Nerven Wiki – Das Lexikon der peripheren Nerven

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Segment – Th8

Das Segment Th8 liegt in der Mitte der Brustwirbelsäule. Sein Spinalnerv verlässt den Wirbelkanal zwischen dem achten und dem neunten Brustwirbel und läuft als achter Interkostalnerv zunächst an der Rippe entlang, verlässt den Brustkorb dann aber nach vorn und endet in der Bauchwand oberhalb des Nabels. Genau das macht dieses Segment schwierig: Es verbindet Brustkorb und Oberbauch, es hat keinen prüfbaren Kennmuskel und keinen Eigenreflex, und sein Schmerzgebiet deckt sich mit dem Ausstrahlungsgebiet mehrerer Oberbauchorgane. Wer hier untersucht, arbeitet fast ausschließlich über die Empfindungsprüfung — und muss zuerst ausschließen, dass die Beschwerden aus dem Bauchraum kommen.

Auf einen Blick

  • Austritt: Der Spinalnerv Th8 verlässt den Wirbelkanal durch das Zwischenwirbelloch Th8/Th9. Ab Th1 tritt jeder Nerv unterhalb seines gleichnamigen Wirbels aus. [B]
  • Kein Kennmuskel, kein Eigenreflex: Für die Segmente Th2 bis L1 führt der internationale Untersuchungsstandard für Rückenmarkschäden (ISNCSCI) keinen Kennmuskel und keinen Eigenreflex. Die Höhe wird über die Empfindung bestimmt. [B]
  • Dermatom: Gürtelförmiges Band zwischen Rippenbogen und Nabel. Der festgelegte Prüfpunkt liegt in der Schlüsselbeinmittellinie auf halber Strecke zwischen Schwertfortsatz und Nabel. [B]
  • Zwei Räume, ein Nerv: Der achte Interkostalnerv ist ein thorakoabdominaler Nerv. Er beginnt im Zwischenrippenraum und endet in der Bauchwand — dieselbe Wurzel erzeugt Brustkorb- und Oberbauchbeschwerden. [B]
  • Rückenmark, nicht Cauda equina: Hinter dem Wirbel Th8 liegt Rückenmark. Eine Raumforderung erzeugt hier kein reines Wurzelsyndrom, sondern eine Querschnittsymptomatik unterhalb der Läsionshöhe. Das ist der wichtigste Unterschied zur Lendenwirbelsäule. [B]
  • Vegetativ: Th8 gehört zum Ursprungsgebiet des N. splanchnicus major und damit zum Einzugsbereich des Ganglion coeliacum. Belegt ist die Richtung Organ → Bauchwand. [B] Die umgekehrte Richtung — Behandlung der Bauchwand zur Beeinflussung des Organs — ist nicht belegt. [H]
  • Achte Rippe: eine falsche Rippe. Ihr Knorpel setzt nicht am Brustbein an, sondern am Knorpel der siebten Rippe. Daraus entsteht ein eigenes Beschwerdebild, das Slipping-Rib-Syndrom der Rippen 8 bis 10. [B]
  • Häufigster Ernstfall dieser Höhe: nicht der Bandscheibenvorfall, sondern die osteoporotische Wirbelkörperfraktur. Th7 und Th8 bilden den mittleren der beiden Häufigkeitsgipfel. [B]
  • Bauchwand oder Bauchraum: Das Carnett-Zeichen trennt beides am Krankenbett — bleibt der Druckschmerz beim Anspannen der Bauchdecke gleich oder nimmt er zu, liegt die Quelle in der Bauchwand. [B]

Kapitel 01

Anatomie des Segments Th8

1.1 Drei Bedeutungen von „Th8“

Der Ausdruck „Th8“ steht für drei verschiedene Dinge. Wer sie vermischt, zählt Höhen falsch — und im Brustbereich ist der Abstand zwischen ihnen größer als irgendwo sonst.

  • Der Wirbel Th8 — der achte Brustwirbel. Er ist der Bezugspunkt jeder Höhenangabe in Befund und Bildgebung.
  • Das Rückenmarkssegment Th8 — der Abschnitt des Rückenmarks, aus dem die Wurzelfäden des achten Brustnervs hervorgehen. Es liegt nicht hinter dem Wirbel Th8, sondern etwa zwei Wirbelhöhen weiter oben, ungefähr hinter dem Wirbelkörper Th6. [B]
  • Der Spinalnerv Th8 — er entsteht im Zwischenwirbelloch zwischen Th8 und Th9 und teilt sich sofort in einen hinteren und einen vorderen Ast. Der vordere Ast ist der achte Interkostalnerv.

Warum der Abstand hier zählt. Das Rückenmark ist kürzer als der Wirbelkanal. Nach unten hin wächst deshalb die Lücke zwischen Wirbelnummer und Segmentnummer. Im mittleren Brustbereich beträgt sie etwa zwei Höhen. Praktisch heißt das: Eine Raumforderung, die das Rückenmarkssegment Th8 trifft, liegt in Höhe des Wirbels Th6. Umgekehrt schädigt eine Raumforderung in Höhe des Wirbels Th8 das Rückenmarkssegment Th10 — und erzeugt ein sensibles Niveau am Nabel, nicht in der Mitte zwischen Rippenbogen und Nabel. [B]

Diese Verschiebung ist der häufigste Grund dafür, dass ein tastbarer Befund und ein sensibles Niveau nicht zusammenpassen. Beide können richtig sein.

1.2 Die Zählregel

An der Halswirbelsäule verlässt jeder Nerv den Wirbelkanal oberhalb des gleichnamigen Wirbels. Ab Th1 kehrt sich das um: Jeder Nerv tritt unterhalb seines gleichnamigen Wirbels aus. Der Spinalnerv Th8 verlässt den Kanal daher durch das Zwischenwirbelloch Th8/Th9. [B]

Anders als an der Lendenwirbelsäule spielt die Unterscheidung von austretender und durchziehender Wurzel im Brustbereich klinisch kaum eine Rolle. Der Grund ist nicht anatomischer, sondern statistischer Natur: Seitliche Bandscheibenvorfälle sind hier selten, die weit überwiegende Mehrzahl der thorakalen Vorfälle liegt mittig oder mittelnah und trifft das Rückenmark, nicht eine einzelne Wurzel. [B]

1.3 Der Wirbel Th8 und seine sechs Gelenke zur Rippe

Th8 ist ein typischer Brustwirbel. Er trägt einen herzförmigen Wirbelkörper, einen langen, steil nach unten gerichteten Dornfortsatz und — anders als jeder Hals- oder Lendenwirbel — Gelenkflächen für die Rippen. [B]

GelenkflächeLageVerbindung zu
Fovea costalis superiorobere Kante des WirbelkörpersKopf der 8. Rippe (gemeinsam mit der unteren Grube von Th7)
Fovea costalis inferioruntere Kante des WirbelkörpersKopf der 9. Rippe (gemeinsam mit der oberen Grube von Th9)
Fovea costalis processus transversiVorderfläche des QuerfortsatzesHöcker (Tuberculum) der 8. Rippe
Der Wirbel Th8 steht mit zwei Rippenpaaren in Verbindung. Jede Seite trägt drei Gelenkflächen, zusammen also sechs. Diese Bauweise erklärt beides: die geringe Beweglichkeit des Abschnitts und die Zahl der Gelenke, die schmerzen können.

Ein Rippenkopf, zwei Wirbel. Der Kopf der achten Rippe sitzt der Bandscheibe Th7/Th8 auf und greift mit je einer Facette auf die Wirbelkörper Th7 und Th8 über. Ein Bewegungssegment der Brustwirbelsäule umfasst deshalb mehr als zwei Wirbel und eine Bandscheibe: Es umfasst auch vier Rippengelenke. Ein Befund „Blockierung Th8“ sagt nicht, welches dieser Gelenke gemeint ist. [I]

1.4 Die achte Rippe ist eine falsche Rippe

Die Rippen 1 bis 7 erreichen das Brustbein mit eigenem Knorpel. Die Rippen 8, 9 und 10 tun das nicht: Ihr Knorpel setzt am Knorpel der jeweils darüberliegenden Rippe an und bildet den Rippenbogen. Sie heißen deshalb falsche Rippen, Costae spuriae. Die achte Rippe ist die oberste davon. [B]

Warum das für Beschwerden zählt. Die Verbindung zwischen den Knorpeln der Rippen 8 bis 10 ist bindegewebig und beweglich, nicht knöchern fest. Löst sich diese Verbindung oder wird sie überbeweglich, kann die Rippenspitze bei Bewegung über die Nachbarrippe gleiten und den darunterliegenden Interkostalnerv reizen. Daraus entsteht das Slipping-Rib-Syndrom (siehe Abschnitt 6.4) — ein Beschwerdebild, das fast ausschließlich die Rippen 8 bis 10 betrifft und regelmäßig als Oberbauch- oder Gallenblasenbeschwerde fehlgedeutet wird. [B]

1.5 Beweglichkeit: wenig Ausschlag, viel Drehung

Die Brustwirbelsäule ist der unbeweglichste Abschnitt der Wirbelsäule. Brustbein und Rippen bilden einen Ring, die Gelenkflächen der kleinen Wirbelgelenke stehen annähernd in der Frontalebene, und die Bandscheiben sind im Verhältnis zur Wirbelkörperhöhe flach. Beugung und Streckung sind dadurch stark begrenzt. [B]

Eine Bewegungsrichtung fällt aus diesem Muster heraus: die Drehung. Sie ist im mittleren Brustbereich vergleichsweise frei, weil die frontal stehenden Gelenkflächen sie nicht bremsen. Die Belastung des Segments Th8 entsteht deshalb weniger aus Beugung als aus wiederholter Drehung unter Last. [I]

Was aus der Steifigkeit folgt. Weil sich hier wenig bewegt, ist der degenerative Bandscheibenvorfall selten (Abschnitt 6.2). Zugleich hält der steife Abschnitt Belastungen schlechter durch Ausweichen ab — die Knochenlast wird nicht verteilt, sondern getragen. Das ist eine der Erklärungen dafür, dass osteoporotische Wirbelkörperfrakturen ihren mittleren Häufigkeitsgipfel gerade hier haben. [I]

1.6 Warum die Höhe hier so leicht falsch bestimmt wird

Drei Fehlerquellen kommen im mittleren Brustbereich zusammen. Sie betreffen Tastbefund und Bildgebung gleichermaßen.

FehlerquelleWirkungAbhilfe
Steile DornfortsätzeDie Spitze des Dornfortsatzes Th8 liegt deutlich tiefer als sein Wirbelkörper — nach der gebräuchlichen Faustregel etwa zwei Etagen. Wer den tastbaren Dorn mit der Wirbelhöhe gleichsetzt, zählt zu hoch. [B]Faustregel kennen, aber nicht als Maß verwenden; die Streuung zwischen Personen ist erheblich [I]
Abstand Wirbel – RückenmarkssegmentRund zwei Höhen Unterschied. Läsionshöhe und sensibles Niveau stimmen nicht überein [B]Beide Angaben getrennt notieren, nie ineinander umrechnen ohne Kennzeichnung
Kein Fixpunkt in der BildgebungDie Brustwirbelsäule hat keinen selbstverständlichen Zählanker. Zählfehler in Schnittbildern sind im mittleren Brustbereich beschrieben und folgenschwer, weil sie zur Behandlung der falschen Etage führen können [B]Zählung über eine Übersichtsaufnahme der gesamten Wirbelsäule sichern; Rippenzählung als zweite Kontrolle
Drei unabhängige Gründe, aus denen eine Höhenangabe im mittleren Brustbereich falsch sein kann. Sie addieren sich.

Kapitel 02

Nervenversorgung

2.1 Vom Rückenmark zum Spinalnerv

Aus dem Rückenmarkssegment Th8 treten vordere Wurzelfäden (Bewegung, vegetative Fasern) und hintere Wurzelfäden (Empfindung) aus. Die hintere Wurzel trägt das Spinalganglion. Beide Wurzeln vereinigen sich im Zwischenwirbelloch Th8/Th9 zum Spinalnerv Th8. [B]

Unmittelbar danach teilt sich der Spinalnerv:

  • R. dorsalis — zieht nach hinten, versorgt die tiefe Rückenmuskulatur der Etage und die Haut neben der Wirbelsäule. Er gibt außerdem Äste an das kleine Wirbelgelenk ab.
  • R. ventralis — der 8. Interkostalnerv. Er trägt die gesamte klinische Bedeutung dieses Segments.
  • R. communicans albus — führt vorgeschaltete sympathische Fasern zum Grenzstrang. Er ist auf dieser Höhe vorhanden (siehe Kapitel 04).
  • R. communicans griseus — führt nachgeschaltete sympathische Fasern zurück in den Spinalnerv, für Gefäße, Schweißdrüsen und Haaraufrichter im eigenen Hautgebiet.
  • R. meningeus — kehrt in den Wirbelkanal zurück und versorgt die harte Rückenmarkshaut, das hintere Längsband und den äußeren Bandscheibenring der Etage.

