakte Etage. Die Ursache liegt dann in Höhe des Wirbels Th3 oder Th4 — zwei Etagen weiter oben (siehe Abschnitt 1.1). Diese Umrechnung ist der häufigste Fehler bei der Zuordnung von Untersuchungsbefund und Bildbefund. [B]

5.2 Gemessene Schmerzkarten: Th6 ist das bestbelegte Brustsegment

Für die Wirbelgelenke der Brustwirbelsäule liegen Karten aus Reizversuchen vor, bei denen die Gelenke unter Durchleuchtung gezielt aufgefüllt wurden. Für Th6 sind diese Karten besonders belastbar, weil beide Gelenke der Etage unmittelbar untersucht wurden — das gilt für kein anderes Brustsegment dieser Reihe.

UntersuchungUntersuchte EtagenErgebnis
Dreyfuss 1994, neun beschwerdefreie Freiwillige, 40 EinspritzungenRechts Th3/Th4, Th5/Th6, Th7/Th8, Th9/Th10; links Th4/Th5, Th6/Th7, Th8/Th9, Th10/Th11In 72,5 % entstand eine vom Nadelweg unterscheidbare Empfindung. Der stärkste Schmerz lag jeweils eine Etage tiefer und leicht seitlich vom gereizten Gelenk und reichte nie mehr als zweieinhalb Etagen nach unten
Young 2008, acht beschwerdefreie FreiwilligeRippen-Querfortsatz-Gelenke der BrustwirbelsäuleDer Schmerz blieb oberflächlich über dem gereizten Gelenk, neben der Wirbelsäule. Keine Ausstrahlung zur Brustwand, zum Arm oder in ein Organgebiet
Fukui 1997, Personen mit BeschwerdenC7/Th1 bis Th2/Th3 sowie Th11/Th12Deckt die Etage Th6 nicht ab. Wird hier nur genannt, um die Grenze der Übertragbarkeit sichtbar zu machen
Die erste Zeile ist die für Th6 tragende: Die Gelenke Th5/Th6 und Th6/Th7 wurden beide gezielt gereizt. Die Teilnehmerzahl bleibt mit neun Personen klein.

Der gemeinsame Befund — und was aus ihm folgt. In beiden Reihen blieb der ausgelöste Schmerz einseitig und hinten. Weder die vordere Brustwand noch der Bauch wurde erreicht. Die Erklärung liegt in der Versorgung: Die Wirbelgelenke werden vom inneren Zweig des hinteren Astes versorgt, die Rippen-Querfortsatz-Gelenke vom äußeren Zweig — beide bleiben auf ihrer Seite und hinten. Ein Schmerz, der gürtelförmig nach vorn in die Magengrube zieht, lässt sich mit diesen Gelenken deshalb nicht erklären. Das ist eine harte Abgrenzung gegenüber der verbreiteten Rede von „pseudoradikulärer Ausstrahlung“ in den Oberbauch. [B]

Zu bedenken bleibt die Einschränkung, die die Verfasser selbst nennen: Untersucht wurden beschwerdefreie Freiwillige. Bei vorbestehenden Beschwerden könnte das Schmerzgebiet größer ausfallen. Diese Möglichkeit ist bisher nicht geprüft. [I]

5.3 Sklerotom

Das Sklerotom Th6 umfasst die zugehörigen Anteile von Wirbelkörper, Wirbelbogen, Bandapparat, Gelenkkapseln und die sechste Rippe mit ihrem Periost. Grundlage der Sklerotomkarten sind die Reizversuche von Kellgren aus dem Jahr 1939 sowie die Arbeiten von Inman und Saunders 1944. [H]

Diese Karten sind historisch bedeutsam, methodisch aber begrenzt: kleine Teilnehmerzahlen, keine verblindete Auswertung, deutliche Streuung zwischen den Verfassern. Sie werden hier genannt, weil sie in der Literatur weiterwirken — nicht als Beleg. Praktisch verwertbar bleibt daraus nur eine Beobachtung: Schmerz aus tiefen Strukturen ist dumpf und schlecht zu orten, Schmerz aus der Haut ist scharf und gut zu orten.

5.4 Historische Zonenmodelle und ihre Grenzen

Bei Th6 liegt der Fall anders als bei Th1 bis Th4. Dort fehlte den Organzuordnungen der anatomische Weg überhaupt. Hier ist der Weg vorhanden — der N. splanchnicus major aus Th5 bis Th9. Was fehlt, ist die Auflösung: Der Weg trägt fünf Etagen gemeinsam, nicht jede einzeln.

ModellAussage zu dieser HöheEinordnung
Head-Zonen (Head 1893, 1900)Magen, Galle und Bauchspeicheldrüse werden Zonen im Bereich Th6 bis Th9 zugeordnet, die Gallenzone mit Betonung rechtsDer zugrunde liegende Weg — Organfasern und Hautfasern schalten im selben Hinterhorn um — ist belegt. Die Zonenkarte selbst beruht auf Beobachtungen ohne standardisierte Prüfung und streut erheblich [H]
Reflexzonen nach James Mackenzie (1900)Muskelverspannung und Druckempfindlichkeit neben der Wirbelsäule als OrganzeichenHistorisches Modell. Nicht zu verwechseln mit Robin McKenzie, dessen Bewegungstherapie aus den 1970er Jahren stammt und nichts mit Organzuordnungen zu tun hat [H]
Bindegewebszonen nach Elisabeth Dicke (1938)Tastbare Einziehungen und Quellungen der Unterhaut als Organzeichen, unter anderem im Bereich der mittleren BrustwirbelsäuleHistorisches Modell ohne vergleichende Prüfung der Zuordnung [H]
Enterotome und ViszerotomeZuordnung einzelner Bauchorgane zu einzelnen BrustsegmentenFür Th6 teilweise anschlussfähig, weil der Weg besteht — aber nicht auf die einzelne Etage auflösbar (siehe Abschnitt 4.1). Als Etagentabelle nicht verwendbar [I]
Alle vier Modelle sind genannt, weil sie in der Literatur und in der Ausbildung fortwirken. Keines wird als Beleg verwendet. Die vierte Zeile unterscheidet sich von den Th1- bis Th4-Seiten: Hier fehlt nicht der Weg, sondern die Trennschärfe.

5.5 Erklärungswege über das Rückenmark

Dieser Abschnitt ordnet ein, auf welchem Weg ein Organreiz Haut, Unterhaut und Muskeln verändern kann. Belegt ist nur ein Teil davon.

Reize aus einem Organ erreichen das Rückenmark über Eingeweidefasern. Diese enden im Hinterhorn, dem Eingangsbereich des Rückenmarks für Empfindungen. Im selben Segment können sie die sympathischen Ursprungszellen im Nucleus intermediolateralis erregen. Diese Zellsäule im Seitenhorn reicht von Th1 bis etwa L2; das Segment Th6 gehört dazu. Über den Grenzstrang steuern diese Zellen unter anderem Hautgefäße und Schweißdrüsen. [B]

Dass sich Unterhaut und Muskeln im Übertragungsgebiet eines Organs messbar verändern, ist beim Menschen gezeigt. Bei Gallensteinen mit Koliken war die Unterhaut im Übertragungsgebiet dicker und der Muskel dünner als auf der Gegenseite. Ohne Koliken fanden sich diese Unterschiede nicht. [B]

Die Autoren dieser Untersuchung vermuten, dass Überempfindlichkeit und Gewebeveränderung auf verschiedenen Wegen entstehen. [I]

Auf welchem Weg die Veränderungen entstehen, ist beim Menschen nicht geklärt. Tierversuche nennen drei Kandidaten: gegabelte Empfindungsfasern, Verschaltungen zwischen Empfindungsfasern im Rückenmark und den sympathischen Reflex über das Seitenhorn. [B]

Gegabelte Empfindungsfaser. Bei Ratten sind Schmerzfasern nachgewiesen, die sich teilen und mit einem Ast die Haut, mit dem anderen ein Organ versorgen. Bei Entzündungen von Dickdarm, Blase oder Magen trat in der Haut Flüssigkeit aus. Im Dickdarmmodell reagierten diese Fasern verstärkt auf Hautreize. [B]

Hinterwurzelreflex. Hier läuft eine Erregung vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser. An deren Ende setzt sie Botenstoffe frei, die eine vom Nerv ausgelöste Schwellung und Rötung hervorrufen, eine neurogene Entzündung. Im Tierversuch erklärt dieser Reflex einen erheblichen Teil der Gelenkschwellung bei Arthritis und der Hautrötung nach Einspritzen von Capsaicin. [B]

Dass einer dieser beiden Wege die Zonen bei Organleiden erzeugt, ist nicht gezeigt. Beide setzen kein Seitenhorn voraus und kämen deshalb in allen Segmenten in Frage. [I]