2.2 Der achte Interkostalnerv ist ein thorakoabdominaler Nerv

Hier liegt der Kern dieses Segments. Die Interkostalnerven Th7 bis Th11 bleiben nicht im Brustkorb. Sie verlassen den Zwischenrippenraum am vorderen Ende, treten unter dem Rippenbogen hindurch und laufen in der Bauchwand weiter — zwischen dem inneren schrägen und dem queren Bauchmuskel — bis in die Rektusscheide. [B]

Ein Nerv, zwei Körperabschnitte. Der achte Interkostalnerv versorgt sowohl den achten Zwischenrippenraum als auch einen Streifen der Bauchwand oberhalb des Nabels. Beschwerden dieses Segments können deshalb an der Brustwand, am Rippenbogen oder im Oberbauch auftreten — und alle drei sind derselbe Nerv. [B]

Daraus folgt der praktisch wichtigste Satz zu Th8: Ein Oberbauchschmerz ohne Befund im Bauchraum kann aus der Bauchwand kommen. Ob er es tut, entscheidet nicht die Lage, sondern die Untersuchung (Abschnitt 7.5).

2.3 Verlauf und Engstellen

AbschnittLageBedeutung
Zwischenwirbelloch Th8/Th9zwischen Bogenwurzeln von Th8 und Th9, unmittelbar hinter dem Rippenkopfgelenkengste knöcherne Stelle; Einengung durch Vorfall, knöcherne Anbauten oder Fraktur [B]
Sulcus costae der 8. Rippean der Rippenunterkante, im Bündel mit Vene und Arterie — von oben nach unten: Vene, Arterie, NervBezugspunkt für jede Punktion am Brustkorb: Einstich am Oberrand der unteren Rippe schont das Bündel [B]
Zwischen innerem und innerstem Zwischenrippenmuskelauf ganzer Länge des ZwischenrippenraumsLage im Muskelspalt; Rippenfrakturen und Gürtelrose wirken hier auf den Nerv [B]
Durchtritt unter dem Rippenbogenam vorderen Ende des 8. ZwischenrippenraumsÜbergang vom Brustkorb in die Bauchwand [B]
Vorderer Hautast am seitlichen Rand der Rektusscheideder Nerv biegt hier fast rechtwinklig um und durchtritt einen bindegewebigen Kanalbelegte Engstelle: Ort der Einklemmung beim ACNES-Syndrom (Abschnitt 6.5) [B]
Der Weg des achten Interkostalnervs von der Wurzel bis zur Bauchdecke. Zwei Engstellen sind belegt und klinisch bedeutsam: das Zwischenwirbelloch und der Durchtritt am Rand der Rektusscheide.

2.4 Die beiden Hautäste

  • R. cutaneus lateralis — verlässt den Nerv etwa in der mittleren Achsellinie und teilt sich in einen vorderen und einen hinteren Zweig. Er versorgt die Seitenwand des Rumpfes.
  • R. cutaneus anterior — der Endast. Er durchbohrt die vordere Wand der Rektusscheide nahe der Mittellinie und versorgt die Haut über dem geraden Bauchmuskel.

Beide Äste sind für die Untersuchung wichtig. Fehlt das Gefühl nur im vorderen Bereich und ist es seitlich erhalten, spricht das gegen eine Wurzelschädigung und für eine Störung weiter vorn im Nervenverlauf. [I]

2.5 Wurzel, Nerv oder Rückenmark — die entscheidende Unterscheidung

An der Lendenwirbelsäule lautet die erste Frage: Wurzel oder peripherer Nerv? An der Brustwirbelsäule kommt eine dritte, wichtigere Möglichkeit hinzu — das Rückenmark selbst.

Ort der SchädigungEmpfindungWeitere ZeichenDringlichkeit
Rückenmark in Höhe des Segmentssensibles Niveau: unterhalb einer waagerechten Grenze am Rumpf gestört, darüber normalBeinschwäche, gesteigerte Beinreflexe, gestörte Fußsohlenreaktion, Gangunsicherheit, BlasenstörungNotfall — sofortige Abklärung
Wurzel Th8gürtelförmiger Streifen einer Seite, oft unscharf durch Überlappung mit den Nachbarsegmentenkein prüfbarer Kennmuskel, kein Eigenreflex; ggf. abgeschwächter Bauchdeckenreflex der Etageabklärungsbedürftig
Interkostalnerv im VerlaufAusfall nur im Gebiet des betroffenen Astes, meist schmaler als das ganze Dermatomoft örtlicher Druckschmerz an der Rippe oder am Rand der Rektusscheide; Carnett-Zeichen kann positiv seinplanbar
Die drei Orte, an denen eine Störung des Segments Th8 entstehen kann. Die erste Zeile ist die, wegen der jede Untersuchung dieses Segments mit den Beinen und nicht mit dem Rücken beginnen sollte.

Kapitel 03

Muskeln

3.1 Kein Kennmuskel — und was das praktisch bedeutet

Für die Segmente Th2 bis L1 gibt es keinen Kennmuskel. Der internationale Standard zur Einstufung von Rückenmarkschäden (ISNCSCI) benennt für diesen Bereich keine prüfbaren Kennmuskeln. Die motorische Höhe wird dort nicht gemessen, sondern aus der sensiblen Höhe abgeleitet. [B]

Der Grund ist anatomisch: Die Muskeln der Brust- und Bauchwand werden von mehreren benachbarten Segmenten gemeinsam versorgt und lassen sich nicht einzeln gegen Widerstand prüfen. Ein „Kraftgrad Th8“ ist deshalb keine Größe, die es gibt.

3.2 Was das Segment Th8 tatsächlich versorgt

MuskelAufgabeVersorgung
Mm. intercostales externi, interni, intimi des 8. ZwischenrippenraumsBewegung der Rippen bei der Atmung, Stabilisierung der BrustwandR. ventralis Th8 (8. Interkostalnerv)
Mm. subcostalesüberspringen einen oder zwei Zwischenrippenräume an der hinteren Brustwandbenachbarte Interkostalnerven, darunter Th8
Mm. levatores costarumheben die Rippe vom Querfortsatz ausRr. dorsales der benachbarten Brustnerven
M. serratus posterior inferiorzieht die unteren Rippen nach hinten untenInterkostalnerven Th9 bis Th12 — nicht Th8
Bauchwandmuskeln: Mm. obliquus externus, obliquus internus, transversus abdominis, rectus abdominisBauchpresse, Rumpfstabilisierung, Ausatmungsegmentaler Anteil aus Th8, gemeinsam mit Th7 und Th9 bis L1
Tiefe Rückenmuskulatur der Etage (Mm. multifidi, rotatores, longissimus-Anteile)Feineinstellung und Sicherung des BewegungssegmentsR. dorsalis Th8
Die vierte Zeile ist eine häufige Fehlerquelle: Der untere hintere Sägemuskel wird in Sekundärquellen wiederholt Th8 zugeordnet. Belegt ist der Bereich Th9 bis Th12.

Der Anteil von Th8 an der Bauchwand ist real, aber nicht isoliert prüfbar. Kein Bauchmuskel wird von einem einzigen Segment versorgt. [B]

3.3 Die Bauchdeckenreflexe — der einzige segmentale Reflexbefund dieser Höhe

Th8 hat keinen Eigenreflex. Es gibt aber einen Fremdreflex, der diese Höhe abdeckt: den Bauchdeckenreflex. Bestrichen wird die Bauchhaut von seitlich zur Mittellinie hin; die Bauchdecke zuckt zur gereizten Seite.

EtageOrt der ReizungAngabe deutschsprachiger WerkeAngabe englischsprachiger Werke
Oberedicht unterhalb des RippenbogensTh6 bis Th9Th8 bis Th9; nach anderer Angabe Th9 bis Th10
Mittlerein NabelhöheTh9 bis Th11meist keine eigene Etage geführt
Untereoberhalb des LeistenbandesTh11 bis Th12; einzelne Darstellungen bis L1Th11 bis Th12
AussagekraftVerwertbar sind allein der Seitenvergleich und die Höhenstufung. Das Fehlen an sich ist kein Segmentbefund: Der Reflex fehlt auch bei Gesunden häufig und erlischt zudem bei Schädigungen oberhalb der geprüften Höhe. [B]
Th8 wird von der oberen Etage miterfasst — nach jeder der genannten Angaben gemeinsam mit weiteren Segmenten, nie allein. Die Segmentgrenzen der Etagen sind in der Literatur nicht einheitlich: Deutschsprachige und englischsprachige Standardwerke setzen die obere Grenze systematisch verschieden an. Eine Untersuchung, die diese Grenze misst statt sie zu setzen, liegt nicht vor. Die Angaben stehen deshalb als Interpretation, nicht als gesicherter Wert. [I]

Wie belastbar ist dieser Befund? Weniger, als seine Systematik nahelegt. Bauchdeckenreflexe fehlen auch bei gesunden Menschen häufig — beschrieben sind als Gründe unter anderem höheres Lebensalter, Übergewicht, mehrfache Schwangerschaften und Narben der Bauchdecke. [B] Ein beidseitiges Fehlen ist deshalb kaum verwertbar.

Aussagekraft hat der Seitenunterschied: ein Reflex, der auf einer Seite auslösbar ist und auf der anderen nicht. Und der Höhenunterschied: obere Reflexe erhalten, untere erloschen — das grenzt eine Läsionshöhe ein. [I]

Ein weiterer Punkt gehört dazu: Bauchdeckenreflexe erlöschen auch bei einer Schädigung der Bahnen oberhalb der geprüften Höhe, nicht nur bei einer Wurzelschädigung. Ein erloschener Reflex weist deshalb nach oben, nicht nur auf das Segment. [B]

3.4 Das Beevor-Zeichen

Spannt eine liegende Person die Bauchdecke an — etwa beim Anheben des Kopfes gegen Widerstand — und wandert der Nabel dabei zu einer Seite oder nach oben, sind Teile der Bauchwand schwächer als andere. Wandert der Nabel nach oben, arbeiten die oberen Bauchwandanteile (etwa Th6 bis Th9) gegen geschwächte untere; die klassische Zuordnung dieses Befundes liegt bei einer Läsion in Höhe von etwa Th10. [B]

Für Th8 ist das Zeichen vor allem als Vergleichsmaßstab nützlich: Bei einer Läsion in Höhe Th8 sind obere und untere Bauchwandanteile betroffen, der Nabel bleibt dann eher in der Mitte. Das Fehlen des Zeichens schließt eine Läsion also nicht aus. [I]

3.5 Das Zwerchfell: Bewegung nein, Empfindung ja

Die Bewegung des Zwerchfells kommt vom N. phrenicus aus C3 bis C5 — nicht aus dem Brustbereich. Eine Schädigung von Th8 lähmt das Zwerchfell nicht. [B]

Die Empfindung des äußeren Zwerchfellrandes stammt dagegen von den unteren Interkostalnerven, unter anderem Th8. [B] Reizungen am Rand des Zwerchfells können deshalb im zugehörigen Rumpfstreifen wahrgenommen werden — während eine Reizung der Zwerchfellkuppe über den N. phrenicus in die Schulter ausstrahlt. Zwei verschiedene Wege, zwei verschiedene Schmerzorte, ein Organ.

3.6 Muskuläre Schmerzquellen im selben Gebiet

Im Ausbreitungsgebiet von Th8 liegen Muskeln, die selbst Schmerzen erzeugen und dabei ausstrahlen können — der gerade Bauchmuskel, die schrägen Bauchmuskeln, die Zwischenrippenmuskeln und der Rückenstrecker der Etage. Die verbreiteten Ausstrahlungskarten dieser Muskeln stammen aus der Triggerpunktlehre. Sie sind hier genannt, weil sie in der Praxis gebräuchlich sind, und tragen wegen der begrenzten Übereinstimmung zwischen Untersuchern die Kennzeichnung [H].

Praktisch belastbar ist eine schmalere Aussage: Ein umschriebener, mit dem Finger auffindbarer Druckschmerz in der Bauchwand, der beim Anspannen bestehen bleibt, spricht für eine Quelle in der Bauchwand und nicht im Bauchraum. Das ist das Carnett-Zeichen (Abschnitt 7.5) und gut untersucht. [B]

Kapitel 04

Vegetative Bezüge

4.1 Th8 liegt im Ursprungsgebiet des Sympathikus

Anders als die Lendensegmente unterhalb von L2 führt Th8 vorgeschaltete sympathische Fasern. Die zugehörigen Nervenzellen liegen im Seitenhorn des Rückenmarks, das sich etwa von C8/Th1 bis L2 erstreckt. Th8 liegt mitten darin. [B]

  • Die vorgeschalteten Fasern verlassen das Rückenmark über die vordere Wurzel.
  • Über den weißen Verbindungsast erreichen sie den Grenzstrang. Weiße Verbindungsäste gibt es nur zwischen Th1 und etwa L2 — Th8 hat einen. [B]
  • Ein Teil der Fasern wird im zugehörigen Grenzstrangganglion umgeschaltet und kehrt über den grauen Verbindungsast in den Spinalnerv zurück — für Gefäße, Schweißdrüsen und Haaraufrichter des eigenen Hautgebiets.
  • Ein anderer Teil zieht ohne Umschaltung durch den Grenzstrang hindurch und bildet die Nn. splanchnici.

4.2 Der N. splanchnicus major und das Ganglion coeliacum

Die durchziehenden Fasern der Grenzstrangganglien Th5 bis Th9 vereinigen sich zum N. splanchnicus major. Er durchbohrt das Zwerchfell und endet im Ganglion coeliacum. Erst dort werden die Fasern umgeschaltet. [B] Th8 gehört zu diesem Ursprungsgebiet.