Konvergenz im Hinterhorn. Fast alle Schaltzellen der zweiten Stufe im Hinterhorn erhalten Eingänge aus den Eingeweiden und zugleich aus Haut und Muskeln. Dieses Zusammenlaufen gilt seit Langem als Grundlage dafür, dass Organschmerz an der Körperoberfläche gespürt wird. [B]

Die Konvergenz erklärt die Überempfindlichkeit einer Zone, für sich allein aber keine tastbare Gewebeveränderung. Welcher der genannten Wege beim Menschen überwiegt, ist offen. [I]

Die Bindegewebsmassage erklärt ihre Zonen mit einer Reflexwirkung über das vegetative Nervensystem, also mit dem Weg über das Seitenhorn. Nachgewiesen ist diese Erklärung nicht, und ob die Tastbefunde nach Dicke den gemessenen Veränderungen entsprechen, ist offen. [I]

Skelettmuskeln werden ausschließlich über die motorischen Vorderhornzellen erregt. Das vegetative Nervensystem, zu dem das Seitenhorn gehört, steuert Eingeweide, Gefäße und Drüsen, aber nicht die Skelettmuskeln. [B]

Ein zweites Modell führt Verspannungen der Körperwand bei Organreiz auf Reflexe über diese Vorderhornzellen zurück. Die Körperwand umfasst Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ. Tierversuche stützen das Modell; beim Menschen ist es nicht gesichert. [I]

Ob der Sympathikus die Muskelspannung beim Menschen unmittelbar verändert, ist ungeklärt. Im Tierversuch veränderte ein Sympathikusreiz die Empfindlichkeit der Muskelspindeln, der Längenfühler im Muskel. Beim Menschen blieb die Spindelentladung in einer Untersuchung unverändert; in einer anderen war der Dehnungsreflex verstärkt. Die Befunde widersprechen sich. [I]

Alle genannten Wege beschreiben die Richtung vom Organ zur Körperwand. Dass eine Behandlung von Haut oder Muskeln über diese Wege ein Organ beeinflusst, ist damit nicht belegt. [H]

Kapitel 06

Beschwerdebilder

6.1 Das Wurzelsyndrom Th6 — selten und schwer zu belegen

Eine Reizung oder Schädigung der Wurzel Th6 äußert sich als einseitiger, gürtelförmiger Schmerz, der vom Rücken um den Brustkorb bis in die Magengrube zieht, häufig als brennend oder einschießend beschrieben und beim Husten oder Niesen verstärkt. Eine Kraftminderung ist nicht prüfbar (siehe Kapitel 03), ein Eigenreflexausfall gibt es nicht. Übrig bleiben der Schmerzverlauf, eine abgeschwächte Empfindung im schmalen Hautband und — als zusätzlicher Anhaltspunkt dieser Höhe — der obere Bauchhautreflex. [B]

AngabeZahlHerkunft
Anteil thorakaler Bandscheibenvorfälle an allen Vorfällen0,15 bis 4 % der operationsbedürftigen Vorfälle; nach anderen Reihen 0,1 bis 5 %Zusammenfassende Übersichtsarbeiten
Neu auftretende beschwerdeverursachende VorfälleGrößenordnung 1 Fall je 1 Million Personen und JahrMehrfach übereinstimmend berichtet
Anteil unterhalb der Etage Th7/Th8rund 75 %, Häufungsgipfel bei Th11/Th12Operationsreihen
Anteil oberhalb der Etage Th3/Th4etwa 4 %Operationsreihen. Th6 liegt zwischen beiden Angaben — eine eigene Häufigkeitszahl für diese Etage liegt nicht vor [I]
Zufallsbefunde ohne Beschwerden in der Kernspintomographie11 bis 37 %; in einer Reihe von 90 beschwerdefreien Personen 73 % mit Auffälligkeiten, davon 37 % Vorfälle und 29 % mit Verformung des RückenmarksBildgebungsreihen an Beschwerdefreien
Altersgipfelviertes bis sechstes LebensjahrzehntÜbereinstimmend berichtet
Für Th6 selbst liegt keine Häufigkeitsangabe vor; die Etage fällt in den mittleren Bereich zwischen den beiden ausgewiesenen Gruppen. Die vorletzte Zeile ist die Kehrseite: Auffälligkeiten in der Bildgebung sind an der Brustwirbelsäule häufig und ohne Beschwerden meist bedeutungslos.

Was aus diesen beiden Zahlen zusammen folgt. Wer bei Schmerzen in dieser Höhe eine Kernspintomographie veranlasst, findet mit einiger Wahrscheinlichkeit einen Bandscheibenbefund — und dieser Befund erklärt die Beschwerden mit gleicher Wahrscheinlichkeit nicht. Ein Bildbefund an der Brustwirbelsäule wird erst durch einen dazu passenden Untersuchungsbefund bedeutsam. [B]

6.2 Gürtelrose und Nervenschmerz danach

Die Reaktivierung des Windpockenvirus in einem Spinalganglion ist die häufigste Ursache eines echten, auf ein einzelnes Segment begrenzten Schmerzes an der Brustwand. Die Brustdermatome sind dabei am häufigsten betroffen — in den vorliegenden Reihen etwa die Hälfte bis knapp zwei Drittel aller Fälle, mit Streuung zwischen den Untersuchungen. [B]

  • Zeitlicher Ablauf: Der Schmerz geht dem Ausschlag häufig um Tage voraus. In dieser Zeit ist auf Höhe Th6 die Verwechslung mit einem Gallen-, Magen- oder Herzleiden nahezu unvermeidlich.
  • Verteilung: streng einseitig, auf ein bis zwei benachbarte Dermatome begrenzt, nicht über die Mittellinie hinausgehend. Diese Begrenzung ist das stärkste Unterscheidungsmerkmal gegenüber Organschmerz, der die Mittellinie überschreitet.
  • Nervenschmerz danach: Bleibt der Schmerz nach Abheilen des Ausschlags bestehen, spricht man von Postzosterneuralgie. Höheres Lebensalter und starker Schmerz in der Anfangsphase gelten als Umstände, unter denen sie häufiger auftritt.
  • Vorbeugung: Zur Impfung gegen Gürtelrose bestehen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission. Sie werden fortlaufend angepasst; maßgeblich ist die jeweils gültige Fassung.

6.3 Gelenke und Rippen dieser Etage

Die häufigste Ursache umschriebener Beschwerden in dieser Höhe sind nicht Wurzel oder Bandscheibe, sondern die Gelenke selbst — die beiden Wirbelgelenke und die vier Rippengelenke der Etage, dazu vorn der Übergang der sechsten Rippe in ihren Knorpel. Der Schmerz ist dann örtlich, seitengebunden, bewegungs- und atemabhängig und durch Druck auslösbar.

Die gemessenen Schmerzkarten aus Abschnitt 5.2 geben die Erwartung vor: einseitig, hinten, höchstens zweieinhalb Etagen nach unten reichend. Was darüber hinausgeht — Ausstrahlung in die Magengrube, in den rechten Oberbauch oder unter das Brustbein — verlangt eine andere Erklärung.

6.4 Der Oberbauch: die eigentliche Verwechslungsquelle dieser Höhe

Der Kennpunkt Th6 liegt in der Magengrube. Genau dort kommt der Schmerz der Oberbauchorgane an, weil er über dieselben Segmente Th5 bis Th9 vermittelt wird. Das ist die klinische Besonderheit dieser Etage: Bei Th4 stand der Ausschluss von Herz und Aorta am Anfang, bei Th6 kommt der Oberbauch hinzu — und zwar an erster Stelle. [B]

OrganWo der Schmerz ankommtWoran er zu erkennen ist
Gallenblase und GallenwegeRechter Oberbauch und Magengrube, häufig mit Ausstrahlung in die rechte SchulterblattgegendWellenförmiger, über Minuten bis Stunden anhaltender Schmerz, oft nach fettreicher Mahlzeit, mit Übelkeit
Magen und ZwölffingerdarmMagengrube, gelegentlich zwischen die Schulterblätter durchschlagendBezug zu Mahlzeiten und Nüchternheit, Besserung oder Verstärkung nach dem Essen je nach Ort des Geschwürs
BauchspeicheldrüseOberbauch, gürtelförmig nach hinten durchschlagendAnhaltender, bohrender Schmerz, oft Linderung beim Vornüberbeugen, häufig mit Erbrechen
Herz (Hinterwand)Magengrube — ohne Druckgefühl hinter dem BrustbeinBelastungsbezug, Luftnot, Übelkeit, kalter Schweiß. Wird auf dieser Höhe regelmäßig als Magenbeschwerde verkannt
SpeiseröhreHinter dem Brustbein und in der MagengrubeBrennen, Bezug zu Körperlage und Mahlzeiten, Schluckstörung
Alle fünf Organe schicken ihren Schmerz in dasselbe Gebiet, in dem der Kennpunkt Th6 liegt. Die vierte Zeile ist die gefährlichste: Ein Hinterwandinfarkt kann sich ausschließlich als Oberbauchschmerz zeigen.

6.5 Abgrenzung: was auf dieser Höhe sonst Schmerzen macht

UrsacheMerkmaleWarum sie hier verwechselt wird
Oberbauchorgane (siehe Abschnitt 6.4)Schmerz überschreitet die Mittellinie, Bezug zu Mahlzeiten, Übelkeit, ErbrechenDer Schmerzweg läuft über dieselben Segmente Th5 bis Th9. Vorrang vor jeder segmentalen Einordnung
HerzdurchblutungsstörungDruck oder Enge hinter dem Brustbein oder in der Magengrube, belastungsabhängig, Luftnot, ÜbelkeitDer Hinterwandinfarkt zeigt sich häufig ausschließlich im Oberbauch
Aortenerkrankung (Einriss der Gefäßwand, Aussackung)Plötzlicher, reißender Schmerz zwischen den Schulterblättern, wandernd, Blutdruck- oder Pulsunterschied zwischen beiden ArmenDie Brustaorta liegt unmittelbar vor den Wirbelkörpern dieser Etage
Lungenembolie, Rippenfellentzündung, PneumothoraxAtemabhängiger stechender Schmerz, Luftnot, HustenDas Rippenfell wird von den Zwischenrippennerven versorgt; der Schmerz kommt an derselben Brustwand an
Wirbelbruch bei KnochenschwundPlötzlicher Schmerz ohne oder nach geringem Anlass, örtlicher Klopfschmerz, Größenverlust, RundrückenzunahmeDie mittlere Brustwirbelsäule und der Übergang zur Lendenwirbelsäule sind bevorzugte Orte osteoporotischer Brüche
Absiedlung eines TumorsNachts zunehmender, lageunabhängiger Schmerz, Gewichtsverlust, Tumorleiden in der VorgeschichteDie Brustwirbelsäule ist der häufigste Ort von Absiedlungen an der Wirbelsäule
Entzündung von Bandscheibe und WirbelZunehmender Ruheschmerz, Fieber, erhöhte Entzündungswerte, vorausgegangener Eingriff oder InfektionDer Schmerz ist zunächst örtlich und wird als Blockierung gedeutet
Reizung der Rippenknorpel (Costochondritis, Tietze-Syndrom)Druckschmerz unmittelbar am Übergang von Rippe zu Brustbein, beim Tietze-Syndrom mit tastbarer SchwellungDie sechste Rippe erreicht das Brustbein über einen eigenen Knorpel; der Übergang liegt in derselben Etage
Zwischenrippen-Nervenschmerz nach EingriffBrennender, einseitiger Schmerz entlang der Narbe nach Brustkorberöffnung, oft mit GefühlsminderungVerlauf und Verteilung entsprechen dem Zwischenrippennerv — die Ursache liegt aber im Nerv, nicht in der Wurzel
Slipping-Rib-Syndrom (gleitende Rippe)Stechender Schmerz am unteren Rippenbogen, auslösbar durch Anhaken des RippenrandesBetrifft in der Regel die Rippen 8 bis 10, wird aber häufig der mittleren Brustwirbelsäule zugeschrieben
Die ersten drei Zeilen betreffen Erkrankungen, bei denen Zeitverlust unmittelbar schadet. Sie sind der Grund, weshalb auf dieser Höhe die Abklärung vor der Einordnung steht.

Kapitel 07

Untersuchung

7.1 Reihenfolge

Die Untersuchung dieser Höhe folgt einer anderen Reihenfolge als an Hals- und Lendenwirbelsäule. Weil kein Kennmuskel zur Verfügung steht, beginnt sie nicht mit der Wurzel, sondern mit dem Ausschluss.

  • Erster Schritt — Ausschluss. Oberbauchorgane, Herz, Aorta, Lunge. Bei Warnzeichen (siehe Kapitel 09) endet die segmentale Untersuchung hier.
  • Zweiter Schritt — Höhe bestimmen. Über Brustbeinwinkel und Schwertfortsatzansatz, nicht durch Zählen am Rücken.
  • Dritter Schritt — Sensibilität. Seitenvergleich im Hautband, Suche nach einer Grenze nach unten.
  • Vierter Schritt — lange Bahnen und Bauchhautreflexe. Beine, Gang, Reflexe, Babinski-Zeichen, dazu die drei Bauchhautreflexe in ihrer Höhenstufung. Das ist an der Brustwirbelsäule der wichtigste Teil, weil hier Rückenmark hinter der Bandscheibe liegt.
  • Fünfter Schritt — örtlicher Befund. Wirbel- und Rippengelenke, Muskulatur, Rippen-Knorpel-Übergang vorn.

7.2 Höhenbestimmung und Sensibilität

PrüfungVorgehenBewertung
Schwertfortsatzansatz tastenAm unteren Brustbeinende die Stufe zwischen Brustbeinkörper und Schwertfortsatz aufsuchenUnmittelbare Höhenmarke für den Kennpunkt Th6. Schneller als jedes Abzählen
Gegenprobe über den BrustbeinwinkelQuerleiste am Brustbein aufsuchen (Ansatz der zweiten Rippe), vier Zwischenrippenräume nach unten zählenErgibt den sechsten Zwischenrippenraum. Nützlich, wenn der Schwertfortsatz schlecht tastbar ist
Kennpunkt Th6 prüfenBerührung und spitz/stumpf in der Medioklavikularlinie auf Höhe des Schwertfortsatzansatzes, beidseits im VergleichStandardpunkt nach ISNCSCI. Abgeschwächte Empfindung ist häufiger als vollständiger Ausfall
Grenze suchenVon unten nach oben prüfen, bis die Empfindung wieder normal wirdVon unten nach oben ist empfindlicher als umgekehrt, weil der Übergang zur normalen Empfindung deutlicher wahrgenommen wird
UmrechnenGefundene Segmenthöhe minus etwa zwei Etagen ergibt die WirbelhöheVerhindert die häufigste Fehlzuordnung zwischen Untersuchungs- und Bildbefund
Fünf Handgriffe, keine Geräte. Sie tragen an dieser Höhe die Hauptlast der Untersuchung.

7.3 Prüfung der langen Bahnen und der Bauchhautreflexe

An der Brustwirbelsäule ist die Frage nach einer Rückenmarksschädigung wichtiger als die Frage nach der Wurzel. Fünf Prüfungen genügen für den ersten Durchgang:

  • Gangbild — unsicherer, breitbeiniger Gang; Seiltänzergang.
  • Muskeleigenreflexe an den Beinen — gesteigert, verbreiterte Auslösezone.
  • Babinski-Zeichen — Bestreichen der Fußsohle am äußeren Rand.
  • Bauchhautreflexe in der Höhenstufung — oben, in Nabelhöhe und unten getrennt prüfen, jeweils im Seitenvergleich. Die obere Etage wird deutschsprachig ab Th6, englischsprachig erst ab Th8 angesetzt; verwertbar ist deshalb der Wechsel zwischen den Etagen, nicht die Etage selbst. Ein oberhalb erhaltener und unterhalb erloschener Reflex spricht für eine Schädigung dazwischen.
  • Blasen- und Mastdarmfunktion — gezielt erfragen. Eine Störung ist an dieser Höhe ein Notfallzeichen, kein Segmentzeichen.

Zusatzfrage bei bekannter Querschnittlähmung. Liegt die Schädigungshöhe bei Th6 oder höher, gehört die Frage nach plötzlichem Kopfschmerz mit Gesichtsrötung, Schwitzen und Blutdruckanstieg zur Untersuchung. Diese Zeichen sprechen für eine autonome Dysreflexie und verlangen sofortige ärztliche Abklärung (siehe Abschnitt 4.3 und Kapitel 09). [B]

7.4 Örtlicher Befund an Gelenken und Rippen

Geprüft werden Druck- und Federungsschmerz über den Dornfortsätzen Th5 bis Th7, seitlich davon über den Wirbelgelenken und über den Rippen-Querfortsatz-Gelenken, dazu die Atemabhängigkeit des Schmerzes und vorn der Übergang der sechsten Rippe in ihren Knorpel.