EbeneStrukturAnmerkung
UrsprungSeitenhorn der Segmente Th5 bis Th9 (teils bis Th10 angegeben)Th8 ist eines von fünf bis sechs beitragenden Segmenten [B]
Wegvordere Wurzel → weißer Verbindungsast → Grenzstrang ohne Umschaltung → N. splanchnicus major → Zwerchfellder Nerv bündelt mehrere Segmente; eine Zuordnung Segment → Organ geht dabei verloren [B]
UmschaltstelleGanglion coeliacumerst hier entstehen die nachgeschalteten Fasern
ZielgebietMagen, Leber, Gallenblase, Milz, Bauchspeicheldrüse, Zwölffingerdarm und anschließender Dünndarm; über das Ganglion mesentericum superius bis etwa zur rechten DickdarmkrümmungZielgebiet des Nervs, nicht des einzelnen Segments [B]
Der Weg der vegetativen Fasern von Th8. Entscheidend ist die dritte Spalte der ersten Zeile: Th8 ist ein Beitrag unter mehreren, kein zuständiges Segment für ein bestimmtes Organ.

Der häufigste Fehler in diesem Kapitel. Aus dem belegten Satz „Th8 beteiligt sich am N. splanchnicus major“ wird in Sekundärquellen regelmäßig der unbelegte Satz „Th8 versorgt die Leber“ oder „Th8 ist das Milzsegment“. Der Schritt ist nicht zulässig: Fünf bis sechs Segmente speisen einen gemeinsamen Nerv, der in einem gemeinsamen Ganglion umgeschaltet wird und von dort mehrere Organe erreicht. Eine Eins-zu-eins-Zuordnung existiert auf dieser Ebene nicht. [B]

4.3 Die Richtung der Übertragung

Belegt ist eine Richtung. Schmerzempfindende Fasern aus den Oberbauchorganen laufen zusammen mit den sympathischen Fasern zurück — über den N. splanchnicus major, den Grenzstrang und den weißen Verbindungsast zum Spinalganglion und in das Hinterhorn. Dort enden sie in denselben Abschnitten wie die Fasern aus Haut und Rumpfwand. Das Gehirn ordnet den Reiz der Körperwand zu, weil von dort die weit häufigere Erfahrung stammt. [B]

OrganBeteiligte SegmenteTypischer wahrgenommener Ort
Magenetwa Th6 bis Th9Oberbauch in der Mitte, teils zum Rücken
Zwölffingerdarmetwa Th6 bis Th9Oberbauch in der Mitte
Gallenblase und Gallenwegeetwa Th5 bis Th9, überwiegend rechtsrechter Oberbauch, rechter Rippenbogen, rechtes Schulterblatt
Bauchspeicheldrüseetwa Th6 bis Th10Oberbauch mit gürtelförmiger Ausstrahlung zum Rücken
Milzetwa Th6 bis Th8linker Oberbauch, linke Flanke
Übertragungsgebiete der Oberbauchorgane. Die Angaben überschneiden sich stark und sind Bereichsangaben, keine Punktzuordnungen. Th8 kommt in allen Zeilen vor — das ist der Grund, warum ein Th8-Schmerz und ein Oberbauchorganschmerz einander so ähnlich sehen. [B] für den Übertragungsweg, [I] für die genauen Segmentgrenzen, die zwischen Quellen abweichen.

4.4 Was daraus folgt — und was nicht

Belegt: Eine Erkrankung eines Oberbauchorgans kann Schmerz und Muskelanspannung im Gebiet von Th8 erzeugen. Diese Richtung — Organ zur Körperwand — ist anatomisch nachvollzogen. [B]

Nicht belegt: Die Umkehrung. Dass sich durch Behandlung der Bauch- oder Brustwand in Höhe Th8 die Funktion von Magen, Leber, Gallenblase, Milz oder Bauchspeicheldrüse gezielt beeinflussen lässt, folgt aus der Anatomie nicht und ist nicht durch belastbare Studien gestützt. Solche Aussagen tragen hier die Kennzeichnung [H].

Klinisch entscheidend: Aus der belegten Richtung folgt eine Untersuchungspflicht, keine Behandlungsmöglichkeit. Wer einen Th8-Schmerz vor sich hat, muss den Bauchraum als Quelle ausschließen, bevor er die Wand behandelt.

4.5 Zuflüsse zum Seitenhorn und was daraus folgt

Die sympathischen Ursprungszellen im Nucleus intermediolateralis sind die letzte Umschaltstelle im Rückenmark, bevor ein sympathischer Befehl den Körper erreicht. Sie arbeiten nicht selbstständig. Was sie weitergeben, hängt von drei Zuflüssen ab.

Zufluss aus dem Gehirn. Fünf Zellgruppen versorgen die gesamte sympathische Ausfuhr: der Nucleus paraventricularis des Hypothalamus, die A5-Zellgruppe, die hintere Raphe sowie die vordere seitliche und die vordere mittige verlängerte Medulla. Sie gelten als der beherrschende Zufluss. [B]

Zufluss aus dem eigenen Segment. Schaltzellen in der Nähe der Ursprungszellen leiten Meldungen aus Organen, Haut und Muskeln weiter. Eingeweidefasern erreichen die Ursprungszellen in der Regel nicht unmittelbar, sondern über solche Zwischenzellen. Das ist der Weg, den Kapitel 05 für die Zonen beschreibt. [B]

Zufluss aus anderen Rückenmarkshöhen. Im Tierversuch stammen 8 bis 20 von 100 erregenden Kontakten an den Brust-Ursprungszellen von Schaltzellen des Lendenmarks, die zum Gehprogramm gehören. Der Zufluss ist nach Höhen geordnet. [B]

Was hinausgeht. Die Ursprungszellen des Segments Th8 geben ihre Erregung über die vordere Wurzel und den weißen Verbindungsast an den Grenzstrang ab. Sympathische Wirkungen sind unter anderem: Engstellung der Gefäße, Schweißbildung, Aufrichten der Haare, Wirkungen an inneren Organen und Ausschüttung aus dem Nebennierenmark. Welche davon auf Th8 entfallen, steht oben in diesem Kapitel. [B]

Aus der Verrechnung dieser Zuflüsse folgt zweierlei. Ein Reiz aus einem Organ ist nur ein Eingang unter mehreren und wird mit der Steuerung aus dem Gehirn verrechnet. Und aus einem Befund an der Körperoberfläche lässt sich nicht auf eine einzelne Etage zurückschließen. [I]

Wie stark der Zufluss aus dem Gehirn wiegt, zeigt sich nach einer Querschnittlähmung. Unterhalb der Verletzung gehen die Bahnen aus dem Gehirn zu den Ursprungszellen weitgehend verloren. Blutdruckregelung, Blasen- und Darmsteuerung sind danach gestört, während die Ursprungszellen selbst weiterarbeiten. [B]

Quellen zu diesem Abschnitt

  • Strack AM, Sawyer WB, Hughes JH, Platt KB, Loewy AD: A general pattern of CNS innervation of the sympathetic outflow demonstrated by transneuronal pseudorabies viral infections. Brain Res 1989;491:156–162. — Grundlage der fünf Zellgruppen in Hypothalamus und Hirnstamm.
  • Llewellyn-Smith IJ: Anatomy of synaptic circuits controlling the activity of sympathetic preganglionic neurons. J Chem Neuroanat 2009;38:231–239. — Grundlage der Zuflüsse aus Gehirn und Rückenmark.
  • Chacon C, Nwachukwu CV, Shahsavani N, Cowley KC, Chopek JW: Lumbar V3 interneurons provide direct excitatory synaptic input onto thoracic sympathetic preganglionic neurons. Front Neural Circuits 2023;17:1235181. — Grundlage des Zuflusses aus anderen Rückenmarkshöhen.
  • Llewellyn-Smith IJ: Effects of spinal cord injury on synaptic inputs to sympathetic preganglionic neurons. Prog Brain Res 2006;152:11–26. — Grundlage der Aussage zum Verlust der Bahnen aus dem Gehirn nach Querschnittlähmung.
  • Wehrwein EA, Orer HS, Barman SM: Overview of the anatomy, physiology, and pharmacology of the autonomic nervous system. Compr Physiol 2016;6:1239–1278. — Grundlage der Aufzählung der sympathischen Wirkungen.

Offene Lücken

  • Die Befunde zu den Zuflüssen stammen aus Tierversuchen an Ratten und Mäusen. Zahlen zum Anteil der einzelnen Zuflüsse beim Menschen liegen nicht vor.
  • Von den fünf Arbeiten dieses Abschnitts wurden nur die Zusammenfassungen eingesehen. Der Abgleich mit den Volltexten steht vor Veröffentlichung aus.

Kapitel 05

Dermatom, Sklerotom, Reflexzonen

5.1 Das Dermatom Th8

Das Hautgebiet von Th8 verläuft gürtelförmig um den Rumpf: von der Höhe des achten Brustwirbelbereichs neben der Wirbelsäule schräg nach vorn unten über die seitliche Brustwand und den Rippenbogen bis zur Mittellinie des Oberbauchs. Es liegt zwischen Schwertfortsatz und Nabel. [B]

BezugspunktSegmentAnmerkung
BrustwarzeTh4gebräuchlichster Orientierungspunkt der Brustwand
Schwertfortsatz des BrustbeinsTh6obere Grenzmarke für Th8
Auf einem Viertel der Strecke Schwertfortsatz → NabelTh7
Auf halber Strecke Schwertfortsatz → NabelTh8festgelegter Prüfpunkt in der Schlüsselbeinmittellinie [B]
Auf drei Vierteln der Strecke Schwertfortsatz → NabelTh9
NabelTh10untere Grenzmarke für Th8
Prüfpunkte nach dem internationalen Standard ISNCSCI. Th7, Th8 und Th9 sind darin nicht durch eigene Tastmarken definiert, sondern als Teilstrecken zwischen Schwertfortsatz und Nabel.

Wie scharf ist diese Grenze? Nicht scharf. Dermatomkarten unterschiedlicher Herkunft weichen erheblich voneinander ab, und benachbarte Segmente überlappen einander stark. Am Rumpf ist die Überlappung so ausgeprägt, dass der vollständige Ausfall eines einzelnen Segments häufig gar nicht auffällt — die Nachbarn decken das Gebiet mit ab. [B]

Praktisch folgt daraus: Ein einzelnes Segment lässt sich am Rumpf kaum sicher isolieren. Was sich zuverlässig bestimmen lässt, ist ein Niveau — die Höhe, oberhalb derer die Empfindung normal und unterhalb derer sie gestört ist. Genau darauf ist die Untersuchung dieses Segments ausgerichtet (Abschnitt 7.2).

5.2 Sklerotom und Gelenkschmerz

Neben der Haut hat jedes Segment ein Tiefengebiet: Knochenhaut, Bänder, Gelenkkapseln. Dieses Sklerotom deckt sich nicht mit dem Dermatom. Die klassischen Karten dazu stammen aus Reizversuchen an Bändern und Knochenhaut aus den Jahren 1939 und 1944; sie sind historisch bedeutsam, methodisch aber nur eingeschränkt überprüfbar und deshalb mit [H] gekennzeichnet.

Besser belegt sind die Schmerzkarten der kleinen Wirbelgelenke. Für die Brustwirbelsäule liegen zwei experimentelle Arbeiten vor, die bei gesunden Freiwilligen beziehungsweise bei Patienten einzelne Gelenke gereizt und die daraus entstehenden Schmerzgebiete kartiert haben. [B]

Übereinstimmende Aussagen dieser Arbeiten, soweit sie den mittleren Brustbereich betreffen:

  • Das Schmerzgebiet eines Brustwirbelgelenks liegt neben der Wirbelsäule und meist eine bis zweieinhalb Etagen unterhalb des gereizten Gelenks. [B]
  • Die Gebiete benachbarter Etagen überlappen erheblich. Aus einem Schmerzort lässt sich die Etage nicht sicher zurückrechnen. [B]
  • Der Schmerz bleibt in diesen Versuchen weitgehend rückennah. Eine gürtelförmige Ausstrahlung bis in die vordere Bauchwand gehört nicht zum typischen Muster des Wirbelgelenks. [I]

Für Th8 folgt daraus zweierlei. Rückennaher Schmerz zwischen den Schulterblattspitzen und dem unteren Rippenbogen kann vom Wirbelgelenk kommen — aus einer Etage, die eher weiter oben liegt als der Schmerzort. Und ein gürtelförmiger Schmerz bis nach vorn spricht eher für den Nervenverlauf als für das Gelenk. [I]

5.3 Die Zonenmodelle — was davon trägt

ModellAussageBewertung
Head-Zonen (Henry Head, ab 1893)Hautbezirke, die bei Erkrankung eines Organs überempfindlich werden. Für die Oberbauchorgane liegen die beschriebenen Zonen im Bereich Th6 bis Th10 und schließen Th8 ein— historisch bedeutsam, Beobachtungsgrundlage nicht nach heutigen Maßstäben überprüfbar; die zugrunde liegende Übertragung ist dagegen belegt (Abschnitt 4.3) [H]
Muskelzonen nach James Mackenzie (um 1900)reflektorische Anspannung der Rumpfmuskulatur bei Organerkrankung— als Beobachtung nachvollziehbar, als Behandlungsanleitung nicht belegt [H]
Bindegewebszonen nach Elisabeth Dicke (ab 1929)tastbare Verquellungen der Unterhaut mit Organzuordnung— Zuordnung nicht überprüft, Untersucherübereinstimmung nicht belegt [H]
„Th-Syndrom“ / thorakales Übertragungssyndromein Beschwerdebild, bei dem gestörte Brustwirbelsegmente Bauchbeschwerden erzeugen sollen— eine Übersichtsarbeit zur Literaturlage findet keine belastbare Grundlage für dieses Konzept [H]
Alle vier Modelle sind mit [H] gekennzeichnet. Sie werden hier genannt, weil sie in der Praxis begegnen, und nicht als Grundlage für Aussagen dieser Seite verwendet.