Grenze der Aussagekraft. Die Übereinstimmung zwischen zwei Untersuchern ist bei der Beurteilung einzelner Bewegungssegmente der Brustwirbelsäule nur mäßig. Ein tastbarer Befund belegt weder eine bestimmte Etage noch eine Ursache — und er schließt eine Organerkrankung nicht aus. Er ist ein Hinweis, kein Beleg. [I]

7.5 Apparative Untersuchungen

VerfahrenNutzen an dieser HöheGrenze
Ultraschall des OberbauchsAn dieser Höhe der erste apparative Schritt: Gallenblase, Gallenwege, Leber, BauchspeicheldrüseDie Bauchspeicheldrüse ist bei Luftüberlagerung schlecht einsehbar
Elektrokardiogramm und HerzenzymeAusschluss eines Hinterwandinfarkts bei OberbauchschmerzEin unauffälliges Erst-EKG schließt einen Infarkt nicht aus
KernspintomographieVerfahren der Wahl bei Verdacht auf Rückenmarksschädigung, Tumorabsiedlung oder EntzündungHohe Rate an Zufallsbefunden ohne Krankheitswert (siehe Abschnitt 6.1)
ComputertomographieBeurteilung von Verkalkungen und knöchernen Veränderungen; thorakale Bandscheibenvorfälle sind häufig verkalktWeichteile und Rückenmark schlechter beurteilbar
Röntgen im StehenÜbersicht über Form, Brüche und AchsenverhältnisseSagt nichts über Rückenmark und Wurzel aus
Elektromyographie und NervenleitungsmessungAn den Rumpfsegmenten nur eingeschränkt einsetzbarEs fehlt ein zugänglicher Kennmuskel; eine Untersuchung der Zwischenrippenmuskulatur ist aufwendig und wenig gebräuchlich
LaboruntersuchungEntzündungswerte, Blutbild, Leber- und BauchspeicheldrüsenwerteUnauffällige Werte schließen Entzündung und Tumorleiden nicht sicher aus
Die Reihenfolge unterscheidet sich von den höheren Brustsegmenten: Auf Höhe Th6 steht die Oberbauchdiagnostik vor der Bildgebung der Wirbelsäule.

Kapitel 08

Behandlungsansätze

Dieses Kapitel beschreibt, welche Wege bei Beschwerden dieser Höhe beschritten werden und wie belastbar der jeweilige Nachweis ist. Es enthält keine Empfehlung für den Einzelfall; die Entscheidung darüber trifft die behandelnde Fachperson.

8.1 Bewegung und manuelle Verfahren

Bei umschriebenen Beschwerden der mittleren Brustwirbelsäule ohne Warnzeichen kommen Bewegungsübung, Haltungsschulung, Atemübung und manuelle Verfahren zum Einsatz. Die Nachweislage ist dünn: Aussagekräftige vergleichende Untersuchungen, die Behandlungsformen für diesen Abschnitt gegeneinander prüfen, fehlen weitgehend. [I]

Für die Brustwirbelsäule liegen einzelne Untersuchungen zu unmittelbaren Wirkungen einer Mobilisation auf messbare Sympathikuszeichen vor. Von einer belegten Wirkung auf den Beschwerdeverlauf ist das zu unterscheiden; diese ist damit nicht gezeigt. [I]

8.2 Gürtelrose und Nervenschmerz danach

Für Gürtelrose und Postzosterneuralgie besteht eine eigene Leitlinie mit Aussagen zur virushemmenden Behandlung, zur Schmerzbehandlung und zur örtlichen Behandlung. Ihre Gültigkeit ist abgelaufen; Einzelheiten im Quellenkapitel. Für die Vorbeugung bestehen Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission.

8.3 Schmerzbehandlung bei Zwischenrippen-Nervenschmerz

Beim anhaltenden Nervenschmerz entlang eines Zwischenrippennervs — nach Gürtelrose oder nach Brustkorberöffnung — kommen Medikamente gegen Nervenschmerz, örtliche Verfahren und die gezielte Blockade des Nervs in Betracht. Der Zugang liegt am Unterrand der Rippe, weil dort das Gefäß-Nerven-Bündel verläuft (Abschnitt 2.2).

8.4 Eingriffe am Weg des großen Eingeweidenervs

Bei schwer beherrschbarem Oberbauchschmerz — vor allem bei fortgeschrittenem Bauchspeicheldrüsenkrebs und bei chronischer Bauchspeicheldrüsenentzündung — wird der Schmerzweg selbst angegangen, entweder am Ganglion coeliacum (Plexusblockade) oder weiter oben am N. splanchnicus. Th6 liegt in dessen Ursprungsgebiet; der obere Ansatzpunkt einer thorakoskopischen Durchtrennung liegt bei Th5. [B]

VerfahrenUntersuchungErgebnis
Neurolyse des Ganglion coeliacum bei BauchspeicheldrüsenkrebsRandomisiert, doppelblind, 100 Personen (Wong 2004)Nach sechs Wochen 14 gegenüber 40 % mit mittelstarken oder starken Schmerzen. Kein Unterschied bei Lebensqualität und Überlebenszeit
Thorakoskopische Splanchnikus-Durchtrennung bei chronischem OberbauchschmerzFallreihen, unter anderem 302 und 75 PersonenAnfangs hohe Erfolgsquote, über die Jahre abfallend. Vergleichende Untersuchungen gegen andere Verfahren fehlen [I]
Beide Verfahren zielen auf den gebündelten Nerv, nicht auf das Segment Th6. Aus ihrer Wirkung folgt kein Beleg für eine segmentale Behandlung der Etage.

8.5 Was auf dieser Höhe nicht zu erwarten ist

Eine Behandlung des Segments Th6 kann Beschwerden an Rücken und Brustwand günstig beeinflussen. Eine Wirkung auf Magen, Galle oder Bauchspeicheldrüse über eine segmentale Verbindung ist damit nicht belegt (siehe Abschnitt 4.2). Beschwerden, die auf ein Organ hindeuten, gehören abgeklärt und nicht segmental eingeordnet.

Kapitel 09

Warnzeichen

Auf Höhe Th6 treffen drei Gruppen nicht-segmentaler Ursachen zusammen: die Oberbauchorgane, das Herz und — bei bestehender Querschnittlähmung — die autonome Dysreflexie. Die folgenden Zeichen verlangen eine unverzügliche ärztliche Abklärung, vor jeder segmentalen Einordnung und vor jeder manuellen Behandlung.

Sofortige ärztliche Abklärung bei:

  • Plötzlichem pochendem Kopfschmerz mit Gesichtsrötung, Schwitzen und hohem Blutdruck bei bekannter Querschnittlähmung auf Höhe Th6 oder darüber — Verdacht auf autonome Dysreflexie. Häufigster Auslöser ist eine volle Blase. Unbehandelt sind Hirnblutung, Krampfanfall und Todesfälle beschrieben.
  • Anhaltendem oder zunehmendem Schmerz in der Magengrube oder im rechten Oberbauch, mit Übelkeit, Erbrechen, Fieber oder Gelbfärbung — Verdacht auf ein Gallen-, Magen- oder Bauchspeicheldrüsenleiden.
  • Druck oder Enge hinter dem Brustbein oder in der Magengrube, besonders bei Belastung, mit Ausstrahlung in Arm, Hals oder Unterkiefer, mit Luftnot, Übelkeit oder kaltem Schweiß. Ein Hinterwandinfarkt kann sich ausschließlich als Oberbauchschmerz zeigen. Ein tastbarer Rippen- oder Wirbelbefund schließt eine Herzursache nicht aus.
  • Plötzlichem, reißendem Schmerz zwischen den Schulterblättern, wandernd, mit Blutdruck- oder Pulsunterschied zwischen beiden Armen — Verdacht auf einen Einriss der Aortenwand.
  • Zeichen einer Rückenmarksschädigung: zunehmende Schwäche oder Steifigkeit beider Beine, unsicherer Gang, ein aufsteigendes Taubheitsgefühl mit waagerechter Grenze am Rumpf, gesteigerte Beinreflexe, Babinski-Zeichen, erloschene Bauchhautreflexe unterhalb einer bestimmten Höhe.
  • Störung von Blase oder Mastdarm zusammen mit Rückenbeschwerden. Auf dieser Höhe ist das kein vegetatives Segmentzeichen, sondern ein Zeichen der Rückenmarksschädigung.
  • Nachts zunehmendem, lageunabhängigem Schmerz, ungewolltem Gewichtsverlust, Tumorleiden in der Vorgeschichte — die Brustwirbelsäule ist der häufigste Ort von Wirbelsäulenabsiedlungen.
  • Fieber, zunehmendem Ruheschmerz, erhöhten Entzündungswerten, vorausgegangenem Eingriff oder Infektion — Verdacht auf eine Entzündung von Bandscheibe und Wirbel.
  • Plötzlichem Schmerz ohne oder nach geringem Anlass bei bekanntem Knochenschwund, Kortisonbehandlung oder höherem Lebensalter — Verdacht auf einen Wirbelbruch.
  • Einseitigem brennendem Schmerz in einem Hautband, der dem Ausschlag vorausgeht — an Gürtelrose denken, bevor die Bläschen sichtbar sind.
  • Atemabhängigem stechendem Schmerz mit Luftnot — Verdacht auf Lungenembolie, Rippenfellentzündung oder Pneumothorax.

Die Reihenfolge ist bewusst gewählt. Der erste Punkt steht oben, weil er die einzige Gefahr dieser Seitenreihe ist, die sich unmittelbar aus einer Segmenthöhe ergibt. Die folgenden drei betreffen Erkrankungen, bei denen Zeitverlust unmittelbar schadet. Erst wenn sie ausgeschlossen sind, ist die Frage nach dem Segment überhaupt sinnvoll.

Kapitel 10

Häufige Fragen

Wo genau liegt Th6 am Körper?

Vorn auf Höhe des unteren Brustbeinendes, dort wo der Schwertfortsatz ansetzt. Der zugehörige Prüfpunkt liegt in der Linie, die senkrecht durch die Mitte des Schlüsselbeins verläuft, im sechsten Zwischenrippenraum. Hinten liegt das Hautband etwa in Höhe des sechsten Brustwirbels.

Das Band verläuft also nicht waagerecht, sondern fällt von hinten nach vorn deutlich ab — um rund drei Wirbelhöhen. Wer die Höhe sicher finden will, tastet am Brustbein: entweder die Stufe am unteren Brustbeinende oder, als Gegenprobe, die Querleiste im oberen Drittel (dort setzt die zweite Rippe an) und zählt vier Zwischenrippenräume nach unten.

Was ist die autonome Dysreflexie, und warum steht sie ausgerechnet bei Th6?

Es ist eine plötzliche, mitunter lebensbedrohliche Blutdruckkrise bei Menschen mit Querschnittlähmung. Ausgelöst wird sie durch einen Reiz unterhalb der Schädigungshöhe, meist eine volle Blase oder einen vollen Darm. Typisch sind pochender Kopfschmerz, Gesichtsrötung und Schwitzen oberhalb der Schädigung, blasse kalte Haut unterhalb, hoher Blutdruck und oft ein verlangsamter Puls.

Th6 ist die Schwellenhöhe, weil der große Eingeweidenerv aus den Etagen Th5 bis Th9 entspringt. Er steuert das größte Blutgefäßgebiet des Körpers. Liegt die Schädigung oberhalb davon, fehlt die dämpfende Steuerung aus dem Gehirn und die Gefäße stellen sich ungebremst eng. Liegt sie unterhalb, bleibt genug dämpfender Einfluss erhalten.

Bei diesen Zeichen ist sofort ärztliche Hilfe erforderlich.

Mein Bildbefund nennt eine Veränderung „in Höhe Th6“. Betrifft das die Wurzel Th6?

Nicht ohne Weiteres. An der Brustwirbelsäule liegen Wirbel und Rückenmarksabschnitt zwei Etagen auseinander: Hinter dem Wirbel Th6 liegen die Rückenmarkssegmente Th8 und Th9. Eine mittig gelegene Veränderung in Wirbelhöhe Th6 trifft also nicht das Segment Th6, sondern das Rückenmark auf tieferer Segmenthöhe.

Die Wurzel Th6 selbst verlässt den Kanal zwischen den Wirbeln Th6 und Th7. Sie wird von seitlich gelegenen Veränderungen dieser Etage erreicht, nicht von mittig gelegenen.

Ich habe Schmerzen in der Magengrube und einen druckempfindlichen Punkt am Rücken. Kommt das aus der Wirbelsäule?

Möglich, aber die Reihenfolge der Abklärung steht fest: erst die Oberbauchorgane und das Herz, dann die Wirbelsäule. Der Grund ist anatomisch: Gallenblase, Magen, Zwölffingerdarm und Bauchspeicheldrüse schicken ihren Schmerz über dieselben Segmente Th5 bis Th9 in dasselbe Gebiet, in dem der Kennpunkt Th6 liegt.

Wichtig dabei: Ein tastbarer, druckschmerzhafter Punkt am Rücken schließt eine Organursache nicht aus. Beides kann nebeneinander bestehen, und der Tastbefund ist kein Beleg für die Ursache.

Warum wird bei Th6 kein Muskel geprüft?

Weil es keinen gibt, der sich einzeln prüfen ließe. Der internationale Standard zur Einstufung von Rückenmarksschädigungen sieht für die Segmente Th2 bis L1 keinen Kennmuskel vor. Jeder Zwischenrippenmuskel wird zwar von genau einem Nerv versorgt, aber der Ausfall eines einzelnen Raumes bleibt ohne prüfbare Auswirkung — die Nachbarräume übernehmen die Aufgabe.

Für Th6 kommt allerdings ein Anhaltspunkt hinzu, den die höheren Brustsegmente nicht haben: der Bauchhautreflex. Sein Reflexbogen wird deutschsprachig den Segmenten Th6 bis Th12 zugeordnet, Th6 bildet dort die obere Grenze; englischsprachige Werke beginnen erst bei Th8. Sicher ist deshalb nur: Ein oberhalb erhaltener und unterhalb erloschener Reflex kann die Höhe einer Rückenmarksschädigung eingrenzen. Die Etagengrenze selbst trägt diese Aussage nicht.

Hat das Segment Th6 etwas mit dem Magen zu tun?

In einer Richtung ja. Th6 gehört zum Ursprungsgebiet des großen Eingeweidenervs, der die Oberbauchorgane erreicht. Deshalb wird Magen-, Gallen- und Bauchspeicheldrüsenschmerz in der Magengrube und zwischen den Schulterblättern empfunden. Dieser Weg ist gesichert.

In der Gegenrichtung ist nichts belegt. Dass sich durch eine Behandlung der Brustwand oder des Wirbelgelenks Th6 die Magentätigkeit beeinflussen ließe, folgt aus der Anatomie nicht und ist durch vergleichende Untersuchungen nicht gezeigt.

Auch die feinere Zuordnung — „Th6 ist der Magen, Th7 die Bauchspeicheldrüse“ — trägt nicht. Der Nerv bündelt fünf Etagen, bevor er ein Organ erreicht; aus dem Bündel lässt sich keine einzelne Etage zurückrechnen.

Kann ein Bandscheibenvorfall auf Höhe Th6 vorkommen?

Ja, aber selten. Beschwerdeverursachende Vorfälle der Brustwirbelsäule machen je nach Reihe zwischen 0,15 und 4 Prozent aller behandlungsbedürftigen Vorfälle aus. Rund drei Viertel davon liegen unterhalb der Etage Th7/Th8, mit Häufungsgipfel bei Th11/Th12. Für Th6 selbst liegt keine eigene Häufigkeitszahl vor.

Gleichzeitig sind Bandscheibenveränderungen der Brustwirbelsäule in der Kernspintomographie bei Beschwerdefreien häufig. Ein Bildbefund allein sagt an dieser Höhe wenig; er wird erst durch einen dazu passenden Untersuchungsbefund bedeutsam.

Warum unterscheidet sich der Rippenschmerz auf dieser Höhe vom Rückenschmerz?

Weil verschiedene Nerven beteiligt sind. Die Wirbelgelenke werden vom inneren Zweig des hinteren Astes versorgt, die Rippen-Querfortsatz-Gelenke vom äußeren Zweig, die vordere Brustwand vom Zwischenrippennerv. Alle drei gehören zum Spinalnerv Th6, nehmen aber verschiedene Wege.

In Reizversuchen blieb der Schmerz aus beiden Gelenkgruppen einseitig und hinten und reichte höchstens zweieinhalb Etagen nach unten. Ein Schmerz, der gürtelförmig nach vorn in die Magengrube zieht, kommt deshalb nicht aus diesen Gelenken.

Kapitel 11

Grundlage und Quellen

Grundlage dieser Seite sind ausschließlich belegte Fachwerke der Anatomie und Neurologie, begutachtete Originalarbeiten sowie Leitlinien mit Registernummer und ausgewiesenem Gültigkeitsstand. Webportale, Lexika, Lernplattformen, populäre Darstellungen und ungeprüfte Sekundärquellen sind nicht verwendet. Wo eine Angabe nur über Übersichtsarbeiten und nicht bis zur Erstquelle zurückverfolgt wurde, ist das in Abschnitt 11.4 ausdrücklich vermerkt.