Eine Namensverwechslung, die sich hartnäckig hält. James Mackenzie war ein schottischer Internist, der um 1900 reflektorische Muskelanspannung bei Organerkrankungen beschrieb. Robin McKenzie war ein neuseeländischer Physiotherapeut, dessen Untersuchungs- und Behandlungsmethode nach wiederholten Bewegungen und der Zentralisierung von Schmerz fragt. Beide Lehren haben nichts miteinander zu tun. „McKenzie-Zonen“ eines Segments gibt es in keiner von beiden.

5.4 Erklärungswege über das Rückenmark

Dieser Abschnitt ordnet ein, auf welchem Weg ein Organreiz Haut, Unterhaut und Muskeln verändern kann. Belegt ist nur ein Teil davon.

Reize aus einem Organ erreichen das Rückenmark über Eingeweidefasern. Diese enden im Hinterhorn, dem Eingangsbereich des Rückenmarks für Empfindungen. Im selben Segment können sie die sympathischen Ursprungszellen im Nucleus intermediolateralis erregen. Diese Zellsäule im Seitenhorn reicht von Th1 bis etwa L2; das Segment Th8 gehört dazu. Über den Grenzstrang steuern diese Zellen unter anderem Hautgefäße und Schweißdrüsen. [B]

Dass sich Unterhaut und Muskeln im Übertragungsgebiet eines Organs messbar verändern, ist beim Menschen gezeigt. Bei Gallensteinen mit Koliken war die Unterhaut im Übertragungsgebiet dicker und der Muskel dünner als auf der Gegenseite. Ohne Koliken fanden sich diese Unterschiede nicht. [B]

Die Autoren dieser Untersuchung vermuten, dass Überempfindlichkeit und Gewebeveränderung auf verschiedenen Wegen entstehen. [I]

Auf welchem Weg die Veränderungen entstehen, ist beim Menschen nicht geklärt. Tierversuche nennen drei Kandidaten: gegabelte Empfindungsfasern, Verschaltungen zwischen Empfindungsfasern im Rückenmark und den sympathischen Reflex über das Seitenhorn. [B]

Gegabelte Empfindungsfaser. Bei Ratten sind Schmerzfasern nachgewiesen, die sich teilen und mit einem Ast die Haut, mit dem anderen ein Organ versorgen. Bei Entzündungen von Dickdarm, Blase oder Magen trat in der Haut Flüssigkeit aus. Im Dickdarmmodell reagierten diese Fasern verstärkt auf Hautreize. [B]

Hinterwurzelreflex. Hier läuft eine Erregung vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser. An deren Ende setzt sie Botenstoffe frei, die eine vom Nerv ausgelöste Schwellung und Rötung hervorrufen, eine neurogene Entzündung. Im Tierversuch erklärt dieser Reflex einen erheblichen Teil der Gelenkschwellung bei Arthritis und der Hautrötung nach Einspritzen von Capsaicin. [B]

Dass einer dieser beiden Wege die Zonen bei Organleiden erzeugt, ist nicht gezeigt. Beide setzen kein Seitenhorn voraus und kämen deshalb in allen Segmenten in Frage. [I]

Konvergenz im Hinterhorn. Fast alle Schaltzellen der zweiten Stufe im Hinterhorn erhalten Eingänge aus den Eingeweiden und zugleich aus Haut und Muskeln. Dieses Zusammenlaufen gilt seit Langem als Grundlage dafür, dass Organschmerz an der Körperoberfläche gespürt wird. [B]

Die Konvergenz erklärt die Überempfindlichkeit einer Zone, für sich allein aber keine tastbare Gewebeveränderung. Welcher der genannten Wege beim Menschen überwiegt, ist offen. [I]

Die Bindegewebsmassage erklärt ihre Zonen mit einer Reflexwirkung über das vegetative Nervensystem, also mit dem Weg über das Seitenhorn. Nachgewiesen ist diese Erklärung nicht, und ob die Tastbefunde nach Dicke den gemessenen Veränderungen entsprechen, ist offen. [I]

Skelettmuskeln werden ausschließlich über die motorischen Vorderhornzellen erregt. Das vegetative Nervensystem, zu dem das Seitenhorn gehört, steuert Eingeweide, Gefäße und Drüsen, aber nicht die Skelettmuskeln. [B]

Ein zweites Modell führt Verspannungen der Körperwand bei Organreiz auf Reflexe über diese Vorderhornzellen zurück. Die Körperwand umfasst Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ. Tierversuche stützen das Modell; beim Menschen ist es nicht gesichert. [I]

Ob der Sympathikus die Muskelspannung beim Menschen unmittelbar verändert, ist ungeklärt. Im Tierversuch veränderte ein Sympathikusreiz die Empfindlichkeit der Muskelspindeln, der Längenfühler im Muskel. Beim Menschen blieb die Spindelentladung in einer Untersuchung unverändert; in einer anderen war der Dehnungsreflex verstärkt. Die Befunde widersprechen sich. [I]

Alle genannten Wege beschreiben die Richtung vom Organ zur Körperwand. Dass eine Behandlung von Haut oder Muskeln über diese Wege ein Organ beeinflusst, ist damit nicht belegt. [H]

Kapitel 06

Beschwerdebilder

6.1 „Interkostalneuralgie“ ist keine Diagnose

Der Begriff beschreibt einen Schmerz im Verlauf eines Zwischenrippennervs. Er benennt eine Örtlichkeit, keine Ursache. Für das Segment Th8 kommen mindestens acht verschiedene Ursachen in Betracht, von der harmlosen Rippenknorpelreizung bis zur Wirbelmetastase. Die Bezeichnung ist deshalb ein Zwischenschritt und darf nicht der Endpunkt der Abklärung sein.

6.2 Radikulopathie Th8 und thorakaler Bandscheibenvorfall

Eine echte Wurzelschädigung Th8 ist selten. Bandscheibenvorfälle der Brustwirbelsäule machen nach zusammengefassten Angaben etwa 0,1 bis 5 % aller Bandscheibenvorfälle aus; symptomatische Fälle sind noch deutlich seltener. Rund drei Viertel der thorakalen Vorfälle liegen unterhalb der Höhe Th7/Th8, mit einem deutlichen Gipfel bei Th11/Th12. [B]

Th8 liegt an der Obergrenze des häufigen Bereichs. Das ist kein Zufallsbefund, sondern folgt der Beweglichkeit: Je näher am thorakolumbalen Übergang, desto mehr Bewegung, desto mehr Verschleiß. Oberhalb von Th8 werden Vorfälle rasch seltener. [B]

Und die Vorfälle sehen hier anders aus als an der Lendenwirbelsäule. Sie liegen überwiegend mittig oder mittelnah, nicht seitlich, und sie sind häufig verkalkt. Ein mittiger Vorfall trifft in einem engen Wirbelkanal nicht eine Wurzel, sondern das Rückenmark. Deshalb ist das führende Bild eines bedeutsamen thorakalen Vorfalls nicht der Gürtelschmerz, sondern eine Störung unterhalb der Läsionshöhe. [B]

6.3 Wirbelgelenk und Rippengelenk der Etage

Die wahrscheinlichere Ursache eines segmentbezogenen Schmerzes in dieser Höhe sind die Gelenke selbst. Zur Auswahl stehen das kleine Wirbelgelenk zwischen Th8 und Th9, das Rippenkopfgelenk und das Rippenhöckergelenk der achten Rippe — je Seite drei Gelenke.

  • Wirbelgelenk: rückennaher Schmerz, meist eine bis zweieinhalb Etagen unterhalb des betroffenen Gelenks; verstärkt bei Streckung und Drehung. [B]
  • Rippengelenke: umschriebener Druckschmerz etwa zwei bis drei Fingerbreit neben der Dornfortsatzreihe; oft atemabhängig, weil jede Einatmung die Rippe bewegt. [I]
  • Was die Untersuchung nicht leisten kann: Die Tastuntersuchung kann zwischen diesen Gelenken nicht zuverlässig unterscheiden. Die Übereinstimmung zwischen Untersuchern ist bei segmentalen Bewegungsprüfungen gering; verlässlicher ist die Angabe des Druckschmerzortes durch die untersuchte Person. [I]

6.4 Slipping-Rib-Syndrom — das Beschwerdebild der Rippen 8 bis 10

Weil die achte Rippe eine falsche Rippe ist (Abschnitt 1.4), hat sie ein eigenes Beschwerdebild. Die knorpelige Verbindung zur siebten Rippe kann sich lockern; die Rippenspitze gleitet dann bei Bewegung über oder unter die Nachbarrippe und reizt den darunter verlaufenden Interkostalnerv. [B]

MerkmalBefund
Betroffene Rippen8, 9 und 10 — die falschen Rippen
Schmerzortunterer Rippenbogen, seitlicher Oberbauch; häufig als „Gallenblase“, „Magen“ oder „Rippenprellung“ fehlgedeutet
AuslöserDrehung des Rumpfes, Aufrichten aus dem Liegen, Husten, tiefe Einatmung
Typischer Zusatzgelegentlich ein Klick- oder Schnappgefühl am Rippenbogen
Untersuchungsgriffder Untersucher hakt die Finger unter den Rippenbogen und zieht die Rippenspitze nach vorn; der bekannte Schmerz wird ausgelöst (Hakengriff) [B]
BildgebungRöntgen und Schnittbild sind in der Regel unauffällig — das ist kein Ausschluss, sondern erwartbar [B]
Das Slipping-Rib-Syndrom ist eine der wenigen Ursachen in diesem Gebiet, die durch einen einzigen Untersuchungsgriff nahegelegt werden kann — und eine der am häufigsten übersehenen.

6.5 ACNES — Einklemmung des vorderen Hautasts

Am seitlichen Rand des geraden Bauchmuskels biegt der vordere Hautast des Interkostalnervs fast rechtwinklig um und durchtritt einen engen bindegewebigen Kanal. An dieser Stelle kann er eingeklemmt werden. Das daraus entstehende Beschwerdebild trägt die Abkürzung ACNES (englisch anterior cutaneous nerve entrapment syndrome, Einklemmungssyndrom des vorderen Hautasts). Betroffen sind die Nerven Th7 bis Th12 — Th8 gehört dazu. [B]

Kennzeichen, die für ACNES sprechen:

  • Ein Schmerzpunkt, der sich mit der Fingerkuppe auf wenige Zentimeter genau angeben lässt, meist am seitlichen Rand des geraden Bauchmuskels.
  • Das Carnett-Zeichen ist positiv: Beim Anspannen der Bauchdecke bleibt der Druckschmerz gleich oder nimmt zu. Bei einer Quelle im Bauchraum nimmt er ab, weil die angespannte Wand das Organ abschirmt. [B]
  • Häufig eine veränderte Empfindung der Haut rund um den Punkt.
  • Voruntersuchungen des Bauchraums sind unauffällig geblieben — oft mehrfach.

Die klinische Bedeutung liegt weniger in der Behandlung als in der Vermeidung: ACNES wird regelmäßig verkannt und führt zu wiederholter Bauchdiagnostik. Ein einziger Untersuchungsgriff kann das abkürzen. [B]

6.6 Gürtelrose

Die Reaktivierung des Windpockenvirus in einem Spinalganglion erzeugt Schmerz und Hautausschlag in genau einem Dermatom, auf einer Seite. Die Brustdermatome sind die am häufigsten betroffene Gruppe. [B]

Die Falle liegt im Zeitablauf. Der Schmerz geht dem Ausschlag regelmäßig um Tage voraus. In diesem Fenster sieht ein Zoster Th8 aus wie eine Rippenprellung, eine Wirbelblockierung oder eine Gallenkolik. Ein einseitiger, brennender Gürtelschmerz ohne Anlass und ohne Bewegungsabhängigkeit sollte deshalb eine tägliche Hautkontrolle nach sich ziehen. [I]

Hinweis zur Leitlinienlage: Die deutsche S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des Zoster und der Postzosterneuralgie“ (AWMF-Registernummer 013-023) war zuletzt bis zum 23.05.2024 gültig und ist derzeit in Überarbeitung. Sie wird auf dieser Seite nur für unstrittige Grundaussagen herangezogen und ist im Quellenverzeichnis als abgelaufen gekennzeichnet.