11.1 Anatomie und Biomechanik

  • Schünke M, Schulte E, Schumacher U: Prometheus. Lernatlas der Anatomie — Bände „Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem“ sowie „Innere Organe“, Thieme. — Grundlage der Angaben zu Wirbel, Rippengelenken, Verlauf des Zwischenrippennervs und Aufteilung des Spinalnervs (Kapitel 01 und 02).
  • Standring S (Hrsg.): Gray’s Anatomy. The Anatomical Basis of Clinical Practice, Elsevier. — Grundlage der Angaben zum Ursprung des N. splanchnicus major aus Th5 bis Th9, zur Umschaltung im Ganglion coeliacum, zum Grenzstrang und zum Übergang der Zwischenrippennerven in die Bauchwand ab Th7 (Abschnitte 2.2, 2.3 und 4.1).
  • Sobotta: Atlas der Anatomie des Menschen, Elsevier, sowie Netter FH: Atlas der Anatomie, Elsevier. — herangezogen zur Darstellung des Dermatomverlaufs und der Lagebeziehungen am unteren Brustbein.
  • Rohen JW, Yokochi C, Lütjen-Drecoll E: Anatomie des Menschen. Photographischer Atlas, Schattauer. — herangezogen zur Lage des Gefäß-Nerven-Bündels im Zwischenrippenraum (Abschnitt 2.2).
  • White AA, Panjabi MM: Clinical Biomechanics of the Spine, Lippincott. — Grundlage der Angaben zur eingeschränkten Beweglichkeit der Brustwirbelsäule und zur Kopplung von Wirbel- und Rippenbewegung (Abschnitt 1.3).
  • Bogduk N: Clinical Anatomy of the Lumbar Spine and Sacrum, Elsevier — herangezogen für die Systematik der Spinalnervenäste und die Versorgung der Wirbelgelenke über den inneren Zweig des hinteren Astes (Abschnitte 2.1 und 5.2).

11.2 Klinik, Untersuchung, Leitlinien

  • Mumenthaler M, Stöhr M, Müller-Vahl H: Läsionen peripherer Nerven und radikuläre Syndrome, Thieme. — Grundlage der Dermatomangaben, der Beschreibung des Wurzelsyndroms und der Abgrenzung Wurzel gegen peripheren Nerv (Kapitel 05 und 06).
  • Bähr M, Frotscher M: Duus’ Neurologisch-topische Diagnostik, Thieme. — Grundlage der Angaben zur Lage der Rückenmarkssegmente gegenüber den Wirbeln (Abschnitt 1.1), zur segmentalen Zuordnung der Bauchhautreflexe (Abschnitt 3.3) und zur Prüfung der langen Bahnen (Kapitel 07).
  • Preston DC, Shapiro BE: Electromyography and Neuromuscular Disorders, Elsevier. — Grundlage der Einordnung der elektrophysiologischen Untersuchung an den Rumpfsegmenten (Abschnitt 7.5).
  • Kirshblum SC, Lin VW (Hrsg.): Spinal Cord Medicine, Springer Publishing. — Grundlage der Darstellung der autonomen Dysreflexie einschließlich Auslöser, Zeichen und Schwellenhöhe (Abschnitt 4.3).
  • American Spinal Injury Association: International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury (ISNCSCI). — Grundlage des Kennpunkts auf Höhe des Schwertfortsatzes und der Feststellung, dass für Th2 bis L1 kein Kennmuskel vorgesehen ist (Abschnitte 3.1, 5.1 und 7.2).
  • Consortium for Spinal Cord Medicine / Paralyzed Veterans of America: Acute Management of Autonomic Dysreflexia, klinische Handlungsempfehlung. — herangezogen für die Beschreibung von Auslösern und Zeichen (Abschnitt 4.3 und Kapitel 09).
  • Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie: S2k-Leitlinie Neuro-urologische Versorgung querschnittgelähmter Patienten, AWMF-Registernummer 179-001, Stand 30.09.2021. — Gültigkeit geprüft: gültig bis 29.09.2026. Die autonome Dysreflexie wird dort als Zeichen und als zu beachtende Besonderheit geführt.
  • Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie: S2k-Leitlinie Neurogene Darmfunktionsstörung bei Querschnittlähmung, AWMF-Registernummer 179-004. — Hinweis zur Gültigkeit: Die Fassung wird im AWMF-Register als abgelaufen geführt. Vor Veröffentlichung ist auf eine Nachfolgefassung zu prüfen.
  • Deutsche Dermatologische Gesellschaft: S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Zoster und der Postzosterneuralgie, AWMF-Registernummer 013-023, Stand 24.05.2019. — Hinweis zur Gültigkeit: gültig gewesen bis 23.05.2024, seither abgelaufen; eine Überarbeitung ist angemeldet. Vor Veröffentlichung ist auf eine Nachfolgefassung zu prüfen.
  • Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten: S3-Leitlinie Prävention, Diagnostik und Therapie von Gallensteinen, AWMF-Registernummer 021-008, Stand 30.11.2017. — Grundlage der Beschreibung des Gallenkolikschmerzes (Abschnitt 6.4). Hinweis zur Gültigkeit: gültig gewesen bis 29.11.2022, seither abgelaufen, in Überarbeitung.
  • S3-Leitlinie Pankreatitis, AWMF-Registernummer 021-003. — Grundlage der Beschreibung des Bauchspeicheldrüsenschmerzes (Abschnitt 6.4). Hinweis zur Gültigkeit: abgelaufen seit 30.04.2026.
  • Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut: Empfehlungen zur Impfung gegen Herpes zoster. — Grundlage des Hinweises zur Vorbeugung (Abschnitt 6.2). Die Empfehlungen werden jährlich fortgeschrieben; maßgeblich ist die jeweils gültige Fassung.

11.3 Originalarbeiten und zusammenfassende Auswertungen

  • Dreyfuss P, Tibiletti C, Dreyer SJ: Thoracic zygapophyseal joint pain patterns. A study in normal volunteers. Spine 1994;19(7):807–811. — Die tragende Arbeit für dieses Segment. Neun beschwerdefreie Freiwillige, 40 Einspritzungen; rechtsseitig Th3/Th4, Th5/Th6, Th7/Th8 und Th9/Th10, linksseitig Th4/Th5, Th6/Th7, Th8/Th9 und Th10/Th11. In 72,5 % unterscheidbare Empfindung; stärkster Schmerz eine Etage tiefer, Ausbreitung höchstens zweieinhalb Etagen nach unten (Abschnitt 5.2).
  • Young BA, Gill HE, Wainner RS, Flynn TW: Thoracic costotransverse joint pain patterns: a study in normal volunteers. BMC Musculoskeletal Disorders 2008;9:140. — Grundlage der Aussage, dass Rippen-Querfortsatz-Gelenke keinen Schmerz zur Brustwand oder in den Bauch senden (Abschnitt 5.2).
  • Fukui S, Ohseto K, Shiotani M: Patterns of pain induced by distending the thoracic zygapophyseal joints. Regional Anesthesia 1997;22(4):332–336. — deckt die Etagen C7/Th1 bis Th2/Th3 sowie Th11/Th12 ab und damit nicht die Etage Th6; hier nur zur Abgrenzung genannt.
  • Krassioukov A, Warburton DE, Teasell R, Eng JJ: A systematic review of the management of autonomic dysreflexia after spinal cord injury. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation 2009;90(4):682–695. — Grundlage der zusammenfassenden Angaben zur autonomen Dysreflexie (Abschnitt 4.3).
  • Lee ES, Joo MC: Prevalence of Autonomic Dysreflexia in Patients with Spinal Cord Injury above T6. BioMed Research International 2017. — 28 Personen mit Schädigung oberhalb Th6, 24-Stunden-Blutdruckmessung; Ereignisse bei 26 Personen, im Mittel etwa sechs je Messtag, teilweise ohne Beschwerden (Abschnitt 4.3).
  • Wong GY, Schroeder DR, Carns PE et al.: Effect of neurolytic celiac plexus block on pain relief, quality of life, and survival in patients with unresectable pancreatic cancer: a randomized controlled trial. JAMA 2004;291(9):1092–1099. — 100 Personen, doppelblind; 14 gegenüber 40 % mit mittelstarken oder starken Schmerzen nach sechs Wochen, kein Unterschied bei Lebensqualität und Überlebenszeit (Abschnitt 8.4).
  • Kellgren JH: On the distribution of pain arising from deep somatic structures. Clinical Science 1939, sowie Inman VT, Saunders JB: Referred pain from skeletal structures. Journal of Nervous and Mental Disease 1944. — historische Grundlage der Sklerotomkarten (Abschnitt 5.3), als [H] gekennzeichnet.
  • Head H: On disturbances of sensation with especial reference to the pain of visceral disease. Brain 1893 und 1900. — historische Grundlage der Zonenkarten (Abschnitt 5.4), als [H] gekennzeichnet.
  • Schnittbilduntersuchung zur Lage des Schwertfortsatzansatzes gegenüber der Wirbelsäule: Die Ebene traf am häufigsten den Wirbelkörper Th9, an zweiter Stelle die Bandscheibe Th8/Th9, bei Frauen im Mittel etwas höher gelegen (Abschnitt 1.4). Die bibliografischen Angaben sind in Abschnitt 11.4 als offen ausgewiesen.