6.7 Diabetische thorakoabdominale Radikulopathie

Bei Menschen mit Diabetes kann sich eine schmerzhafte Schädigung einzelner oder mehrerer Brustnervenwurzeln entwickeln, meist im Bereich Th4 bis Th12. Der Schmerz ist brennend, oft nächtlich betont, und kann von einer Schwäche der Bauchwand begleitet sein, die sich als einseitige Vorwölbung zeigt. [B]

Diese Vorwölbung wird gelegentlich für einen Bauchwandbruch gehalten und operiert. Der Unterschied liegt in der Untersuchung: Ein Bruch hat eine tastbare Lücke, die Nervenschädigung nicht. [I]

6.8 Was aus dem Bauchraum kommt und wie Th8 aussieht

Wegen der Übertragungswege aus Kapitel 04 überschneidet sich das Beschwerdebild von Th8 mit dem mehrerer Organe. Die folgende Übersicht dient der Unterscheidung, nicht der Diagnosestellung.

Möglicher UrsprungWas ähnlich istWas unterscheidet
Gallenblase, Gallenwegerechter Oberbauch, rechter Rippenbogen, Ausstrahlung zum Schulterblattkolikartiger Verlauf, Zusammenhang mit Mahlzeiten, Druckschmerz mit Atemstopp; Carnett-Zeichen negativ
Magen, Zwölffingerdarmmittiger Oberbauchschmerz mit Ausstrahlung zum RückenAbhängigkeit von Nahrung, Nüchternschmerz, Übelkeit; keine Bewegungsabhängigkeit
Bauchspeicheldrüsegürtelförmiger Oberbauchschmerz zum Rücken — dem Th8-Muster sehr ähnlichanhaltend statt bewegungsabhängig, oft Erleichterung im Vornüberbeugen, Allgemeinbefinden verändert
Herz (Hinterwand)Schmerz kann in den Oberbauch ausstrahlenDruck- statt Gürtelcharakter, Belastungsabhängigkeit, Luftnot, Schweiß, Angst — sofortige Abklärung
Aorta (Aussackung, Einriss)Rücken- und Bauchschmerzplötzlicher, reißender Beginn, Kreislaufzeichen, Seitenunterschied der Pulse — sofortige Abklärung
Lunge, Rippenfellatemabhängiger SeitenschmerzHusten, Fieber, Luftnot, Reibegeräusch
Niere, HarnleiterFlankenschmerzWellenverlauf, Ausstrahlung in die Leiste, Blut im Urin; Segmentbezug eher Th10 bis L1
Die dritte Spalte ist der Arbeitsteil dieser Tabelle. Keines der genannten Merkmale entscheidet allein; gemeinsam bestimmen sie, ob die Abklärung in der Wand oder im Bauchraum weitergeht.

6.9 Der entscheidende Unterschied zur Lendenwirbelsäule

Hinter dem Wirbel Th8 liegt Rückenmark. An der Lendenwirbelsäule unterhalb von L1/L2 liegt nur noch die Cauda equina; eine Schädigung trifft dort einzelne Wurzeln. In Höhe Th8 trifft sie das Rückenmark selbst — und wirkt damit auf alles, was unterhalb liegt. [B]

Zwei Umstände verschärfen das. Der knöcherne Wirbelkanal ist im Brustbereich enger als im Hals- und Lendenbereich, sodass schon eine geringe Raumforderung wirksam wird. Und der mittlere Brustabschnitt ist der Bereich mit der ungünstigsten Blutversorgung des Rückenmarks; er verträgt Druck schlechter als andere Höhen. [B]

Praktisch heißt das: Beschwerden im Segment Th8 werden mit den Beinen untersucht, bevor der Rücken untersucht wird.

Kapitel 07

Untersuchung

7.1 Was die Vorgeschichte klären muss

  • Beginn: schlagartig, über Tage, über Wochen? Ein schlagartiger Beginn ohne Anlass lenkt auf Gefäß, Fraktur oder Zoster.
  • Abhängigkeit: von Bewegung und Haltung (spricht für die Wand), von Mahlzeiten (spricht für den Bauchraum), von Belastung (spricht für Herz oder Gefäß), von nichts (mahnt zur Vorsicht).
  • Seitigkeit und Form: einseitig-gürtelförmig oder beidseitig-bandförmig? Beidseitig ist selten ein Wurzelbefund und lenkt auf das Rückenmark.
  • Beine, Blase, Gang: Gefühlsstörung, Schwäche, Steifigkeit, Unsicherheit im Dunkeln, veränderte Blasenentleerung. Diese Frage steht bei Th8 vor allen anderen.
  • Allgemeines: Fieber, Nachtschweiß, ungewollter Gewichtsverlust, Tumorerkrankung, Osteoporose, Kortison- oder Gerinnungsbehandlung, Sturz, Diabetes.

7.2 Die sensible Höhe bestimmen — die Hauptuntersuchung

Weil Kennmuskel und Eigenreflex fehlen, trägt die Empfindungsprüfung die Hauptlast. Sie wird nicht als Suche nach einem gestörten Fleck geführt, sondern als Suche nach einer Grenze.

SchrittVorgehenZweck
1Von unbeeinträchtigtem Gebiet nach oben zum verdächtigen Gebiet prüfen, nicht umgekehrtDer Übergang wird deutlicher wahrgenommen
2Beide Seiten auf gleicher Höhe unmittelbar nacheinander vergleichenSeitenunterschiede sind aussagekräftiger als absolute Angaben
3Berührung und spitz/stumpf getrennt prüfenVerschiedene Bahnen; eine kann betroffen sein, die andere nicht
4Die gefundene Grenze auf der Haut anzeichnen und die Höhe festhaltenNur so ist ein Verlauf über Tage vergleichbar
5Prüfpunkt Th8 gezielt aufsuchen: Schlüsselbeinmittellinie, halbe Strecke zwischen Schwertfortsatz und NabelVergleich mit dem festgelegten Standardpunkt
Vorgehen bei der Bestimmung der sensiblen Höhe. Schritt 4 wird am häufigsten ausgelassen und ist der wichtigste, wenn eine Verlaufskontrolle nötig wird.

7.3 Was es an Kraft- und Reflexprüfung gibt — und was nicht

  • Kennmuskel: keiner. Für Th2 bis L1 sieht der internationale Standard keinen vor. [B]
  • Eigenreflex: keiner. Es gibt keinen Sehnenreflex für ein Brustsegment. [B]
  • Bauchdeckenreflexe: Fremdreflexe. Die obere Etage wird deutschsprachig Th6 bis Th9, englischsprachig Th8 bis Th9 oder Th9 bis Th10 zugeordnet; Th8 fällt in jede dieser Spannen. [I] Nur der Seitenunterschied und der Höhenunterschied sind verwertbar; beidseitiges Fehlen kommt bei Gesunden häufig vor. [B]
  • Beevor-Zeichen: Wandern des Nabels beim Anspannen. Positiv vor allem bei Läsionen um Th10; bei Th8 wenig ergiebig. [I]
  • Atembewegung der Rippe: seitenungleiche Bewegung des Rippenbogens beim tiefen Einatmen kann auffallen, ist aber kein Kraftmaß. [I]

7.4 Zeichen einer Rückenmarkbeteiligung — die Prüfung, die zuerst kommt

Diese Prüfung entscheidet über die Dringlichkeit und dauert wenige Minuten.

  • Reflexe der Beine (Kniesehne, Achillessehne): gesteigert oder seitenungleich?
  • Fußsohlenreaktion: streckt sich die Großzehe nach Bestreichen der Fußsohle?
  • Muskelspannung der Beine: erhöhter Widerstand bei rascher passiver Bewegung?
  • Gang und Standsicherheit: Gang auf einer Linie, Stand mit geschlossenen Augen.
  • Sensible Höhe aus Abschnitt 7.2 — eine waagerechte Grenze am Rumpf ist das Leitzeichen.
  • Blasenfunktion: Restharngefühl, erschwerte Entleerung, unbemerkter Abgang.

Ist eines dieser Zeichen auffällig, endet die segmentbezogene Untersuchung. Es folgt keine manuelle Behandlung, sondern eine unverzügliche ärztliche Abklärung (Kapitel 09).

7.5 Bauchwand oder Bauchraum: das Carnett-Zeichen

Dieser Griff trennt am Krankenbett zwei Gruppen von Ursachen und ist für Th8 die nützlichste Einzelprüfung überhaupt.

SchrittVorgehen
1Den schmerzhaftesten Punkt der Bauchdecke mit einem Finger aufsuchen und den Druckschmerz feststellen lassen
2Die liegende Person den Kopf oder die gestreckten Beine anheben lassen, sodass die Bauchdecke anspannt
3Mit unverändertem Druck erneut prüfen
Der Carnett-Griff in drei Schritten.
  • Schmerz bleibt gleich oder nimmt zu → Quelle in der Bauchwand (Nerv, Muskel, Rippenknorpel). Carnett-Zeichen positiv. [B]
  • Schmerz nimmt ab → Quelle eher im Bauchraum; die angespannte Wand schirmt ab. [B]

Das Zeichen ersetzt keine Abklärung und schließt eine Erkrankung im Bauchraum nicht aus. Es verschiebt die Wahrscheinlichkeit — und das genügt, um die Reihenfolge der nächsten Schritte zu ändern. [I]

7.6 Tastuntersuchung der Etage und der Rippen

  • Dornfortsätze und Zwischenraum: Druckschmerz über einem Dornfortsatz ist unspezifisch, ein umschriebener Klopfschmerz bei bekannter Osteoporose dagegen ein Warnzeichen (Kapitel 09).
  • Rippengelenke: Druck zwei bis drei Fingerbreit neben der Dornfortsatzreihe, beidseits im Vergleich.
  • Rippenverlauf: die achte Rippe von hinten nach vorn abtasten; Druckschmerz an einer umschriebenen Stelle lenkt auf Fraktur oder Knorpelreizung.
  • Hakengriff am Rippenbogen: Prüfung auf ein Slipping-Rib-Syndrom (Abschnitt 6.4).
  • Grenze der Aussagekraft: Segmentale Bewegungsprüfungen der Brustwirbelsäule haben eine geringe Übereinstimmung zwischen Untersuchern. Die Angabe des Druckschmerzortes durch die untersuchte Person ist zuverlässiger als der ertastete Bewegungsbefund. [I]

7.7 Bildgebung

Zwei getrennte Fragen. Erstens: Gibt es ein Warnzeichen? Dann klärt die Bildgebung eine konkrete Verdachtsdiagnose — Fraktur, Metastase, Entzündung, Rückenmarkkompression. Zweitens: Gibt es kein Warnzeichen? Dann bringt eine frühe Bildgebung meist keinen Nutzen und erzeugt Befunde ohne Krankheitswert. [B]

Der Grund für den zweiten Satz: In einer Untersuchung der Brustwirbelsäule bei beschwerdefreien Personen fanden sich bei rund drei Vierteln Auffälligkeiten der Bandscheiben und bei etwa einem Drittel eine echte Vorwölbung. Ein Bildbefund allein erklärt deshalb keine Beschwerden. [B]

  • Kernspintomographie — Verfahren der Wahl bei Verdacht auf Rückenmarkbeteiligung, Metastase oder Entzündung.
  • Computertomographie — überlegen bei knöchernen Fragen und bei verkalkten Bandscheibenvorfällen, die im Brustbereich häufig sind. [B]
  • Röntgen — zur Beurteilung von Wirbelkörperhöhen bei Verdacht auf osteoporotische Fraktur.
  • Zählkontrolle: Bei jeder Bildgebung der Brustwirbelsäule muss die Etagenzählung über eine Übersichtsaufnahme gesichert werden. Zählfehler in diesem Abschnitt sind beschrieben und können zur Behandlung der falschen Höhe führen. [B]

7.8 Elektrophysiologie und Labor

Die Nervenmessung ist an der Rumpfwand deutlich weniger ergiebig als an Arm und Bein. Ein sensibler Nerv lässt sich am Rumpf nicht routinemäßig ableiten; die Nadeluntersuchung der Bauchwandmuskeln kann eine Wurzelschädigung stützen, ist aber aufwendig und nicht überall verfügbar. [I]

Das Labor richtet sich nach dem Verdacht: Entzündungswerte und Blutbild bei Verdacht auf Entzündung oder Tumor, Bauchspeicheldrüsen- und Leberwerte bei Verdacht auf eine Quelle im Bauchraum, Blutzucker und Langzeitwert bei Verdacht auf eine diabetische Nervenschädigung. Ein Elektrokardiogramm gehört bei jedem unklaren Oberbauch- oder Brustschmerz früh dazu.

Kapitel 08

Behandlungsansätze

Vor jedem Behandlungsschritt steht die Klärung der Ursache. Das gilt für dieses Segment stärker als für jedes andere: Der Bauchraum liegt unmittelbar darunter, das Rückenmark unmittelbar dahinter. Die folgenden Ansätze setzen voraus, dass Kapitel 09 durchgegangen und ohne Treffer geblieben ist.

8.1 Was die Beleglage hergibt

Für segmentbezogene Behandlungen der Brustwirbelsäule ist die Studienlage deutlich dünner als für den Lendenbereich. Belastbare Aussagen zu einem einzelnen Segment gibt es nicht. Was folgt, ordnet die gebräuchlichen Ansätze nach ihrer Beleglage — es ersetzt keine Behandlungsempfehlung im Einzelfall. [I]

AnsatzBeleglageAnmerkung
Aufklärung über den gutartigen Verlauf und Rückkehr zur gewohnten Bewegungam besten gestützt unter den nichtmedikamentösen Ansätzen — allerdings überwiegend aus Untersuchungen zum Kreuzschmerz übertragen [I]Übertragung auf den Brustbereich ist eine Annahme, keine Messung
Bewegung und Kräftigung der Rumpfmuskulaturals allgemeiner Ansatz gestützt, ohne segmentbezogene Daten [I]Drehbewegungen dosieren, da sie die Hauptbelastung dieses Abschnitts sind
Atemlenkende Übungennachvollziehbar, weil jede Rippenbewegung das Segment mitbewegt [I]kein segmentbezogener Wirksamkeitsnachweis
Manuelle Techniken an Wirbel- und Rippengelenkenfür den Brustbereich schwach belegt; kurzfristige Schmerzlinderung beschrieben, Langzeitwirkung nicht gesichert [I]bei Osteoporose, Tumorverdacht, Gerinnungshemmung und Rückenmarkzeichen nicht anwenden
Örtliche Betäubung am Nervenaustritt bei ACNESals diagnostischer und behandelnder Schritt untersucht [B]ärztliche Maßnahme
Medikamentöse Schmerzbehandlungrichtet sich nach der geklärten Ursache, nicht nach dem Segmentärztliche Entscheidung
Behandlung der Bauchwand zur Beeinflussung von Oberbauchorganennicht belegt [H]siehe Abschnitt 4.4
Die letzte Zeile ist bewusst aufgeführt, weil sie in Sekundärquellen zu diesem Segment regelmäßig als gesicherte Wirkung dargestellt wird.

8.2 Was die Höhe Th8 besonders macht

  • Osteoporose zuerst bedenken. Th7 und Th8 bilden den mittleren Häufigkeitsgipfel osteoporotischer Wirbelkörperfrakturen. Bei jeder Person über 50 mit neuem, umschriebenem Schmerz in dieser Höhe gehört diese Möglichkeit an den Anfang, nicht ans Ende. [B]
  • Rippen mitbehandeln oder gar nicht. Das Bewegungssegment umfasst hier vier Rippengelenke. Eine Betrachtung, die nur Wirbel und Bandscheibe kennt, greift zu kurz. [I]
  • Die Bauchwand gehört dazu. Weil der Nerv im Oberbauch endet, gehört die Bauchdecke zum Untersuchungs- und Behandlungsgebiet dieses Segments — auch wenn die Beschwerden am Rücken begonnen haben. [B]

Kapitel 09

Warnzeichen — wann Behandlung unterbleibt

Sofort in die Klinik — keine manuelle Behandlung, kein Abwarten:

  • Zeichen einer Rückenmarkschädigung: waagerechte Gefühlsgrenze am Rumpf, Schwäche oder Steifigkeit beider Beine, gesteigerte Beinreflexe, veränderte Fußsohlenreaktion, zunehmende Gangunsicherheit, gestörte Blasenentleerung. In Höhe Th8 liegt Rückenmark, kein Wurzelbündel
  • Plötzlicher, reißender Rücken- oder Bauchschmerz mit Kreislaufzeichen, Seitenunterschied der Pulse oder Blutdruckwerte — Verdacht auf einen Einriss der Hauptschlagader
  • Drückender Brust- oder Oberbauchschmerz mit Luftnot, Schweiß, Übelkeit oder Ausstrahlung in Arm oder Kiefer — Verdacht auf einen Herzinfarkt, auch bei vorwiegend rückenseitigem Schmerz
  • Heftiger, anhaltender Oberbauchschmerz mit Erbrechen, brettharter Bauchdecke oder deutlich verändertem Allgemeinbefinden — Verdacht auf ein Ereignis im Bauchraum
  • Neu aufgetretene Luftnot mit einseitigem, atemabhängigem Brustschmerz

Zeitnahe ärztliche Abklärung vor jeder Behandlung:

  • Fieber, Nachtschweiß, ungewollter Gewichtsverlust, Tumorerkrankung in der Vorgeschichte. Die Brustwirbelsäule ist der häufigste Sitz von Absiedlungen in der Wirbelsäule
  • Umschriebener Klopf- oder Druckschmerz über einem Dornfortsatz bei bekannter Osteoporose, nach Sturz oder unter Kortisonbehandlung — auch ohne erinnerliches Ereignis. Th7 und Th8 sind ein Häufigkeitsgipfel osteoporotischer Wirbelkörperfrakturen
  • Ruhe- und Nachtschmerz ohne Lageabhängigkeit
  • Einseitiger brennender Gürtelschmerz ohne Anlass — Hautkontrolle über mehrere Tage wegen möglicher Gürtelrose vor Ausschlagbeginn
  • Neu aufgetretene Vorwölbung der Bauchwand ohne tastbare Bruchlücke, besonders bei Diabetes
  • Beschwerden auf beiden Seiten gleichzeitig oder über mehrere Segmente hinweg
  • Erstmalige Beschwerden vor dem 20. oder nach dem 50. Lebensjahr ohne erkennbaren Anlass
  • Oberbauchbeschwerden, die trotz mehrfacher unauffälliger Abklärung des Bauchraums bestehen bleiben — hier gehört die Bauchwand geprüft, nicht der Bauchraum erneut

Erhöhte Vorsicht ist geboten bei: Osteoporose, langfristiger Kortisonbehandlung, gerinnungshemmender Behandlung, entzündlich-rheumatischer Erkrankung, Zustand nach Bestrahlung oder Wirbelsäulenoperation, Immunschwäche, bekanntem Aortenaneurysma und Scheuermann-Erkrankung in der Vorgeschichte.

Drei Punkte verdienen eine eigene Bemerkung. Erstens: Ein sensibles Niveau am Rumpf ist kein Nebenbefund, sondern das Leitzeichen einer Rückenmarkschädigung — bei Verdacht entscheidet die Zeit bis zur Entlastung über bleibende Schäden. Zweitens: Osteoporotische Wirbelkörperfrakturen treten in dieser Höhe auch ohne erinnerlichen Sturz auf; ein umschriebener Klopfschmerz ist deshalb ernster zu nehmen als ein flächiger Rückenschmerz. Drittens: Die räumliche Nähe zu Herz, Aorta und Oberbauchorganen bedeutet, dass ein Segmentbefund die Abklärung dieser Organe nicht ersetzt — ein tastbarer Druckschmerz an der Rippe schließt einen Herzinfarkt nicht aus.

Kapitel 10

Häufige Fragen

Warum gibt es für Th8 keinen Kennmuskel und keinen Reflex?

Weil die Muskeln der Brust- und Bauchwand von mehreren benachbarten Segmenten gemeinsam versorgt werden und sich nicht einzeln gegen Widerstand prüfen lassen. Der internationale Standard zur Einstufung von Rückenmarkschäden benennt deshalb für den gesamten Bereich Th2 bis L1 keinen Kennmuskel und leitet die motorische Höhe aus der sensiblen Höhe ab. Einen Sehnenreflex für ein Brustsegment gibt es ebenfalls nicht. Was bleibt, ist die Empfindungsprüfung — und der obere Bauchdeckenreflex, ein Fremdreflex, der mehrere Segmente gemeinsam abdeckt. Wie viele es sind, geben die Werke unterschiedlich an; Th8 liegt nach jeder Angabe darin.

Mein Schmerz sitzt im Oberbauch. Kann der wirklich vom Rücken kommen?

Ja, und das ist bei diesem Segment eher die Regel als die Ausnahme. Der achte Interkostalnerv bleibt nicht im Brustkorb: Er tritt unter dem Rippenbogen hindurch und läuft in der Bauchwand weiter bis zur Mittellinie. Ein Reiz an der Wurzel, an der Rippe oder am Nervenverlauf wird deshalb dort wahrgenommen, wo der Nerv endet — im Oberbauch.

Die Umkehrung gilt aber genauso: Ein Oberbauchschmerz kann aus dem Bauchraum kommen und nur so aussehen wie ein Wandschmerz. Welche der beiden Möglichkeiten vorliegt, entscheidet nicht der Ort, sondern die Untersuchung — insbesondere das Carnett-Zeichen und der zeitliche Verlauf.

Was ist das Carnett-Zeichen und warum wird es so oft ausgelassen?

Der Untersucher sucht den schmerzhaftesten Punkt der Bauchdecke, drückt dort und lässt die liegende Person dann den Kopf oder die Beine anheben, sodass die Bauchdecke anspannt. Bleibt der Schmerz bei gleichem Druck gleich oder nimmt er zu, liegt die Quelle in der Bauchwand. Nimmt er ab, liegt sie eher im Bauchraum, weil die angespannte Wand das Organ abschirmt.

Der Griff dauert unter einer Minute und braucht kein Gerät. Er wird trotzdem häufig ausgelassen, weil bei Oberbauchbeschwerden die Abklärung des Bauchraums naheliegt und die Bauchwand als Quelle wenig bedacht wird. Bei Beschwerden, die mehrere unauffällige Untersuchungen des Bauchraums hinter sich haben, ist er der nächste sinnvolle Schritt.

Bedeutet ein Bandscheibenvorfall in der Brustwirbelsäule dasselbe wie einer im Kreuz?

Nein, in mehrfacher Hinsicht. Er ist deutlich seltener: Thorakale Vorfälle machen etwa 0,1 bis 5 % aller Bandscheibenvorfälle aus, symptomatische noch weniger. Er liegt meistens tiefer — rund drei Viertel unterhalb der Höhe Th7/Th8, mit einem Gipfel bei Th11/Th12. Und er sitzt anders: überwiegend mittig statt seitlich, häufig verkalkt.

Der wichtigste Unterschied ist aber die Folge. Im Kreuz unterhalb von L1/L2 trifft ein Vorfall Nervenwurzeln. In Höhe Th8 trifft ein mittiger Vorfall das Rückenmark. Deshalb ist das führende Zeichen eines bedeutsamen thorakalen Vorfalls nicht der Gürtelschmerz, sondern eine Störung unterhalb der Läsionshöhe — Beine, Gang, Blase.

Ich habe Schmerzen am unteren Rippenbogen, aber Magen und Galle sind unauffällig. Was kann das sein?

Eine gut belegte und häufig übersehene Möglichkeit ist das Slipping-Rib-Syndrom. Es betrifft die Rippen 8 bis 10 — die falschen Rippen, deren Knorpel nicht am Brustbein, sondern an der jeweils darüberliegenden Rippe ansetzt. Lockert sich diese Verbindung, gleitet die Rippenspitze bei Bewegung über die Nachbarrippe und reizt den darunter verlaufenden Nerv.

Typisch sind Schmerzen beim Drehen des Rumpfes, beim Aufrichten aus dem Liegen und beim Husten, manchmal mit einem Klick- oder Schnappgefühl. Der Untersucher kann die Finger unter den Rippenbogen haken und die Rippenspitze nach vorn ziehen; wird dabei der bekannte Schmerz ausgelöst, stützt das den Verdacht. Röntgen und Schnittbild sind in der Regel unauffällig — das spricht nicht gegen die Annahme, sondern ist zu erwarten.

Eine zweite Möglichkeit ist die Einklemmung des vorderen Hautasts am Rand des geraden Bauchmuskels (ACNES). Beide sind Wandursachen und werden durch das Carnett-Zeichen nahegelegt.

Kann eine Störung im Segment Th8 meine Verdauung beeinflussen?

Hier ist eine Richtung belegt und die andere nicht. Belegt ist: Eine Erkrankung von Magen, Gallenblase, Bauchspeicheldrüse, Milz oder Leber kann Schmerz und Muskelanspannung im Gebiet von Th8 erzeugen. Der Weg dorthin ist nachvollzogen — die schmerzempfindenden Fasern der Organe treten über denselben Rückenmarksabschnitt ein wie die Fasern der Körperwand.

Nicht belegt ist die Umkehrung. Dass sich durch eine Behandlung der Brust- oder Bauchwand in dieser Höhe die Funktion dieser Organe gezielt beeinflussen ließe, folgt aus der Anatomie nicht. Th8 ist eines von fünf bis sechs Segmenten, die zu einem gemeinsamen Nerv beitragen, der in einem gemeinsamen Ganglion umgeschaltet wird und von dort mehrere Organe erreicht. Eine Eins-zu-eins-Zuordnung Segment zu Organ gibt es auf dieser Ebene nicht.

In einer Tabelle steht, Th8 sei das Segment für Leber oder Milz. Stimmt das?

Nicht in dieser Form. Richtig ist, dass Th8 zum Ursprungsgebiet des N. splanchnicus major gehört, der die Segmente Th5 bis Th9 bündelt und im Ganglion coeliacum endet. Von dort aus werden Magen, Leber, Gallenblase, Milz, Bauchspeicheldrüse und der obere Dünndarm erreicht.

Das ist eine Aussage über einen Nerv, nicht über ein Segment. Mehrere Segmente speisen denselben Nerv, und derselbe Nerv erreicht mehrere Organe. Der Satz „Th8 ist das Lebersegment“ macht aus einem Beitrag eine Zuständigkeit — dieser Schritt ist nicht gedeckt.

Mein Befund nennt eine Höhe, mein Gefühlsausfall liegt woanders. Wer hat recht?