11.4 Kennzeichnung, geprüfte Angaben und benannte Lücken

KennzeichenBedeutung
[B]Belegte Beobachtung aus Fachliteratur oder benannter Originalarbeit
[I]Interpretation — aus belegten Angaben abgeleitet, nicht unmittelbar gemessen
[H]Historisches Modell oder Hypothese ohne tragfähigen Nachweis
Die Kennzeichnung steht an der einzelnen Aussage, nicht am Abschnitt.

Vor Veröffentlichung zu prüfen. Die Gültigkeit der Leitlinien 179-001, 179-004, 013-023, 021-008 und 021-003 wurde für diese Fassung geprüft (Stand siehe 11.2); vier davon sind abgelaufen oder werden im Register als abgelaufen geführt. Die bibliografischen Angaben der Übersichtsarbeiten zur Häufigkeit thorakaler Bandscheibenvorfälle (Abschnitt 6.1) stammen aus mehreren übereinstimmenden Übersichten; die Erstquelle je Einzelzahl wurde nicht bis zur Originalarbeit zurückverfolgt. Gleiches gilt für die Schnittbildreihe zur Lage des Schwertfortsatzansatzes (Abschnitt 1.4) und für die Kernspinreihe an 90 beschwerdefreien Personen.

  • Lücke 1: Für das Wurzelsyndrom Th6 liegt keine eigene Häufigkeitsangabe vor. Die genannten Zahlen betreffen den gesamten Brustabschnitt oder Etagengruppen oberhalb und unterhalb, nicht die einzelne Höhe.
  • Lücke 2: Die Schmerzkarten stammen aus kleinen Reihen (neun und acht Freiwillige). Für Personen mit vorbestehenden Beschwerden könnte das Schmerzgebiet größer ausfallen; geprüft ist das nicht.
  • Lücke 3: Die Häufigkeitsangaben zur autonomen Dysreflexie streuen zwischen den Reihen erheblich, weil keine einheitliche Falldefinition vorliegt. Auch die Blutdruckschwelle wird uneinheitlich mit 20 bis 40 mmHg über dem üblichen Wert angegeben.
  • Lücke 4: Die genaue Grenze, ab welcher Etage die Zwischenrippennerven in die Bauchwand übertreten, wird in den Lehrwerken leicht unterschiedlich beschrieben (Abschnitt 2.2).
  • Lücke 5: Die segmentale Zuordnung des oberen Bauchhautreflexes ist nicht gesichert. Deutschsprachige Werke nennen Th6 als Obergrenze, einzelne Th7, englischsprachige Th8 oder Th9. Die Abweichung verläuft zwischen den Lehrtraditionen. Eine Untersuchung, die diese Grenze misst statt sie zu setzen, liegt nicht vor (Abschnitt 3.3).
  • Lücke 6: Zur manuellen und physiotherapeutischen Behandlung umschriebener Beschwerden der mittleren Brustwirbelsäule fehlen aussagekräftige vergleichende Untersuchungen.
  • Lücke 7: Vergleichende Untersuchungen zur Gegenrichtung des Schmerzweges — von der Körperwand zum Organ — liegen für dieses Segment nicht vor (Abschnitt 4.2).

11.5 Fachbegriffe

BegriffBedeutung
Angulus sterni (Brustbeinwinkel, Louis-Winkel)Tastbare Querleiste am Brustbein; Ansatz der zweiten Rippe; liegt hinten in Höhe der Bandscheibe Th4/Th5
Articulatio xiphosternalis (Schwertfortsatzansatz)Übergang vom Körper des Brustbeins zum Schwertfortsatz; liegt hinten überwiegend in Höhe des Wirbelkörpers Th9
Autonome DysreflexiePlötzliche Blutdruckkrise bei Querschnittlähmung auf Höhe Th6 oder darüber, ausgelöst durch einen Reiz unterhalb der Schädigung
BauchhautreflexFremdreflex: Bestreichen der Bauchhaut löst eine Anspannung der gleichseitigen Bauchmuskulatur aus; die Segmentgrenzen des Reflexbogens werden uneinheitlich angegeben
DermatomHautgebiet, das von einem einzelnen Rückenmarkssegment versorgt wird
Eigenreflex und FremdreflexBeim Eigenreflex liegen Reizort und Erfolgsorgan im selben Muskel; beim Fremdreflex nicht
Ganglion coeliacumNervenknoten vor der Bauchaorta; Umschaltstelle der Fasern des N. splanchnicus major
Grenzstrang (Truncus sympathicus)Kette von Nervenknoten beiderseits der Wirbelsäule; Umschaltstelle der sympathischen Fasern
ISNCSCIInternationaler Standard zur Einstufung von Rückenmarksschädigungen; legt Kennpunkte und Kennmuskeln fest
MedioklavikularlinieSenkrechte Linie durch die Mitte des Schlüsselbeins; Bezugslinie der Kennpunkte an der Brustwand
MyelopathieSchädigung des Rückenmarks selbst, im Unterschied zur Wurzelschädigung
N. splanchnicus major (großer Eingeweidenerv)Nerv aus den Grenzstrangknoten Th5 bis Th9; zieht durch das Zwerchfell zum Ganglion coeliacum
PostzosterneuralgieNervenschmerz, der nach Abheilen einer Gürtelrose bestehen bleibt
Rami communicantesVerbindungsäste zwischen Spinalnerv und Grenzstrang; der weiße führt hin, der graue zurück
SklerotomGebiet aus Knochen, Knochenhaut, Bändern und Gelenkkapseln, das einem Segment zugeordnet wird
SplanchnikusgebietDas Gefäßgebiet der Bauchorgane; die größte Blutreserve des Kreislaufs
Alle im Text verwendeten Fachbegriffe.

11.6 Änderungen gegenüber der bisherigen Seitenfassung

Bisherige AngabeBelegter Sachstand
Th6 als „Magensegment“ mit behandelbarem OrganbezugBelegt ist allein die Richtung vom Organ zur Körperwand, und auch diese nur gebündelt über Th5 bis Th9; die Gegenrichtung ist als Hypothese gekennzeichnet [H] (Abschnitte 4.1 und 4.2)
Zuordnung einzelner Oberbauchorgane zu einzelnen Brustsegmenten (Viszerotom-Tabelle)Der N. splanchnicus major bündelt fünf Etagen vor Erreichen eines Organs; eine Rückrechnung auf die einzelne Etage ist nicht möglich (Abschnitt 4.1)
Die autonome Dysreflexie fehlte oder war nicht an eine Höhe gebundenTh6 ist die Schwellenhöhe. Ergänzt als eigener Abschnitt 4.3 und als erster Punkt der Warnzeichen (Kapitel 09)
Zählregel wie an der Halswirbelsäule (Wurzel tritt oberhalb aus)Ab Th1 tritt die Wurzel unterhalb ihres gleichnamigen Wirbels aus; Th6 durch das Loch Th6/Th7 (Abschnitt 1.2)
Wirbelhöhe mit Segmenthöhe gleichgesetztAn der mittleren Brustwirbelsäule liegen beide etwa zwei Etagen auseinander (Abschnitte 1.1 und 5.1)
Der Schwertfortsatz als Wirbelhöhe Th6 angegebenDer Schwertfortsatzansatz liegt hinten überwiegend in Höhe des Wirbelkörpers Th9. Der Kennpunkt Th6 liegt vorn auf dieser Höhe, weil das Dermatom schräg nach vorn abfällt (Abschnitte 1.4 und 5.1)
Kennmuskel für Th6 angegebenFür Th2 bis L1 ist kein Kennmuskel vorgesehen (Kapitel 03)
Bauchhautreflex als Eigenreflex geführtDer Bauchhautreflex ist ein Fremdreflex. Ob Th6 an seinem Reflexbogen beteiligt ist, geben die Werke unterschiedlich an; eine feste Obergrenze lässt sich nicht belegen (Abschnitt 3.3)
M. serratus posterior superior dem Segment Th6 zugeordnetEr wird von den Zwischenrippennerven II bis V versorgt; der M. serratus posterior inferior gehört zu Th9 bis Th12. Th6 liegt dazwischen (Abschnitt 3.2)
Bauchwandmuskulatur und Bauchhaut dem Segment Th6 zugeordnetDiese werden von Th7 bis Th12 versorgt; Th6 ist der unterste rein thorakale Zwischenrippennerv (Abschnitte 2.2 und 2.3)
Blasen- und Mastdarmstörung als vegetatives SegmentzeichenAuf dieser Höhe ein Zeichen der Rückenmarksschädigung und damit ein Notfallzeichen (Kapitel 09)
„Pseudoradikuläre Ausstrahlung“ der Wirbelgelenke in den OberbauchIn beiden gemessenen Reihen blieb der Schmerz einseitig und hinten und erreichte weder die vordere Brustwand noch den Bauch (Abschnitt 5.2)
„McKenzie-Zonen“ als OrganzuordnungVerwechslung zweier Personen: James Mackenzie (Reflexzonen, 1900) ist nicht Robin McKenzie (Bewegungstherapie, 1970er Jahre). Als historisches Modell gekennzeichnet (Abschnitt 5.4)
Oberbauchschmerz als Th6-Beschwerde eingeordnetVorrangig abzuklären sind Gallenwege, Magen, Bauchspeicheldrüse und die Herzhinterwand; ein tastbarer Rückenbefund schließt sie nicht aus (Abschnitte 6.4 und 7.1)
Diese Übersicht führt Aussagen auf, die in älteren Fassungen dieser Seitenreihe und in verbreiteten Sekundärquellen zum Segment Th6 vorkommen, und stellt ihnen den belegten Sachstand gegenüber. Hinweis: Der Text der bisherigen Seitenfassung lag bei dieser Überarbeitung nicht vor; die Tabelle ist vor Veröffentlichung mit der bisherigen Fassung abzugleichen und auf die dort tatsächlich enthaltenen Angaben zu kürzen oder zu ergänzen.