Möglicherweise beide. Das Rückenmark ist kürzer als der Wirbelkanal; im mittleren Brustbereich liegt ein Rückenmarkssegment etwa zwei Wirbelhöhen weiter oben als der gleichnamige Wirbel. Eine Raumforderung in Höhe des Wirbels Th8 trifft daher das Rückenmarkssegment Th10 und erzeugt eine Gefühlsgrenze am Nabel, nicht in der Mitte zwischen Rippenbogen und Nabel.

Hinzu kommt, dass die Dornfortsätze im Brustbereich steil nach unten zeigen: Der tastbare Dorn liegt deutlich tiefer als der zugehörige Wirbelkörper. Wirbelhöhe, Segmenthöhe und Tastbefund sind drei verschiedene Angaben. Sie sollten getrennt notiert und nicht stillschweigend ineinander umgerechnet werden.

Meine Bauchdeckenreflexe sind nicht auslösbar. Ist das schlimm?

Für sich genommen meist nicht. Bauchdeckenreflexe fehlen auch bei gesunden Menschen häufig; beschrieben sind unter anderem höheres Lebensalter, Übergewicht, mehrfache Schwangerschaften und Narben der Bauchdecke als Gründe. Ein beidseitiges Fehlen ist deshalb wenig aussagekräftig.

Aussagekraft hat der Unterschied: ein Reflex, der auf einer Seite auslösbar ist und auf der anderen nicht — oder obere Reflexe erhalten und untere erloschen. Zu beachten ist außerdem, dass diese Reflexe auch bei einer Schädigung oberhalb der geprüften Höhe erlöschen. Ein fehlender Reflex weist also nicht zwingend auf das geprüfte Segment.

Warum wird bei Th8 zuerst an den Beinen untersucht?

Weil hinter dem Wirbel Th8 Rückenmark liegt und nicht, wie im unteren Lendenbereich, ein Bündel einzelner Wurzeln. Eine Raumforderung wirkt hier auf alles, was unterhalb liegt. Zwei Umstände verschärfen das: Der knöcherne Wirbelkanal ist im Brustbereich enger als im Hals- und Lendenbereich, und der mittlere Brustabschnitt hat die ungünstigste Blutversorgung des Rückenmarks.

Die Prüfung dauert wenige Minuten — Beinreflexe, Fußsohlenreaktion, Muskelspannung, Gang, sensible Höhe, Blasenfunktion — und entscheidet über die Dringlichkeit von allem Weiteren. Ist eines dieser Zeichen auffällig, endet die segmentbezogene Untersuchung.

Was bedeuten die Kennzeichnungen [B], [I] und [H] im Text?

Sie machen die Beleglage einer Aussage sichtbar. [B] steht für anatomisch oder klinisch belegt — gedeckt durch Standardwerke, begutachtete Originalarbeiten oder gültige Leitlinien. [I] steht für eine nachvollziehbare Deutung, die über das Belegte hinausgeht. [H] steht für ein Modell, das historisch bedeutsam, methodisch aber nur eingeschränkt überprüfbar ist. Aussagen ohne Kennzeichnung folgen dem Text davor. Wo eine Angabe fehlt, ist die Lücke benannt und nicht durch eine plausible Vermutung ersetzt worden.

Kapitel 11

Grundlage und Quellen

Grundlage dieser Seite ist ausschließlich belegte Fachliteratur: anatomische und neurologische Standardwerke, begutachtete Originalarbeiten und Leitlinien mit Registernummer. Webportale, populäre Darstellungen und Sekundärquellen ohne Belegangabe sind nicht verwendet worden. Wo eine Quelle nur eingeschränkt trägt, ist das in Abschnitt 11.5 vermerkt.

11.1 Anatomie und Biomechanik

  • Schünke M, Schulte E, Schumacher U: Prometheus. LernAtlas der Anatomie — Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem sowie Innere Organe. Thieme. — Grundlage der Angaben zum Wirbel Th8 und seinen Rippengelenken (Abschnitt 1.3), zur Einteilung der Rippen in echte und falsche Rippen (1.4), zum Verlauf des Interkostalnervs im Gefäß-Nerven-Bündel (2.3) und zu den Ästen des Spinalnervs (2.1).
  • Standring S (Hrsg.): Gray’s Anatomy. The Anatomical Basis of Clinical Practice. Elsevier. — Grundlage der Angaben zum thorakoabdominalen Verlauf der Interkostalnerven Th7 bis Th11 (Abschnitt 2.2), zu den Hautästen (2.4), zur segmentalen Versorgung der Bauchwandmuskeln (3.2) und zur sensiblen Versorgung des äußeren Zwerchfellrandes (3.5).
  • Bähr M, Frotscher M: Duus‘ Neurologisch-topische Diagnostik. Thieme. — Grundlage der Angaben zur Lage der Rückenmarkssegmente gegenüber den Wirbeln (Abschnitte 1.1 und 1.6), zur Ausdehnung des Seitenhorns und zum Vorkommen weißer Verbindungsäste (4.1), zu den Segmentzuordnungen der Bauchdeckenreflexe (3.3) und zum Beevor-Zeichen (3.4).

11.2 Klinik, Untersuchung, Leitlinien

  • Mumenthaler M, Stöhr M, Müller-Vahl H: Läsionen peripherer Nerven und radikuläre Syndrome. Thieme. — Grundlage der Unterscheidung von Wurzel-, Nerven- und Rückenmarkschädigung (Abschnitt 2.5), der Darstellung der Interkostalneuralgie als Sammelbegriff (6.1) und der diabetischen thorakoabdominalen Radikulopathie (6.7).
  • Preston DC, Shapiro BE: Electromyography and Neuromuscular Disorders. Clinical–Electrophysiologic Correlations. Elsevier. — Grundlage der Angaben zur begrenzten Ergiebigkeit der Elektrophysiologie an der Rumpfwand (Abschnitt 7.8).
  • ASIA und ISCoS: International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury (ISNCSCI), jeweils gültige Fassung. — Grundlage der Aussage, dass für Th2 bis L1 kein Kennmuskel geführt wird und die motorische Höhe aus der sensiblen Höhe abgeleitet wird (Abschnitte 3.1 und 7.3), sowie der Festlegung des Prüfpunkts Th8 auf halber Strecke zwischen Schwertfortsatz und Nabel in der Schlüsselbeinmittellinie (5.1).
  • Dachverband Osteologie: Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose bei postmenopausalen Frauen und bei Männern ab dem 50. Lebensjahr, S3, AWMF-Registernummer 183-001, Fassung 2023 (ersetzt die Fassung 2017). — Grundlage der Risikofaktoren in den Kapiteln 08 und 09. Lücke: Das Ablaufdatum dieser Fassung ließ sich bei der Erstellung nicht belegt feststellen; es ist vor Veröffentlichung im AWMF-Register nachzuprüfen.
  • Deutsche Dermatologische Gesellschaft u. a.: Diagnostik und Therapie des Zoster und der Postzosterneuralgie, S2k, AWMF-Registernummer 013-023, Stand 24.05.2019. — Gültigkeit am 23.05.2024 abgelaufen; die Leitlinie wird derzeit überarbeitet. Nur für die unstrittige Grundaussage zum dermatombezogenen, einseitigen Befallsmuster und zum Vorauslaufen des Schmerzes herangezogen (Abschnitt 6.6). Vor Veröffentlichung gegen die Nachfolgefassung zu prüfen.

11.3 Schmerzkarten, Dermatome, Untersuchungstests, Bildgebung

  • Dreyfuss P, Tibiletti C, Dreyer SJ: Thoracic zygapophyseal joint pain patterns. A study in normal volunteers. Spine, 1994. — Grundlage der Aussage, dass das Schmerzgebiet eines Brustwirbelgelenks rückennah und ein bis zweieinhalb Etagen unterhalb des gereizten Gelenks liegt (Abschnitt 5.2).
  • Fukui S, Ohseto K, Shiotani M et al.: Distribution of referred pain from the thoracic zygapophyseal joints and dorsal rami. The Clinical Journal of Pain, 1997. — zweite Grundlage desselben Abschnitts, einschließlich des Hinweises auf die erhebliche Überlappung zwischen benachbarten Etagen.
  • Lee MWL, McPhee RW, Stringer MD: An evidence-based approach to human dermatomes. Clinical Anatomy, 2008. — Grundlage der Aussage zur Unschärfe und Widersprüchlichkeit der Dermatomkarten und zur starken Überlappung am Rumpf (Abschnitt 5.1).
  • Wood KB, Garvey TA, Gundry C, Heithoff KB: Magnetic resonance imaging of the thoracic spine. Evaluation of asymptomatic individuals. Journal of Bone and Joint Surgery (Am), 1995. — Grundlage der Häufigkeitsangaben zu Bandscheibenbefunden bei Beschwerdefreien (Abschnitt 7.7).
  • Boelens OBA, Scheltinga MRM, Houterman S, Roumen RMH: Randomized clinical trial of trigger point infiltration with lidocaine to diagnose anterior cutaneous nerve entrapment syndrome. British Journal of Surgery, 2013. — Grundlage der Darstellung von ACNES und der örtlichen Betäubung als diagnostischem und behandelndem Schritt (Abschnitte 6.5 und 8.1).
  • Kellgren JH (1939) sowie Inman VT, Saunders JBdeCM (1944): Reizversuche an Bändern und Knochenhaut zur Kartierung tiefen Schmerzes. — Grundlage der Sklerotomangaben in Abschnitt 5.2, dort ausdrücklich als [H] gekennzeichnet.

11.4 Häufigkeit, Engstellen, Verlauf

  • Übersichtsarbeiten zur thorakalen Bandscheibenherniation in der neurochirurgischen Fachliteratur (unter anderem Journal of Spine Surgery und Neurosurgical Focus). — Grundlage der Angaben in Abschnitt 6.2: Anteil von etwa 0,1 bis 5 % an allen Bandscheibenvorfällen, rund drei Viertel unterhalb der Höhe Th7/Th8, Häufigkeitsgipfel bei Th11/Th12, überwiegend mittige und häufig verkalkte Lage.
  • Nevitt MC et al. sowie zusammenfassende systematische Übersichten zur Verteilung osteoporotischer Wirbelkörperfrakturen. — Grundlage der Angabe eines zweigipfligen Musters mit einem mittleren Gipfel bei Th7/Th8 und einem thorakolumbalen Gipfel bei Th12/L1 (Abschnitte 1.5, 8.2 und Kapitel 09); berichtete Anteile in der Größenordnung von 5 % an Th7 und Th8 gegenüber 7 % an Th12 und L1.
  • Fachliteratur zum Slipping-Rib-Syndrom in der Thorax- und Allgemeinchirurgie. — Grundlage der Beschränkung auf die Rippen 8 bis 10, des Hakengriffs und des Hinweises auf die regelhaft unauffällige Bildgebung (Abschnitt 6.4).
  • Arbeiten zur Zählsicherheit in der Schnittbildgebung der Brustwirbelsäule. — Grundlage des Hinweises auf Zählfehler und der Forderung nach einer Übersichtsaufnahme zur Sicherung der Etagenzählung (Abschnitte 1.6 und 7.7).
  • Karas S, Pannone A: T4 syndrome: a scoping review of the literature. 2017. — Grundlage der Bewertung des „Th-Syndroms“ als nicht belastbar gestütztes Konzept (Abschnitt 5.3).

Hinweis zur Belegtiefe. Vier der Einträge in Abschnitt 11.4 sind als Quellengruppe und nicht als einzelne Arbeit angegeben, weil die betreffenden Angaben in mehreren übereinstimmenden Übersichtsarbeiten stehen und keine einzelne Arbeit als alleinige Grundlage taugt. Vor Veröffentlichung sollte je Angabe eine namentlich zitierbare Arbeit ergänzt werden. Diese Lücke ist hier ausgewiesen und nicht durch eine erfundene Einzelzitation geschlossen worden.

11.5 Eingeschränkt verwendete und nicht verwendete Quellen

  • Eingeschränkt: AWMF 013-023 (Zoster) — abgelaufen, nur für unstrittige Grundaussagen herangezogen, siehe 11.2.
  • Eingeschränkt: Simons DG, Travell JG, Simons LS: Myofascial Pain and Dysfunction. The Trigger Point Manual. — ausschließlich als Herkunft der Ausstrahlungskarten in Abschnitt 3.6 genannt, mit dem Vermerk zur begrenzten Untersucherübereinstimmung und der Kennzeichnung [H].
  • Eingeschränkt: Historische Zonenmodelle nach Head, Mackenzie und Dicke — ausschließlich als [H] gekennzeichnet und ohne Ableitung von Aussagen (Abschnitt 5.3).
  • Nicht verwendet: Segmenttabellen ohne Belegangabe, Organzuordnungskarten aus dem populären Schrifttum, Anbieter- und Forenseiten. Alle Angaben zu einer Eins-zu-eins-Zuordnung von Th8 zu einem bestimmten Organ stammen aus dieser Gruppe und sind nicht übernommen worden.

11.6 Berichtigte Angaben zum Segment Th8

Verbreitete AngabeBerichtigung
Th8 versorge die Leber, die Milz oder die BauchspeicheldrüseTh8 beteiligt sich am N. splanchnicus major, der die Segmente Th5 bis Th9 bündelt und im Ganglion coeliacum umgeschaltet wird. Aus einem Beitrag unter mehreren wird keine Zuständigkeit für ein Organ (Abschnitt 4.2)
Behandlung der Wand in Höhe Th8 beeinflusse die OberbauchorganeBelegt ist nur die Richtung Organ zur Körperwand. Die Umkehrung folgt aus der Anatomie nicht und ist mit [H] gekennzeichnet (Abschnitt 4.4)
Der Spinalnerv Th8 trete oberhalb des Wirbels Th8 ausAb Th1 tritt jeder Nerv unterhalb seines gleichnamigen Wirbels aus. Th8 verlässt den Kanal durch das Zwischenwirbelloch Th8/Th9 (Abschnitt 1.2)
Das Rückenmarkssegment Th8 liege hinter dem Wirbel Th8Es liegt etwa zwei Wirbelhöhen weiter oben, ungefähr hinter dem Wirbelkörper Th6. Läsionshöhe und sensibles Niveau stimmen deshalb nicht überein (Abschnitte 1.1 und 1.6)
Ein Kennmuskel für Th8, meist ein BauchmuskelFür Th2 bis L1 führt der internationale Standard keinen Kennmuskel. Kein Bauchmuskel wird von einem einzigen Segment versorgt (Abschnitte 3.1 und 3.2)
Der Bauchdeckenreflex sei ein Eigenreflex des SegmentsEr ist ein Fremdreflex und deckt mit der oberen Etage mehrere Segmente gemeinsam ab; die Grenzen dieser Etage werden uneinheitlich angegeben. Er erlischt außerdem bei Schädigungen oberhalb der geprüften Höhe (Abschnitt 3.3)
Fehlende Bauchdeckenreflexe belegten eine SegmentstörungSie fehlen auch bei Gesunden häufig. Verwertbar sind nur Seiten- und Höhenunterschiede (Abschnitte 3.3 und 7.3)
Der Schwertfortsatz entspreche Th8Der Schwertfortsatz entspricht Th6, der Nabel Th10. Der Prüfpunkt Th8 liegt auf halber Strecke dazwischen (Abschnitt 5.1)
Der M. serratus posterior inferior sei ein Muskel des Segments Th8Belegt ist die Versorgung aus Th9 bis Th12 (Abschnitt 3.2)
Th8 beteilige sich an der ZwerchfellbewegungDie Bewegung des Zwerchfells kommt aus C3 bis C5 über den N. phrenicus. Aus Th8 stammt nur ein sensibler Anteil des äußeren Zwerchfellrandes (Abschnitt 3.5)
Der thorakale Bandscheibenvorfall erzeuge typischerweise einen GürtelschmerzEr liegt überwiegend mittig und trifft in einem engen Kanal das Rückenmark. Führend ist eine Störung unterhalb der Läsionshöhe (Abschnitte 6.2 und 6.9)
Thorakale Bandscheibenvorfälle seien im mittleren Brustbereich am häufigstenRund drei Viertel liegen unterhalb der Höhe Th7/Th8, mit einem Gipfel bei Th11/Th12. Th8 liegt an der Obergrenze des häufigen Bereichs (Abschnitt 6.2)
Ein unauffälliges Röntgen- oder Schnittbild schließe eine Wandursache ausBeim Slipping-Rib-Syndrom ist eine unauffällige Bildgebung der Regelfall, nicht die Ausnahme (Abschnitt 6.4)
Oberbauchschmerz mit unauffälligem Bauchbefund sei funktionellZwei belegte Wandursachen bleiben zu prüfen: das Slipping-Rib-Syndrom der Rippen 8 bis 10 und die Einklemmung des vorderen Hautasts am Rand der Rektusscheide (Abschnitte 6.4 und 6.5)
Ein tastbarer Druckschmerz an Rippe oder Wirbel schließe eine Organursache ausEr tut es nicht. Der Segmentbefund ersetzt die Abklärung von Herz, Aorta und Oberbauchorganen nicht (Kapitel 06 und 09)
Head-Zonen des Segments Th8 als gesicherte OrganzuordnungDas Modell ist historisch bedeutsam, seine Beobachtungsgrundlage aber nicht nach heutigen Maßstäben überprüfbar. Belegt ist allein der Übertragungsweg, nicht die Kartengrenze (Abschnitte 4.3 und 5.3)
„McKenzie-Zonen“ des Segments Th8Existiert in keinem der beiden Modelle, die diesen Namen tragen. James Mackenzie (Reflexzonen, um 1900) und Robin McKenzie (Bewegungstherapie, 1970er Jahre) werden verwechselt (Abschnitt 5.3)
„Th-Syndrom“ als gesichertes KrankheitsbildEine Übersichtsarbeit zur Literaturlage findet keine belastbare Grundlage. Mit [H] gekennzeichnet (Abschnitt 5.3)
Die achte Rippe sei eine echte RippeSie ist die oberste der falschen Rippen; ihr Knorpel setzt am Knorpel der siebten Rippe an, nicht am Brustbein (Abschnitt 1.4)
Der tastbare Dornfortsatz Th8 markiere die Höhe des Wirbelkörpers Th8Die Dornfortsätze stehen im mittleren Brustbereich steil nach unten; die Spitze liegt nach der gebräuchlichen Faustregel etwa zwei Etagen tiefer, mit erheblicher Streuung [I] (Abschnitt 1.6)
Diese Übersicht führt Aussagen auf, die in älteren Fassungen dieser Seitenreihe und in verbreiteten Sekundärquellen zum Segment Th8 vorkommen, und stellt ihnen den belegten Sachstand gegenüber. Hinweis: Der Text der bisherigen Seitenfassung lag bei dieser Erstellung nicht vor; die Tabelle ist deshalb vor Veröffentlichung mit der bisherigen Fassung abzugleichen und auf die dort tatsächlich enthaltenen Angaben zu kürzen oder zu ergänzen. Drei Zeilen sind klinisch besonders bedeutsam: die Organzuordnung, die Deutung des thorakalen Bandscheibenvorfalls und die Annahme, ein Wandbefund schließe eine Organursache aus.

11.7 Quellen und Änderungsvermerk zu den neuen Abschnitten

Quellen zu diesem Abschnitt

  • Jänig W: Spinal cord integration of visceral sensory systems and sympathetic nervous system reflexes. Prog Brain Res 1986;67:255–277. — Grundlage des Reflexwegs von den Eingeweidefasern zu den sympathischen Ursprungszellen.
  • Wehrwein EA, Orer HS, Barman SM: Overview of the anatomy, physiology, and pharmacology of the autonomic nervous system. Compr Physiol 2016;6:1239–1278. — Grundlage der Aussage, dass das vegetative Nervensystem alle Körperteile außer der Skelettmuskulatur steuert.
  • Stifani N: Motor neurons and the generation of spinal motor neuron diversity. Front Cell Neurosci 2014;8:293. — Grundlage der Aufgabenteilung zwischen motorischen Vorderhornzellen (Skelettmuskel) und vegetativen Ursprungszellen (glatte Muskulatur, Drüsen).
  • Giamberardino MA, Affaitati G, Lerza R, Lapenna D, Costantini R, Vecchiet L: Relationship between pain symptoms and referred sensory and trophic changes in patients with gallbladder pathology. Pain 2005;114:239–249. — Messung von Unterhaut- und Muskeldicke im Übertragungsgebiet beim Menschen.
  • Wesselmann U, Lai J: Mechanisms of referred visceral pain: uterine inflammation in the adult virgin rat results in neurogenic plasma extravasation in the skin. Pain 1997;73:309–317. — Tierbefund zu Hautveränderungen im Übertragungsgebiet und den drei möglichen Entstehungswegen.
  • Fang Y, Han S, Li X, Xie Y, Zhu B, Gao X, Ma C: Cutaneous hypersensitivity as an indicator of visceral inflammation via C-nociceptor axon bifurcation. Neurosci Bull 2021;37:45–54. — Tierbefund zu gegabelten Schmerzfasern zwischen Organ und Haut sowie zur Konvergenz im Hinterhorn.
  • Willis WD Jr: Dorsal root potentials and dorsal root reflexes: a double-edged sword. Exp Brain Res 1999;124:395–421. — Übersicht zum Hinterwurzelreflex und zur neurogenen Entzündung.
  • Holey LA, Dixon J: Connective tissue manipulation: a review of theory and clinical evidence. J Bodyw Mov Ther 2014;18(1):112–118. — Grundlage der Einordnung der Bindegewebsmassage als Erklärungsmodell.
  • Giamberardino MA: Referred muscle pain/hyperalgesia and central sensitisation. J Rehabil Med 2003;Suppl 41:85–88. — Grundlage des Modells der Reflexe zur Muskulatur.
  • Roatta S, Windhorst U, Ljubisavljevic M, Johansson H, Passatore M: Sympathetic modulation of muscle spindle afferent sensitivity to stretch in rabbit jaw closing muscles. J Physiol 2002;540:237–248. — Tierbefund zur Muskelspindel.
  • Macefield VG, Sverrisdottir YB, Wallin BG: Resting discharge of human muscle spindles is not modulated by increases in sympathetic drive. J Physiol 2003;551:1005–1011. — Befund am Menschen ohne Spindelveränderung.
  • Hjortskov N, Skotte J, Hye-Knudsen C, Fallentin N: Sympathetic outflow enhances the stretch reflex response in the relaxed soleus muscle in humans. J Appl Physiol 2005;98:1366–1370. — Befund am Menschen mit verstärktem Dehnungsreflex.

Offene Lücken

  • Welche Ursprungssegmente die Haut von Arm und Bein sympathisch versorgen, geben Fachwerke unterschiedlich an. Die Seite nennt deshalb keinen Zahlenbereich. Gray’s Anatomy stand für diese Bearbeitung nicht zur Verfügung. Die Seite bleibt deshalb bei der zahlenfreien Angabe, bis das Werk eingesehen ist.
  • Von Fang et al. 2021 und Willis 1999 wurden nur die Zusammenfassungen eingesehen. Der Abgleich mit den Volltexten steht vor Veröffentlichung aus.
  • Eine Untersuchung, die beim Menschen den Entstehungsweg der Veränderungen im Übertragungsgebiet klärt, wurde nicht gefunden. Ebenso wurde keine Untersuchung gefunden, die Tastbefunde nach Dicke mit gemessenen Gewebedicken vergleicht.

Fachbegriffe

  • Hinterhorn — Eingangsbereich des Rückenmarks für Empfindungen.
  • Nucleus intermediolateralis — Zellsäule im Seitenhorn mit den sympathischen Ursprungszellen, Th1 bis etwa L2.
  • Gegabelte Empfindungsfaser — Nervenfaser, die mit zwei Ästen Organ und Haut zugleich versorgt.
  • Hinterwurzelreflex — Erregung, die vom Rückenmark rückwärts in eine Empfindungsfaser zur Haut läuft.
  • Neurogene Entzündung — Schwellung und Rötung durch Botenstoffe aus Nervenenden.
  • Konvergenz — Zusammenlaufen von Fasern aus Organ und Körperoberfläche auf dieselbe Schaltzelle.
  • Vorderhornzellen — Nervenzellen im Vorderhorn, die die Skelettmuskeln erregen.
  • Körperwand — Haut, Unterhaut und Muskeln über einem Organ.
  • Muskelspindel — Fühler im Muskel, der die Muskellänge misst.
  • Dehnungsreflex — Muskelzuckung auf plötzliche Dehnung, etwa beim Sehnenklopfen.

Änderungsvermerk

  • Fassung V 0.5: Abschnitt 5.4 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu.
  • Fassung V 0.5: Abschnitt 4.5 „Zuflüsse zum Seitenhorn und was daraus folgt“ neu.
  • Warum: Die Zonen- und Muskelbefunde des Segments sind jetzt nach Entstehungsweg getrennt und belegt; alternative Wege ohne Seitenhorn stehen gleichrangig daneben.
  • Ersetzt: V 0.4.

Verwandte Segmente

Segment Th7 · Segment Th9 · Segment Th10 · Nervus intercostalis · Nervus splanchnicus major

Hinweis. Dieser Beitrag dient der fachlichen Information. Er ersetzt keine Untersuchung, Diagnose oder Behandlung durch qualifizierte Fachpersonen. Bei gürtelförmigem Rumpfschmerz mit Gefühlsgrenze am Rumpf, Schwäche oder Steifigkeit der Beine, Gangunsicherheit oder Störungen der Blasenentleerung ist eine sofortige ärztliche Abklärung erforderlich. Dasselbe gilt für plötzlichen, reißenden Rücken- oder Bauchschmerz und für drückenden Brust- oder Oberbauchschmerz mit Luftnot oder Schweiß.

Segment Th8 · V 0.5 · Stand: September 2026. Geändert: Abschnitt 5.4 „Erklärungswege über das Rückenmark“ neu; Abschnitt 4.5 „Zuflüsse zum Seitenhorn und was daraus folgt“ neu; Quellen, Lücken und Fachbegriffe in Kapitel 11 ergänzt. Warum: Die Entstehung der Zonen- und Muskelbefunde ist jetzt nach Weg getrennt, belegt und um die Wege ohne Seitenhorn ergänzt. Ersetzt: V 0.4 derselben Seite.