11.7 Quellen und Änderungsvermerk zu den neuen Abschnitten

Quellen zu diesem Abschnitt

  • Jänig W: Spinal cord integration of visceral sensory systems and sympathetic nervous system reflexes. Prog Brain Res 1986;67:255–277. — Grundlage des Reflexwegs von den Eingeweidefasern zu den sympathischen Ursprungszellen.
  • Wehrwein EA, Orer HS, Barman SM: Overview of the anatomy, physiology, and pharmacology of the autonomic nervous system. Compr Physiol 2016;6:1239–1278. — Grundlage der Aussage, dass das vegetative Nervensystem alle Körperteile außer der Skelettmuskulatur steuert.
  • Stifani N: Motor neurons and the generation of spinal motor neuron diversity. Front Cell Neurosci 2014;8:293. — Grundlage der Aufgabenteilung zwischen motorischen Vorderhornzellen (Skelettmuskel) und vegetativen Ursprungszellen (glatte Muskulatur, Drüsen).
  • Giamberardino MA, Affaitati G, Lerza R, Lapenna D, Costantini R, Vecchiet L: Relationship between pain symptoms and referred sensory and trophic changes in patients with gallbladder pathology. Pain 2005;114:239–249. — Messung von Unterhaut- und Muskeldicke im Übertragungsgebiet beim Menschen.
  • Wesselmann U, Lai J: Mechanisms of referred visceral pain: uterine inflammation in the adult virgin rat results in neurogenic plasma extravasation in the skin. Pain 1997;73:309–317. — Tierbefund zu Hautveränderungen im Übertragungsgebiet und den drei möglichen Entstehungswegen.
  • Fang Y, Han S, Li X, Xie Y, Zhu B, Gao X, Ma C: Cutaneous hypersensitivity as an indicator of visceral inflammation via C-nociceptor axon bifurcation. Neurosci Bull 2021;37:45–54. — Tierbefund zu gegabelten Schmerzfasern zwischen Organ und Haut sowie zur Konvergenz im Hinterhorn.
  • Willis WD Jr: Dorsal root potentials and dorsal root reflexes: a double-edged sword. Exp Brain Res 1999;124:395–421. — Übersicht zum Hinterwurzelreflex und zur neurogenen Entzündung.
  • Holey LA, Dixon J: Connective tissue manipulation: a review of theory and clinical evidence. J Bodyw Mov Ther 2014;18(1):112–118. — Grundlage der Einordnung der Bindegewebsmassage als Erklärungsmodell.
  • Giamberardino MA: Referred muscle pain/hyperalgesia and central sensitisation. J Rehabil Med 2003;Suppl 41:85–88. — Grundlage des Modells der Reflexe zur Muskulatur.
  • Roatta S, Windhorst U, Ljubisavljevic M, Johansson H, Passatore M: Sympathetic modulation of muscle spindle afferent sensitivity to stretch in rabbit jaw closing muscles. J Physiol 2002;540:237–248. — Tierbefund zur Muskelspindel.
  • Macefield VG, Sverrisdottir YB, Wallin BG: Resting discharge of human muscle spindles is not modulated by increases in sympathetic drive. J Physiol 2003;551:1005–1011. — Befund am Menschen ohne Spindelveränderung.
  • Hjortskov N, Skotte J, Hye-Knudsen C, Fallentin N: Sympathetic outflow enhances the stretch reflex response in the relaxed soleus muscle in humans. J Appl Physiol 2005;98:1366–1370. — Befund am Menschen mit verstärktem Dehnungsreflex.

Offene Lücken

  • Welche Ursprungssegmente die Haut von Arm und Bein sympathisch versorgen, geben Fachwerke unterschiedlich an. Die Seite nennt deshalb keinen Zahlenbereich. Gray’s Anatomy stand für diese Bearbeitung nicht zur Verfügung. Die Seite bleibt deshalb bei der zahlenfreien Angabe, bis das Werk eingesehen ist.
  • Von Fang et al. 2021 und Willis 1999 wurden nur die Zusammenfassungen eingesehen. Der Abgleich mit den Volltexten steht vor Veröffentlichung aus.
  • Eine Untersuchung, die beim Menschen den Entstehungsweg der Veränderungen im Übertragungsgebiet klärt, wurde nicht gefunden. Ebenso wurde keine Untersuchung gefunden, die Tastbefunde nach Dicke mit gemessenen Gewebedicken vergleicht.

Fachbegriffe

  • Hinterhorn — Eingangsbereich des Rückenmarks für Empfindungen.
  • Nucleus intermediolateralis — Zellsäule im Seitenhorn mit den sympathischen Ursprungszellen, Th1 bis etwa L2.
  • Gegabelte Empfindungsfaser — Nervenfaser, die mit zwei Ästen Organ und Haut zugleich versorgt.
  • Hinterwurzelreflex — Erregung, die vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser zur Haut läuft.
  • Neurogene Entzündung — Schwellung und Rötung durch Botenstoffe aus Nervenenden.
  • Konvergenz — Zusammenlaufen von Fasern aus Organ und Körperoberfläche auf dieselbe Schaltzelle.
  • Vorderhornzellen — Nervenzellen im Vorderhorn, die die Skelettmuskeln erregen.
  • Körperwand — Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ.
  • Muskelspindel — Fühler im Muskel, der die Muskellänge misst.
  • Dehnungsreflex — Muskelzuckung auf plötzliche Dehnung, etwa beim Sehnenklopfen.

Änderungsvermerk

  • Fassung V 0.5: Begriff „Schlüsselmuskel“ durchgehend durch „Kennmuskel“ ersetzt (6 Stellen).
  • Warum: Die Serie verwendet einen einzigen Begriff für die Muskeln, an denen die Kraft eines Segments geprüft wird. Die Mehrheit der Seiten sagte bereits Kennmuskel; die Entscheidung fiel für diesen Begriff.
  • Ersetzt: V 0.4.
  • Fassung V 0.4: Abschnitt 5.5 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu.
  • Fassung V 0.4: Abschnitt 4.5 „Zuflüsse zum Seitenhorn und was daraus folgt“ neu.
  • Warum: Die Zonen- und Muskelbefunde des Segments sind jetzt nach Entstehungsweg getrennt und belegt; alternative Wege ohne Seitenhorn stehen gleichrangig daneben.
  • Ersetzt: V 0.3.

Verwandte Segmente

Segment Th4 · Segment Th5 · Segment Th7 · Nervus intercostalis · Truncus sympathicus · Nervus splanchnicus major

Hinweis. Dieser Beitrag dient der fachlichen Information. Er ersetzt keine Untersuchung, Diagnose oder Behandlung durch qualifizierte Fachpersonen. Bei plötzlichem Kopfschmerz mit Blutdruckanstieg und Querschnittlähmung auf Höhe Th6 oder darüber, bei anhaltendem Oberbauchschmerz, bei Druck oder Enge hinter dem Brustbein, bei plötzlichem reißendem Schmerz zwischen den Schulterblättern, bei zunehmender Schwäche der Beine, unsicherem Gang oder Störungen von Blase und Mastdarm ist eine sofortige ärztliche Abklärung erforderlich.

Segment Th6 · V 0.5 · Stand: September 2026. Geändert: Begriff „Schlüsselmuskel“ durchgehend durch „Kennmuskel“ ersetzt. Warum: ein einheitlicher Begriff in der ganzen Serie. Ersetzt: V 0.4 derselben Seite.